Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1915-04-23 · Heft 15 (23.4.1915) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
13 (1915)
Issue
Heft 15 (23.4.1915)
Date
1915-04-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2692297-2692924-2692939--08956-2704123
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

HauS 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1.5V, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— -> Einzel - Nummern kosten 10 Pfg. Erscheint wöchentlich am Freitag. Redaktion nnd GXpedition: Frankfurt a. M. rr Cangeftr. 7. Fernsprecher Amt Hansa 2903. KeeänsgeVeP: Kaktz - - -- Insertionsprris für die fünfgefpaltene Peritzeile 25 Pfg., für die Reklamszeile Mk. 1.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Stellen-Angebote und -Gesuche, WohnungSinserate. Heirats-Annoncen 15 Pfg. die sechsgespaltene Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz- und Datum-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Expcd. und in a.Annoncen-Bureaus. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Rr. 4S64. - - 18. Jahrgang. Freitag, den 9. Ijar 5675 (28. April 1915) Rr. I. L. Perez. Von Nach um Go ld mann. Milten im Toben des gewaltigen Kampfes kommt die Nachricht von Perez' Tode. Und für eine Weile vergessen wir Krieg und Schlacht, Tagesberichte und Feldpostbriefe, den Uszoker Paß und das Woevregebiet und weihen einige Stunden stiller Erinnerung nild iwniger Verehrung dem großen Dichter, der in dieser schweren Zeit von uns geschieden ist, und fragen uns: Wer ivar Perez, lind was lvar er uns geivesen? Die jüdischen Massen des Ostens, wie alle großen Bolksmasjen in ihrem Lieben und Hassen von tiefen, sicheren Instinkten geleitet, haben die Frage nach der Bedeutung von Perez recht eigentlich schon beantwortet. Sie nannten ihn den „Taten" (Vater) und stellten ihn so in eine Reihe mit Mendele Mochcr Sforim, den sie stets nur als den „Seiden" (Großvater) bezeichnen. Und in der Tat, zusaminen mit Mendele darf Perez als der Begründer der neueren jüdischen Literatur angesehen werden, sowohl in ihrer hebräischen als auch in ihrer Jargon-Ansdrucksform. Diese neuere jüdische Literatur aber scheidet sich, von der älteren, voll derjenigen der „Haskalahepoche", in fundamentaler Weise: sic ist erst wahrhaft Literatur, wahrhaft Kunst. Der Entwicklungsgang jeder Literatur Pflegt ja in seiner allgemeinsten Tendenz in einer fortschreitenden Akzeiltverlegnng vom Inhalt auf die Form zu bestehen.?tm Anfang wird nur auf den Inhalt Wert gelegt, bis dann das Volk zu der Erkenntnis heranrcift, daß alle Kunst in erster Reihe auf dem Element der Form basiert nnd das Kriterium des Künstlerischen niemals im Inhalt, sondern stets nur in der Form zu suchen ist. (Gewöhnlich endet dann auch die Entwicklung einer Volksliteratur in einer übertriebenen, ausschließlichen Pflege der Form, in dem Schlagwort des l’art pour l'art.) Die moderne jüdische Literatur hat die Entwicklung von der ersten unkünstlerischen Epoche zu der zweiten künstlerischen recht schnell und leicht vollzogen; nnd mit Mendele hat Perez das große Verdienst, diese zweite Epoche angebahnr nnd sofort auf eine hohe Stufe geleitet zu haben. Und er tat dies ohne alle Polemik, ohne alle Tendenz, ohne Belehrung, sondern einfach durch sein Beispiel, durch sein Schassen, durch seine dichterische Eigenart. Unter allen Dichtern und Schriftstellern der modernen jüdischeir Literatur ist er einer der ansgesprockMsten künstlerischen Naturen; während fast alle anderen stets xtwas vom Prediger, vom Erzieher, vom Publizisten an sich haben (es scheint dies eine Eigenart unserer Literaten überhaupt zu sein von den Propheten bis zum heutigen Tage), ist Perez. immer nur Künstler gewesen, d. h. einer, dem die Tendenz nichts, das Schaffen als solches alles' war, der nicht durchs Polemik und Belehrung, sondern durch das sclbstgegcbene Beispiel und das eigene- Werk wirkt. In diesem Sinne ist er noch reiner und stärker Künstler als selbst der große Mendele, der bei aller künstlerischen Größe ein Stück Maskil ist. Noch eine andere Eigenart seines Künstlertums scheidet Perez von Mendele. Perez ist der europäischere von beiden. Mendele ist auch in seiner künstlerischen Form, vor allem in seinem einzigartigen Stil ganz jüdisch, ganz ghettojüdisch; in ihm hat das jüdische Ghetto sein größtes künstlerisches Genie gefunden. Perez ist in der Form seiner Kunst fast ganz Europäer; auf Grund seiner literarischen Tarstellungsart ließe er sich, leicht gut in jede moderne europäische Literatur öinreihen. Er hat von Europa die modernste Form der Literatur übernommen: die knappe Skizze, die kurze Novellette, die kleine Erzählung, die Kunst, in tvenigen Seiten eine Welt darzustellen, in einigen Sätzen einen Charakter zu schildern, Lurch, ein kleines Wörtchen in einen Abgrund von Weh und Leid schauen zu lassen, durch eiu Jnterpunktionszeicheu deu unsagbaren ' Inhalt einer Minute bangen Schweigens, bebender Erwartung, unaussprechlicher Liebe, unerhörten Leidens auszndrücken. Guy de Manpassant, der unsterbliche Meister dieser modernsten, unserer Zeit adäquatesten aller Literatnrforlnen, ist der Genius, dessen Stern auch das Schassen unseres Perez geleitet hat. An Wucht und Kraft des Ausdrucks, an dämonischer Tiefe des Blickes, an Vielseitigkeit der DarstellungSobjekte, an unübertrefflicher Vollkommenheit derTarstcllnngsform steht. Perez im allgemeinen gewiß hinter Mnupajsant zurück (wenn er ihn auch in manchen Perlen seiner Werke erreicht); aber er übertrisft ihn an Empfindungstiefe und Seelenadel. Hier kommt eben der Jude in ihm zum Vorschein, der Jude, dessen Ahnen vor Jahrtausenden zum ersten/Mal das Wort gesprochen: „Weohawto lereacho komaucho". Bei allem Enropäertum seiner künstlerischen Darstellungsknnst war Perez doch im tiefsten Wcsensgrunde Jude; und . gerade darin ruht seine tiefste, richtungweisende Bedeutung. Das große, quälende Problem von „Tauroh ini derecherez" — um es in einem bekannten, wenn auch oberflächlichen nnd mißverständlichen Schlagwort zu sagen — umfassender gesprochen, von Ghetto- und Enropäertum, dieses Problem, an dem praktisch so viele von uns schon gearbeitet, das theoretisch keiner noch beantwortet hat, Perez hat es in seiner Kunst, in seinenr Werk restlos gelöst. Die europäische Art seiner Kunst und der jüdische Inhalt seines Wesens waren in ihm zu einer einheitlichen, harmonischen Synthese vereinigt, und es ist unmöglich, bei ihm — was bei den meisten jüdischen Dichtern und Schriftstellern wohl möglich ist — zu sagen: Hier spricht der Europäer nnd da der Jude. In jeder L-kizze, in jeder Zeile ist er beides: Jude und Europäer, und darin Vorbild und Ideal für uns alle. Wie sehr nnd durchaus Jude er ist, zeigt am klarsten der Inhalt seines Werkes. Perez' Kunst hat nur ein Thema: das Leben der osteuropäischen Jüdenmassen. Diese besondere, von allem nwdernen Leben geschiedene und gesonderte Welt, von der tagtäglich vor unseren Augen ein Stück abbröckclt und für immer verschwindet, tvar der unerschöpfliche Born, dein er die Objekte seines Schaffens entnahin. In diese Welt versenkte er sich, sie suchte er in ihrem tiefsten Wesen zu erfassen und durch ihre äußere schnlutzige und abschreckende Hülle hindurch zu ihrer innersten Seele vorzudringen. Und cs gelang ihm. Tiefer als alle anderen wissenschaftlichen, schriftstellerischen und künstlerischen Erforscher und Darsteller des osteuropäischen Ghetto hat er geschaut, klarer und reiner als alle hat er die tiefinnerste Seele dieser Welt erfaßt. Ja, er ward der eigentliche Entdecker dieser Seele. Die ganze moderne neuchassidische Strömung der letzten zwei Jahrzehnte, die Leistungen der Berditschelvsky, Horodetzky in der hebräischen, der Martin Bubers nnd seiner Jünger in der deutschjüdischen Literatur hat Perez antizipiert; er war der erste moderne jüdische Künstler, der den seelischen Gehalt und die tiefe Romantik des Chassidismus erkannt und erlebt und damit einer neuen Auffassung und Wertung dieser Bewegung die Wege gebahnt hat. In dieser Kunst, in die letzten Tiefen der Seele des Ghettojuden hinabzusteigen, wird Perez vielleicht von keinenr anderen modernen jüdischen Dichter erreicht. Selbst Mendele wird in der Tiefe des psychologischen Blickes von ihm überlroffen. Das Bild, das Mendele vom osteuropäischen Ghetto gezeichnet hat, ist gewiß breiter, umfassender, an Einzelheiten reicher, vielleicht auch plastischer, konkreter. Tiefer gebohrt hat aber zweifelsohne Perez. Weil er der gefühlsstärkere ist. der eiirpfindungsreichere. Mendele ist eben doch noch Maskil, und das heißt Rationalist, der bei allem nach dem Zweck fragt, der mißt, schätzt und wertet; der stets seiner Herr bleibt und sich nie ganz bis zum Selbstvergessen einem Objekte hingibt. Und darum: trotz der genialen Beobachtungskraft, die sich bis auf die allerletzten Nuancenschattierungen eines Menschen erstrttkt, trotz der scharfen Menschenersassung bleibt Poch dem Auge Mendeles wie dem aller derer, die der Welt mir der Vernunft beikommen wollen, ein letztes verschlossen: eben jenes Unsagbare, Undefinierbare, das den tiefsten Untergrund aller Wesen nnd alles Daseins bildet. Mendele ist in seinem ganzen Wesen Epiler; und der Epiker dringt nie bis zu den letzten Tiefen der Tinge vor. Perez ist Lyriker, einer, der die Welt durch das Organ des Gefühls erfaßt, dessen Auge vielleicht weniger scharf sieht, dessen Ahnungsvermögen dafür umso tiefer schürft: einer, der nicht so kraftvoll und mutig ist wie der Epiker, deswegen gerade aber sich selbstvergessen dem Objekte hingeben und es so restlos erfassen kann, gleich dem Weibe, das in seiner bis zur völligen Selbsthingabe sich steigernden Liebe gewiß fähiger ist, den tiefsten Grund des Daseins zu erleben als der stärkere, selbstbewußtere, aber durch die Grenzen seines Ich gefesselte Mann. Perez hat sich völlig der Seele des osteuropäischen Ghettojudentums hiugegcben nnd sie in all ihren Schwingungen erlebt. Wer seine Werke ließ, wird sie dort künstlerisch geformt und geadelt wiederfinden; all das verhaltene Weh, die unendliche Tragik, den nagenden Kummer, das Heldentum des Duldens, die Größe der Selbstbehauptung, die Herrlichkeit der Erinnerung, der Stolz des auserwählten Volkes, die leuchtende Hoffnung der ihres Messias harrenden Nation, all diese Grundelemente der Seele des Gotusjudcu leben in den unsterblichen Skizzen, iu denen dieser große Künstler ihnen unvergänglichen Ausdruck verliehen hat. So ward Perez der größte Historiker des jüdischen Ghettos, derjenige, der nicht seine äußeren . Begebenheiten, seine chronologische Entwicklung, seinen prosaischen Alttag geschildert, sondern sein' seelisches Leben, die Welt seiner Empfindungen dargestellt hat. Das Schönste und Tiefste, das Reinste und Erhabenste, was dieses Ghetto besaß und besitzt, hat in Perez' Werken seinen künstlerisch vollkommensten Ausdruck gefunden. Und zu alledem ward er befähigt kraft'einer Eigenschaft seines Wesens, kraft seiner grenzenlosen Liebe zil diese in osteuropäischen GhettvMden. Nur wer ihn so liebte, wie er es getan, vermochte so rein und restlos seine Seele zu erfassen; denn noch immer gilt das alte, ewige Wort, daß die Liebe die Voraussetzung allen Verstehens, aller Erkenntnis bildet. Dies eben bildet das größte Manko in Mendeles Werk: daß er nicht jene grenzenlose

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.