Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 13 (1915)
- Issue
- Heft 14 (16.4.1915)
- Date
- 1915-04-16
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14. Seite 2. göttlichen Namsens) bedeutet, das findet der Deutsche in der Idee der Pflicht. Das gewaltige Wort der Thora: „Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin ich, euer Gott!" und die erhabene Lehre Kants von der Heiligkeit des Menschen, der in seiner Person die Menschheit repräsentiert, sind sicherlich, durch tiefe Differenzen inr metaphysischen. Ausgangspunkt und in der Begründung geschieden, treffen sich aber in dem! 'Wesentlichen: der Erhebung des Menschen und des Mcnschendaseins über alle irdische Naturgegebenheit der Kreatur in eine höhere Sphäre sittlicher Werte und religiöser Helligkeit. Ich» könnte ohne besondere Muhe ein gleiches an in manchen anderen jtt dieses Gebiet fallenden Lehren des Judentums und der deutschen Philosophie zeigen, aber Sie werden, meine Freundin, mich wohl genügend Verstands haben, um das Wesentliche zu erkennen: daß bei allen tiefen Differenzen und Kontrasten doch die Grundlage der Lebensauffassung: die Akzentuierung des Ethischen, die Heraushebung des Daseins über das Reich der Materie, der Kausalität hinaus in die Welt des Geistes, der Freiheit, des Ethos, kurzum: der Auffassung des Lebens als eurer sittlichen Aufgabe, als einer Mission dem Deutschtum wie dem Judentum gemeinsam ist. Ties war es, was unser Jeschiwohböchur in seiner instinkttven Ahnungstiefe züm Ausdruck gebracht hat. Ws er Schillers „Räuber" las, glaubte er, ein Buch der Propheten zu lesen; well eben in beiden Werken diese besondere Lebensauffassung die GruMage, den belebendm Odem', bildet, weil sowohl Schülers „Ziäuber" als auch, Jesaias' Donnerworte an das Leben Mit dem Postulat des Sollens, mit der Idee der zu erfüllenden Aufgabe, mit dem Gedanken der zu beobachtenden sittlichen Norm .herantreten. Daher bei beiden der gewalttge Pathos des Fordernder:, die wuchtige Rücksichtslosigkeit des Revoluttonärs, der flammende Ethos des Mahners. Es versteht sich von selbst, daß! eine solche in die ttefften Tiefen greifende Verwandtschaft Mannigfache bedeutsame Folgen hat; und ich bin überzeugt. Meine Fremrdin, daß Sie mit dem scharf sehenden Blick, dem. rief . schürfenden Sinn der Frau die wichtigsten dieser Folgen bereits ahnend erkennen. Sie werden es mir nichtsdestoweniger gestatten, in meinem nächsten Briefe zu versuchen, die bedeutsamsten dieser sekundären Wesensähnlichkeiten, die Deutschtum und Judentum verbinden, in den präzisen Worten männlicher Logik darzustcllen. kl. —n. Die exakte Wiffenschaft. Eine unuissenschastliche Bettachtung von H. C., Nürnberg. Es nüre Zell, eine Umwertung vieler Werte in der Wissenschaft im Nietzsche'schen Sinne vorzunehmen. Vor allem mit dem Namen. Wissenschaft ist die Lehre von dem', was wir wirklich wissen. Ter Bestand der Naturwissenschaften besteht aber zu neun Zehnteln aus unbewiesenen Theorien urrd Glaubenssätzen, Und wie wenig haltbar sind diese. So ist beispielsweise erst jüngst ein wichttger oder besser der wichttgste Glaubenssatz von der „Ewigkeit der Materie und deren Atome" zusammengebrochen, nachdem das Radium betviesen hat, daß auch die elemerttaren Atome in Elektrons zerfallen und letztere eigenllich nur konzentrierte Krastzentteir sind. Bis jetzt besteht noch der Glaubenssatz von der Ewigkeit der blinden Kräfte, welche nach! ewigen, unveränderlichen Gesetzen den Kosmos, wie er uns erscheint, geschaffen haben sollen. Wir wiffen oder glauben zu wissen, daß das Universum, seit unzähligen Jahrbillionen besteht und anscheinend durch, die von der Wissenschaft angenommenen Kräfte, wie Anziehungskraft, Zentrifugalkraft usw., gelenkt wird. Wenigstens kaffen sich die meist«: Phänomena des Universums einwandfrei nach diesen angenommenen Gesetzen erklären. Aber ist damit die Ewigkeit dieser Gesetze bewiesen? Durchaus nicht. Die Wissenschaft hat Grund zur Amrahme, daß' das Universum, resp. einzelne Teile desselben, tausende Billionen von Jchren brauchte, um..sich, von einem Urnebel W Fixsternen oder Planeten wie die Erde im jetzigen Zustande zu entwickeln. Setzen wir nun statt tausend« Blllionen tausende Trillionen von Jahren, Frankfurter Jsraelittsches FamllienLlatt. das wäre weiter zurück in der Vergangenheit, als die kühnste Phantasie Entwicklungszeit für das Universum beanspruchen könnte. Und auch dieser unfaßbare Zeittaum wäre doch nicht mehr als eine Sekunde gegen die Ewigkeit. Können wir nun Kräften, die sich, wenn unsere Annahme derselben überhaupt stimmt, für unsere Erfahrung eine 'Ewigkellssekunde bewährt haben, als absolut ewig betrachten'? Stellen wir uns vor, daß eine verstandbegabte Amöbe, Bakterie oder Noctaluca (die das Meeresleuchten verursacht) sich in einem Eisenbahnzuge befände, der ununterbrochen 5—6 Tage fährt, um von New York nach San Francisco zu gelangen. Diese mikroskopisch einzelligen Lebewesen vermehren sich durch einfache Teilung so schnell, daß eine einzige in einigen Tagen tausende Generationen hervorbringt. Wäre es da nicht selbstverständlich, wenn die hundertste oder fünfhundertste Generation ihren Aufenthaltsort, den Eisenbahnzug, als eine Welt, die sich „ewig" nach derselben Richtung in gleichem Tempo weiterbewegt, bettachten würde? Denn unzählige vorhergegangene Generationen habet: diese Beobachtung gemacht, und wahrscheinlich können 'noch unzählige nachfolgende Gencrattoncn diese Beobacht tung bestättgen. Außerdem würden diese Einzeller an etwa parallellaufend«: andern Eisenbahnzügen das „Gesetz" der gradlinigen „ewigen" Bewegung bestättgt finden. Diese Analogie zeigt, daß die Berechnungen . tausender Generationen, relativ betrachtet, noch keine Gewähr für wirkliche Ewigkeit beobachteter Gesetze sind.*) Ueberhaupt ist es so eine eigene Sach« mit den blinden Naturkräften, auch abgesehen von der Ewigkeit oder Nichtewigkeit derselben. Blinde Kräfte, d. h. iMelligenzlose oder solche ohne Bewußtsein, welche durch gesetzmäßiges Wirken das ganze Universum n:it allen darin enthaltenen Lebewesen aufgebaut haben sollen und dasselbe forterhalten, sind für den logisch dentdnden Verstand' zwei sich gegenseitig außschließende Gegensätze. Von welcher Seite man auch diese Begriffe bettachten :nöge, man kann nicht darüber hinwegkomnren, daß Wern: „blinde Kräfte" gesetzmäßig handeln, dieselben durchirgend, etwas gezwungen sind, nach Gesetzen zu wirken. Und nicht nur im großer: Weltenaufbau wirken die Kräfte gesetzmäßig, sondern wir könnn: ihr planmäßiges Wirken auch im allerkleinsten, organischen und unorgamschen, beobachten. Eine Schneeflocke z. B„ die nichts anderes ist als ein in fest«: Zustand übergegangener Regentropfen, fällt nicht als formloses Klümpchen, sonder:: als wunderbar geformter sechseckiger Stern zur Erde. Wodurch nun werden die „blinden Kräfte" gezwungen, gesetzmrd planmäßige Arbeit zu verrichten? Wenn ein kunstvoller Bau, etwa ein Opernhaus, errichtet ist mit seinen festen Mauern, seiner künstlerischen Ausschmückung, mit der genau berechneten Akustik; wird da irgend jemand glauben, daß die personifizierten „blinden Kräfte" wie Ziegelttägcr, Maurer, Vergolder, Tapezierer usw. durch zufälliges Zusammenarbeiten das herrliche Gebäude errichtet haben? Ist nicht vielmehr jeder überzeugt, daß in all diesen „blinden Arbeitskräften" ein von außerhalb derselben kommender Zwang — der Befehl des Architekten — wirkte, welcher die einzelnen intelligenzilos arbeitenden Kräfte dazu brachte, ein planvolles Ganze herzustellen? Ein Arbeiter schaufelte die Erde für das Fundament aus, ein zweiter legte Ziegel auf Ziegel, ein dritter machte Stückornamente, — alle diese arbeiteten, ohne eine Idee zu haben, wie . das Vollendete aussehen würde, ja wahr- *) Friedrich Nietsche sagt in seinem Werke:, „Ter Wille znr Macht", 3. Brich § 552 in Bezug auf Cansalität des Wirkens der Natnrkräfte: „Daraus, daß Etwas regelmäßig erfolgt und berechenbar erfolgt, ergiebt sich nicht, daß es notwendig erfolgt.Daß ein Quantum Kraft sich in jedem bestimmten Falle auf eine einzige Art und Weise bestimmt und benimmt, macht es nicht zum „unfreien Willen". Die „mechanische Notwendigkeit ist kein Tatbestand: wir erst haben sie in das Geschehen hineininterpretiert. Wir haben die Formulierbarkell des Geschehens ausgedeutet als Folge einer über dem Geschehen waltenden Necessität. Aber daraus, daß ich etwas Bestimmtes tue, folgt keineswegs, daß ich ' es ' gezwungen tue." Und Nietsche kommt zu dem Schlüsse: „Die Notwendigkeit (bei. den sogenannten Naturgesetzen) ist kein Tatbestand, sondern eine Interpretation." Die Ansichten dieses großen' Denkers' decken sich also fast genau mit meiner Auffassung von der Nichtewigkeit der sogenannten Natnrkräfte. Nr. 14 I Z«r scheinlich ohne Idee, was für ein Gebäude baj| gäbe, und was Akustik bedeutet! Um nun zu den sogenannten Naturkräftcnl zurückzukehren, scheint da nicht auchdie Fragc berechtigt: Woher korrupt der Zwang, daß die „blinden Kräfte" planvolle Arbeiten Hervorbringen; mit einem Wort: Was oder wer ist die „Power! behind the throne"? Diese Frage wäre ja uns nötig, we:m die „exakte Wissenschaft" und ihn Vertreter sich entschließen könnten, anstatt der a> innerm Widerspruch krankenden „blinden Kräfte' eine bewußt schaffende „Kraft" .(Schöpfer) anzuneh men. Wer davor fürchten sich die Vertreter der „Wissenschaft" wie vor dem' Feuer. Ich denke mit Unrecht. An Kräfte, deren Ursprung sie nicht erklären können, glauben sic auch. Anstatt mtu| aber dieser unbegreiflich«: Kraft, „bewußten Willen" zur planvoll«: Gestaltung des Kosmos zuzuerkennen, schreiben sie lieber die wunderbare Gesetze, welche letzteren geschaffen und erhält, bei „unbewußten Kraft" zu. Logischist das nichts vielleicht aber fürchten sie sich, die Intelligenz einer „bewußten Kraft" anzuerkennen, da sie dam zugestehen müßten, daß es noch eine höhere Intelligenz gibt, als ihre eigene. Ter rer M a h len in G „Unser L Unse ieltereig ,wünsch er ^oenigsten lic galili selbst Br, fast keim eltmark ,raucht, mter de laben — schränkten ie§ Natic hawjah fanden. Die rrcibe u: ins Galt tegierun [aber zu kürze a aliliäa Die galizische« Flüchtlinge in llngaru.ff""'^^ Die Budapester „Allg. IM Ztg." berichtcH^ Swc recht eigenartige Tinge. |einen „ Als in Budapest an: Vortage des KeffachfestcMxNx. U1 galizische Flüchtlinge ihre Pessacheinkäufe machtcii^sxsL wurde:: sie verhaftet, da sie verdächtig feien,K,jnc „Lebensmittel zusammenzukaufen, um sie teure« « wieder zu verkaufen". Es genügte der Ankauf vm!,Mohnt 50 Eiern oder von zwei kleinen Fischen, um dic^x Wer' Pessachtage hinter Schloß und Riegel zu ver-I ^ie bringen. Adolf Frankl, der Präsident der ortho-I^.^^ boxen Landeskanzlei, wandte sich sofort an bitljctiiac: i Behörde, erreichte aber nichts. Es entstand uiitciD,^^ j den Flüchtlingen eine solche Bestürzung, daß sie siil^ Ln nicht auf die Straße wagten. luratte? Einen noch traurigeren Pessach hatte cin<K,cqUetrt' Gruppe von 300 Flüchtlingen, die von GroßMi-L^ |n dein nach Ungar.-Hradisch verschickt wurde. ~iflanbercTt Armen mußten die beiden ersten Pessachtage iwI Wie Eisenbahnwagen, ohne Pessachverköstigung, PI )agan:a bringen. |ann,elt Am Vortage des Pcssachfestes durchfuhr ' Budapester Hauptbahnhof ein Zug mit 600 Flücht-!„^;'r-^„ siirrgen, die gleichfalls aus Ungarn abgeschobc»!,^^, c^. wurden. Diese konnten wenigstens vom Budapestnl^rkehr jüdischen Hilfskomitee mit Maz-zes und Wurst ver-!.-^. sorgt werden. |iT/b bie Am 8. April rnorgens wurden etwa 200 Flücht-lch^t^x^ linge, die irr einer Konservenfabrik Arbeit gesrur->^bbn den hatten, vor dem Fabrikgebäude verhaftet) »"litinben abgeschoben zu werden. * |ben Die Beurteilung dieser Vorgänge läßt sich nmI^n^Ggi dahin zusammenfassen, daß sie einerseits in bein|gaqe a: ererbten Judenhaß, andererseits in däm Bewußt-! ° sein von der staatsrechtlichen Hilfslosigkeit &“|«aqe Juden ihren Ursprung haben. Trotz des höchsten! b Patriotismus und der größten Tapferkeit bcrl,,^ rc Juden hat der Judenhaß, Antisemitismus O6*! qeöfrfnet nannt, sich nicht gemildert, und ihre politisch! inf Lage ist eine fo schwache geblieben, daß eiul ' Hamar: in irgend..einer ministeriellen Abieilrmgl schon genügen würde, das Schicksal von Zehn-I tausenden von ihnen ^rach seinem Belieben zu bc-I stimmen. Freilich nicht ganz schuldlos werden auch! Regi die ungarischen Juden sein, die nicht mit der 'nötigen! gierungs. Tatkraft die Interessen ihrer Brüder.wahrgenommeulk"'^ ch haben. lOrgan Rein äußerlich liegt all diesen Vorgängen diclvon j ü Erllärung der österreichischen an die ungarischeiPropa Regierung zu Grunde, daß sie für die Flüchtling« "^r^ben in Niährerp Böhmen usw. Baracken geschaffen fjat|nienmg und nun für ihren Unterhalt in Ungarn, nicht! nötig be mehr eine Beihilfe zahlt. Wer auch das, was die öfter:,! scmeindc Regierung den Flüchtlingen bietet, ist, bei Licht j trachtet, keine soziale, Landeskindern würdige Maß! den Ab, nähme. Be: Bauernfamllien oder in Baracken, di» sonst eö in einem einzigen Raume 30—40 Menschen -|tct lief« Männern, Frauen, Kindern — Unterkunft 'gewähl^°^ebra ren, werden sie untergebracht. Von rituellen Ver-I j„ Den pflegungsmöglichkeiten u. dgl. keine Spur!! gelegt \\