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Neue jüdische Presse · 1915-06-04 · Heft 21 (4.6.1915) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
13 (1915)
Issue
Heft 21 (4.6.1915)
Date
1915-06-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
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♦ I ♦ ♦ I ♦ Redaktion und Erprdition: Fratikfnrl a. M. u Lsngestr. 7. Fernsprecher Amt Hansa 2903. » Mt Herausgever: Kakcheis. Erscheint wöchentlich am Freitag. Bemgsprris pro Uirrteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— fr« ins Haus. Bei der Post abonniert SO Pfg., frei ins Haus 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch - Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1.50, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— Einzel - Nummern kosten 10 Pfg. Infertrmspreis für die fünfgefpaltene Pelllzette 25 Ptg.. für die Reklamezeile Mk. 1.—. Bei Wiederhotungen entsprechender Rabatt. Stellen-Angebote und -Gesuche, Wobmingsin > erste, heirars - Annoncen 15 Pfg. die sechsgespaltene Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz- und Damm-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Amumcen-Annahme bei der Exped. und in a.Annoncen-BureauS. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4884. 13. Jahrgang. Freitag, den 22. 8ivrrn 5675 (4. Juni 1915) Nr. 21. Eine stolze Leistung. Der „Hilfsverein der deutschen Juden" hat am 31. Mäi seine diesjährige Generalversammlung abaehalten, in der Tr. Paul Nathan den Tätigkeitsbericht erstattet hat. Mit lebhaftem und tiefempfundenen Beifall hat die Versammlung diesen Bericht ausgenommen, und wir sind uberzeugt, daß er von der gesamten deutschen Jüdcnheit mit denselben Empfindungen stolzer Befriedigung und warmen Dankes gelesen werden >vird. Bildet er doch einen erhebenden Ausdruck des großen und starken jüdischen Gemeinsinnes, der edlen jüdischen Opferfähigkeit, von denen die deutsche Judenheit beherrscht wird. Als dieser furchtbare Krieg heroinbrach, unerwartet, überwältigend für alle, da Ergaben sich auf der Stelle eine Anzahl großer und schwerer Ausgaben für das deutsche Judentum. Abgesehen von allen Wunden, die der Krieg ihm selbst schlug, abgesehen von all den großen Leistungen und Opfern, die cs im Dienste des Vaterlandes darbringen niußte, war ihm auch noch eine Reihe besonderer, außergewöhnlicher Pflichten auferlcgt. Zchntausende russischer Juden befanden sich beim Kriegsausbruch in unserem Baterlande, von denen viele schon seit langen Jahren in ihm wohnen und heimisch geworden sind, viele andere aber nur vorübergehend, meist zum Badcbcsuch, gerade unter uns weilten. Sic alle wurden durch dm Krieg in eine schwere, in vielen Fällen verzweifelte Lage versetzt. Abgeschnitten von der Heimat, Untertanen eines feindlichen Staates, standen sie schuß- und ratlos da und wußten keinen Ausweg. Hier galt es für die deutsche Judenheit cinzugreifcn und in dieser Zeit der Not sich als Stützer und Helfer ihrer Brüder zu erweisen. Es war keine leichte Aufgabe, die zu erfüllm war; eine große Summe von Arbeit, Energie und Gewandtheit, große materielle Mittel waren erforderlich, um sie zu vollbringen, und ängstlich sorgend mochte gar mancher dann sich gefragt haben, ob wir imstande sein werden, neben all den anderen außerordentlichen Pflichten, die auf uns ruhten, auch diese zu erfüllen. Nunmehr find bereits 10 Monate seitdem verstrichen, die erste Zeit der schlimmsten Not ist vorbei, und der Geschäftsbericht des Hilfsvereius gibt uns die Möglichkeit, ein Urteil über das Geleistete zu fällen. Und mit Stolz und tiefster Befriedigung können wir da sagen: Wir haben unsere Pflicht erfüllt. Was zu tun war, ist getan worden. Mag im einzelnen manches verfehlt gewesen, manches andere ungeschehen geblieben sein, von solchen Einzelfehlern muß abgesehen werden angesichts des Umfangs und der Größe des. Gesämtwerks. Und dieses Gesamtwert, es ist--vollbracht worden. Es war schon eine erste große Leistung -und ein erfreulicher Erfolg, als cs dem Hilfsverein gelang, von seiten der Reichsregierung als die zentrale Hilfsorganisation zur Unterstützung aller in Deutschland ' befindlichen russischen Untertanen anerkannt zu werden. Da der größte Teil -derselben ja Juden waren, war es auch durchaus angebracht und vernünftig, das Hilfswerk interkonfessionell zu gestalten und es im Hilfsverein zu zentralisieren. Und wenn man nun erfährt, daß für die Unterstützung und Heimbeförderung russischer Untertanen 2xk Millionen verausgabt worden sind, daß weiterhin 200,000 Mark monatlich verausgabt werden, - so dürfen wir dieses Ergebnis als eine Glanzleistung der deutschen- Judenheit — einschließlich besonders der Zionisten, der kräftig Mitarbeiten. — bezeichnen; denn ein sehr großer Teil der Gelder ist von deutschen Juden gespendet, der größte Teil derselben für russische Juden verwandt. Allein Mit dieser Hilfsarbeit innerhalb der Grenzen unseres Vaterlandes war die Zahl der Aufgaben noch nicht erschöpft. Ms mit dem fortschreitenden siegreichen Vordringen unserer Heere große Teile Polens von unseren Truppen besetzt wurden, ergab sich die neue Pflicht, für die Zehntausende der diese Gebiete bewohnenden Juden, denen die Wirren des Krieges, das Wüten der russischen Soldateska, die Plünderungen dür polnischen Bevölkerung Hab und Gut genommen hatten, und die nun völlig mittellos dem Verderben preisgegeben waren, zu sorgen, sie vor dem Hungertode zu erretten. Auch hier griff der „Hilfsverein" energisch ein; er erließ einen Aufruf zur Sammlung eines Kriegssonds, er entsandte eine Konrmiffion nach Polen zur Feststellung der Verhältnisse und Leitung der Unterstützungsverteilung. Und neben all dieser Arbeit ward die regelmäßige Tätigkeit des Hilfsvereins unverändert fortgesetzt. Das Schulwerk in der Türkei wurde aufrecht erhalten und nimmt jetzt unter dem Einfluß der deutsch-türkischen Bundesgenossenschaft einen neuen Aufschwung. Aber auch an der Aktion zur Linderung der durch den Krieg in Palästina verursachten Nöte der jüdischen Bevölkerung nahm er Anteil. Wenn er auch leider an der von den in Palästina arbeitenden jüdischen Organisationen Deutschlands gemeinsam unternommenen Aktion sich nicht beteiligt hat — was wir lebhaft bedauern, da die Sonderwege des Hilfsvereins zur Zerreißung der Judenheit Palästinas führen, der GesamtjWenheit nicht zur Ehre gereichen und auch dem Deutschtum nicht von wirklichem Nutzen sein können — so hat er doch selbständig zu helfen gesucht und bereits 40,000 Mk. nach Palästina überwiesen. Ueberblickt man das Ganze, so erkennt man mit Bewunderung den imponierenden Umfang des vom Hilfsverein in diesem Kriegsjahre vollbrachten Werkes. Daß es vollbracht werden konnte, zeugt von dem Opfersinne der deutschen Judenheit; beweist, daß sie auch in dieser Zeit gesteigerter vaterländischer Begeisterung und Kraftanspannung ihre jüd. Pflichten nicht vergessen hat. Dies aber berechtigt zu der Hoffnung, daß wir auch all die neuen jüdischen Aufgaben, die der Krieg uns noch bringen wird, erkennen und erfüllen werden. Jeder Tag wird uns ja wohl neue Pflichten bringen; schon erwähnt der Bericht des Hilssvereins die neue Aufgabe, die sich mit der Befreiung Galiziens von der russischen Gewaltherrschaft ergibt, für die vielen verarmten Juden dieses Landes zu sorgen. Und wenn erst der Krieg vorbei sein und dstr Zeit dds Wiederaufbaues beginnen wird, werden sich Probleme vor uns erheben, die an Größe und Bedeutung alles bisher Geleistete weit übertreffen werden. Die größten Opfer werden nötig fein, um diese Probleme zu lösen. Aber wir sind überzeugt, wir werden sie lösen. Das Bild dessen, was wir in diesen zehn Kriegsmonaten bereits getan haben, gibt uns diese Gewißheit. Jüdischer Gerechttglettsfirm. Wir Deutsche befinden uns gegenwärtig in einer Flut von Vergewaltigungen und himmelschreienden Ungerechtigkeiten, und da tut es gut, auch auf erfreuliche Erscheinungen einmal hinzuweifen. Tie jüdische Presse in New Dort mit einer täglichen Auflage von nahezu 1 Million Exemplaren beurteilt das Versenken der „Lnsitania" in ganz anderer Weise wie die englische Presse und bekundet dabei ein großes Verständnis für nüchterne Tatsachen und politische Gerechtigkeit. Das führende Organ der New Iorker jüdischen Presse „Die Wahrheit sagt Wer die Katastrophe folgendes: ,Menn die Haltung der New Yorker Presse zu der von der deutschen Botschaft herausgegebenen Wallung ein schmachvolle ist, ist die Haltung der Cuuard Line Co. einfach deshalb ein Verbrechen, weil sie ganz unschuldige Passagiere auf ein Schiff genommen hat, das Kriegs-Konterbande führt und Gefahr lief, versenkt zu werden. Auch die englische Regierung, die heute um die amerikanischen Opfer der Katastrophe so lamentiert, hätte der Cuuard Line C». nicht erlauben dürfen, Passagiere auf ein Schiff zu nehmen, das Kriegs-Konterbande führte, aber England wollte nicht offiziell zugeben, daß es deutsche Unterseeboote fürchte. Rach alledem ist es klar: die Schul», an dem schrecklichen Tode so vieler Menschen muß der Cuuard Line Co., der englischen Regierung, und bis zu einem gewissen Grade auch der New Iorker Presse zugeschrieben werden. Unschuldige Passagiere auf ein Schiss zu nehmen, das Kriegsmaterial sührt, . . . ist einfach e'iue barbarische Tat, und wenn die Amerikaner nicht verblendet sind und die wirklich Schuldigen zur Rechenschaft ziehen wollen, werden sie sich an die Cmrard Line Co. und an die englische Regierung wenden." Der „Vorwärts", sozialistisch, sagt^ „Nicht ans Lust zu morden, nicht aus Rache und nicht aus Blutdurst hat Deutschland das große Schiss versenkt, sondern Deutschland hat es getan, weil es eine Kriegs-Notwendigkeit war. Zunächst hatte die „Lusitania", wie berichtet wird, Kriegsmaterial für England geführt. Wer, selbst wenn bewiesen iverden sollte, daß die „Lusitiania" kein Kraegsinaterial an Bord hatte, hatte auch Deutschland ein Kriegs- Interesse daran, zu vollbringen, was es versprochen hatte. Es liegt in Deutschlands Interesse zu zeigen, daß es englischen Schiffen und englischen Gewässern gefährlich iverden kann, cs liegt in Deutschlands Jntereste zu demonstrieren, wie weit seine Herrschaft zur Sec geht und es liegt ferner in Deutschlands Interesse zu zeigen, daß cs mit der englischen See-Herrschaft zu End.: ist. Außerdem aber liegt es im Interesse Deutschlands, ein Erempel zu statuieren, damit die amerikanischen .Kapitalisten fürchten, ferner den Gegnern Deutschlands Kriegs-Material zu schicken." Der „Vorwärts" schließt seine Betrachtung mit folgenden Worten: „Der amerikanische Kapitalismus hat seinen Anteil an dieser barbarischen und verbrecherischen Politik. Wir aber haben keine Ursache, zornentbrannt gegen Deutschland zu hetzen und zum Krieg aufznfordern." Das „Morgeit-Journal" äußert sich zu der Katastrophe folgendermaßen: „Captain Turner, der Kommandeur der „Lusitania", gehört als Offizier der Englischen Royal Navy Reserve an, >ind die englische Adnriralität hat ihn znm Kominandeur des unglücklichen Schiffes bestimmt, seitdem die „Lusitania" in einem Hilfskreuzer umgewändelt wurde. Das Schiff hatte einige Kanone» an Bord, die bald, nachdenr die „Lusitania" die territoriale 3-Meilen-Zone überschritten hatte, an Deck postiert zu werden pflegten. Davon abgesehen aber, daß die „Lusitania" ein Hilfskreuzer war und große Mengen Munition für England an Bord führte, hatte das Schiff 1300 Kisten Kriegsmaterial für die englische Armee und Flotte an Bord. Deutschland hat das vollste Recht gehabt» in Kriegs;eite» ein solches Schiff zu versenken." Das „Morgen-Journal" schließt: „England hat zu sehr an seine See-Herrschast geglaubt und daher das große Unglück. Für die vielen Opfer der .Lusitania" ist zuerst England zu tadeln, und dann müssen die Passagiere selbst, die die deutsche Warnung nicht beachtet ftn&en, für ihren Leichtsinn getadelt werden."

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