Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 13 (1915)
- Issue
- Heft 7 (19.2.1915)
- Date
- 1915-02-19
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2692297-2692924-2692931--08873-2704032- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2. Leigt das Kapitel, in dem er die „Assinrilie rung der Juden" behandelt. Da alle Eigenarten der Juden, für ihn lediglich Produkte des Milieus sind, so folgt daraus, daß Ni an nur dies Milieu zu ändern brauche, unr ihre Eigenarten zum Verschwinden zu bringen. Die Assinrilierung der Juden ist somit die einfachste Sache von der Welt, und in der Geschichte bei jüdischen Assimilation findet Herr K. den 'Beweis für diese Annahme, den er nun im 7. Kapitel p erbringen versucht. Das ganze Kapitel ist getragen von dem Geiste und der Anschauungsweise 'der flachsten, materialistischen Geschichtsauffassung. Es basiert aus dem! Dogma, daß einzig und allein die wirtschaftlichen Fragen die Ereignisse der Geschichte im allgemeinen und die der jüdischen Geschichte iur besonderen bestimmten. Alle Wandlungen in der Lage der Juden durch all die Jahrhunderte der Diaspora erklärt K. durch wirtschaftliche Momente. Zu welchen Ergebnissen diese Methode führt, sei an zwei Beispielen gezeigt. Den großen Umschwung in der Lage der Juden, der iur 13. Jahrhundert erfolgte, erllärt Kautsky folgendermaßen: Zur Zeit der Städtebildung bedurfte man der Juden als Kauf- und Geldleute, daher war ihre Lage bis ins 13. Jahrhundert eine erträgliche. Dann aber entwickelte sich in den Städten eine Klasse einheintischer Kaufleute, die die Juden als Konkurrenten betrachteten, daher wird ihre Lage seit dem! 13. Jahrhundert imnrer schlechter und schlechter. Wer daß es neben all diesen—gewiß recht bedeutsamen — wirtschaftlichen Ursachen der Judenverfolgungen noch viele andere gibt, religiöser Fanatismus, Haß gegen das -Fremde, Werglaube usw., das ist für die Geschichtsauffassung Kautschs bedeutungslos; das alles sind chm als radikalen historischen Materialisten nur nebensächliche Tinge des geistigen Ueberbaus, der sich auf dem. allein von wirtschaftlichen Kräften erbauten Fundament des gesellschaftlichen Lebens erhebt. In derselben flachen Weise erllärt K. auch die Enmnzipation der Juden am Ende des 18. Jahrhunderts. Sie wurde herbeigeführt — meint er — durch das industrielle Kapital, das damals zu allen .anderen wirtschaftlichen Machtfaktoren im Gegensatz stand und daher Alliierte suchte in allen unterdrthkten Bevölkerungsschichten, in den Arbeitern, Bauern und Juden. Das industrielle Kapital siegte. So entstand die Moderne Deuwkratie, so erfolgte die Emanzipation der Juden. Wer daß um jene Zeit die Philosophie der französischen Aufllürung Europa beherrschte, daß alle Welt für Gleichheit und Humanität sich begeisterte, daß auch diese Motive zur Emanzipation der Juden in erster Reihe beigetragen haben, all dies erkennt K. nicht an, denn wie lautet doch die Formel? Die Philosophie, das Geistesleben ist der Ueberbau, Fundament ist nur das wirtschaftliche Leben. Es wäre auch hier unfruchtbar, sich in eine Polemik mit K. über diese Art der Geschichtsbetrachtung einzulassen; es hieße den ganzen großen Streit um die materialistische Geschichtsauffassung auftollen, einen Streit, der schon länge durch die Ueberwindung des historischen Materialismus für alle nicht in Parteidogmen Verrannte endgültig entschilÄen ist. Es kam mir nur darauf an, an den beiden Beispielen die ganze Flachheit und Banalität dieser Art der Geschichtserklärung zu illustrieren; denn K. erllärt auf diese Weise nicht nur die Wandlungen der Wischen Lage in ftüheren Jahrhunderten und die Enmnzipation der Juden zu Beginn des 19. Jahrhunderts, sondern er unternimmt auch den grotesken Versuch, die Entstehung der gesamten modernen nationaljudischen Bewegung Mit Hilfe dieser Methode zu verstehen. Auch der Zionismus ist für ihn nur aus wirtschaftlichen Ursachen heraus entstanden. Wer eins Ahnung nur von dem Wesen und der Geschichte des Zionismus hat, versteht von vornherein, welche Fehler, JrrtüMer und Mißverständnisse aus diesem Unternehmen sich ergeben müssen. Den Zionismus eines HM Pinsler, Herzt, Achad-Haam, Lilienblum; den Zionismus, der die geistige Judenftage, die seelische Judennot lösen will, als ein Produkt wirtschaftlicher Magenftagen zu erklären^ das muß! ein interessantes Kunststück historischer Tätsächenverdrehung und Rabulistik sein. Dieses Kunststück uns im einzelnen anzusehen, wollen wir uns für den nächsten Aufsatz Vorbehalten. __ Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Brief a«O Mattzie«. ' . Von .Leon WeänrebO Büranov.w *: IV. lieber den Befehl des Kommandanten wütend, brannten die Kosaken auf ihrem Durchmärsche nach Tcmbica .ganze Dörfer nieder, vergewaltigten die Frauen und Mädchen der Bauern . Md zerfleischten mit ihren spitzigen Spießen den angesehenen BauernbürgerMeistcr Kowalski aus der Dorfgemeinde Juseför, der' sich den beiden Kosakenführern flehend zu Füßen geworfen hatte, damit sie seine Gemeinde schonten. UM 8 Uhr ftüch langten die , Kosaken in DeMbica an. Die Juden, die bereits die ersten Plünderungsqualen der gewöhnlichen „braven" Truppen überstanden hatten, waren mit ihren Frauen und Kindern in der Synagoge versammelt uird! ahnten nicht das Schreckliche, was ihrer noch vor „Tekias Schofer" wartete. Die Kosatdn stürzten in die jüdischen Häuser mit Roh und Gewehr, — uird was nicht niet- und nagelfest war, wurste zertrümmert Md auf di? offene Straße geschleudert. Doch staunten die Schur-. ken, daß sie keinen einzigen Juden zu 'Gesicht bekamen, und' forschten nach der Ursache. Es war ihnen nicht schwer, diese gleich zu erfahren. Da gab es ein jubelndes „Hurra".: ^,,Gehen wir zu den Jewres, sie sind alle in einer Stube zu haben!" uird in wenigen Sekunden war die Synagoge von den Kosakensotnien umzingelt. Wie wilde Tiere stürzten sie sich über die wehrlosen Frauen, die in der Frauenabteilung versammelt waren und vergewaltigten sie. Die sich wehrten, wurden erdolcht und zu Tode getreten. Beherzte Frauen stürzten sich durch die. Fenster und verletzten sich schwer, aber auch diese verschonten die Untiere nicht; von den blutigen 4ta- , geikaprügeln starben viele auf dem.Synagogenplatz unter qualvollen Schmerzen. Den Männern verbot man, die Synagoge zu verlassen, durchsuchte ihre Taschen und gab ihnen gleichzeitig von den spitzigen langen Piken im Fleische zu fühlen. Die Synagogengasse wurde dann in Brand gesteckt, und nach kurzer Zeit staust eine ganze Reihe Hauser in lodernden Flamimen. Um 4 Uhr hieß man die teuflichen Truppen die Stadt verlassen und nach Ropcztzce ziehen. Es verlautet, daß die Kosaken fick) nicht mehr als sechs Stunden in einer Ortschaft aufhalten dürfen. Auch dort geschah das Gleichst; sofort nach ihrem AnkoMmen begaben sie sich in stie Synagoge und verfuhren nach dem Denrbicer System Ebenso geschah es den Juden aus Sedzischow und Lancut. Misrachi-Konfereuz in Amerika. Chicago, 10. Januar. Die Konferenz wurde unter großer Begeisterung eröffnet. Bon den Anwesenden seien erwähnt: Rabbiner Abramowitz-St. Louis, Rabb. Ahron Mordechai Oschinski-Pitsburg, Rabb. Dr. Schaffer-Baltimore, Rabb. Lewin-Detroit (Mich.), Rabb. Nachman Zwi E bin-Cleveland, Josef Selig G l i ck - Pitsburg, M. Gelman, Generalsekretär des Misrachi. Rabb. Abram 0 witz wies in seinem Berichte nach, daß der Misrachi trotz des Weltkrieges viel geleistet hat. Zahlreiche neue Ortsgruppen wurden gegründet. Bedeutende Summen wurden für palästinensische Zwecke aufgebracht. Rabb. Dr. Klein vertritt den Misrachi in dem Zentral-Hilfskomitee, Rabb. Gold in dem Amerika». Jüd. Hilfskomitee! Sodann wurden die Einzelberichte erstattet. Freitag abend und Samstag fanden unter so großem Andrang, daß hunderte zurückkehren mußten, Vorträge in den Synagogen statt.. Uns dem Bankett am Samstag abend wurden 200 Dollar für den Agitationsfonds gesammelt. Ans den Verhandlungen am Sonntag und Montag sei der Beschluß erwähnt, Generalsekretär Berlin, der sich gegenwärtig in Kopenhagen aufhält, zum zweiten Male nach Amerika kommen zu lassen. Der Eindruck der Konferenz war der, daß der Misrachi in Amerika gute Aussichten hat. Aus aller Wett. Deutsches «eich. Berlin. Die Zionistische Organisation erläßt einen .; Schekel-Aufruf, in dem es.heißt: „Noch nie ist ein Zeitpunkt gewesen, in dem wir so entschieden die Wahrheit und die Notwendigkeit des Zionismus empsimden hätten. Gerade jetzt, da sämtliche Nr. 7. Bölkex. für HhreK natiomlle CHstenz/ käiupseiii und dic FahnL dH natiostalm .Befteiüng Hochhalten, gerade) setz! jverstehen KiH. am: AchringlÄMnH unser ^tragisches Gc° schick^nnd Werders wir immer ergreifender 'und schlagender davon überzeugt, von welcher reale» Bedeutung dir Organisation jeder Völkerschaft, und sei es selbst der kleinsten, in den entscheidenden Momenten in der Weltgeschichte ist. Andererseits ist noch niemals' die Leitung , der zionistischen Organisation mit solcher Gewalt durch' die Ereignisse bagu gedrängt worden, alle ihr zu Gebote stehenden und alle potenziellen Kräfte anzustrengen, um unserem großen historischen Ideale näher zu kommen. Es gilt, sowohl all - dies aufrechtzuechalten, was wir durch harte Arbeit in Palästina und in der Diaspora an zionistischen und .nationalen Gütern geschaffen habe», als auch .uns für den Zeitpunkt vorzubereiten, in dem die historischen Entscheidungen über die Schicksale unseres Landes fallen werden. - - : In diesem Sinne müssen seit längerer .Zeit dic ' Männer, die Ihr' gewählt habt, "wirken ' und strebe». . Soll man Euch erst sagen, .daß dazu auch . materielle Mittel "notwendig sind? Niemand von Euch' "antworte als» i in . der> vielleicht entscheidenden Stunde, daß es unter den gegenwärtigen Verhältnissen schwer oder gar , unmöglich sei, Schekel einzusämnieln, daß der Zionismus ein Ideal sei, für das man nur in Friedens- : Seiten Anhänger zu werben und Mittel zu schaffen vermöge. Gedenket doch, das; der Zionisnius mehr als je ein Teil des öffentlichen und. politischen Lebens geworden ist! Während der gewaltigen Konflikte, deren die Mensch- : heit jetzt' voll ist, muß mit Naturnotwendigkeit auch die zionistische Frage in ihrem ganzen Umfange auftauchen, müssen unsere historischen Rechte und Ansprüche klar und deutlich formuliert und erhoben werden. Gerade! die Gedanken Theodor Herzls werden immer reifer und dringender. Um ihre Verwirklichung erstreben und durchführen zu können, müssen wir als eine geschlossene und ' imponierende Macht dastehen: dann wird hoffentlich auch unsere Stimme gehört und gewürdigt werden. Ohne eine organisierte jüdische Masse, ohne Repräsentierung eines maßgebenden - Teiles des jüdischen Volkes, wird der Zionismus trotz seiner reichen Vergangenheit, trotz seiner unvergänglichen Leistungen und seiner unermüdlichen Opfer nur als ein schwaches Echo des 'Judenleids vor der Welt erscheinen. Dieses Echo soll aber groß und überwältigend sein! Deshalb "gedenket Eurer Organisation! .Schärft allen Juden ein, daß die zionistische Organisation die ihrige ist. Entrichtet selber den Schekel und nehmt de» Schekel von alle denen, welche zur Erreichung des Zionismus eine Steuer entrichten wollen, nehmt den Schekel von allen, die wenigstens in diesem Augenblick mit sich das Schuldbewußtsein nicht davontragen möchten, daß sie den Vorkämpfern her historischen Befreiung des Judentmns in der Schicksalsstunde auch nicht mit der geringsten Hilfe beigestanden haben. Wer heute den Schekel nicht zahlt, schädigt doppelt die Freiheitsidee des jüdischen Volkes: er gewährt . nicht die Mittel, welche für die schwere und verantwortungsvolle leitende Arbeit notwendig sind, und verringert die Kompetenz der zionistischen Organisation fürden Moment, in welchem die Kompetenz von de» . machtgebietenden Faktoren geprüft werden wird." HalberstaSt. DerGruvpenverband der Agudas Jisroel in Deutschland fordert zu Spenden für die schwer heimgesnchten Juden Galiziens auf. Spenden nehmen entgegen: Büro der Agudas Jisroel, Frankfurt a. M., Zeil 85, Postscheckkonto 6712. — Büro des Gruppenverbandes der - Agudas Jisroel, Halberstadt. — Geschäftsstelle des Frankfurter Israelit. Familienblatt, Frankfurt a. M., Postscheckkonto 4864. GrotzbrUaimie«. London. Das Bereinigte Komitee des Board of Depnties und der Anglo Jewish Association hat durch seinen Beschluß, auch jetzt noch nicht Z i o n i st e n aufzunehmen, die schärfste Kritik in der jüdischen Oeffentlichkeit hervorgerufen, und diese Kritik ist nun die Veranlassung geworden, daß das Komitee nunmeh'r den Zionismus studiert. Die Berichte der Kongresse und der finanzielle Stand der zionistischen Organisation werden geprüft. Ln eien Wolfs ist ins Ausland gefahren, um sich dort über den Zionismus zu informieren. Personalien «.Kleine Mitteilungen. Berlin. Herm. Lemly, zweiter Kantor der Adaß Jisroel-Gemeinde, feierte sein 25jähriges Jubiläum an dieser Gemeinde. Wiesbaden. Einen großen Verlust haben wir hier erlitten. Rabbi Akiba Wreschner. haben wir vergangenen Freitag .zu Grabe getragen. Gebürtig aus Posen, Sohn des bekannten Zerkower Raw Rabbi Abusch, war er hier lange Jahre ansässig. Ein Talmid- Chochom war er, ein Zaddik im wahren SiMe des Wortes. Ungewöhnliche Bescheidenheit zierte, ihn. Seinen Lebensabend widmete er buchstäblich nur Thauroh.waawaudoh. Die armen Kranken aus Polen werden ihn sehr vermissen. . Preßburg. Hier in seiner Vaterstadt ist Jsaak Hirs ch Ratzersdorf aus Antwerpen, ein ob seiner Wohltätigkeit und seiner Frömmigkeit bekannter Jehudi, bestattet worden. "Er hatte sich in Wieneiner Operation unterzogen, der er erlag.