Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 13 (1915)
- Issue
- Heft 12 (26.3.1915)
- Date
- 1915-03-26
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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ttr. 12 rsandt .swärts;te und Hül eindi ttg an U JM J. Cal D6erinft( ie : ileicl isse 22 eiiixten. lenhüti gesichert L. ul > Olt. 12. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite ö LQmlier & Xiaitsch I TeLHansa3148. Frankfurt a.M., LiebfranehbergSS. ■ Specialhaus für Unterkleider und Strample. ■- Niederlage echter Dr. Lahmann-Wäsche. | „Das werde ich den vertriebenen Juden schenken, die auf dem Bahnhof sitzen. Ich befehle jedem von Euch, das Gleiche zu, tun!" Nach kurzer Zeit war das ganze Beth-Hamidrosch lccr. Nur kranke blasse Flämmchen blinzeln elend nach den Wänden. V. Der. jüdische Legionär. Still war es auf der Allee. Die herabgefallencn Blätter der Bäume lagen wie erschlagen auf der Erde, cingetaucht in blassen Mondenschein. Nur von Zeit zu Zeit wurde die Stille unterbrochen, und man hörte ein leises Säuseln in den Blättern. Verliebte Pärchen zogen eng umschlungen stumm vorbei. Ein giftiges Lächeln zeigte sich auf Funkelsteins Lippen, der einsam auf einer Bank der Seitenallce saß. Und er murmelte vor sich hin: „Närrische Egoisten, wie fest sie sich umschlingen, gleich als ob sie fürchteten, man würde einen dem anderen wegnehmen." Weit von der Allee ergossen sich Klänge einer Restaurantmusikdie auf Funkelsteins Seele eine seltsame Wirkung hatte. Schuberts „Ave Maria" schwebte verwaist durch die hohen Bäume und vergilbten Blätter und verschwand irgendwo §am tiefen Himmel, ivoher cs gekommen war. „Kriegszeitcn", dachte sich Funkclstein, „auch die Restaurantmusik wird subtiler, iveicher und lyrischer." Und zugleich begleitete er die Musik mit Pfeifen; denn es lag in seiner Natur, alles und jeden zu bekriteln. Und cr sah auf das, was er „menschlich, vergänglich und prosaisch" im Leben nannte, etwas verächtlich herab. Eine Zeit lang vereinigte sich seine Seele unwillkürlich mit den bangen und frommen Klängen, und seine großen schwarzen Angen tvurden trübe. Nicht lange dauerte seine Selbstvergessenheit; denn bald erwachte er mit einem tiefen Seufzer: „Ach, ich werde schon zu sentimental, wie die anderen mit ihren verdorbenen Gefühlen" (so mannte cr die Sentimentalität). „Meinetwegen! Die Welt hat sich wie ein Hund von der Kette befreit, mag sie sich so verrückt herunvschlagen, mag sie in der egyptischen Finsternis leben! Verdienen sie cs denn nicht? Sie sind doch Enkel von dem alten „Pere-Odom".4) Sie sind ängstlich geworden, denn siesind durstig geworden,- sollen sie sich gesund trinken und besaufen! Was geht das mich an?" Er beugte sich leicht und hob ein paar verwelkte Blätter vom Boden auf, zerriß jedes Blättchen für sich und blies cs in die Luft. „Was machen- Sic da, Kollege?" hörte er eine tiefe Baßstimme polnisch sagen. Er wandte sich mit seinen Blättern ganz apathisch um und fragte: „Wer ist es?" „Ach, Ihr seid cs!" wurde seine Stimme strenger, da cr Opotschinsky sah. „Warum sprecht Ihr denn Polnisch mit mir? Glaubt Ihr, ich verstehe kein Jiddisch mehr?" »Ich", stotterte jener, rot werdend, „ich meinte es garnicht so. Nur weil ich Euch in der polnischen Tracht sah, dachte ich, Ihr seid ein Pole geworden. Ein wenig Ivunderte cs mich auch, eine so plötzliche Metamorphose an Euch zu sehen!" Und Opotschinsky betrachtete ihn ironisch. „Schaut mich nicht so närrisch an", antwortete ihm Funkelstcin zornig, „und witzelt nicht über mich! Sagt mir nur, ich bitte Euch, seit wann habt Ihr Mephistos Rolle übernommen und lacht über alle? Ich bin keiir Faust, und Ihr seid kein Mephisto, und Goethe ist auch schon lange tot, laßt ihn doch im Grabe ruhen. Und wenn Ihr mich etwas fragen wollt, dann unterdrückt in Euch ein wenig den Uebermenschen und fragt menschlich. Dann will ich Euch antworten." „Aber, Funkelstein, Gott sei mich Euch! Warum seid Ihr so aufgebracht? Ich habe es ja garnicht so gemeint, wie Ihr Euch ärgert. Ihr habt Euch irgendetwas ausgedacht und wollt es jetzt absolut mir zuschieben." „Erzählt mir keine Geschichten, man kennt euch, man kennt euch alle", antwortete Funkelstein. „Schwächlinge und Feiglinge seid ihr alle, und eure Feigheit hat schon eine solche Stufe erreicht, daß ihr, wenn ihr eines Menschen Tat seht, ivie vor der Pest erschreckt. Aber ich weiß, es ist kein Wunder, ihr seht von Angesicht zu Angesicht den schrecklichen Kontrast vor euch: 4) Ausdruck für „wilder Mensch", „Barbar". nicht genug, daß ihr nicht in den Kampf zieht, -vergönnt, ihr es auch den. anderen nicht.". „Aber Funkelstein, Funkelstern, Ihr seid doch unmöglich! Man kann mit Euch nicht reden, so verwirrt seid Ihr. Seid doch eine Weile ruhig und gelassen und laßt Euch belehren!" -v „Belehrt mich nicht, ich verzichte darauf, denn ich bin nicht Euer Schüler, und Ihr seid nicht mein Lehrer. Und wenn Ihr ein Mensch und ein Jude Jude seid, so antwortet mir gleich auf der Stelle:, Warum seid Ihr kein Legionist? Jetzt ist doch der beste Zeitpunkt, mit dem Feinde zu kämpfen. Aha, ich weiß, Ihr seid ein Weichling, Ihr schätzt Euer Leben zu hoch! Da laßt mich wenigstens in Ruhe und geht zu denen, die Furcht haben!" In Opotschinskys Herz mischte sich Schmerz, Zorn und Mitleid mit Funkelstcin, und seine Angen wurden unklar verschwommen. Er antwortete mit gebrochener Stimme: „Für wen kämpft Ihr eigentlich? Für die Polen? Für das Volk, das uns auf Schritt und Tritt verfolgt und erstickt? Das gegen uns Boykotts organisiert, um uns ökonomisch zu vernichten? Das uns in geistiger Hinsicht quält und martert? Ja, mein Teurer, ich schätze und bewundere in Euch die Opferwilligkeit, und mache mich nicht, wie Ihr meint, über Euch lustig! Darum dürft Ihr auch den anderen nicht unterschätzen. Ihr täuscht Euch sehr, wenn Ihr glaubt, ich sei ein Feigling und schätze mein Leben hoch. Glaubt mir heilig, daß ich, wenn ich wüßte, mit meinem Leben meinem Volk einen Nutzen zu bringen, es als erster auf dem Altar seiner Freiheit opfern würde. Aber so! Für den Lohn, den sie uns gezahlt haben, daß wir i« dem »«ökonomischen Polen den Handel verbreitet, große Fabriken entwickelt und die Kultur gehoben haben, — dafür, daß sie uns befohlen haben, wir „Ratten" sollen Polen möglichst bald verlassen, brauche ich gewiß nicht mein Blut zu vergießen!" Eine Zeit lang schwiegen beide. Und Funkelsteins Zorn legte sich während des Schweigens ein wenig. „Kennt Ihr nicht das niederträchtige Polenland", fuhr er fort, „die, welche in einem polnischen Städtchen ein Haus anzündeteil, und als ein 17jähriges Mädchen durchs Fenster sein bleiches Gesichtchen herausstreckte und um Hilfe rief, die Fenster und Türen mit Bretter vernagelten, bis es und alle Hauseinwohner verkohlt waren? Dann sind sic ganz ruhig weiter gegangen. Kennt Ihr alle Jelenskys, Doroschewitz, Schwjcndochowskys, Njemojewskys? Kennt Ihr alle die ekelhaften Antisemiten?" Funkelstein etwidcrte ihm still und unsicher: „Ihr habt mir kein neues Amerika entdeckt. Ich habe das alles schon zuvor gewußt. Aber jetzt ist es keine Zeit, mit ihnen abzurechnen. Wir müssen ihnen zeigen, daß wir tausendmal höher als sie stehen. Sie sollen nicht sagen, daß wir auf ihrem Boden wohnen, aber nicht filr ihn kämpfen. Wenn wir für ihn Blut vergießen, werden wir mit mehr Recht auf ihm wohnen." Und plötzlich bekamen seine Augen einen teuflichen Glanz und wurden blutunterlaufen. Und seine Stimme würde noch wütender wie zuvor. „Nein, nein, was rede ich, ich kämpfe gar nicht für die Polen, ich habe Euch angelogen! Ich kämpfe gegen Rußland, dem blutigen Vampyr, der meine Schwerter geschändet, ich kämpfe gegen den Grausamen, der meinem Vater eiserne Nägel ins Gehirn geschlagen und den Leib meiner Mutter "mit Federn gefüllt hat. Ich will Rache für die Kischinewer und Bjelistoker Pogrome! Rache will ich! Auch den Polen will ich zeigen, daß es stolze und tapfere Juden gibt, und daß wir, trotz der Leiden, die sie uns angetan haben, mit ihnen gehen, obwohl sie es nicht wert sind." Er biß krankhaft auf seine dicken Lippen, sein Gesicht wurde weiß wie Kalk, und ein giftiger Gedanke durchschoß wie ein Spieß sein Gehirn. „Wie elend und hilflos wir Juden sind! Auf einer Seite Feuer, auf der anderen Wasser und in der Mitte ein schrecklicher Abgrund von Finsternis! Und wohin wir uns wenden sollen, wissen wir nicht!" Und er schwieg lange und schmerzvoll. Opotschinsky hatte während der ganzen Zeit seines Schweigens mit seinem dicken Stecken die verwelkten Blätter auf der Erde unruhig durchstöbert. Jetzt wandte er sich mit trauriger Stimme zu ihnr: „Ich wollte gar nicht so viel sagen. Aber Ihr habt mich einfach mit Euren Reden dazu gezwungen. Ich weiß, daß Ihr später vielleicht schwer leiden und große Reue haben Frankfurter Edelmetallverwertimg I Garlaoh £ Welss I Probiera. Schmelzanatalt. Metallurg. Laboratorium. I TaunuMtr. 28. Frankfnrt a. M. Tel. 1. 0743. I Ankauf aller Edelmetall-Rückstände, Bruchgold u. Sllbar. I Barren — Fellnnc — Qebr&tzen — Abfällen. I werdet über Euren übereilten Schritt, den Ihr jetzt tut. Aber alles eins. .Hört,, mein Teurer, ich will Euch ein Geheimnis ins Ohr. flüstern: Es hat sich ein jüdischcr Abgeordneter, ein halber Ässimilant und ein langjähriges Mitglied des Polenklubs, an die Polen mit der Bitte gewandt, daß sie einen Aufruf an die Juden herausgeben mögen, in welchem die Polen den Juden ein friedliches Zusammenleben zusagen. Und wenn sie Kronpolen erhalten werden und die edle österreichische Regierung ihnen die Gesundung eines Königreichs erlauben wird, sollen sie uns Juden nicht mehr unterdrücken und uns besondere Freiheiten geben. Und dagegen bitten sie die Juden, freiwillig mit ihnen in den Kampf gegen den russischen Zar zu ziehen. Auf solche Weise, versicherte der jüdische Abgeordnete, werdet ihr eine ganze Menge jüdischer Legionisten bekommen. Das Ende von der Geschichte war, wißt Jhr's? — Der Abgeordnete verließ unter Schimpf und Schanoe den Saal, und man drohte ihm mit Revolvern. — Und noch eine lleine Sache. Wißt Ihr, wie sich die polnischen Legionisten über die Juden ausgedrückt haben? Ihre Legionen, sagten sie, seien herrlich, erhaben, sauber, rein. Nur die „Shides" beflecken sie. Also, jetzt bitte ich Euch, sagt selbst, mit solchen Menschen zusammen in den Kampf ziehen, ist das nicht die größte moralische Sünde? Alsosagt selbst!" Funkelstein saß wie versteinert, und den Kopf vor Scham vorbeugend, murmelte er: „Das habe ich gar nicht gewußt, das habe ich gar nicht gewußt?" „Zuerst informiert man sich genau über eine Sache und nennt nicht die ganze jüdische Jugend „Feiglinge", weil sie nicht mit den Polen gehen", antwortete ihm Opotschinsky in stolzem, siegesbewußtem Ton. Ihr Gespräch wurde für eine Zeit unterbrochen, weil eine Reihe verwundeter Soldaten die Allee passierten und in eines jeden Herzen ein unangenehmes Gefühl zurnckließcn. Opotschinsky bemühte sich, die Stille dieses peinlichen Augenblicks durch irgend etwas, was es auch sei, zu brechen. Und er begann, wieder im Ton der Beteuerung, sich an Funkelstein zu wenden: „Jst's Euch denn nicht uni Eure Kunst schade? Denkt nur daran, wieviel Mühe es Euch gekostet hat, bis Ihr in den „Bezalep) gekommen seid! Denkt nur daran, wie viel herrliche Bilder, die Euch hätten unsterblich machen können, mit Euch zu gründe gehen werden! Ihr geht fort, einen sehr weiten Weg, mein Freund, und im Vertrauen gesagt: wofür, für wen? Ganz umsonst und für niemand!" „Redet nur jetzt nicht von Kunst!" brach Funkelsteins Sttmme wieder wild und böse, wie ein Donner, aus. Da er sich bankerott und von den letzten Worten seines Freundes gefangen fühlte, wollte er sich und seinen Freund betäuben und berauschen, — und er hatte sich auch betäubt und berauscht. „Was kümmern mich die Polen? Mögen sie sein, wer sic sind!" und wiederholte damit, was er in der Hitze des Gefechts vergaß, nur früher Gesagtes. „Für Kischinew, Bjelistok and andere Pogrome gehe ich in die Schlacht!" Und im gleichen Atem fuhr er fort: „Von Lemberg kommen noch 100 jüdische Legionisten zu uns unter Führung eines zionistischen Doktors.. Seht'Ihr, seht Ihr, zusammen Schulter an Schulter wollen wir gegen das böse, wilde und blutdürstige Rußland ziehen! Und Ihr könnt hier ganz ruhig bleiben und Weller philosophieren." _ Opotschinsky unterließ es, ihm Weller zu antworten. Er stellte ihm nur noch die Frage,, wann er mit seiner Legion ansziehe. Und als ihm Funkelstein: „morgen" antwortete, wandte er sich weich und herzlich an ihn: „Bleibe gesund, mein guter, teuerer Freund, und nimm meinen Segen für Dich und alle meine jüdischen Brüder mit auf den Weg! Wenn es das Schicksal will, werden wir uns noch einmal im Leben sehen. Bleibt gesund, bleibt gesund!" Und dabei drückte er ihm fest und stark die Hand. Und als er schon weit weg von ihm war, erreichte ihn noch einmal Funkelsteins Stllnme: „Ich will Blut sehen! Ja, ich bin auch verwildert und verrückt wie die andern. Und wir Juden brauchen Blut, ha ha, ha. . . Für tausend Generationen. . . Blut!" Nachdem Opotschinsky verschwunden ivar, blieb er noch auf der Bank sitzen. Er sann nach, aber seine Gedanken waren nicht zusammenhängend, sie waren wie abgerissene Fäden, und er marterte sich ab, sie in Zusammenhang zu bringen .Und im Chaos seiner Gedanken kam ihm plötzlich Anton Tschechows „Kirschengarten" - ins Gedächtnis, und er redete mit sich selbst laut: ■j Jüdische Kunstgewerbeschule in Jerusalem.