Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 13 (1915)
- Issue
- Heft 12 (26.3.1915)
- Date
- 1915-03-26
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Wiesbaden. Pension Deutsch Von Saalgasse 30 nach Tanniisstr. 40 in das früher Karpin'sche Lokal verlegt. -(Haltestelle der gelben Trambahn. . . ' Ueber 30 neuhergerichtete Zimmer mit Salons, Balkons, Wintergarten. Zentralheizung, elektrisch Licht, Aufzug, tadellose Sauberkeit Bekannt für vorzügliche Wiener Küche und aufmerksamste Bedienung. Von orth. deutschen Babbinern und deutschen Familien gern aufgesncht. WM- Angenehmster Pessaoh-Aufenthalt -MW wir am Theater. Wetten wir, daß wir hier gleichfalls Widerwärtigkeiten begegnen werden?" „Spazieren Sie nur hinein, meine Herrschaften!" sagte ein Kellner mit tiefem Bückling, „die Probe ist eben aus." Der große Theatersaal wie die Bühne waren leer, das Klavier stand geöffnet, Notenblätter lagen unordentlich ans der Erde. Aus dem Nebenranm hörte man dumpfe, wirre Stimmen; offenbar gab es da ein kleines Nachspiel hinter der Scene. Plötzlich stürzte Life Lehmann auf die Bühne und sprang von der Rampe in den Saal herab, sehr erregt, hektisch rote Flecken auf den Wangen, Tränen in den Augen, die Spuren heftigster Gemütsbewegung im Gesicht. Die junge Dame sah eher einer entlassenen Köchin als einer Operndiva ähnlich. „Ach gnädiges Fräulein, wir sind blamiert, schrecklich, unsterblich, wir können den „Czaren" nicht bringen." „Und warum nicht?" „Unser Bariton — ein Waldescl — das dümmste Vieh auf der Welt, Francois heißt die Kanaille, er will nicht singen." „Nein. Er sei Franzose, er singt weder in einer deutschen Oper noch zu einem deutschen Fest. Aber cs ist nur eine Jntrigue von diesem Patron, eine Intdgue gegen utidj, auf An stiften der Direktorin, mit der er ein Verhältnis hat." „Mein wertes Fräulein", unterbrach sie Kalagiceanu hastig. Der Direktor kam, ein dünner, heruntergekommener ausschcndcr Herr, aufgelöst, — gleichfalls in Verzweiflung. „Gnädiges Fräulein, meine Herren, Sie sehen mich empört über die Frechheit dieses Menschen, den ich davonjagen werde, — ich habe bereits an die Hofbühnen r»on Wien und Dresden um Ersatz telegraphiert. . ." „Ach Kemski, nur keine dumme Lügen hier vor den Herrschaften", rief Life heftig, „Sic können den Franxois nicht bezahlen, geschweige einen Auswärtigen. Und mir saß die Marie so schön", fuhr sie weinerlich fort, „ich hätte kolossalen Applaus gehabt. Die Oper weg, das stürzt das ganze Programm!" „Das ist wahr", bestätigte Claudia. Nehmen Sic einen Dilettanten!" „Woher?", jammerte der Direktor. „Fünf Tage sind noch bis zu dem Fest. Welcher Dilettant lernt in dieser Zeit die schwierige Partie? Ein Königreich für . einen Sänger ein Pferd für ihn!" Kalagiceanu schlug sich vor die Stirn. „Aber was suchen wir noch?" Er schritt schnell an den geöffneten Flügel: „Bitte mein Fräulein", wandte er sich verbindlich an Life „präludieren Sie das Czaren-Lied. Benno tu' mir die Liebe und spiele einmal mit Krone und Stern." Benno fühlte sich geniert, da ihn aber ein bittender Blick Claudias traf, sang er, wenn auch ziemlich befangen. Trotzdem klang die Stimme prächtig in dem weiten Raum. Der Direktor geriet in Entzücken. „Junger Mann", schrie er begeistert, „Sie haben nicht nur Gold, Sic haben Pfandscheine in der Kehle. Wie heißen Sie? Liedertrost? Beim Himmel, es ist ein Trost, Sie Lieder singen zu hören. Ich engagiere Sic für fünf Jahre auf der Stelle." Nun stürmten sic alle auf ihn ein, die Rolle zu übernehmen. Life Lehmann machte einen allerliebsten Fußfall vor ihm, Claudia wie der Direktor gelobten um die Wette, ihm in zwei, drei Tagen die Partie einzüstudieren; und Kalagiceanu raunte ihm in die Ohren: „Tu's, tue es! Es kann für uns von großem sein." Da sagte er zu. „He, Life", fragte der Direktor, „Du hast Verbindungen zur Presse?" „Na ob! „Deutsche Zeitung", „Romanul", Mittagblatt, Abendblatt, ich habe sie alle am Bändchen." Franfjuncr Israelitisches Familienblatt. Nr. 12 „Schön, die Abendblätter also. Schreibe was ich diklirc: „Aus dem Thcatcrbürcau. Hinsichtlich der Opernaufführung aus Anlaß der Anwesenheit seiner kaiserlichen Hoheit des Großfürsten Paul erfahren wir soeben, daß die Rolle des Peter Jvanoff ein Herr, den besten Gesellschaftskreisen unserer Stadt angehörig, übernommen hat. Der junge Kavalier verfügt über ein wohlgeschultes, märchenhaft schönes Organ, dessen blendende Höhe." „Hören Sic auf!" wehrte Benno lächelnd. „Ich dachte nicht, daß von mir auf diese Art Kapital zu schlagen wäre." In heiterster Laune fuhren er, Kalagiceanu und Claudia nach Haus Liedertrost zurück. „Wir haben alles erledigt", riefen Claudia und Benno vergnügt, in den Salon tretend, wo sie Salomo», anscheinend ihrer harrend fanden. „Es gibt keine Schwierigkeiten, keine Absagen mehr. Sic werden mit uns zufrieden sein," fügte Kalagiceanu hinzu, „das Fest muß jetzt unwicdcrruflich insccniert werden." „Und lvic geht cs der kleinen Gold?", fragte Claudia. „Gar nicht mehr. . . Es ist vorüber." (Fortsetzung folgt.) r 3ST. ROSENAU Herren-Schneiderei 10 G o etbestrasse 10. Vornehme Ausführung. Massige Preise. Stimmungsbilder ans dem gattzischen Lebe». Bon Josef Lövy, München. (Ans dem jüdischen Manuskript übersetzt.) «Schluß), m, Ans dem Bahnhof. Eine erstaunlich große Zahl Fainilien, Verwandte, die sich lange Jahre nicht gesehen und von einander nichts gehört hatten, führte Gott an einem hellen, schönen Tag zusammen. Ans dem Krakauer Bahnhof hat man sie für kurze Zeit ausgeladen. ... Es war unmöglich, alle die ausgehungerten Gesichter zu sehen, die schwachen Säuglinge au den eingefallenen Brüsten ihrer Mütter, nrit den zitternden alten Männern und Frauen zu reden, ohne mit ihnen zusaiiinicii Tränen zu vergießen. . . Es waren Juden von verschiedenen galizischen Städten und Städtchen. Sic lvarcn vor dem blutigen russischen Vampyr entlaufen, dem Räuber ihrer Brüder und Schwestern, entlaufen auf verschiedene Weise, viele schon unmittelbar vor dem feindlichen Schwert (nur durch ein Wunder war cs ihnen gelungen, das nackte Leben zu retten), viele, noch bevor der Feind gekommen war (den gräßliche» Schrecken zu erleben, war schon eine wahre Todesqual). . . Und man lief, wie ihr seht: nackt, barfuß; ein ein Teil den Ueberzicher auf dem bloßen Leib, ohne Henid; ein Teil bloß in Hemden, ohne Ueberzicher; Männer in Frauenklcidcrn; Frauen in Männcrtracht. Juden mit großen Geschäften und großem Vermögen flohen ohne einen Heller, um nur das Leben zu retten vor den russischen Barbaren, den Schändern unserer Frauen und Töchter, den Räubern unserer Säuglinge, den Dieben unseres Hab und Gutes. . . Ein Jude erzählte mir, daß, als der Zug sich schon in Bewegung setzen wollte, noch reiche Polen und Juden herbeieilten, die 1000 und 2000 Gulden gezahlt hätten, wenn man ihnen einen Platz frei gemacht hätte, wo es nur immer gewesen wäre, unter der Bank oder dort, wo die Pakete lagen, auf dem Dach des Zuges; denn üm und um war schon alles von Menschen überfüllt, ja man warf sogar teuere Gegenstände durchs Fenster heraus. . . Hunderte sind mit verzweifelter Stimme und weinend dem Zug nachgelaufcn. Der Zug war- ,-nidjt beleuchtet, und ganz langsam, Schritt für Schritt fuhr er, ohne Lärm, damit ihn der Feind nicht bemerke. Schon hörte man schreckliches Schießen von allen Seiten. Wieder ein anderer klagte hier sein Leid: bei seiner übereilten Flucht aus Lemberg habe er 'sein krankes Weib zurückgelassen, nicht etwa aus Schlechtigkeit und Egoismus, sondern nur durch den großen Lärni und Tumult. Ich möge ihm glauben, hat er mich unter Tränen: wenn man gekonnt hätte, wäre er wieder nach Lemberg zurückgefahren. Und jedesmal klagte ein anderer herzzerreißend, und alle, die sich auf dem Bahnhof befanden, reichten ihnen mitleidig und unter Tränen Essen dar. Denn schon seit zwei, drei Tagen hatten sie nichts gegessen und getrunken, und schon zwölf Tage waren sic in Sturm und Regen in offenen Wagen gefahren. Und als ich schon von all diesen elenden, heimatlosen Juden Abschied genommen hatte, hörte ich die Stimme eines Mädchens: „Junger Mann, junger Mann! Einen Gruß für Euch von meinem Bräutigam", und bevor ich noch gefragt hatte, wie cs ihm gehe, war sic schon in einen mächtigen Strom von Tränen ausgebrochcn und erzählte mir, daß er mich auf einer Karte an sic grüßen lasse. . . Als ich schon Ivcggehen wollte, bat sic mich: „Wartet noch einen Augenblick". Ich tat cs ihr zulieb. Eine kurze Weile wurde sie still, dann verdeckte sie ihr kleines bleiches Gesicht mit ihren mageren Händchen und murmelte leise:. „Jetzt lebt er schon nicht mehr — er ist gefallen. . ." IV. Vor dem S ch a f o r b l a s e n. Reb Berl, ein greisgrauer Jude, mit einem mageren bleichen Antlitz, einer hohen Stirn und tiefen, blauen, trüben Augen hob seine zitternde Hand auf und klopfte auf den Pult. Die ganze „Schul" Ivurde plötzlich still. Ilnd jeder stand inbrünstig vor seinem „Machsor", sich tiefer in seinen „Tallis" einhüllend; mit klopfendem Herzen auf das „Lamnazeach liwnc korach"') wartend. Bang Dar;cs in dem kleinen chasidischen Beth-Hamidrosch. Und cs schien, als ob sich in dem heiligen Raume eine leise, zarte Stimnic der Seraphim vernehmen ließe. Und die grauen, dunkle» Bet-Hamrdroschwändc vergossen mit stiller Stimnic Tränen der Angst, Aber plötzlich wurde die Ruhe gestört: „Jidcii, Jidcn, bnc rachmonim",-) vernahnl i»a» Rcb Berls kranke Stimme. „Wir sind heute alle der Barmherzigkeit bedürftig in dieser schweren Stunde." Dic „sitro odjro"3) hat sich leider über uns ausgegossc». Darum, Jidcn, dürfen ivir jetzt nicht schweigen; denn heute wendet kein Schofarton das Verhängnis ab, ivir müsscii für unsere armen vertriebenen und verirrten Jiden sorgen, die lvic müde Schafe ohne .Hirten sind. Sic sitzen schon, weiß Gott, wie lange ohne Nahrung auf dem Bahnhof. Jiden, Jiden, nehmt es nicht aus dic leichte Schulter! Es ist unsere heiligste Pflicht. Gott (gesegnet sei er) ivird uns helfen, alle bösen Verhängnisse werden abgeivendet ivcrdcn, und zuni 'Lohne dafür wird uns Gott Zion erlösen." Seine Stimme klang gebrochen und in Tränen erstickt und war plötzlich heiser und schwer geworden. „Es ist eine Mizwoh, eine große Mizwoh, all den Vertriebenen mit irgend ctwas zu helfen, denn die heilige Gemoroh sagt: Eine Sünde gegen Gott sühnt der Jomkippur, eine Sünde gegen den Nächsten sühnt er n i ch t. Drum, Jiden, wollen ivir unsere Pflicht nach den Worten der Gemoroh gegen unsere Nächsten erfüllen. Gott (gesegnet sei er) wird cs uns gewiß nicht als Sünde anrcchncn. Es ist mehr Mizwoh wie das Schofarblasen" — und er schwieg. Die ganze „Schul" klotzte ihn verblüfft an; denn in seiner mageren Hand zitterte ein 20 Kroncnstück. ') Ueberschrift eines Psalm cs. ^Erbarmungswürdige Kabbalitischek Ausdruck für die Höllenmacht. rs « »8 ^2^ P flotter SÖxtrJbJy 1 0 „ J ^mfraraa-rjor. 1 2 „ I Pytltstev ■■■■15 „ {G-M.hoh,Ligarrrn