Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 13 (1915)
- Issue
- Heft 10 (12.3.1915)
- Date
- 1915-03-12
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite.4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 10. moderne Torbane-. und Möbelstoffe, Tischtl. Divandecken etc. Carl Bisclioff 19 Heue Mainzerstrasae 19 am Schauspielhaus. JenifMon. W Die Verjagte«. Eine Erzählung aus der Mitte t>es vorigen Jahrhunderts. Bon C. Berg. (Fortsetzung.) „Rein, das ist nicht wahr! Gewahren Sic nicht, daß der Glanz Ihres Hauses sich verdunkelt? Daß Ihr Vater, Ihr Bruder, salbst Hclsia dahergchcu, toie von schwerstem Leid gedrückt? Ich habe Hclsia noch niemals so still und so viel weinen gesehen. Gestern saßte ich mir ein Herz und fragte, was sie quäle. Sie habe einen Streit mit ihrem Manne gehabt, antwortete sic mir. Wer ich glaube ihr nicht; über einen Streit würde Hclsia nicht weinen." „Gewiß nicht". Besorgnis steckt an. Er wurde säst unruhig, Claudia war keine überängstliche Törin, sic beobachtete klar und scharf. Allerdings, sein Bruder, seine, Schwägerin waren ihm selbst seit einiger Zeit recht verändert erschienen, als verschwiegen sie wie auf Verabredung jedes eine geheime Sorge. „Wir können ja Hclsia fragen", sagte Benno laut, „sofort, auf der Stelle!" , „Hclsia ist gar nicht da. Vor zwei Stunden ist sic mit ihrem Manu und ihren Kindern ausgcfahren." „9hnt also!", ries Bemw erleichtert aus, „wenn man spazieren fährt, durchlebt man doch keine erschütternden Ereignisse. Obeiwrcin finde ich es höchst unhöflich, daß Hclsia Sic allein hier zurückließ!" „Und ich finde es viel mehr ungewöhnlich, ja besorgniserregend", gab Claudia zurück. „Das war keine Spazierfahrt. Sie kam, mir Adieu zu sagen, und murmelte dabei etwas von Besorgungen, unauffchiebbären Geschäften. Ich geleitete sie bis zur Treppe, wo Ihr Brüder mit dem kleinen Gabriel und Goldche» sie erwartete. Mit einem Male umklammerte sie meine Hand und schrie gegen ihren Mann: „Ich kann nicht. Ich gehe nicht mit." Ich wollte sic beruhigen, sic in meine Arme nehmen, aber Ihr Bruder zog sie von mir, und er hatte einen Blick, als bringe er die Frau um, wenn sie nicht gehorche. Da ging sic mit ihm ohne einen Laut. Wie sie fort waren, mußte ich bitterlich weinen, ich wußte selbst nicht warum." „Mein Bruder heftig gegen seine Frau!" Benno griff nach seinem Hut. „Allerdings dann ist Schlimmes im Anzuge." Claudia war gleichfalls aufgestanden. „Es ist so dunkel geworden", seufzte sic, „bitte, klingeln Sie doch nach Licht!" Wer trotzdem Bemw Sturm läutete, kam Niemand. Das Haus schien wie ausgcstorben. Es war ein trüber, sprühregnichter Dczembcrtag; obwohl die Uhr über dem Kamin erst die vierte Stunde des Nachmittags zeigte, herrschte in dem großen, vielfenstrigen Gemach schon tiefe Dunkelheit. Das Feuer im Kamin war längst erloschen; es war recht kalt und unheimlich - in dem weiten Raum. „Klingeln Sie nicht mehr", sagte Claudia, „es hört Sie doch niemand!" „Man merkt, die Herrschaft ist nicht zu Haus", schalt Benno. „Ich will doch sehen, wo die gesamte Dienerschaft stetst. „Nein, nun, lassen Sie mich nicht allein hier!", bat Claudia erregt. „Ich bekenne Ihnen offen, ich fürchte mich; mir ist so angst, als ob jemand stirbt." „Aber Claudia!" „Ging nicht die Tür? Ich hörte deutlich, es schlürfe jemand herein. . . Mich friert. Sehen Sie nur, die hübsche, kleine Knospe hier am Strauch, sie ist Plötzlich verdorrt." „Sind Sie nicht ein großes Kind, Claudia?", sagte Benno beruhigend, „Sie frieren, weil Sie für unfern rumänischen Winter zu leicht gekleidet sind." Er suchte überall eifrig nach einem Tuch oder irgend einer Hülle; da er nichts dergleichen fand, nahm er von einem Seitcntischchcn die Sammetdecke fort und schlang sic dem heftig züternden Mädchen um die Schultern. „Aber Claudia, Sic erregen sich wahrlich ganz grundlos. . . Mein Gott, was ist denn geschehen? Eine Blume ist verwelkt; wahrscheinlich hat man allzu kalles Wasser über sie gegossen, das ist oas ganze Unglück!" „Licht! Licht!", schrie draußen Solomons Stinnnc. Benno und Claudia stürzten hinaus; zugleich kamen aus dem Erdgeschoß, dem oberen Stockwerk, fast aus allen Türen dienstbare Geister gelaufen; alles drängte plötzlich in das nur matt erleuchtete Entree, um sich der Herrschaft behilflich zu zeigen. „Zum Arzt, schnell!", befahl Solomon. „Mein Gott, was ists", fragte Benno schon auf dem Sprunge. Da kam Helfta herauf, langsam, ganz, ganz langsam, die kleine Golde auf den Armen, in Krämpfen. „Helsia! Was ist dem Kinde?", stieß Claudia hervor. „O nichts", antwortete Hclsia mit zuckender Lippe. „Das Wasser war nur zu kalt, mit dem sie es übcrgosscn haben." ... „Gehirnentzündung!", sagte der Arzt, da er vom Bett der kleinen Golde kam. „Wird es gut ausgchen?", fragte Salomon beklommen. „Darüber iveiß ich so wenig >vie Sic", brummte der Doktor und eilte hinaus. Auf der Treppe begegnete er dcni alten Liedertrost, der, stark beunruhigt durch das unvermutete Erscheinen des Arztes in seinem Hause, ihn mit Fragen bedrängen tvollte; doch mit einem kurz gemurmelten „Wenig Zeit, wenig Zeit", sprang der Doktor, immer drei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinab. Mit gleicher Eile lief nun Abraham hinauf. „Wer ist. krank?", fragte er atemlos. „Goldchcn ist nicht ganz wohl", erwiderte Salomon mit aller Ruhe, die er sich abzuringen vermochte. Abraham wollte sogleich in das Schlafzimmer seines Lieblings, aber Salonion hielt ihn zurück: „Verzeih', Vater, die Kleine soll jetzt schlafen; auch hat Helsia es sich ein wenig bequem bei ihr gemacht. Entschuldige einen Moment, ich schicke Dir Gabriel hinaus!" Ehe Salomon den Jungen seinem Vater zuführtc, flüsterte er ihm ins Ohr: „Dem Großpapa kein Wort erzählen, toie Goldchen krank tvurde, hörst Du? Sonst bekommst Du Strafe!" Gabriel nickte, er hatte verstanden. Leider war des Großvaters erste Frage an ihn: „Gabriel, wie geht es dem Schwesterchen?" Der Kleine schielte nach dem Nebenzimmer, wo sein Vater am Fenster stand. Dem Papa mußte gehorsamt werden, der war heut sehr schlechter Laune. Das hatte der kleine Diplomat schon weg. Aber er hätte gar so gern nach Kindcrart sich nritgetcllt und Goldchens Zuckungen und verzerrtes Gesichtchen vor dem Großpapa recht anschaulich nachgeahmt. Damit war cs nun nichts; denn der Junge merkte recht gut, daß sein Vater scharf auf ihn Obacht gab. Er mußte also einen andern Gesprächsstoff finden. „Großpapa", begann er, als hätte er Abrahams Frage nach der Schwester einfach überhört, „Großpapa, was bist Du?" „Dir gut", antwortete Abraham lächelnd, da er die Frage gewöhnt war. „Nein, so nicht, Großpapa! Was bist Du noch?" „Dein Großvater". „Und was noch?" „Ein alter Mann". „Und was noch?", fragte der Junge hartnäckig. „Was noch?", erwiderte Abraham erstaunt. „Kleine Knaben sollen nicht unnütz ftagen, sie bekommen sonst einen grauen Bart." „Was bist Du noch?", quälte Gabriels „Großpapa, Du bist schrecklich dumm!" Ans Fewbriesen. (Schluß). Am Dienstag Morgen kam ich, aus Schul kommend, wieder über den Marktplatz, da sehe ich, wie ein Soldat einen Juden mit Füßen tritt. Furchtbar kocht es in mir auf, und ich fahre den Mann mit Donnerstimme an: „Wie kommen Sie dazu, den Mann so zu treten; ist das deutsche Art und Sitte, Menschen so zu behandeln, wenn das der Ortskommandant wüßte, ging cs Ihnen schlecht." „Der Mann will nicht zur Arbeit", stammelt er. — „Dann gibt es andere Mittel als solche Mißhandlung." Der Soldat stand betroffen da, mein Jude war aber inzwischen verschwunden. Am Mittwoch Morgen komme ich nach Schul, da geht ein Murmeln durch die Reihen, ich' höre nur etwas von einer Anordnung des Ortskommandanten. Dann tritt der ehrwürdige Jiabbi auf' den Allmemmor nach Beendigung des Gottesdienstes und verkündet: „Da viele von Euch sich der Straßenarbeit entzogen, indem sie bis zmn Mittag ins Bet hanunidrosch zum Gottesdienst gingen und dies als Hindcrungsgrund angaben, so ordnet der Ortskommandant an, daß der Gottesdienst im Bet hammidrosch um 8 Uhr beendet sein muß, der Abendgottrsdienst vor 6 Uhr nicht beginnen darf, außer am Freitag Abend, wo er um 4 Uhr ansangen darf/ — Sinn gab es kein Entweichen mehr, denn aus her Stadt konnte ja auch nur her hinaus, der einen ge stempelten Passagierschein hatte. Doch das waren kleinere Sorgen; viel furchtbare, waren die Besorgnisse der Juden, der Russe könnte noch mal vorrücken; sie zitterten und bebten bei diesem Gkdanken. Als der Russe das erste. Mal gegen unser, Grenze, in diesen: Falle gegen Czenstochau zog, da wai er freundlich und angenehm und behandelte die Jude» gut. Schlimm,' sehr schlimm wurde es, als er den Rückzug vor uns antreten mußte, da sollten die Juden Spionendienste geleistet haben und die Deutschen bei ihrem ersten Vorrücken zu freundlich ausgenommen habe,,; jetzt wurde geraubt und geplündert, geschlagen und gestoßen. ' Wir sind den russ.-poln. Juden wirklich zu Da» verpflichtet. Was müht und plagt sich der Jude be, Wind und Wetter, bei Tag und Nacht, auf grundlosen Wegen, die Waren, die wir brauchen, heranzuschaffen natürlich nicht uns zu Liebe, aber wie groß ist d« Freude, wenn wir sie bei ihm in Kr. oder in W. oder 9*01 der 9cnt zu eine Lazarett machen, Grenzen stens ei Du getan f; Frankre zlvunger in K. bekommen. Das sind Lichter, Seife, ZigarrenARegieru Zigaretten, Brot, Semmeln, Streichhölzer, alles was uns im Schützengraben so bitter uottut. Wenn die Leute hier nnt ihren Wagen ankommen, dann ist ein Rennen und Laufen, ein Feilschen und Handeln, und sehr bald sind die Vorräte verkauft. So würden ja die Juden allüberall recht gute Geschäfte machen; si, erzählen mir aber vielfach, viel werde ihnen gestohlen, geraubt, und große Bosten feien durch Plünderungen leider genommen worden und so der Verdienst für lange Zeit verloren. Gar so schlimm wird das mit den Plünderungen wohl nicht gewesen sein, denn wie ich schon oft gesehen, sie wissen sich ziemlich ihrer Haut zu wchr.en, vereinzelte Fälle vielleicht ausgenommen. Nun zu den K'er Juden zurück! Fast jedes Jude»- haus ist ein Theehaus geworden, in dem Th.ee, sehr guter, für 10 Pfg. das Glas ausgeschentt wird. Frauen ooer Kinder stehen vor der Tür und laden freundlichst ein; so folgte ich auch der Aufforderung eines lieblichen blühenden Mädchens und fand in ihrem Hause einen ganz angeregten Wend. Es interessierte mich, von dem Vater Näheres über die Verhältnisse der Inden zu hören, und ich konnte auch manches erfahren. Wie in Posen früher, so war auch natürlich in Polen der Handel ganz in jüdischen Händen, das hat im letzten Jahre ausgehört, gestützt durch das Geld polnischer Magnaten, Sparkassen und Vereine, fängt wie Eci uns der Pole immer mehr an, sich auf eigen: Füße zu stellen, und so gibt es jetzt auch schon Genosienschaften, die den Bauern alles abkaufeu, ihn durch Geld finanzieren und so vielfach den Juden ausschalteu. Auch in anderen Branchen tun sich Geschäfte auf und tun den Juden - Abbruch. Der Jude in Deutschkino hat dank seiner Freizügigkeit doch eher die Möglichkeit, sich anderswo eine neue Existenz zu gründen. Hier in Polen, wo die Armut und die Uebersüllung überall die gleiche ist, ist das viel 'schwieriger, und so tritt eben langsam « eine noch größere Verarmung ein. Sehr gute Geschäfte machten in. K. natürlich die Lebensmittelgeschäfte, sie wurden, bei dem starken Durchgangsverkehr von Militär ihre Waren spielend los, zu hohen Preisen: Zucker, gestoßen 50, Würfe! 60, Lichter 1,20, Petroleum 50, dabei ist zu beachte», daß ein russisches Pfund und Zentner nur etwas mehr als deutsche *.k Pfund resp. Zentner sind. Sehr zu leiden haben natürlich unter dem Krieg die Handwerker; die Schneider, Schuster etc.; auch die Manufakturisten. Das ist der Unterschied gegen Deutschland, dort ist die ärmste Bevöllerung infolge der staatlichen Unterstützung und der heimgesandteu Löhnung kaufkräftiger geworden, hier in Polen ist das Land zerstört, der Bauer verarmt, der Soldat bekommt eine ganz minimale Löhnung, bei der er glichterübrigen kann. Diesen Ausfall suchen sehr viele durch die Tee, Semmel, Kuchen und Cigarettenverkauf wett zu machen, Leute, die sonst garnichrs Hamit zu tun hüben; der Handel geht aber nicht schlecht. Die Festsetzung einer einmaligen Steuer geschieht alljährlich durch einen Regierungskommissar, der kommt inden Laden, sieht sich hier um und bestimmt dairach die Höhe. Manches Vorratslager soll in solche» Tagen merlwürdig klein geworden sein. Wie bei allen: soll auch hierbei der Rubel eine große Rolle spielen. Die Schulverhältnisse liegen sehr darnieder, i>: meisten Kinder gehen in den Cheder und lernen dort, was zit ihrer jüdischen Ausbildung gehört. Leider ist der Rabbiner, ein kränklicher, älterer Herr, nicht niehr sehr .fähig, an der Erziehung der Jugend mit zuarbeiten. 'Widersprechend toar, was ich über die Er laubnis zum Besuch höherer Schulen hörte; sehr weit scheint es nnt dieser noch nicht her zu sein, allerdings auch das Verlangen danach und nach höherer Bildung und Kultur scheint noch nicht übermäßig 'gro; zu sein. Auf meine Frage, z. B., warum die nleisten die Zizith unter der Weste Heraushängend tragen, warum sie alle noch den langen ■ Rock, die typische Juden lappe tragen, ob sie dazu gezwungen seien, bekam ich die Antwort: Der Vater macht's so und der Großvater auch, also bleiben wir auch dabei. Der Tag der Befreiuung vom russischen Joch würde dabei wohl diel ändern. - ■ Bevor ich aber die Juden verlasse, muß tch noch einer frohen Beobachtung gedenken. In Schm sah ich während des Betens zwei junge Leute eifrig über die Gemoroh verttest; ich freute mich herzlich. Bein: Mittagsbrot traf ich ein junges Mädchen. Auf. meine Frage, wer ihr Verlobter sei, antwortete, sie mir stolz: „Ein Gemorohjüngcl".. „Und wovon wollt ihr 'leben" fragte ich sic. „Ja, er hat noch ein gutes.Geschäft-' und Fi Arbeitet neu au der Reil mann £ Mit eh nicht ei Feldher verpfliä Juden jrüher. 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