Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 13 (1915)
- Issue
- Heft 14 (16.4.1915)
- Date
- 1915-04-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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13 ♦ I ♦ llichen ärang 'rauen, e dem iraten. äelan oder r,Lüll, eweben »essen, ische zu chine. »Inixen sLmtl. roden. > nach urta.H. lstr. 41. 7. aS107. a2948. . Georg 17. :SBtoe., . Roux, Munck, Ji ,teur m 4251 SW d I 86 9. Fäscheu. 8er, Bn und “Wm Erscheint wöchentlich am Freitag. KeESpreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert 90 Pfg., frei ins HauS 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1.50, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— Einzel»Nummern kosten 10 Pfg. Redaktion und Expedition: Frankfurt a. M. rr Langrstr. 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903. Heransgevev: Kats cheis. - - Jusrrtiansprris für die fünfgespaltene Petitzeile 25 Pfg., für die Reklamezeile Mk. 1.—. Ber Wiederholungen entsprechender Rabatt. Etellen-Avgebote und -Gesuche, Wohnungsinserate, Heirats - Annoncen 15 Pfg. die sechsgespaltene Petitzeile ohne jede» Rabatt. 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Zudem, in diesen Tagen, da das Band, das uns deutsche Juden an das deutsche Volk bindet, eine so herrliche Probe seiner inneren Kraft. gegeben und cs in dieser Erprobung selbst nur stärker geworden ist, in diesen Tagen besitzt dieses Problem seine besondere Aktualität und reiht sich in den großen Kreis der Fragen ein, die dieser Krieg uns Juden — wie allen anderen — zu lösen aufgegeben hat. Deutschtum und Judentum! Wie viel ist doch schon unter uns deutschen Juden über dies TheMa gesprochen und wie wenig gesagt worden. Wenn man eine Tabelle der im letzten Jahrzehnte in den jüdischen Vereinen Deutschlands gehaltenen Vorträge aufstellcn würde, der Vortrag „Deutschtum und Judentum" würde zweifellos an erster Stelle stehen. Zumal in den letzten Jahren, seitdem das Problem Zu. einem Schlagwort antizionistischer PoleMik geworden ist, bildete es das ständige TheMa, über das allabendlich in irgend einer Stadt Deutschlands Zionisten und Antizionisten sich in den Haaren lagen. Etwas Wesentliches gesagt wurde naturgemäß in all diesen Debatten und Polemiken nicht. Es war dies auch schlechterdings unmöglich, t a das Problem meist falsch verstanden und die Frage stets schief gestellt war. Die apologetische Manie, die seit, langer Zeit das gesamte Denken der deutschen Jüdenheit in jüdischen Dingen unfruchtbar macht, feierte in der Betrachtungsweise dieser Frage ihre höchsten Triumphe. Sie wissen ja zur Genüge, meine Freundin, wie diese Betrachtungsweise aussah. Wenn. ein Redner das TheMa: „Deutschtum und Judentum" ankündigte, so war cs ihm wie dem Publikum von vornherein klar und selbstverständlich, welche These sein Vortrag erörtern sollte: die nämlich, daß wir gute Juden und gute Deutsche sein Müßten, sein könnten und sein wollten; und es handelte sich stets nur darum, mit mehr oder minder starkem Pathos und mehr oder minder hohlen Banalitäten diese bedeutungslose, weil ganz selbstverständliche Phrase nochmals zu beweisen; war dann diese positive Selbstverständlichkeit erledigt, dann begann die Polemik darüber, ob Man auch guter Zionist sein und dabei guter Deutscher bleiben könne. Und über all dieser nutzlosen Beteuerung alter Plattheiten und dem unfruchtbaren Streit über Parteischlagworte trat das eigentliche große und tiefe Problem ganz in den Hintergrunds, - das Problem, worin denn nun in WahrheiüWx . 'Zusammenhang von Deutschtum und JudentiEL^Wt.'" ' - . ... . hiefeS' Problem soll im folgenden^.mdinW Keünöin^ erörtert - merdrm(,-ZWi von aller ^Äiologetischen oder gar parteiagitätorl< schen Tendenz (frage ich: Welcher Art ist das Ver- HÄtnis von Deutschtum und Judentum, wobei ich diese beiden Begriffe nicht als den .Ausdruck nationaler oder religiöser Zugehörigkeit zu irgend irgend einem Kollektivum, sondern als zwei große Kultursysteiwc, als zwei Weltanschauungen fasse. Beginnen wir ganz von vorne: Besteht denn in dem Sinne, in dem wir das Problem auswerfen, überhaupt ein besonderer Zusammenhang zwischen DeutfchtuM und Judentum? Um uns darüber klar zu werden, müssen wir unseren Blick über die Grenzen Deutschlands hinausschweifen lassen; denn daß die deutschen Juden in sich Judentum und Deutschtum vereinen, ist nur zu natürlich und durch ihre Lebensverhältnisse inmitten des großen deutschen Volkes bedingt, als daß man daraus auf einen besonderen Zusammenhang der beiden Kulturen schließen dürfte,, der stärker und inniger wäre, als jener, der etwa zwischen Judentum und Franzosentum oder Engländertum besteht. Allein auch die oberflächlichste Kenntnis desjenigen Teiles des europäischen Judentums, der allein noch einigernraßen von dem entstellenden Einfluß der Assimilation verschont geblieben ist, der osteuropäischen Jüdenheit, lehrt, daß ein solch besonderer Zusammenhang vorhanden ist. Für den osteuropäischen Juden ist meist das Deutschtum der Vertreter der ntoderucn Kultur. An der Hand der deutschen Literatur macht er seine Emanzipation durch. Tie Bücher, die der aufgellärte Jeschiwohbochur unter seinen TalMudsolianten versteckt hält, um in unbeobachteten Stunden sich an ihnen zu berauschen, cs sind meist Dramen von Schiller und Lessing, Gedichte von Goethe und Heine. Wenn er sodann sich in die Abgründe der Metaphysik versenkt, so sind Kant und Hegel, Leipniz und .Schopenhauer seine Führer; wird er Materialist, so schwört er auf Büchner und Hackel, empört er sich zuM schrankenlosen Individualisten, so leitet ihn der Genius Nietzsches, und weiht er sich dem Klassenkampf, dann sind seine Propheten Marx und Engels, Kautsky und Bernstein. Die gesamte moderne hebräische und jiddische Literatur steht vorwiegend unter dem Einfluß des deutschen Geistes. Dagegen ist die englische und französische Kultur dem osteuropäischen Judentum bis vor kurzem recht eigentlich fremd geblieben. Diese Erscheinungen deuten auf einen tieferen Zusammenhang hin. Der Zufall der geographischen Nähe und der sprachlichen Verwandtschaft durch den Jargon genügt nicht, um diese Hinneigung des osteuropäischen Juden zur deutschen Kultur zu erklären. Wer je einmal den Entwicklungsgang eines Jünglings aus dem osteuropäischen Ghetto zur westeuropäischen Kultur verfolgt hat, weiß, daß die Lektüre Lessings und Schillers ihm nicht nur den Reiz der neuen, fremden Welt, sondern jene tiefe Befriedigung, jene heilige Begeisterung gab, die wir nur aus uns wesensverwandten Quellen zu schöpfen vermögen. Worin beruht diese Wesensverwandtschaft? Sie erinnern sich noch, Meine Freundin, gewiß jenes blassen, hohlwangigen Studenten, mit dem wir vor wenigen Jahren so manche inhaltreiche Stunden des Gesprächs und Gedankenaustausches verbracht haben und der uns an einem lauen Frühlingsabend erzählt hat, wie er aus der Jeschiwoh sich herausgerissen hat und nach. Königsberg entflohen ist, um seinen Durst nach moderner Bildung zu stillen. Er schilderte uns in ergreifender Weise, wie er sein erstes deutsches Buch las: es war Schillers „Räuber"; „Merkwürdig" — erzählte er — „als ich es las, empfand ich gar nicht die Neuheit der Welt, die ich betrat, die Kluft, die sie von der Welt, in der ich bislang lebte, trennte; mir schien es vielmehr, als lese ich wieder einmal ein Buch der Propheten." Sie waren ob dieser Bemerkung erstaunt; ich bewunderte dagegen den instinktiven Tiefblick des Jeschiwohbochurs. Denn in feinen schlichten Worten hatte er unbewußt den tiefsten Grund des inneren Zusammenhangs von Deutschtum und Judentum berührt. Ihm schien es, als lese er in Schillers „Räuber" ein Buch der Propheten. Das ist es eben. Zwischen den größten klassischen Werken der deutschen Kultur und den Morten und Ideen unserer Propheten besteht eine innere Verwandtschaft; wenn wir sie erfassen, erkennen wir das stärkste Band, das uns Juden mit dem Deutschtum verbindet. Diese Verwandtschaft betrifft das Tiefste, was einen Menschen und ein Volk charakterisiert: seine Lebensauffassung. An der Art und Meise, in der jemand das Leben auffaßt, in der er das größte und tiefste aller Probleme des Menschenlebens, die Stellungnahme zum Dasein, löst, erhält seine Wesensart ihren höchsten und treffendsten Ausdruck. Es gibt zahllose Arten solcher Stellungnahme zum Dasein, wie es zahllose Arten menschlichen Wesens gibt. Als Spiel oder Ernstals Lust- oder Trauerspiel, als Sinnlosigkeit oder höchstes Kunstwerk, als Genußquelle oder Mühsal, all diese und unzählige andere Arten der Lebensauffassung gibt es. lins Juden ist nun Mit dleM deutschen Geiste dies gemein: das Leben als eine Aufgabe, als Beruf, als Mission zu betrachten, die uns von einer höheren Macht auferlegt ist und die. wir gehorchend, verehrend, bewundernd zu erfiillen haben. Daß das Judentum 'diese Art der Lebensauffassung Verkünder, braucht Juden nicht erst bewiesen zu werderr. Das ganze Leben eines jeden einzelnen — lehrt die Thora — sei nur eine ununterbrochene Heiligung des göttlichen Namens. Nicht zur willkürlichen Verwendung und Ausnutzung, nicht zur eigenlvilligen Selbstformung ist' uns das Leben gegeben, sondern zur Erfüllung der von Gott gestellten Aufgaben; die Beobachtung der religiös-sittlichen Normen gibt erst denr Leben seinen Sinn und Inhalt. Ob Propheten oder die Lehrer der Mischnah, ob Amoriten oder Gaonim, ob Religionsphilosophen oder Kabbalisten, ob Misnagdim oder Chassidim, ob Fromme oder „MaskiliM" (Aufklärer), alle großen Vertreter jüdischen Geistes, welcher Richtung oder ZeitströMung innerhalb des Judentums sie auch angehörten, in dieser Art der Lebensbetrachtung sind sie alle einig. Die Meinungsdifferenzen und Streitigkeiten betreffen stets nur die Ausgestaltung und dogmatische Formulierung dieser Grundlehre, in der Idee selbst stimmen alle überein. Und nun ist es nicht minder Kar und leicht erkennbar, daß diese Lebensauffassung auch die typisch deutsche Art der Stellungnahme zum Leben darstellt. Eckehard und Jacob Böhme, Leibniz und Kant, Goethe und Schiller, Lessing und Herder, BisMarck und welch anderen großen typischen Repräsentanten deutschen Geistes Man auch wählen, möge, sie alle haben ihr Leben und Lehren auf dieser Lebensauffassung gegründet. Es herrschen in einzelnen, in der Form der Gestaltung und Ausbildung des Gedankens, naturgemäß tiefreichendc Unterschiedlichkeiten, ja Gegensätzlichkeiten zwischen der Grundlehre des Judentums und der Grundlage der deutschen Weltanschauung. Aber im tiefsten Wesen sind beide verwandt. Was uns der Begriff der „Kiddusch haschein" (die Heiligung des