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Neue jüdische Presse · 1915-05-14 · Heft 18-19 (14.5.1915) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
13 (1915)
Issue
Heft 18-19 (14.5.1915)
Date
1915-05-14
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 18/19. Ein flüchtiger B lick 'in unsere Thora genitzt, mN aufzuzeigm, daß Las JNdentum der Gesamtheit den Vorzug gibt vor dein Einzelnen. Alle Gebote und Verbote der Thora, alle Versprechen und Drohungen wendein sich ausschließlich! an die Gesamtnation; die Thora wird eigentlich! ii^ erster Reihe nicht dem einzelnen Jude!» jjege&en, sondern dem ganzen jüdischen Volke. Drestis wird als eine große, unzertrennliche Einheit aufgefaßt; das große synthetische Genie unseres Volkes, jenes, das zmw ersten Male in der Welt tzie Idee des einen Gottes, den Gedanken der eincin Menschheit 'konzipierte, hat naturgemäß in der Nation nicht nur die Summe der vielen Einzelnein gesehen, sondern einen einheitlichen Organismus. Daher das Prinzip der Belohnung bis ins tausendste, der Bestrafung bis ins vierte und fünfte Geschlecht. Eine Generation hastet für die andere,; denn alle bilden sie nur eine Einheit. Daher auch das Prinzip der Belohnung und Bestrafung des gesamten Volkes für die Taten der einzelnen Teile; jede Gruppe haftet für die andere, denn alle sind sie nur Glieder der Gesamtnation. Auf der anderen Seite aber ist diese Herrschaft der Gesellschaft über das Individuum keine unbedingte, absolute. Sie >vird begrenzt und reguliert von jener höheren Idee, die allein erst die Berechtigung dieser Herrschaft begründet: der Idee der nationalen Mission. Weil das Volk die ihm gestellten sittlichen Aufgaben erfüllen muß, darf es dste Unterordnung dös Einzelnen beanspruchen. Weicht der Staat von dm Wegen Gottes ab, wird er seiner Mission untreu, dann hört er auf, höchste Instanz zu sein!;, sündigt der König, so tritt der Prophet auf; ihm schuldet dann das Volk Gehorsam und Anerkennung. Der Staat ist eben nicht der alles verschlingende Moloch, dessen Willen keine Schranke gesetzt ist, wie in den orientalischen Reichen. An den ihm gestellten ethischen Aufgaben findet er seine Grenze und höhere Norm. Daher werden auch die Rechte des Individuums sehr wohl berücksichtigt und anerkannt. Seine sittliche Selbstbildung wird sehr wohl als ein berechtigtes Ziel seines Lebens sanktioniert; er kaUn es aber nur erreichen im Dienste der Mgemeinheit. Und . betrachtet man die jüdische Geschichte, so wird man in ihr die grandiose Verwirklichung dieser Lösung des sozialen Problems finden. Das ganze Mische Leben des Galuth, es wird beherrscht von diesem Gedanken. Der Einzelne schuldet der Gesamtheit zunächst unbedingten Gehorsam: im Talmud, in SchulchaN- Aruch schreibt ihm die Nation 'vor, wie er leben und wirken soll; in der Ausführung dieser Vorschriften dient er aber beständig nur sich selbst, nnrd er besser und sittlich reifer. Der Widerstreit ist beseitigt:. Individuum und Gesellschaft leben in völliger Harmonie miteinander. Es ist nicht schwierig, ein ähnliches nun! auch im Deutschtum zu konstatieren. Die Auffassung der Gesellschaft als des im Verhältnis zum Individuum höheren Begriffes ist ein Grundpfeiler des deutschen Geisteslebens. Die organisch-synthetische Richtung des deutschen Denkens mußte die Gesellschaft als einen Organismus fassen, womit aber schon seine Ueberlegenhoit Mer den Einzelnen ausgesprochen wird. Und daß daraus dann die Pflicht der Unterordnung des Individuums unter die Gebote der Gesamtheit sich mit Notwendigkeit ergibt, ist klar. Schon der kategorische JMperativ Kants ist durchaus sozial orientiert; Prollamiert er doch als Norm des sittlichen Tuns jedes Einzelnen die Rücksicht auf den anderen; wer den Staat als die höchste Form der Verwirklichung der sittlichen Idee auffaA wie Kant, muß eben den kategorischen Jiuperativ des einzelnen im sozialen Sinne gestalten. Und diese Gedanken des großen Königsberger Weisen werden nun in der Folge noch außerordentlich stark gesteigert; Fichte, Schilling, Stahl, die Romantik erheben tzie Nation, den Staat zu immer höherer Würde, bis Hegel den Staat als das höchste Resultat, ja als den Sinn des historischen Geschehens prollamiert. Zugleich aber werden doch nie die Rechte tzes Individuums vergessest; sein Streben nach sittlicher Vervollkommnung wird durchaus gebilligt; die Erfüllung dieses Strebens Mer nur im Dienste der Gesellschaft für möglich erachtet.; Und was so tzie Philosophie theoretisch! lehrt, wird im "Leben praktisch verwirklicht. Seit dem Beginne .der modernen Zeit bis Mm hepttgM Tage Wankfurter WsaÄittschös FaMllisMatt. ist der Staat in Deutschland als 8er natürliche und berechtigt höchste Gesetzgeber und Regulator alles sozialen Lebens betrachtet worden. Während man rn allen anderen Ländern sich bemüht, die Tätigkeit des Staates fest zn umgrenzen und — vor allen! in England — möglichst einzuschränken, dehnte er in Deutschland seine Wirksamkeit auf immer neue Gebiete aus und beansprucht, das gesamte soziale Leben zu umfassen. Und, meine Freundin, was man heute mit dem Schlagwort des Militarismus bezeichnet, wenn wir es nur tiefer erfassen, was ist es anderes als eben dies System der Unterordnung des einzelnen unter die Gesamtheit, dies System absoluter Disziplin und Subordination? Und somit auch unser Misches System? Ja, meine Freundin, so seltsam es vielleicht klingen mag, trotz aller tiefen Unterschiede, die unsere Mische Lebensart von der deutschen scheidet, im letzten Grunde sind die Kultursysteme des deutschen Mllitarismns und des Mischen Talmuds verwandt: sie haben das wesentlichste gemeinsam: den Anspruch der Gesamtheit, das Leben des einzelnen in all seinen Phasen undAeußerungen M regulieren; nur daß es dort der Staat ist, der 'diese Aufgabe übernimmt — daher die militärisch-politische Form' —, bei uns aber die vorwiegend kulturell geeinigte Nation diese Kontrolle durchführt — daher die kulturell-geistige Form. Darum, meine Freundin, wenn jetzt die Feinde Deutschlands behaupten, ihr Kanchf sei nur ein Kampf gegen den deutschen Mllitarismns, so heißt dies, daß sie in Wahrheit auch gegen unsere jüdische Kultur- und Lebensform streiten. Darin erblicke ich den tiefsten Grund, der uns Juden in diesem Kriege auf die Seite Deutschlands treten läßt.' Der Kanchf gegen das Deutschtum ist auch im gewissen Sinne ein Kampf gegen das Judentum, weil beide. in ihrer Auffassung des Daseins, in ihrer Ausgestaltung des Nationalgedankens, in ihrer Lösung des sozialen Problems gleiche Wege wandeln. Damit aber sind wir von rein theoretischgeistigem Gebiete auf das aktuell-politische gelangt. Auch diese Seite unserer Frage soll uns beschäftigen. Nachdem wir die wichtigsten Momente llargelegt haben, die Judentum und Deutschtum verbinden, wollen wir nümnehr die politischepraktischen Konsequenzen daraus ziehen. Davon jedoch int folgenden Brief. N. —n. Juden gegen Juden. Zu der Mitteilung, daß die Ausweisung der galizischen Juden aus Ungarn durch ungarische Juden befürwortet wurde, liegen jetzt weitere Blättermeldungen vor. „Egyenlösseg", das Organ der jüdischen Neologie Ungarns, gibt die Aeußerung des Polizeihauptmannes Kaveggia seinem Berichterstatter gegenüber wieder, daß „zahlreiche Budapester Juden selbst bei ihm gegen die plötzliche Invasion galizischer Flüchtlinge in das Erwerbsleben Klage geführt hätten." Zu einem Mitarbeiter der Wiener „Wachs Oesterr. Wochenschrift" äußerte sich ein höherer Beamter des Ministeriums des Innern, es sei eine „Schweinerei", daß „Budapester Juden die Ausweisung gälizischer Kriegsflüchtlinge befürwortet haben." Aus Dänemark liegen ähnliche Nachrichten vor. Dort haben sich Juden bei der Regierung dafür verwendet, den russischen jüdischen Flüchtlingen die Einwanderung zu unterbinden. .Natürlich! handelt es sich in allen Fällen nur UM reiche Juden, tzie einzig das eine mit dem Judentum bindet, daß sie so gnädig sind, mal eine jüdische Ehrenstelle anzunehmen. Man wird für die Folge gut tun, sich aufs genaueste anzusehen, wen man in unsere Ehrenstälen wählt. Der Märthrertod eines Rabbiners. Die amerikanisch-jüdische Zeitung „Vorwärts" berichtet von folgendem ergreifendem Märtyrertod eines greisen Rabbiners in Rußland: In Kruschuck (Gouv. SuBlin) hatte der Kommandant —^ ein Kosakenoffizier — 200 Juden verhaften lassen und wollte sie als „Freunde der Deutschen"' erschießen lassen. Daraufhin eilte der Rabbiner des Städtchens, ein alter Manch znm Seite 3. Kommandanten, fiel ihm M Knien, und Lat um Gnade für die Unschuldigen. „Hängen Sie mich" — erklärte er — „und möge mein Leben auslösen das Leben von so vielen Mgeren Juden." „Deine Bitte gefällt mir!", erwiderte lachend der brutale Kosakenhauptmann, befahl sofort, die 200 Verhafteten vorzufützren, und in ihrer Anwesenheit ließ er den greisen Rabbi auWngM. Danach schenkte er ihnen die Freiheit. Aehnliches — berichtet dieselbe Zeitung auf Grund von Privatbriefen — soll in diäen anderen Orten in Rußland vorgekommen sein. Man mache sich auf Grund solcher Einzelfälle ein Blld von den namenlosen Leiden, welche die russischen Juden in diesen Monaten von ihrer eigenen Regierung M erdulden haben. sortiert 15A G.M.HOLZ J HOFLIEFERANT DUOLFSECK DfenopulärsteGgarre unsortiert 12H FRANKFURTaJI Der Krieg mtö die deutsche» Jude». Frankfurt a. M. Die Kriegsausgabe der K C.-Blätter bringt Nachrufe über folgende auf Seat Felde der Ehre gefallene K. Cer.: Regierungsbauführer Fritz London- Bromberg, cand med. Bruno Abraham-Oppeln» Dr. med. Lorenz Lehmann-Regensburg, Rechtsanwalt Max Moritz Cohn-Marienbnrg, sind. Karl Frankenbach48erlin, Referendar Erich Ferse und sind. Alfred Cohn. Frankfurt a. M. S. M Uilmann, Sok>n von M. Ullmann, Bürgerstraße 12, erhielt das Eiserne Kreuz.. Berll». Dr. Walter Ratbenau, Dircktor der Krngsrohstoffabteilung, Alfred Braun, Dr. Heinr. Leichtenkitt, Hans Danziger, Curt Joseph, Feldwebelleutnant Martin Mendelssohn» Dr. Bruno Apt, Kriegsgerichtsrat Dr. Georg Wunderlich, Bataillonsarzt Dr. Leo Hirschloff» Assistenzarzt Dr. Paul Reiche, Felix Moral» Unterarzt Dr. Sigm. Glaser, Rechtsanw. B. Whaodzinski, Bataillonsarzt Dr. Ernst Glaser, Assistenzarzt Dr. M. Schulhof, Assistenzarzt Dr. Moses Strauß. Ossiziersstellv. Dr. Siegfr. Liebeck, Dr. Arnold Loewy. Sohn Rabbiners Dr. Loewy-Graudenz. erhielten das Eiserne Kreuz. BerU«. Der Verband der Deutschen Inden Versender zum Schownaussest, wie er es zu Chanuka und zn Pessach getan hat, «in Heft als „Gruß an die jüdischen Soldaten im deutschen Heer"' ins Feld. Das Heft enthält außer Bibel-, Talmud-und anderen Stelle» von der Offenbarung zwei Aufsätze, den einen von Rabbiner Dr. Baeck aus Berlin, dem Feldgeistlichen, Leim Oberkommando der 1. Armee: ,^Dn sollst" und den andern von Oberrabbiner Dr. Güdemann-Wien „Unsere Thora" sowie einige Gedichte. Exemplare stehen im Büro des Berbandes der Deutschen Juden — das sich jetzt Berlin W. 35, Steglitzerstraße 9 befindet — kostenlos zur Verfügung. Königsberg i. Pr. Berthold Lewin wurde zum Armeevete.rinär mit dem Range eines Oberstleutnants ernannt. Breslau. Unterarzt Gerhard Elkeles, Hellmuth Freund, Georg Flatow und Unterarzt Dr. Eriedrich Nothmann erhielten das Eiserne r e u z. Konstanz Offizierstellvertreter Isidor Gnggenheim. Inhaber der Bad. Silb. Verdienstmedaille, erhielt das Eiserrre Kreuz. Al,eh. Karl Levt erhielt das Eiserne Kreuz. Mainzlar. Jakob Nathan erhielt das Eiserne Kreuz. Seeheim kHeffen). Sally Mayer, Ritter des Eisernen Kreuzes, erhjelt die Hess ischeTapserkeitsmedaille. Gelnhausen. Dem Sohne des Lehrers Strauß, A r n o l d S t r a n ß» Gefreiter beim 236. Jns.-Reg., wurde wegen seines heldenmütigen Verhaltens bei den Kämpfen um Ipern das Eiserne Kreuz verliehen. Marburg. Siegmnnd Höxter, Sohn von Simon Höxter, Bizeseldwebel, Ritter des Eisernen Kreuzes 2. Klasse und vorgeschlagen zum Eisernen Kreuz I. Kl.» erlitt den Tod fürs Vaterland. Wie«, gähmich Alexander Pollak aus Baha, der inzwischen gefallen ist, Fähnrich Dr. Josef Jellinek und Leo Gottlieb aus Eperies erhielten die Goldene Tapferkeitsmedaill?, und Qberwtzt Dr. B i k t o r G ä r t n e r, ein Sohn des Tempelvorstehers in Epmies, erhielt das Goldene Berdienstkrenz mit der, Krone.

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