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Neue jüdische Presse · 1915-05-14 · Heft 18-19 (14.5.1915) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
13 (1915)
Issue
Heft 18-19 (14.5.1915)
Date
1915-05-14
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr- 18/19. Frankfurter Israelitisches Aamilienökatt. Frankfurter Milchkuranstalt ■ unter Kontrolle des ärztlichen Vereins Schwarzbiirgstr. 2-6 Tel. Hansa 1166 einzige Anstalt Frankfurts, welche ausschliesslich ktlmarme Kurmiloh und Yoghurt nur aas Milch der eignen Stallung liefert. H „Hat Ihr Herr Ihnen verboten, mich vorzulassen?" „Verboten, will ich nicht sagen. George, meinte er heute frühe, wenn die Herren Liedertrost vorsprechen sollen,- bedaure ich, keinen von ihnen empfangen zu können. .Sie begreifen. . . ." „Ich begreife gar nichts", antwortete Claudia und trat aus dem Helldunkel des Korridors hastig in das Borderlicht eines halbgeöffneten Zimmers. „Ich will Herrn Alexandru sprechen, und ich werde ihn sprechen." Der Diener sah sie erstaunt an. Eine Minute dann gab er langsam, aber mit großer Höflichkeit den Eintritt frei. „Allerdings", murmelte er, „das ist etwas anderes." Wenn Claudia eine Ahnung gehabt hätte, daß der Wann sie erkannte. Monsieur George war die Krone aller kammerdienenden Taugenichse. Zur Zeit der grande Exposition hatte ihn Jemilian einem bekannten Pariser Atelier entführt, und seit der ersten Stunde, da Monsieur George mit unglaublichem Blick seines vielseitigen Amtes als Sekretär, Embelleur, Entrepreneur des petits Plaisirs, Garxon und so weiter bei Alexandru waltete, wurde Jemilian von allen Dandys seiner ziemlich ausgebreiteten Bekanntschaft um das Herrenrecht über dieses Juwel von Eleganz, Tournüre und Durchtriebenheit beneidet. Und mit Recht. Monsieur George war der äußeren Erscheinung nach mindestens eben so sehr Gentilhomme wie Jemilian. Niemand wußte so recht, ob der Herr den Diener oder der Diener die „pschütten" Allüren seines Herrn mehr nachahme. Was aber die Galanterie anbetraf, überragte George seinen, in diesem Fache ziemlich plumpen Geschmack huldigenden Gebieter wie der Eiffelturm irgend einen Wurst- oder Käsepavillon am Boulevard Montmartre. Monsieur George kannte die Vögel an den Federn, namentlich die weiblichen. Ein Blick auf den runden, aus dem dunklen Kragen doppelt weiß schimmernden Hals, die zierlichen Hände der vor ihm stehenden Gestalt hatte genügt, ihm in dem Fremden das Weib zu verraten; seine mit allen Pariser Wasserngewaschene Nase witterte das zarte Parfüm des Frauenhaars, und das weiche anmutige Gesicht mit den strahlenden blauen Augen, die er halb zornig, halb bittend auf sich gerichtet sah, eroberte sein Herz. Und der Wahrheit die Ehre, Monsieur George hatte viel mehr Herz wie sein Herr. Er öffnete den Salon. „Treten Sie ein, mein Herr!" „Sapristi", dachte er, indem er die rosenfarbene Ampel höher schraubte, um den seltsamen Besuch besser zu sehen/ „mir scheint, das ist das Original der kleinen Schönheit auf unserm Gueidon". Er machte sich an dem Schreibtisch zu schaffen und verglich Zug um Zug eine Photographie auf Platinaplatte im Moraständer mit Claudias Antlitz. „Sie ist es, unsere platonische Liebe aus Wien. Sie ist uns nachgekommen nach so langer Zeit; mein Alter wird Augen machen über sein unverschämtes Glück! Wahrhaftig, wenn ich ein so reizendes junges Weibchen wäre, ich liefe ihm nicht nach, ich wüßte warum." „Befehlen Sie, daß ich Herrn Alexandru benachrichtige?", sagte er laut. Claudia hatte sich in die dunkelste Ecke des Salons gesetzt. „Herrn Alexandru stören? Beim Souper?", antwortete sie lächelnd. „O nein, das wollen wir nicht wagen." „Eh eh, Madame kennt ihn recht genau", räsonierte George weiter, „um so merkwürdiger, daß sie trotzdem in ihn verliebt ist. Und ihn hier aufzusuchen, welche Leidenschaft, welcher Mut!" Es fiel ihm ein, daß sein Herr da drin in Gesellschaft speise. „Warte, unvorsichtige kleine Frau", dachte er, „ich werde Dir zu Hilfe kommen." „Herr Doktor gestatten mir eine Frage?" „Bitte!" Herr Doktor besuchen Herrn Alexandru in seiner neuen Wohnung zum erstenmal? „Sie haben eine neue Wohnung?", fuhr Claudia heraus. ' „Man möchte es so nennen, gewiß. Herr Doktor erinnern sich, die Privaträume lagen früher im linken Flügel, hier war ' ehedem das Bureau." „Sehr wohl." „Ich darf also den Herrn Doktor orientieren. Hier links befindet sich das Arbeitszimmer Herrn Alexandrus. Rechts, hinter dieser Portiere, sein Schlafkabinet, dessen einzige Tür wiederum nach dem Vordersaal führt. Dieser Salon hat zwei Ausgänge, der eine mündet direkt auf den Korridor, der andere, jene Wand, an welcher Herr Doktor augenblicklich lehnen, ist eine Tapetentür und leitet in den Speisesaal des Theaterrestaurant." _(Fortsetzung folgt.) _ Annoncen für sämtliche Zeitungen und Zeitschriften, speziell Familienanzeigen kür die % Frankfurter Zeitung besorgt prompt und zuverlässig zu Orlginal-Prsisan und zu den ermässigten Lokal-Freisen (Nie teurer wie bei den Zeitungen dirikt) a. Oppenheim (fnfiahep Bernhard Rnbinsfein) Frankfurt a. M., Börsenplatz 1. Telefon Amt Hansa 2005* SedevAbeud iu einer böhmischen Flüchtlingsbaracke. Von Leon Weinreb. II. Vom Gebet zurückkommend, begab sich jedes Familienhaupt nach seinem Winkel. Bald begann der Seder. Aber kaum ertönte der erste Kidusch, als eine Schluchzen- Salve im ganzen Saale ausbrach. Die Frauen weinten laut und die Männer leise. Die Armen konnten sich nicht beherrschen, ioie gern sie es auch getan hätten. Schon ■ bic Erinnerung an den vorjährigen Seder-Tisch, mußte die Tränen Herauspressen. Nicht einmal Platz zum Sitzen hatten alle. Es mußten Kisten herbeigeschafft werden, die als Tische dienten, und auf Ziegeln Bretter gelegt werden, um nicht ganz auf dem Boden zu sitzen. Das Bild ähnelte eher einem Tischobeaw als einem Sederabend. Am meisten waren die sogenannten Doppelftemden zu bemitleiden, jene Frauen und Mädchen nämlich, deren Angehörigen sich auf dem Schlachtfelde befinden. Ihr Jammern und Klagen wollte gar kein Ende nehmen. Da erhob sich ein alter Mann, der einzige in einem weißen Kittel. Alles wurde ruhig und horchte. Der Alte begann mit sanftmütigen Worten des Trostes. Er sagte unter anderem: „Wie wäre es, wenn wir jetzt in der Zeit der spänischen Inquisition lebten, wo unsere Brüder nur geheim ihrem Glauben leben konnten. Unter Schloß und Riegel, in tiefen Kellern mußten einst unsere Brüder in Spanien diesen Seder-Abend feiern, wollten sie nicht den Martertod erleiden. Danken wir, loben wir den lieben, einzigen Gott, daß wir gegenwärtig unter dem Schutz einer zivilisierten, judenfreundlichen Monarchie leben. Unser lieber Kaiser, er lebe ewig, ist uns gnädig, und wir brauchen uns nicht zu verstecken, um den Helligen Seder-Abend mit Furcht zu feiern. Trocknet Euere Augen; der liebe Gott, er duldet kein finsteres Gesicht in den Tagen, die er zu feiern hieß; sage jeder andächtig die Hagada, und möge jeder in der Stille inbrünstig Gott bitten, daß er den baldigen Sieg uns und dem deutschen Waffenbruder verleihe, daß die gegenwärtige russische Inquisition auch bald ein Ende nimmt und wir wieder nach unserer Heimat heimkehren." Diese Rede wirkte wie Balsam auf die verwundeten Herzen der Heimatlosen. Zuversicht und Hoffnung bemächtigte sich aller Anwesenden, und die Seder-Melodie ließ sich bald im Saale hören und erzeugte die richtige. Jomteiv-Stimmung. Als alle Flüchtlinge mit der ersten Hälfte der Seder-Zeremonie zu Ende waren, wurde das Essen aufgetragen, das aus geschmackvollen Speisen bestand. Die Männer diskutieren dabei über einige wichtige Hagada- Zitate und verglichen die gegenwärtige Zellepoche zu der Midbor-Generation, in der die Juden auch nur in vorübergehenden Einquartierungen lebten. Ein kleiner Knabe mit schwarzen, träumerischen Augen, der gespannt das Gespräch der Aelteren verfolgte, ftagte naiv: „Wenn Nur das Dor Hamidbor sind, wo haben wir unseren Moscheh Rabenu!" Derselbe Kleine wollte seinem Vater bei „Ma-Nischtane" nicht mehr als drei Fragen stellen, die vierte, „Warum sitzen wir so bequem?", wollte er unbedingt nicht fragen. * Vor Beginn der weiteren Hagada-Verlesung stürzte ein Jude Dort einem anderen Barackenlager herein. Seite 5 schwang ein Zeitungsblatt und verkündete in lauter. Freude: „Die russische Offensive in den Karpathen gebrochen. Wir können hoffen, unsere teuere Heimat bald wieder zu sehen!" Wie ein Blitz zog diese fteudige Botschaft von Mund zu Mund, alles jubelte auf, und mü grenzenloser Freude sang man nun den „Halle!" dem Schöpfer oben, der mit dem Anfang des russischen Endes in der „fiel Schemui-im" begonnen halle. Als schon die Flammen der Lichter erloschen waren, da dispullerten die Männer noch über die politische Lage. Leise und schüchtern begann Plötzlich die österreichische Hymne: „Gott erhalte, Gott beschütze unfern Kaiser, unser Land", und aus einer Ecke erwiderten halbwüchsige Burschen: „And lau owdo tikwosenu". Ans Feldbriefen. . . . Da hier ein Tag wie der andere ist, weiß man gewöhnlich kein Datum. So geschah es, daß ich am 2. Sederabend im Schützengraben auf Wache war und gar nicht wußte, daß Pessach ist. Zufälligerweise hatte ich mir zum „Anwärmen" -den vom „Montefiore" erhaltenen Se» derwein eingesteckt, dazu Makronen vom Tiseret Bachurim. Es war ziemlich kühl, der Himmel war mit Regenwolken bedeckt. Mit meinem Kameraden Heinemann bezog ich zusammen Posten. Alle zwei Stunden löst, einer den andern ab. ,Millst Du zuerst stehen?" frage ich. jawohl, geh Du in Deckung," war seine Antwort. Kaum war ich in Deckung, bekam ich den Befehl» ich solle bei uns eine neue Schießscharte einbanen Zmn Schießscharten einbauen gehört aber vor allem ein Schießscharte. Zwecks Beschaffung einer solchen trat ich eine längere Wanderung durch den Schützengraben an, schmuste da ein bischen und da ein bischen. Auf dem Rückgang traf ich nach längerer Zeit wieder einmal Kamerad Eisemann (Grünestraße), der auch gerade Wache hatte. Er war auch gerade frei und begleitete müh, um Heinemann einmal guten Abend zu wünschen. Heinemann de» Blick nach dem Feind, ich auf dem Bauch liegend an meiner Schießscharte arbeitend (das Stellen ans der Brustwehr ist infolge ftanzösischer Wachsamkeit nicht gerade zu euchfehlen) und Eisemann im Graben stehend, so unterhielten^ wir uns. „Es muß doch bald Pessach sein," meinte ich während der Arbeit. „Ach heute ist ja der zweite Sederabend", sagte Eisemann. Kurz entschlossen kroch ich aus unserer Deckung (im umgeschnallten Zustand ziemlich schwierig) und holde die Montefiore- und Tiferet-Liebesgaben heraus. Jeder trank zwei Becher Sederwein, Heinemann hatte seine zwei Becher (zu dett vorgeschriebenen vier Bechern hat's nicht gereicht) „mit dem Bllck nach dem Feinde" getrmckdn Eisemann mußte auf Wache ablösen, und ich mußte meine Schießscharte einbanen. Die Feier war deshalb zu Ende. Als ich um 12 Uhr Heinemann ablöste und selbst Kosten stand; dachte ich an manchen zu Hause verbrachen Sederabend. Es war doch ein großer Unterschied: Zn Hause behaglich am Sedertisch bei den geliebten Mazzenllößen und hier. . . . Aber daran zu ärll»ern ist nüfts, und das Gefährlichste ist hier, Vergleiche mit sonst anzustellen. Immer lustig nach dem alten Satz: Man mutz das Läben üben nähmen, wie das Läben äben ist. Und so mach' ich's 'auch. — Die Wanderungen der Wandergruppe, die ich in den Zeitungen angekündigt finde, mache ich immer im Geiste mtt. Wir wandern ja auch hier; aber ohne Guitarre und nicht durchs Lorsbacher Tal. Ra, hoffentlich ist mir's auch bald wieder vergönnt, durch die heimatlichen Gegenden Wanderungen zu machen. Fr. R- Deutschlands Lehre. Bon Jehuda ben Gerson Deutschlands bewundernswertes Ausstehen , und Sllellen wie ein Wann für seine Ehre und nationale Existenz, das sollte uns Juden zu denken geben und uns veranlassen, alles für unsere Zukunft zu wagen. Die wir doch viel mehr gewinnen müssen und viel weniger zu verlieren haben. Nicht unser Leben Und unsere Gesundheit,' sondern nur .unsere Bequemlichkeit und unsere morcüische Schwäche. Gedanke« eines jüdische» Kriegers. Bon Jehuda ben Gerson Dieser Krieg hat gezeigt, daß man für die Ehre und Existenz seines Volkes sterben kann Wir Juden sollen weiter nichts als hierfür leben Das ist der ganze Zionismus. Schmach und Schande» wenn wir das nicht einmal können. _ Es ist die ewige Tragik dieses Krieges, daß wir zu sterben verstehen und nicht einmal für uns lebe» können. Aber wir sterben gern Schon allein, um zu sehen, ob die alte Kraft noch lebt, mtt der wir einst für uns starben und nrll der wll, sollte es sein, einst für uns zu sterben wissen Aus Andacht urü» Begeisterung schöpft man das Gxgßs. Andacht mür Begeisterung in Dir. Gnade mit Dir.

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