Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 13 (1915)
- Issue
- Heft 14 (16.4.1915)
- Date
- 1915-04-16
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit- 6 Frankfurter Israelitisches Farmlienblatt. ZK. 14. „Der Bezwinger! Ter Bezwinger!" Bei diesem Geschrei stürzte Josef aus einem halb zusammengestürzten, am Wollmarktplatz gelegenen Hause. Er rannte wie wahnsinnig gegen den nördlichen Stadtteil. Unterdessen gellte Gejammer in seinen Ohren: „Der Bezwinger schlägt die Mauern nieder!" „Der Bezwinger zerstört die Steinblöcke!" „Die Nordmauer berstet!" In Josefs Augen flammte ein sonderbares Feuer auf. In den geöffneten Mund sog er die von Blut- und Leichenfäulnisgeruch durchsättigte Lust ein und lief wie um sein Hell nach der Richtung, woher ein tiefes, schreckliches. Getöse drang. Die Menschenmenge wich vor ihm auseinander, ivic ein von einem Stahlpfell auscinandergetricbener Pfeil, die Soldaten, die innerhalb der Stadtmauer außerhalb der Schußlinie Wache hielten, gaben ihm den Weg frei, er flog an ihnen wie ein Sturm vorüber und stürzte mit slattcrirdeii' Gcwandschößeii aus die Mauer dort, wo der ungeheure Kopf des Bezwingers die Steinblöcke zerbröckelte. Eine Wolke von Steinen, Sperren und Pfeilen verhüllten ihn für euren Moment den Augen der jüdischen Soüurten. Josef erreichte den Mauerrand und heftete die Augen auf die Maschine, ans welcher von Zeit zu Zell unter Kettengerasscl eine schreckliche, eherne, runde Masse sich loslöste und wie ein schwarzer Donner an die, die Stadt verteidigenden Mauersteink prallte. Nach jedem Anprall bog sich Joses herunter, um die Wirkung des „Bezwingers" besser erblicken zu können. Mächtige Lücken in der Mauer Lafftcn ihm entgegen. Josefs Kehle entrang sich ein kurzes, trockenes Lachen.^ In den Augen leuchteten Blitze einer scheußlichen Freude auf. Und da — überströmtcn nie gesehene Tränen sein Gesicht und benetzten die Steine, an welche er seine Stirne preßte. Er. sprang auf die Beine, streckte die Arme nach der Richtung der Römer aus und führte Bewegungen aus, deren Bedeutung niemand hätte enträtseln können. Die jüdischen Soldaten waren ganz starr. Alle glaubten, daß er schon tot sei, und er erhob sich lebend und benahm sich auf den Mauern wie ein Wahnsinniger. Was er rief und was er von den Römern verlangte, das vernahm kein Ohr im wilden Gesurre der Wurfgeschosse unter einem höllischen Kcttengeflirr und dem Dröhnen der Steinbrecher. „Das jüngste Gericht!" entrang sich ein Schrei den bleichen Lippen. Josef fuchtelte mit dem Arme in der Richtung der Römer, als verabschiedete er sich, oder als vertriebe er sie und stürzte wiederum von den Mauern. Er rannte durch die Rechen der Soldaten wie ein Wirbelwind, ohne jedes Geschrei, ohne ein Wort. Nur cm trockenes, schreckliches Lachen entrang sich zeitweise seiner Brust, und die geballte und enrporgestreckte Faust bahnte chn durch die Menschcnknäuel einen Weg. In sein halbzerstörtes Haus auf heni Wollmarktplatze stürzte er mit Flammen in den Augen, mit weißem Schaum auf den Lippen. Er stieß die Flurtür auf und kollerte über die eingestürzten Stiegen in die Kcllcrtiefe. „Drusllla! Drusilla!" schrie er. „Lebst du?" In einem Winkel erscholl eine schmcrzergriffcne weibliche Stimme: «Josef, Du bist cs?" „Ich", rief er und kroch auf den Knien zu der Frau, die auf einer Pritsche lag. Ein schmutziges Zwielicht, das voni Hofe durch eine Mauerritze hineindrang, erhellt mit einem stählernen Scheinen das Gesicht der Kranken. Die großen schwarzen Augen waren der einzige Lebensherd in ihrem von einer tückischen Hungerhitze verbrannten Angesicht. Der Mann bedeckte die hageren Knochen ihrer Handfläche mit Küssen, schob die Hand unter ihr winziges Haupt von wunderschönen Zügen und stammelte zusammenhanglos : „Meine Drusllla! Der Tag der Rache bricht an! für die ganzes Elend, für unser ganzes Unglück schickt Gott Strafe und Sühne!" Die Frau strich mit schweißiger Hand das Haar aus seiner Stirn. „Du, mein arnicr Josef" — flüsterte sic —. „C, wie arm! Warum flicht das Leben so langsam aus mir? Warum quält der Herr Dich uill> mich so erbarmungslos?" _(Schluß folgt.) _ I Offenbaeher Druckluft-Anlage I I Ottenbach a. H. Telefon 123. (Anschluss mit Frankfurt). I I Bewährteste Tcpptchrclnlflong (100,000 qm jährlich) I ■ sowie unQbertroftcne BettenmBettfedernrelnl-l gunp mittelst Druckluft und Wasserdampf. Aus Feldbrteseu. Pesach in Lodz. Nicht, uni mich als Feldpostbriesschrciber humoristischer oder ernster Art öffentlich zu betätigen (es fehlt mir dazu sowohl besondere Mhigkeit als auch Humor), sondern lediglich, um meiner Dankbarkeit. Ausdruck zu verlechen, richte ich diese Zellen an die Oeffcntlichkeit. 9iur wer, wie ich, den ersten Pessach in .der Fremde, fern von allen Lieben, verlebt hat, kann mir nachfühlen, mit welchem Heimweh ich die heiligen Festtage im Lazarett einer fremden Stadt herannahen sah. Ein Gefühl von Verlassenheit beschlich mich, wie ich cs selbstverständlich während meiner sorgsam behüteten Jugcndjahre, aber auch während meiner schon Monate langen Abwesenheit noch nicht empfunden hatte. Umso größer war meine Freude und Dankbarkeit, als ich sah, daß bei Juden niemand berlassen ist. In der Person des Feldpredigcrs Dr. Lcvy erschien.uns ein Tröster in unserer Not. Früher dachte ich immer, Feldprediger sei ein Mann, der im Felde predigt, heute weiß ich, daß er das auch kann, daß er aber außerdem Vater, Freund und Berater der Soldaten in all ihren Nöten ist. Leider durfte ich an den beiden Sederabenden das Lazarett nicht verlassen, um seinen Worten zu lauschen und an der weihevollen Feier teilzunchmen, von der alle Kameraden mit Begeisterung berichteten. Leute, die schon seit Jahren den Zauber der Scdcrnächtc nicht mehr empfunden hatten, waren so ergriffen, daß ihnen die Tränen in den Äugen standen. Sic, die schon verlernt hatten, Pessach zu halten, kanien ganz Jaumtauw nur, um an seinem Pessach, teilzuhabcn. Unser körperliches Wohl lag ihm ebenso am Herzen, wie unser geistiges. Nicht nur in .Lodz waltet Herr Dr. Levp unermüdlich seines Amtes. Man findet ihn oft im Schützengraben, wo er nicht müde wird, die Soldaten zu trösten, aufzurichten und ihnen ihre doppelten Pflichten als Juden und als Deutsche ans Herz zu legen. Seine große Bescheidenheit, die jeden Dank ablehnt, zwingt mich, ihn auf diesem Wege meiner dauernden Dankbarkeit zu versichern. Ich kann diesen Brief nicht schließen, ohne der jüd. Geineinde in Lodz Erwähnung zu tun, die uns Soldaten, rund 30 an der Zahl, ganz Pessach umsonst auf das beste verpflegte. Aköchten doch alle Soldaten solche Annehmer finden, wie wir sie hier gefunden haben, tzkoch besser aber wünsche ich von Herzen, daß bald der Tag erscheine von dem es Jesaja 52, 7 heißt: Ma nowu al hehorim raglei mewaseir maschmija scholauM . (Wie schön sind auf den Bergen die Füße des Boten, der den Frieden verkündet). Daun werden alle, die das Glück haben, nachhause zu kommen, berichten, daß sie nicht nur Schreckliches erlebt haben, sondern auch Herrliches an werktätiger Kiebe. Lazar Jeidel z. Zt. ini Osten. Rußland, 15. 3. 15. Meine Lieben! .. . . Auf dem .Schlachtfeld sah es böse aus. Kor uns lagen verwundete Kameraden, doch konnte ihnen keine Hilfe gebracht werden. Sie lagen zwischen unseren und den feindlichen Schützengräben. Jeder Bersinh, sie zu holen, scheiterte durch das Feuer. Es war ein schrecklicher Anblick, man sah Hände oder Beine heben. Sollten es Winke für uns sein, oder war es infolge der großen Kälte? Einer hatte sich sogar 100 Meter an unseren Graben herangearbeitet, dann blieb er liegen/ Ich war am Flügel, plötzlich stockt mein Atem, zwei zwei Mann arbeiten sich kriechend mit einer Zeltbahn vor. Es ist mein Freund Heinrich Nebenzahl und noch einer. Wle sind wir aufs höchste gespannt. Kaum hatten sie die ersten Verwundeten erreicht, da schlugen schon die Kugeln ein. Er wird ins Bein getroffen und will zurück; doch dessen-nicht genug: noch 5 Bohnen treffen, jede tätlich. Er bleibt liegen, der andere kommt mit einer Verletzung zurück. Im Augenblick ging der Verlust wie ein Schmerzgefühl durch die ganze Kolmpägnie, denn er war bei seinen Kameraden sehr beliebt. Abends holten wir ihn. Sein Grab befindet sich auf einem jüdischen Friedhof, der nur rwch ein Trümmerhaufen von Steinen ist. Hiev ziehen sich Laufschützengräben und Unterstände durch. Stur noch die zerbrochenen Steine erinnern an die einstige heilige Stätte. Ein Schauer geht bei diesen! Anblick durch meinen Körper. s Wenn wir nach hartem. Dienst abgelöst werden, führt urrser Weg am Friedhof vorbei. Hier hört man stets fragen: „Wo .ruht unser lieber Heinrich?" Me Blicke wenden sich zu dem Helden, der als' leuchtendes Beispiel in unserer Kompagnie weiterlebt. Den Russen aber möge der liebe Gott ihre ruchlosen Taten strafen. Selbst Verwundete werden, sobald sie sich noch bewegen, beschossen, was' wir ja schon oft genug gesehen haben. Unteroffizier Mor. Miedzwinski. Bunte Chronik. Der pofitive jüdische Idealismus.*) Bon Dr. med. Ra tu er-Wiesbaden. Man mag über das' Wesen des Judentums noch so viel tüffcln und deuteln, eins steht fest: sein Positivismus und Idealismus. Es ist, ich möchte fast sagen, ein motorischer Idealismus zum Unterschied von sensoriellem oder romantischem, wie wir ihm in der nach mendelsohn'schcn Sturm- und Draugperiode begenen. Dieser Jdealisnius findet am eklatantesten seinen Ausdruck in dem lapidaren Spruch der jüdischen Weisen (Sprüch der Väter): „Ihr sollet nicht sein wie die Knechte, welche dem Herrn dienen des Lohnes wegen, sondern dient ihm ohne btücksicht auf Belohnung und Gottesfurcht beherrsche euch!" Also: tuet das Gute nur um des Guten willen! — Gibt es einen höhere» Idealismus? Man beachte noch das Wörtchen „tun!" Nicht denken, schwärmen, geistreicheln, sondern praktisch betätigen. Hier steckt eben der überall in der jüdischen Lehre hervorleuchtende Positivismus. Keine Kopfhängcrei, keine Grübelei, sondern praktisch das höchste Ideal betätigen. Der Negativismus, der Pessimus eines Schopenhauer paßt nicht in die jüdische Lehre! Sie will die Weltordnung als gegeben, als feststehende Tatsache betrachten— und sich darin.nach Möglichkeit zurechtfinden! Wer praktisch den positiv-jüdischen Jdealisnius kennen lernen will, der nehme getrost die herrlichen, einzigen Bücher: „Chöwüth Halewüwöth", „Menaurath Hamvaur" oder „Jkorim" zur Hand. Auch das mehr *) Anläßlich des Geh.-Rat Eohen'schen Vortrags über „Deutschtum und Judentum" in Wiesbaden am 21., 4. 15. — Brexel-Lichtspiele — Grosse FrJsdbergerstr. 16/20. Tel. Hansa 2181 Ab Samstag, den 17. April d. Js. Monopol: Mit Allein-Erstauffährungsrecht für Frankfurt a. M. de* gewaltigen Sensatlons-u. Detektiv-Schlagers der Gegenwart Das Rätsel der blonden Frau!!! oder: Stärker als Dynamit!21 Ein spannendes Detektivdrama in 4 Akten. Die kochspannende Handlung, die noch nie gezeigte gewaltige Explosion, die aufregenden Verfolgungen und zuletzt die wunderbaren MatutBchQnheiten dieses an der norwegischen Küste aufgenommenen Films stempeln denselben zu, einem ganz hervorragenden Werk. Ausserdem: Das glänzende Beiprogramm u. a. die neuesten Ereignisse von den Kriegsschauplätzen. __ Erstklassiges Künstler- Or ehester. -- » Halern. VeissblndergesehSfl vorm. C. Wissenbaeh Frankfurt a. Zimmerweg 11 Telefon Amt Taunus 416. Auakflnfta über Familienu. Vermögens-1 verhälln,Charakt.,Rus,Borleb., I Mitgift ic an allen Orten d. Erde I beschafft streng diskret und LMg I Weltauikunftei u. Detektiv-Institut | „PhBnix“, Berlin W. 36. und zuverlässigstes Institut. la. Stearinlichte ia. deutsche Kernseife Jos. Hess Allerhsiligenstr. 78. Tel. Hansa 3262. Langestrasse 29. Tel. I 7248. Ausführung sämtl. Maler-u. ScbriftenmalBFBi. Ta ßpfAPAnsAn SSnIMo PrainA Mädchenklub geöffia.allabendl.v.8-10 (auss.Freitag). Abendtisch 15—20 Pf. Unterrichtsstund., Bibliothek,Ausflüge, Unterhaltungsabende, Vorträge. Monatsh^ftrag 50 Pfg. Gut sortiertes Säger in Scbuhraaren Reparaturen und Maßarbeiten. Louis Bär Overmaiu-Aulage 20 Teles. Römer 4875. Samstags streng geschloffen. Rnfhcrhild Schillerstr.16 Innonilol/nntinn MvUltUdvAUIU EnlH baut der Biante. limdllull ^74 4682810233