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Neue jüdische Presse · 1915-04-23 · Heft 15 (23.4.1915) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
13 (1915)
Issue
Heft 15 (23.4.1915)
Date
1915-04-23
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Liebe ju dem Objekte seines Schaffens empfindet, die Perez empfang: auch darin ist er noch Maskil,. daß er auf diese alte Ghettotvelt mit dem Spott und der Verachtung des Aufklärers herabblickt. Perez hatte dieses Manko der Haskalah völlig überwunden und sich auch, darin als der bessere, überlegene Europäer erwiesen. So lange wir eine Sache Hassen, sind wir noch von ihr abhängig, haben nur sic noch nicht ganz überwunden. Der Maskil war im Grunde nur der alte Ghettojude, der vor sich ein negatives Vorzeichen gesetzt hatte. Perez stand auf einer höheren Stufe, auf der er diese alte Welt wahrhaft überwunden hatte und gerade darum rückschauend sich so liebevoll in sie versenken und sic ganz verstehen konnte!; ja, angelangt auf dieser neuen Stufe, erkannte er erst all die großen Vorzüge jener alten überwundenen Welt, ihre Seelengröße und Empfiirdungstiefe, ihre Einheitlichkeit und Harmonie; und ein Sehnen nach chr erfaßte ihn, ein Sehnen, das aber keine Erfüllung finden konnte, weil das unerbittliche Gesetz der geschichtlichen Entwicklung jener Welt bereits das Todesurteil gesprochen hatte. Und. so wandelte sich, das Sehnen zu einer reinen,, hoffnungslosen Liebe, der er in seinem Schaffen ein unvergängliches Denkmal setzte. Die Attitüde der Sehnsucht und der Ehrfiircht gegenüber dem Ghettojudentmn, die so viele der Besten der neuen Generation charakterisiert — man denke an Bialiks „Masmid" — hat in Perez' Wert ihren innigsten, zartesten und vollkommensten Ausdruck gefunden. Und darin — mehr als in allem anderen — besteht seine lebendige Bedeutung für uns Juden von heute. Wir, deren tragisches Los es ist, Kinder einer Vergangcnheitsepoche zu sein, die das Ghetto verlaffen, die neue geistige Heimstätte unseres Judeseius aber noch nicht gefunden haben, können und muffen von Perez neben allem anderen zunächst dieses eine lernen: dem alten Ghettojudentum nicht haffend, spottend oder verachtend, sondern liebend und verehrend gegenüberzutreten, um so die besten Elemente dieser Welt, jene, die wert sind, erhalten und! bewahrt zu werden, mit hinüberzunehmen in die neue Welt, die wir erst auferbauen wollen. Zn diesem Sinne bleibt Perez der geniale Künstler, der unsterbliche dichterische Hfftoriograph der Seele des Ghettojudentums, auch. . Vorbild und Lehrer des strebenden, ringenden und bauenden Juden von heute. Brief aus Amerika. Es siird jetzt 25 I a h r e verflossen, seitdem Baron Moritz Kirschs. A. einem Komitee angesehener amerikanischer Juden zehn Millionen Mark mit der.Bestimmung übergab, Pie Zinsen dieser Summe zur wirtschaftlichen Förderung der eingewanderten osteuropäischen Juden zu verwenden. In einer Reihe Städte wurden Lokalkomitccs gegründet, deren Aufgabe es ist, den Neuangekommenen möglichst schnell eine Existenz zu verschaffen. In New-Iork wurde eine Handelsschule errichtet, und gleiche sowie ähnliche Schulen in anderen Orten wurden durch Beihülfen unterstützt. Auch der Zuführung der jüdischen Einwanderer zur Landwirtschaft widmete das Komitee seine Aufmerksamkeit. Die Woodbine- Kolonie und die Landwirtfchastsschule, beide heute geleftet von der, Landwirtschaft-und Jndustriehilfsgesellschast, verdanken denr.Komitee ihr Bestehen. Ein Fortschaffungsbüro hat seit 15 Jahren an 75000 Personen von den Großstädten der Ostküste ins Innere geschafft. Das Komitee verfügt heute! über sechszehn Millionen Mark, eine große, doch 'für seine Aufgaben nicht zu. große Summe. — Auf der Tagung der Jüd. Einwanderun.^s-H ilfs gefellsch aft (Hebrew Syeltering and Immigrant Aid Sociech) sprach deren Vorsitzender, Richter Sanders, die Ansicht aus, daß,'nach dem Kriege eine größere jüdische Einwanderung einsetzen werde, als sie jemals Amerika gesehen habe; es sei daher Pflicht der Gesellschaft, sich! -schon jetzt finanziell auf '.diese Einwanderung vorzubereiten. Der Bericht des Vorsitzenden stellte fest, daß die Mische Einwanderung 1914 66557 Köpfe betrug gegen 130237 im Jahre 1913. Die Einnahmen und Ausgaben der Gesellschaft balanzierten mit 113000 Dollar. Die neue Tageszeitung „The Day" veranstaltete eine Umfrage an die angesehensten Ju¬ Frankfurter Israelitisches FamilienLlatt. den Amerikas,. wie sie sich, zu einer großen Konferenz der leitenden Persönlichkeiten der jüdischen Organisationen mit der Aufgabe, eine permanente Körperschaft der.drei Millionen Juden Amerikas zu begründen, stellen. Es liegen bereits bedeuffame Zustimmungen vor, u. a. von Jacob H. Schiff, der der Meinung ist> daß das Amerikanische Jüdische Komitee, die Bnai Brith, die Zionistische Organisation usw. keine Zeit verlieren sollten, den Plan schnell zu verwirklichen. Graf Berustorff über die Haltung -er türkischen Regierung gegenüber den palästinenfische« Juden. Graf Bernstorff, der deutsche Botschafter in Washington, hat in der amerikanischen Presse folgende Erklärung veröffentlicht: „Es sind kürzlich zahlreiche alarmierende Berichte betreffs der Lage der jüdischen Bevölkerung Palästinas hier eingetroffen. Verschiedentlich habe ich offizielle Nachrichten veröffentlicht, die ich heute ergänzen kann. Die Regierung in Konstantinopel hat seit Ausbruch des Krieges an ihrer traditionell duldsamen Stellungnahme allen Religionen gegenüber streng festgehalten, und man hat in Konstantinopel niemals'antijüdische oder antizionistische Gefühle gehegt. Die politische Unruhe, die eine Zeit lang die jüdische Bevölkerung Palästinas in Bestürzung versetzte, ist durch den Uebereiser türkischer Lokalbehörden verursacht worden. Aber glücklicher Weise hatte es nirgends Ausschreitungen zur Folge, die nicht gänzlich wieder gut gemacht werden konnten. Die Ausweisung von einigen tausend Juden aus Palästina ist ebenso ohne die Genehmigung von Konstantinopel von lokalen-Milrtärpersonen angeordnet worden. Die türkische Regierung jedoch hat den Beamten abberufen, der hauptsächlich! an der Beunruhigung .der jüdischen Bevölkerung Schuld trägt. Der deutsche Botschafter in Konstantinopel hat in enger Zusammenarbeit mit dem Botschafter Mr.Morgenthau während dieser ganzen Zeit dieser Frage große Aufmerksamkeit gewidmet und hat die deutschen Konsularbehörden in der Türkei angewiesen,, regelmäßig über die lokalen Ereignisse zu berichten." Diese Erklärung ist deshalb bedeutsam, weil von einer gewiffen Seite des deutschen Assiinilationsjudentums, von der ja 'alle antizionistischen Bekämpfungen ausgehen, trotz des Krieges wieder einmal ein Feldzug gegeir der: Zionismus unternommen wird-. Interessant ist, daß der neue Feldzug in der Aera der „löblichen" Technikum!- Versteigerung geführt wird. Auch wollen wir darauf aufmerksam machen, daß anfänglich die feindselige Aktion der lokalen türkischen Behörde gegen die gesamten jüdischen Institutionen ohne Ausnahme gerichtet war. Diese Tatsache verschwieg , man. Daß dieser Feldzug nicht.nur unjüdisch, sondern auch undeutsch ist, ist llar, denn es ist ein vitales Interesse Deutschlands, der türkischeir Regierung Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, und lediglich deshalb wurde Graf Bernstorffs Erllärung gegeben. Doch unsere „Politiken aus der Assimilation erachten cs als eine „kluge" Tat, wenn sie die türkische Regierung diskreditieren. Oder ist der Haß von jener Seite geigen den Zionismus so stark, daß man jegliche Einsicht darüber, was paffend und politisch ist, sobald es den Zionismus betrifft, eingebüßt hat? Nicht einmal während des Burgfriedens kann man Ruhe bewahren. Welcher Haß, welche Verblendung! Zu Max Bodeuheimers Sv. Geburtstag. Im Kriegsjahre 1915, während unser deutsches Vaterland in heldenhaftem Ringen um seine Existenz kämpft und das ZukunftsschicksL unseres Judenvolkes in das Wirrsal des.Bölkerkrieges verwoben ist, begeht Justiziar Dr. Max Bodenheimer in- Cöln, der erste Vorkämpfer des Zionismus in Deutschland, der Hüter und Mehrer unseres Nationalfonds seinen fünfzigsten Gebmtstag. Dieser Anlaß gebietet, daß wir inmitten des Tosens der Waffen um uns und der seelischen Hochspannung in uns den Blick auf den Mann und sein Werk rechten. Wer Max Bodenheimer's Lebens- und Tatenfrische kennt, wird verwundert fragen: Ist unser Freund schon Nr. 15 50. Jahre alt? Wenn man aber zurückblickt ans dir Gesamtheit seines Schaffens, fragt man verwundert: Erst 50 Jahre alt? Die seitherige Lebensarbeit Bodeuheimers türmt sich zu einer gewaltigen Höhe, die — ma» darf es ohne Ueberhebung sagen — eigentlich nur im Zionismus möglich ist. Jetzt, wo sich das 5. Lebensjahrzehnt unseres Führers rundet, ist noch nicht Zeit, das Fazit seines Wirkens zu ziehen: denn er ist unablässig an der Arbeit, und gerade in unseren Tagen, wo die Lebensbedingungen des jüdischen Volkes und die Entwicklungsmöglichkeiten des Zionismus vor nciik Konstellationen und Komplikationen gestellt sind, bewährten sich sein Schaffcnseifer und sein jüdisches Herz wieder einmal aufs glänzeirdstc. Das ist das, was uns aus Bodeuheimers Charakter und Tun am markantesten entgegentritt: Er ist ein Mann der Initiative. Er ergreift die Gelegenheit beim Schopfe und wirkt und handelt, >oo wir anderen noch zögern, wägen und beraten. Und nur so ward es möglich, daß sich in die paar Jahrzehnte des Manneslebens so viel an Arbeit und Erfolg drängen konnte. Schon den jugendlichen Referendar Bodenheimer erfüllte das Streben, zu -handeln, clnzutrete» flir sein bedrücktes Judenvolk. Seine Jugendschrift propagiert die Tat. „Wohin mit den russischen Inden?" fragt der junge Autor, und er gibt die Antwort in der Weisung zum praktischen Vorgehen. Er erscheint auf dem ersten Kongreß und entwirft mit Weit- und Scharfsicht den Plan der Organisation und Finanzierung der zionistischen Bewegung. In Deutschland schuf er aus armselige» Anfängen mit zäher Ausdauer im fielen Kampfe gegen Angriffe der offiziellen Jndenheit und gegen die Vorurteile des kleinjüdischen Philistergeistes eine zionistische Landsmannschaft. Er war unermüdlich irr der Aufklärung der nichtjüdischen Kreise über die wahren Ziele des Zionismus, und keine gegnerische Aeußernng, die uns bei dem deutschen Volke verdächtigen konnte, lieg er durchgehen, ohne ihr rechtzeitig die Spitze abzubrechen. Die deutsche zionistische Bereinigung denkt heute dankbar seiner langjährigen Führerschaft: als er diese abtreten mußte, um .größere Aufgaben für die Gesamtheit der Bewegung. zu übernehmen, blieb er der treue Mentor unserer Landsmannschaft, dessen kluger Rm stets bei alle» Entschließungen schwer in die >Wagschale fällt. Der wachsende Strom der zionistischen Gesämtbcwegung reißt Bodenheimer mit und empor zu Immer größerem Wirken und Schaffen. Er gehört zu dem engsten Kreise der Männer, die Theodor Herzl zu seine» Helfern und Ratgebern erkor. Bodenheimer ist der juristische Sachverständige in diesem Kreise. Er ist. vo« Herzl der hohen Ehre und schweren Aufgabe gewürdigt worden, den großen Führer auf seinen Reisen an Fürstenhöfe und nach Erez Israel begleiten zu dürfen. Ei stand in den Momenten der schwersten Entscheidungc» und Verantwortlichkeiten an der Seite Herzls, ihm i» Sturm und Not Treue haltend. Und als Herzl's Lebensstern erblich, als! Cöln mit Wolffsohn und Bodenheimer die Stätte ward, wohin sich erwartungsvoll die traurige» Blicke des verlassenen Jndenvolkes richteten, da begann ein neuer Abschnitt in Bodeuheimers zionistischer Wirksamkeit, und alles, was er an Erfahrungen und Eindrücken mit und um Herzl aufgespeichert hatte, verband sich »nt seinem Drange, zu handeln und z» Helsen, und in der nachherzl'schen Epoche des Zionismus wird er zu einem Führer der Gesamtbewegung, beladen mit so schweren Bürden, wie sie überhaupi eines Mannes Schultern zu tragen vermögen und bedeckt mit Würden, mit denen ihn die Anerkennung und Dankbarkeit der zionistischen Welt anszeichnete. Ans den Kongressen sehen wir ihn das Erbe Theodor Herzl's, das Präsidium, mit Würde und Geschi» verwalten: in schwierigen Situationen schuf seine Leitung friedlichen Ausgleich. Zwischen den Kongressen aber ward jetzt sein Büro in Cöln eine Zentrale her höchsten und schwierigsten zionistischen Arbeiten. Und aus der Fülle und dem Chaos von Aufgaben schält , sich jetzt eine heraus, die Bodenheimer für die Ewig- ' keit ein Ruhmesblatt in der Geschichte des Zionismusichert. Ohne, daß er sich den sonstigen zahllosen Anforderungen, die aus der zionistischen Organisation ununterbrochen an ihn herantreten, entzieht, sammelt sich die Wucht seiner Schaffenskraft und Äeistesstärke in der gewaltigen Aufgabe, den Nationalfonds, die Lieblingsschöpftmg der zionistischen' Bewegung, zu verwalten, für die heiligen Interessen in Erez Israel nutzbar zu machen und ihn durch eine unermüdliche Propaganda zu vermehren. Alle Lebenden in unserer Bewegung sind Zeuge» von dem ungeheuren Aufschwünge, den der jüdische Bolksschatz unter der Leitung Bodenheimers nahm; dies entbindet uns der Aufgabe, seine Verdienste um die Steigerung der Einkünfte und um die segensvolle Tätigkeit der Nationalfondsmittel jn Palästina zu entziffern. Sie sind unvergänglich, und zu dem Geburtstage wei das jüdische Volk für den Jubilar und fiir sich selb keinen heißeren Wunsch, als den, daß die politische Lage es Bodenheimer bald wieder ermöglichen wolle, sein Werk in .ungebrochener Kraft sortzusetzen. Um die Tätigkeit des Nationalfonds, wie sie sich unter Bodenheimers Leitung entwickelt hat, ranken sich die beste» Hoffnungen der Jndenheit für die Zukunft der jüdische« Heimstätte in Palästina. Und so soll der Ehrentag Max Bodenheimers in bangen Zeiten allen seinen Gesinnungsgenossen ein Tag der Erhebung und Erwartuu werden. Ihre herzlichsten Glückwünsche für Leben int Gesundheit des verdienstvollen Streiters für Judas Ehr! und Zukunft fliegen in das 'Heim Max Bodenheimers, wo er an der Seite seiner feingeistigen Gattin, der hervorragenden Führerin der Wischen zionistische» Frauenbewegung, ein echt jüdisches Familienglück, genießt. Dr.. Moses-Mannheim. 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