Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 13 (1915)
- Issue
- Heft 11 (19.3.1915)
- Date
- 1915-03-19
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Stile l Nr. 11. ihn von einem Tag auf den andern, von eener Woche ans die andere. Heute fuhr der Minister zur Parade, morgen zu einem Galadincr, übermorgen war der hohe Herr wegen einer kleinen Unbehaglichkeit überhaupt nicht sichtbar, und die nächsten Tage hatte Exzellenz keine Lust, Audienzen zu erteilen, oder gar überlästige Bittsteller zu empfangen. Es war noch viel, daß der Sekretär sich zu Erklärungen gegen Abraham herbcilicß. Vielleicht dauerte ihn der alte Mann, der Tag unl Tag zu bestimmter Stunde im Palais erschien und mit schier unerschöpflicher Geduld sein Anliegen vorbrachte. Wochen vergingen. Die beiden anderen Vorsteher der Gemeinde, welche Abraham nachgcfolgt waren, wurde» ungeduldig; sie versäumten ihre Geschäfte zu Haus, um schließlich auch Abraham von der Erfolglosigkeit seiner Mission zu überzeugen. Aber Licdertrost war zähe, „er würde den Minister sprechen, und wenn er bei Nacht zu ihm cindringen sollte", sagte er. Wieder verfloß eine Woche nutzlosen Harrens, peinlichen Antichambricrcns und endloser Vertröstungen. Eines Tages erklärten die beiden Vorsteher, sie wollten nach Haus. „Fahrt mit Gott!", sagte Licdertrost. „Ich bleibe." „Nun, Du könntest wahrhaftig schon mitkommcn", brumnltc der alte Grünburg; „tvir sitzen hier tvic die Pfcffcrküchler bei verregnetem Markt, und Du allein wirst auch nicht die Sonne hcrvorholcn. Auch iveiß ich nicht, roas Du für ein Herz hast, Mann, Dein Enkelkind ist gefährlich erkrankt. . „Ich bleibe", ries Abraham hartnäckig. „Ich habe für mehr kranke Kinder zu sorgen, als die meines Sohnes." „Das Hemd ist mir näher als der Rock", eiferte der andere. „Wisse nur, daß Du auf der Hut sein magst! . . . Wir haben in Erfahrung gebracht, Kalagiceanu verwickle Deinen jüngern Sohn in böse Dinge. Er wäre sticht der erste, der durch Kalagiccanus Ränke ein. trauriges Ende nimmt." Abrahani crschrack. Er kannte seinen schwärmerischen, tollköpfigcn Jungen. Gewiß, seine väterliche Schwäche hatte Benno allzugroße Selbständigkeit cingeräumt, ihn allzuviel fremden Einflüssen überlassen. Nun' — da da wird er Wandel schaffen, wem», er zurückkommt. Er bcsaim sich kurz und sagte: „Es handelt sich vielleicht noch um wenige Tage, bis ich meinen Zweck erreiche. Wcmr Ihr durchaus nach Hause müßt, erlvcisct mit die Liebe und beratet meinen Sohn, als wenn es Eurer wäre." (Fortsetzung folgt.) _ "Wiesbaden. Pension Deutsch Von Saalgasse 30 nach Taunusstr. 49 in das früher Karpin’sche Lokal verlegt. -(Haltestelle der gelben Trambahn. - Ueber 30 neuhergerichtete Zimmer mit Salons, Balkons, Wintergarten. Zentralheizung, elektrisch Licht, Aufzug, tadellose Sauberkeit Bekannt für vorzügliche Wiener Küche und aufmerksamste Bedienung. Von orth. deutschen Rabbinern und deutschen Familien gern aufgesucht. IV Angenehmster Pessach-Aufenthalt. -WM Sttmm««ftsbULer aus dem gattzische« Lebe«. Bon Josef Lövy, München. (Aus dem jüdischen Manuskript übersetzt) I. Allein saß ich in meinem Zimmer, als die Mitternacht ihre schaurigen, geheimen Flügel über mich ausbrcttetc. Graue Gedanken und wehmütige Gefühle zauberten schmerzliche Gedanken in meine Erinnerung. . . Und ich fühlte mich plötzlich wie ein Mißton in der mystisch-bangen Mitteruachtsharmonie. . . Aber es dauerte nicht lange, da befreite mich eine geheime Stimme von meinem Schmerz. . . Und die Stitnme klang melancholisch, sromm, wie eine alte Zaubermelodie von König Davids Harfe: . . „S'chor adonaj me hojo lonn",*) stiid der Raum meines Zimmers füllte sich mit Ehrfurcht und Heiligkeit. Es schien mir, als ob vom ganzen Volk eine leidende große Seele emporgeschwebt wäre, die schon seit Jahrtausenden auf einsamen Wegen unstet umhcrirrt und *) ©ibar.tf, Gott, was aus uns geworden is>! Frankfurter Israelitisches Familienblatt. jetzt, in dem große» Augenblick der wandernden Schechinoh, flehentlich eine Erlösung für sich sucht. . . Mir graute. Und stumm murmelten meine Lippen nach: Gott, du großer, .starker Gott, gedenke, was aus uns geworden ist! . . . Müde sank man Kopf auf die Brust, und mein Zimmer wurde so eigentümlich bange, daß mein Herz säst verging. Die Ge-' danken trugen mich weiter in ein unenoliches Meer von Erinnerungen, und es fand sich kein Ufer. Die Bilder standen grau und trüb vor meinen Augen und zerflossen schließlich wie herbstliche Regentropfen. . . Und wieder hörte ich die frühere Stimme, aber jetzt schon viel stärker. und deutlicher: „Steh ans, steh auf, du Träumer!" . . . Hell wurde es in meinem Zimmer, wie >venn tausend Sonnen es erleuchteten. Und aus dem strahlenden Licht erschien mir eine Gestalt: das Gesicht bleich und vertrocknet, die Wangen knochig und spitz wie zwei Messer . . ., die Augen zwei erloschene Höhlen, die voll Schmerz und Verachtung in wildem Weh und mit teuflischem Spott geradeaus starrten . . ., die Lippen verrunzelt und von tausend Fasten und Nöten verdorrt . . ., und auf der hohen, faltenreichen Stirn mit Feuerzeichen alle sieben Höllenqualen eingebrannt, die dieses Wesen der Vergangenheit! durchschritt, in der Gegenwart durchschreitet und in der Zukunft durchschreiten wird. . . „Wer bist du', wer bist du, heilige Gestalt?" fragte ich mit Furcht und Schmerz. Statt einer Antwort winkte sic mir abwehrcnd: „Geh! Laß dein Träumen, jetzt ist keine Zeit des Träumens und Rühens. . ., jetzt ist die Zeit der Wut und des Wahnsinns, jetzt ist die schreckliche Zeit des Krieges. . . Gürte deute Lende», wappne dich mit dem Schwert, ho, ha, ha! ... Du hast kein Schwert und ketti Gewehr. . . O Lob und Preis über dich! Tausend Leben werden dich iveinend segneit. . . Komm mit deinem! Geist! . . . Dein Geist, der seit tausend und abertausend Geschlechtern lebt und glüht. . . Nimm dein Herz, reiß cs aus deiner Brust und erhelle die dunkle' wilde Welt! ... Hörst du uicht das Seufzen der zurückgebliebenen Witwen? . . . Hörst du nicht das Jammern der zittcrndeir heimatlosen Waise»? . . . Hörst du nicht die herzzerreißenden Stimmen der umherirrcnden Bräute? . . . Den Schmerz deiner geschändeten Schwestern, v Mensch? . . . Hast du nicht den letzten Laut der heiligen Seelen auf den Scheiterhaufen gehört? . . . Sahst du das letzte Zucken eines Augapfels? . . . Hörtest du die wilde» „spanischen Glocken", die beim letzten Atemzug statt des Bekenntnisses klangen? . . . Fühlst du nicht, tute sich alle diese Opfer vereinigen und hcramstürmen und grauenhaft dir unwillkürlich zuschrcien: Reiß aus, reiß aus dein Herz und erhelle die dunkle wilde Welt!.." Die hettige Stimme verstummte, dunkel Ivurde es wieder in meinem einsamen Zimmer, verschtvundcn, vcrschwunden die heilige Gestalt. . . Tief zusammengesnnken vor Furcht und Graucit murmelte ich leise: „O großer, starker, jüdischer Gott! . . . Wer, ach tver ist die heilige Gestalt getvescn? . . ." Von irgend woher, tvcit, wett, erreichte mich das traurige Echo jener heiligen Stimme. Mit Grauen lief ich an mein kleines Fenster, eine blutige Schlange wälzte sich am östlichen Horizont vorüber. „Ich bin du im jetzigen Kriege gefallener Jude. . . Gott allein weiß, warum die bösen Menschen nicht. . ." „Friede und Ruhe mit dir, Sohn meines elenden Volkes!" ... II. Der T um u 1 t. Auf der Gasse Getümmel und Aufruhr. Es scheint, als ob Gott die Hölle auf die Erde hcrabgeworfen hätte. Jung und alt, Kind und Greis eilen verzlveifelt und bestürzt umher und können keinen Ruheplatz finden. Jedesmal bleibt ein anderer Minjan-Jude stehen, und einer fragt den zwctten mit gebrochener Stimme: „Was tut man, — fahren oder nicht?" Und so verzlveifelt, wie sic stehen geblieben waren, zerstreuen sie sich wieder, antwortlos. Denn jeder fühlt die schwere Frage: „Wohin?. Zu >vem fahren?" . . . Und wo läßt man sein bischen durch lange Jahre und Mühe sauer und init Verachtung erworbenes Hab uno Gut? Und bald hört man wieder einen wilden Lärm von Rädern und Wägen: Die Reichen von Krakau verlassen die Stadt. Sie sitzen wie in einem Gefängnis, umgeben vom Gepäck, und man sieht kein Gesicht. . . Nur: „Bleibt gesund, bleibt gesund, Juden!" hört man ihre trauriges Stimmen. „Gott wird seine rechte Hanb über euch halten, hier liegen doch heilige Geonim, ihr Ansehen] wird euch ' beschützen. . ." Und! die Armen antworten: „Geb's 'Gott, gcb';| Gott, der Herr der Welt."; Einen Tag später ist der, Tumult gänzlich vci-I schwunden, die Stadt hat sich in einen Friedhof uer.| wandelt. Aber nicht lange dauerte die Stille, denn bald] zeigten sich an den Krakauer Häusern. Plakate: Alle] welche sich inicht für drei Monate verproviantieren können! sollen möglichst schnell Krakau verlassen und nach benl von der Regierung angewiesenen Plätzen fahren. . . Dit] Nichtverprovianticrtcn wird man mit Gewalt aus bet| Stadt entfernen. . . Wie eilt schrecklicher Blitz traf die Nachricht ü,| das Herz eines jeden. . . „Gott weiß, wohin man sie schickt", klagte; eiltet] mit gebrochenem Gemüt dem altdern, alte Frauen mit] Männer zitterten vor den schrecklichen Gerüchten, bit| sich verbreiteten, und die im großen ganzen auch nicht] falsch loaren. . . „In Baracken auf nackter Erde schlafe«] und hundert Menschen, Männer und Frauen, zusamnteit] Und noch dazu ist es ein Tag vor „Rosch-haschonoh"] Wie kann man in den „Rosch-haschonoh" fahren? Gott] im Himmel, erbarm dich üeines Volkes" erfüllte sich] die Luft mit ihren Seufzern. . . Lange sich zu besinnen, war keine Zeit. Jeder Packt] mit zerbrochenem Herzen sein bischen Armut zusammen] Viel Gepäck vlitziliiehmcu war nicht erlaubt. Da wurm aus dem großen Sorgenpack ein kleines, kleines Paket..] Hunderte von Familien schleppten sich verwirrt zum] Bahnhof. Knaben und Mädchen, Juden und Jüdinnen] Christen und Christinnen. . . Und schlver war in diesem Moment der elvigi! Judenhaß zu erkennen. Ein Gesicht, die schreckliche] Verzweiflung vereinigte alle. . . Und bevor der Zug abging >var das Lärmen tut] Schreien noch größer geworden, weil jeder sich uttt{ zusehcn begann, ob er nicht jemand verloren habe tute ob er wenigstens die nötigsten Dinge bei sich habe. „Schlomeh, Channele, Josselc! Getvalt, Gewalt! Ivo seid ihr hiiigekomnten?" erhob sich das Geschreis bis zum Himmel. . . Nur die Stimme eines Juden durchbrach und über-j schrie die übrigen: „Gewalt, Gewalt, den Tallis uni] die Tesillin Hab ich nicht!" . . . Und als der Zug schon weit, weit in der graue« Nacht verschwunden war, hörte man noch imnter öel Judeir schmerzliche Stimme: „Gewalt, Gewalt, mein Tallis und Tesillin!" (Schluß folgt) Pl zu bei) welch i kttndge G aufhal! „große orten ' geben von fl Be-rl in der ich fr Das i1 aus! Schrei r HST. ROSENAU Herren-Schneiderei 10 Oaetbettrasa« 10. Vornehme Ausführung. Massige Preise. B««te Chronik. Die «riegshygiene 1« der attjüd. Literatur. A Aufsäj Mickie Versal des g einen daß e in W Rednc storbei mit i Berwi verho Wahl ich a macht lange die C Schri thenc ich d greise mei andel gert stehet einen alle ' die c einen Weib — d Die »Hygienische Rundschau" bringt eine Studie tut] seres Mitarbeiters Dr. Rainer-Wiesbaden über „bil Kriegshygiene in der altjüd. Literatur". Wir entttehtttet] der interessanten Arbeit folgende Stellen: Wenn man eine Stadt belagert, so darf man dies] nur an drei Seiten tun; die vierte muß man frei lassen] damit jeder, der es will, sich retten und flüchten könnt! (Maimonides in „Jad Hachasakah", Abschnitt über bitl „Königspflichten" VI. 7. Nach den Kommentatoren flammt! diese Vorschrift aus dem „Sifri", einem vortalmudische«! Kodex). Nicht nur nicht umgehäuen dürfen die, Frucht« bäume im Feindesland werden, sondern auch die Wasser! quelle", d. h. die Wasserversorgung darf man ihnen nid)« entziehen (Maimonides. Jbid. § 8; ebenfalls aus „Sisrik nach dem Kommentar „Lechem Mischnah" das.). I Die im Kriege Gefallenen werden an Ort und Stellt! auf dem Schlachtfelde — sie gelten als „Meth Mizwah'I — beerdigt (Tract. Erubin. S. 17 a: Maimonides! Jbid. § 8). Bon vier Geboten waren die Leute im Kriegslagei! dispensiert, unter anderem vont Händewäschen vor de«! Essen (sonst stritte Vorschrift) ... Im Tractat Babakamah (8. 80 b bis 81a) heißt ce| noch: Zehen Ausnahmebedingungen stellte Jüsnah füif seine Krieger auf; sie durften ihr Vieh in jedem Wawel weiden, überall Holz sammeln, gewisse Kräuter und! Früchte überall pflücken, Wasserquellen. benutzen, im Sil beriassee Netze zum Fischfänge ausbreiten —,'nur Stöck! zum Befestigen der Netze durften sie nicht einrammen, uw! die Schiffe dadurch nicht aüfzuhatten —, hinter jede»» Zaun durften sie ihre natürlichen Bedürfnisse (Defökal tton) verrichten, sogar auf dem Privatseide voller Crocul (Carcum), sie dursten Privatwege ohne weiteres benutze«! usw. (siehe Ausführliches daselbst). Im Feldlager selb)« oder auf offenem Felde dürfen natürliche Bedürfnisse nidjl verrichtet werden, sondern cs ist ein Gebot, einen besonl deren Weg dafür Herzustellen, denn so heißt es.: „Eine»! Sonderplatz sollst du dir anlegen außerhalb des Lagers] für die Verrichtung deiner Bedürfnisse" (Deuterons XXlll. 13). Ruil berei der 5 listci gcaii Sitzt Rep! Pres zicht polti hält hink ausf »ich emz and ich ' tisch zat 3) . rai 3ied 9) f Hä I (etil 3) lex