Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 13 (1915)
- Issue
- Heft 13 (9.4.1915)
- Date
- 1915-04-09
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Oberapotheker Siegfried Wollenberg (Gnefeii), Sanitätsrat Dr. Leo S i l b e r st c i n , Garnisonarzt Dr. A r t l> n r M eyer, Oberarzt Dr. Gustav E in a n u e l, Sanitätsrat Dr. Ludwig Hahn, Rechtsanwalt Dr. Frist S i in o n, Feldrabbincr Dr. Arthur Lev y, Schwiegersohn des verstorbenen Geheimen Regierungsrats Pro- ,'cssor Jacob Barth, Oberarzt Dr. Erwin Freund, Augenarzt Ifakowitz, Tierarzt Dr. Ludwig Simon, Zivilingenieur Ernst Neuberg, Stabsarzt Dr. Siegfried Rosenberg, Gefreiter Oskar Locwenthal, Unteroffizier Rabbinatskandidat Dr. Siegfried Klei», Offizicrstellvcrtreter Aeora Lachs, Lizeseldwcbcl Kurt H i r s ch f e l d, Spezialarzt Dr. Raphael, Oberarzt Dr. Erich .S e l i g m a n n, Arzt Dr. Hugo Kann, Biziwachtnieister Leopold Neuberg, Felduntcrarzt Martin M e y e r, Sohn des Justizrat Georg Meyer, Unterarzt Leo Lauter, Osfizierstellvertreter Karl Hauser, Unterarzt Werner S o l m i st, Frauenarzt Dr. Georg Käst, der Beamte eines Kriegsgerichts Dr. Otto Schneider, Sohn des Juftizrats Dr. Victor Schneider erhielten das Eiserne Kreuz. _ Personalien «. Kleine Mitteilungen. Offenbach a. M. Rabbiner Dr. Goldscbmidt feierte am 1. dlpril sein 22 jähriges O r t s j u b i - säum. Die Gemeinde überreichte ein Ehrengeschenk. Freitag abend fand Festgottesdienst statt. Sellstein (Heffen-Nassau). Im Rothschild'schen Hospital, Frankfurt a. M., wo er Heilung von seinen Leiden suchte, verstarb am 1. ds. Mts. der Vorsitzende unserer Gemeinde, Simon Moritz, im Alter von 67 Jahren. Die Beerdigung fand am 2. ds. Mts. auf unserem Begräbnisplatz Birstein in Anwesenheit des Bezirksrabbiners, Dr. Bambergcr--Hanau, statt. Simon Moritz stand niehr als 20 Jahre an der Spitze unserer Gemeinde und ist in diesem Amte seinem verstorbenen Vater Moses Moritz, der der Gemeinde ebenfalls mehrere Jahrzehnte präsidierte, gefolgt, sodaß die Leitung unserer Gemeinde seit einem halben Jahrhundert von den Sprossen einer Familie geführt wird. Wie sein seliger Vater so war auchj Simon Moritz ein wahrhaft frommer, aufrichtig religiöser Mann, der auch alle seine Kinder getreu den Traditionen der Väter erzog. Ausgezeichnet mit den besten Gaben des Geistes und Herzens war er nicht unr formell, sondern auch in der Tat der „Erste der Gemeinde." Auch bei allen Andersgläubigen erfreute er sich des größten Ansehens und war Schiedsmann der politischen Gemeinde. Simon Moritz war Veteran des Krieges 1870/71, an dem er als Unteroffizier teilnahm. Er hat mehrere Schlachten nntgemacht, gehörte dann zur Belagerungstruppe von Paris, um schließlich mit der siegreichen r Armee in Paris einzuziehen. Ein Sohn von ihm nimmt f bei der Garde an dem jetzigen Kriege teil. * Paris. Moise Stern, einer der bedeutendsten Graveure Frankreichs, ist — 89 Jahre alt — verschieden. f Zürich. Reub en Beckermann, der in Russisch- Polen weitbekannte Philantrop, ist — 85 Jahre alt — verschieden. ' Mit ihm sank eine der edelsten Menschheitsfrüchte in den Staub. Mehr als sein goldener Reichtum strahlte sein goldenes Herz, das ohne Unterschied für alle Menschen gleich warm schlug. In seinem Heimatsort, der Gouvernementsstadt Radom, gründete er ein mit allem modernen Komfort eingerichtetes Bersorgungshaus für alte Leute. Er durfte sich des stolzedlen Wortes rühmen, in seinem Leben nieinandem Unrecht getan und zeitlebens keinen Mißgönncr gehabt zu Haben. Bon Jud und Christ wurde er mit gleicher Liebe und Verehrung überall freudig begrüßt. Gar oft kam sein hoher Einfluß seinen Glaubensgenossen in Polen zu Gute. London. Nathanael Mayer Lord Rothschild — geboren am 8. November 1840 — ist bet« > schieden. Er übte großzügige Wohltätigkeit, stand viele Jahre an der Spitze der Londoner jüd. Gemeinde und war Präsident des englischen Roten Kreuzes. Er galt als Führer der englischen Judenheit und hat oft auch lebendiges Interesse für die Not der Juden in fremden Ländern bewiesen. Wie». Kaiser!. Rat Jonas Weil ist plötzlich verschieden. Er hatte ein gutes jüdisches Herz und sympatisierte mit der zionistischen Bewegung. Prag. In der soeben erschienenen ersten Nummer der neuen' Zeitschrift „Prager Jüd. Ztg." lesen wir: Nach Schluß des Blattes kommt uns aus Frankfurt eine erschütternde Nachricht zu: Siegfried Pick ist nicht mehr. Wir können es kaum fassen, daß dieser tatkräftige, aufopferungsvolle Freund uns so jäh in der Blüte seiner Jugend entrissen wurde. Siegfried Pick war einer jener wenigen jungen Juden in Westeuropa, die eine tiefe Intelligenz, großes Wissen, Tatkraft und Energie mit einer heißen Liebe zum Ostjudcntume und zu allem was jüdisch ist in sich vereinigen. Siegfried Pick war Organisator und Leiter des Bermißtendienstes, den er energisch in Prag zu einer solchen Höhe brachte, daß das Prager Bersorgungskomitee in die Lüge kam, nicht nur in Prag diesen Dienst zu versehen; hunderte jüdische Flüchtlingsfamilien im übrigen Oesterreich verdanken Pick ihre Wiedervereinigung. Hunderte .Kinder haben Dank Picks unermüdlichem Suchen und Forschen ihre Eltern wiedergefunden. Möge das seinen schwer betrosfenen Eltern eine» kleinen Trost bieten. Karlin «Rußland). Ein überragender Gaon. , der als „Boki" (Vielwissers mit Recht „chad bedore" (einzig in seinem Zeitalter) genannt werden darf, ist dahingegängen: Rabbi David Karliuer ist nicht mehr da! Fvarckfurter JsraelMchys FanÄienhlLÜ. Was Rabbi.' Davids t&ir, seine unermeßliche Bedeutung als „Posek" (Rechtslehrer), das 'sagt sein grandioses Werk „Piske halocho." In diesem Werk zeigt er sich als „Rischon" (einer der größten von einst). Aber nicht nnr mit seinem Wissen gleicht er den einstigen Gaonim, sondern auch mit seinem schlichten, graden und offenen Charakter, dem nur die Wahrheit und das Wohl des Judentums in allen seinen Handlungen maßgebend waren. Deshalb auch war er einer der ersten beim Zionismus und dem ersten Zionisten- Kongresse zu Kattowitz wohnte er bei. Rabbi David erreichte ein Alter von 80 Jahren. Sein Andenken wird für alle Zeit währen. Frankfurter Berichte. „Moutefiore"-Verein. Der „Moutefiore" beginnt seine Sommertätigkeit am Samstag, den 10. April, Nachmittags 4Vs Uhr mit einer gemütlichen Zusammenkunft, bei der Rabb. Dr. I. Horovitz eine Ansprache halten wird. Der 1. Vortragsabend wird am Dienstag den 13. April mit einem Lichtbildervortrag über Konftantinopel und feine Baudenkmäler, gehalten von berufener Seite, stattfinden. Die 1. Wanderung ist Sonntag den 11. April, ab 7 Uhr Hauptbahnhok nach .Schlangenbad. Der Arbeitsplan bringt außerdem noch eine Reihe von Schiurim, fremdsprachlichen und kaufmännischen Lehrknrfen, Führungen, Militär-Borbereitungskurs, Bibliothek usw. Jüd. Turnverein. Wie wir seit Beginn des Krieges schon wiederholt an dieser Stelle mitteilten, konnten wir, trotzdem der weitaus größte Teil unserer Turner ins Feld einberufen wurde, .unseren Turubetrieb in vollem Maße aufrechterhalten. — Es erscheint uns Daheimgebliebenen eine Ehrenpflicht, die wir sowohl dem deutschen Vaterland, als auch uns selbst schuldig sind, alle Kräfte einzusetzen, das Werk der jüdischen Regenerationsbestrebung, die in der jüdischen Turnerschaft verkörpert ist, in dieser schweren Zeit zu wahren und fortzuführen.— Die gegenwärtige internationale Krise setzt zwar die einzelnen Vereine sowie die Gesamtorganisation auf eine schwere Probe, da durch den Krieg Turnplan und Sportplätze leer wurden und die Änsfchaltung des Verkehrs mit dem Ausland die enge Fühlungnahme der Turnkreise unter einander unmöglich machte. — Letzteren Umstandes halber wurde auch das «Erscheinen unseres Presseorgans, der „Jüdischen Monatshefte für Turnen und Sport" für die Dauer des Kriegs eingestellt. — Es galt nun vor allen Dingen, die einzelnen Vereine am Leben zu erhalten, um nach dem Krieg die Arbeit mit neuen Kräften da wieder aufnehmen zu können, wo wir sie .niederlegen mußten: der Parole der Leitung: „unbedingt durchhalten" wurde in den meisten Brudervercineii in freudiger Pflichterfüllung entsprochen. Auch wir hier in Franksurt wollten nicht zurückstehen und setzten das Turnen in beiden Riegen fort.— Die Herrenabteil n ng unter der Leitung unseres bewährten Vorturners Bernhard Meyer erfreute sich einer in jeder Hinsicht guten Weiterentwicklung. Da aber schon Herr M. vor einigen Wochen zum Militärdienst einberufen wurde, haben wir nunmehr Herrn Bahn vom Frankfurter Turnverein mit der Leitung Her Herrenriege betraut. Mit besonderer Freude möchten wir auch heute hcrvorheben, daß unser« Da men -Abteilung feit den vergangenen Monaten des Kriegs, in stets aufsteigender Entwicklung stehend, ihren früheren Stand weit überflügelt hat und in einem zielbewußten inneren Ausbau eine ständige Vervollkommnung erfährt. Es ist unser Streben, auch die Herren-Abteilung, trotz der ungünstigen Zeit, auf eine entsprechende Höhe zu bringen. Wir glauben, daß gerade diese Zeit einem jeden, die unerläßliche Wichtigkeit der Körperpflege vor Augen führt. In zahlreichen Feldbriefen bezeugen ja unsere Freunde, wie sehr vorteilhaft sie es empfinden, im Turnen geübt zu sein, und wie sehr es andererseits gar viele bereuen, in Friedenszeiten die .Pflge ihres Körpers vernachlässigt zu haben. Es versäume darum keiner, solange es noch Zeit ist, den Turnplatz aufzusuchen. Herren turnen: Dienstag Abend von 8Vs bis 10 Uhr, Selektenschule, Eiserne Hand 4. Damenturnen: Mittwoch Abend -von 8Vs bis 10 Uhr, Herdcrschule, Wittelsbacher Mlee 6. Jüd. Bibliothek und Lesehalle. Langest». FL. Vom 8. April ab ist die Bibliothek und Lesehalle wie folgt geöffnet: Von Montag bis Donnerstag von 1—4 Uhr nachmittags und von 8—10 Uhr abends, Freitag nur nachmittags von 1—i Uhr, Samstag von Vsll bis 1 Uhr vormittags und von 3—7 Uhr nachmittags. Sonntag von 9—1 Uhr vormittags und von 8—10 Uhr abends. Personalien- Als Opfer einer kurzen, heftigen Krankheit verschied am 22. März im Garnisonslazarett zu Mainz — erst 25 Jahre alt — Siegfried Pick, Sohn des Herrn Emanuel P. Der Verblichene war ein hochherziger, begabter Mensch, seinen Freunden ein treuer edler Freund, dem jüd. Volke — dem in stiller, unermüdlicher Arbeit in der Prager Poalei Zion all sein Wirken galt — ein begeisterter Vorkämpfer. Noch! zuletzt, ehe ihn das'Vaterland rief, hat er als Mitbegründer der Verpflegungs- Seite 3. komitees für die geflüchteten galizischen Juden unsäglich^ Elend linder« helfen. Rabbiner Dr. Salomon Breuer beging jüngst das Jubiläum seiner 25jähri.gen..Wirksamkeit in der hiesigen Synagogeiigemeinde Israelit. Religionsgesellschaft. Infolge des Ernstes der Zeit hatte er sich ein Feiern des Tages verbeten. Freifrau Wilhelm von Rothschild, Freiherr von Goldschmidt-Rothschild und Nathan Sondheimer wurden mit der silbernen türkischen Roten Halbmond-Medaille 2. Klasse ausgezeichnet. — Ludwig Sternberg und Frau geb. St. Goar feierten die goldene Hochzeit. »leine Notizen. Beim Vorstand der Israelit. Gemeinde gingen etwa 20600 und beim Vorstand der Israelit. Religionsgesellschaft etwa 11000 Brotscheine ein, die die Mitglieder — infolge «Ersparnis durch das Pessachsest — zur Ablieferung an die städt. Brotkommission Zurückgaben. Cafe Kais er garten am Opernplate Erstklassiges f amiUen-Cafö ■—- Nachmittags Konzerte. ■ ■■■■— - Frw Hansetmana, Besitzer. Die Verjagte«. Imiffetoa Eine Erzählung aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts. Bon E. Berg. (Fortsetzung.) Sechstes Kapitel. Die Audienz. „Ich wundere mich, daß Sie nicht die Geduld verlieren. Seit sechs Wochen stehen Sie nun jeden Vormittag hier; seit sechs Wochen sage ich Ihnen jeden Tag, der Minister ist nicht zu sprechen, und alle Morgen kommen Sie dennoch wieder. Dabei geben Sie mir jedes Mal einen Lei. Sie sind entweder sehr reich oder bald arm. Mer ich will Ihnen einmal etwas sagen. Sie sollen sehen, ich bin ein Christ; Sie werden hier den Minister niemals sprechen." „Memals?", rief Abraham erbleichend. „Memals", wiederholte der Sekretär, „hier im Palais darf keine Menschenseele, nämlich so eine wie Sie, mit Papieren und Reflamationen mehr vor, wollte ich Sie auch zu ihm führen, er würde mich auf der Stelle davonjagen; und das können Sie nicht wollen, ich habe Weib und Kind." „Behüte!", sprach Abraham weich. „Aber ich weiß Besseres für Sie", fuhr Jener mit verschmitztem Augenzwinkern fort. „Ich will Ihnen einen Rat geben. Sie haben ein so gutes Gesicht, alter Mann, obwohl ich gar nicht verstehe, was Ihnen so viel daran liegt, den Herrn zu treffen. Ich bin froh, wenn ich ihn nicht sehe", murmelte er leise, „das dürfen Sie mir glauben. Aber Sie wollen so, meinetwegen. Wissen Sie, wo der Zirkus ist?" „Nein. Wer jede Droschke wird mich dahin fahren." „Auch gut. Sie fahren also bis zum Zirkus; dann rechts die Straße hinauf. Dann kommt ein Gäßchen, dn müssen Sie absteigen, es ist so eng, daß ein Mann wie Sie hindurchgehen kann. Lang ist die Gaffe, sehr lang, nehmen Sie auch einen Stock mit, oder besser ein Messer, es Lohnen viele böse Pente dort jherum. Am «Ende werden Sie ein Haus sehen, ein feines Haus aus Steinen mit Gittertüren, es ist sehr groß, es guckt über alle Baracken und Buden dort stolz hinweg. Da wohnt die Jenni Weiß, die Kunstreiterin. Dort warten ©ie im Hausflur, und Sie werden dem Minister begegnen, well es so Ihr Wunsch ist." „Um welche Zeit?", fragte Wraham. „Halb zwölf bis zwölf Uhr Nachts. Nun gehen Sie mit Gott!" „Ist das ein schmutziger Weg!", seufzte Abraham, als er in selbiger mondloser Nacht die bezeichnete lange Gasse durchwatete. „Fürchterlich! Als ob der Schlamm und Abhub von ganz Bukarest hier aufgehäust wurde." Er ging und ging, die Strecke nahm kein Ende. Bor sich, hinter sich nichts wie schwarze, unglaublich übelriechende Lachen, überall Finsterniß. Run kam ein Schneestnrm; Wraham mußte sich an den Häusern festhalten; die feinen, spitzen Schneenadeln flogen ihm schmerzend ins Gesicht, er war froh, als er am Ziele das beschriebene Haus vor sich erblickte. „Bei Nacht und Nebel gehe ich krumme Wege, wie ein Dieb", murmelte er vor sich hin, „durch Schmutz