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Neue jüdische Presse · 1915-02-19 · Heft 7 (19.2.1915) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
13 (1915)
Issue
Heft 7 (19.2.1915)
Date
1915-02-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Februar 1915) Rr. 7. mei 5S J V« teilt on ter i lldC I». 1 25. «SiCÖ:, Eibe Mg tiiut steS t: mb(t . m em an Dort ten rhin rbet ,r se offen 11 rad tes en len Sta >Die AsstmUatiouspredigt des Herr« Karl Kautsky. Bon NnchuM Go l dm an n. IV. Den Lesern wird es wohl noch in Erinnerung sein, daß. wir im letzten Aufsatz der feierlichen ToteserÜärung der Mischen Nation durch Herrn Karl Kautsch beigewohnt haben; vor 2000 Jahren bereits — wurden wir belehrt — ist sie sang- und klanglos untergegangen, und was seitdem noch als jüdisches Volk durch die Welt spukt, ist nichts weiter als eine internationale jüdische Ritusgemeinschaft, die sich trotz aller Versuche, sie zu vernichten, fatalerweise bis zum heutigen Tage noch erhalten hat und Herrn Kautsch so in die Notwendigkeit versetzt, sie in gütlicher Weise zum freiwilligen Untergang zu überreden. An Ueberredüngskünsten spart, Herr Kautsch denn auch nicht; für so eigensinnige, hartnäckige Menschen, wie wir Juden es sind — meint er wohl — ist es nicht genug, ihnen mit nur einem Beweise zu zeigen, daß sie in Wahrheit bereits vor 2000 Jahren als Nation untergegangen sind, solchen Menschen muß die Tatsache — so offenkundig sie auch für objektiv und vorurteilslos Blickende von der Art des Herrn Kautsch ist — Mehrmals bewiesen werden; nun, nichts ist leichter als dies, und so schließt .sich denn .dem historischen Beweis eine handgreifliche anthropologisch-psychologische Demonstration der Nichtexistenz einer jüdischen Nation an. Ihr und alle Welt Mit euch — doziert uns Herr Kautsch — meint wohl, ihr besaßet noch heutzutage gewisse körperliche und geistige Merk- Male, die euch von allen anderen Nationen unterscheiden und aus denen ihr ■ den Schluß zieht, es gäbe eine jüdische Nation. Welch ein Irrtum! Ich, Kautsch, werde euch beweisen, tvie absurd das ist. Also welche körperlichen Merkmale bildet ihr euch. ein, oder sagt man euch nach zu besitzen? Zunächst die berühmte „krumme Judeunafe".? Rasch die Statistik hervor; sie belehrt uns, daß unter den Juden nur 14,3 Prozent, unter den JMnnen aber gar nur 12,7 Prozent hie krumme Nase besitzen, hingegen 57,3 Proz. resp. 59,4 Proz. sich einer „griechischen Pase" rühmen dürfen. Weiter.: Man sagt, wir seien brünett. Statistik hervor: 56,2 resp. 56,9 Prozent brünette Typen gibt es nnl ganzen unter uns, also nur die Hälfte aller Juden zeigen diesen Typus auf. Und endlich: alle Rassentheoretiker verkünden das Dogma, wir hätten einen besonderen, semitischen Kopfschädel, der vom arischen sich unterscheidet wie Wasser vom Feuer; blicken wir wieder in die Statistik, so „finden wir auch hier wieder die UeberöinstimMung der Juden Mit den Völkern, unter denen sie . leben". Und wie es touit diesen körperlichen Merkmalen bestellt ist, so. fteljt;; es auch mit all den anderen. Jüdische Fruchtbarkeit — die Statistik zeigt, „wie sehr diese von "den sozialen Verhältnissen abhängt". Die Juden sollen von manchen Krankheiten weniger leicht befallen werden — es -erklärt stch aus den sozialen Verhältnissen der Juden. Ihre Aussprache soll eine 'besondere sein — das ist eine Folge des Milieus; „wenn die Juden imMer und überall Mauscheln, so sächseln.die Sachsen, schwäbeln.die Schwaben iMmer und überall"; ."denn „die Aussprache wird nicht ererbt, sondern erlernt". Kurzum!: wohin nran blickt, es gibt keine körperlichen Eigentümlichkeiten der Juden, die etwa auf Vererbung berichten und deshalb dauernd und schwer veränderlich wären; sie alle sind vielmehr nur auf' die Einwirkung des Milieus zurückzjuführen. Und was nun gar die spezifischen geistigen Merkmale der Juden betrifft, so erklärt es K. auf Grundseiner wissenschaftlichen 'Erkenntnis für ,-lächerlich", auch nur „den "bloßen Versuch" zu Machen, sie als auf Vererbung beruhend nachzuweisen. Was werden wir nunmehr sagen? Werden wir noch nieiterhin die Arroganz besitzen, gegen alle Tabellen 'der Statistik und wissenschaftlichen Erkenntnisse des Herrn Kautsky zu behaupten, wir wären eine Nation, wir besäßen Wesünseigenarten, die uns von allen anderen Nationen unterscheiden? Oder werden wir endlich Vernunft annehmen und endlich einmal, nachdem wir 2000 Jahre lang überall aller Welt im Wege waren und die armen Völker Europas dazu verführt haben, durch Inquisitionen, Massenmorde, Pogrome ihre Geschichte! zu beflecken, untergehen? Ja, wirklich, was werden wir Herrn Kautsky auf seine statistischen Tabellen und wissenschaftlichen Beweise erwidern? Nun, ich denke, unseren „jüdischen Köpfen" — die allerdings nach der Statistik gar nicht existieren, die aber so nmnche Feinde unseres Volkes täglich verwünschen — wird die Antwort nicht schwer fallen. Wir werden Herrn Kautsky erwidern, er möge uns mit seinen Tabellen und Ziffern und Messungen in Ruhe lassen; sie mögen für die Anthropologie, die Physiologie, die Pathologie und andere ien recht nützlich und wertvoll sein, uns aber interessieren sie für die Frage unserer nationalen Existenz recht wenig. Ob nun die Statistik die krumme Nase und die brünetten Haare und die -Mauschelnde Aussprache ünd hundert andere Eigentümlichkeiten als spezifisch jüdisch bestätigt oder nicht, so weiß doch jedes Kind auf der Straße, daß ein Jude sich von einem Nichtjuden unterscheidet — sonst würden Gassenjungen nicht immer gerade dem Juden ihr „Jud" nachschreien — so vermag in den meisten Fällen jeder von uns, den Juden in einer Gesellschaft herauszuerkenncn, und Nichtjuden, die weit weniger gelehrt und gescheit sind als Herr K., dafür aber nicht in Theorien verrannt und mit Scheuklappen durch die Welt schreiten, pflegen auch iMmer beit Juden auf 10 Schritt Distanz herauszuspüren. Es gibt eben 'Wesenseigentümlichkeiten, Nuancen und Schattierungen — und sehr oft zählen sie zu den tiefsten und bedeutsamsten Eigenarten eines Menschen oder eines Volkes —, die man mit den groben Zangen der Statistik nicht erfassen kamt; und es ist einfach absurd, die Existenz eines jüdischen Typus zu leugnen, weil er in Tabellen und Ziffern noch nicht bewiesen ist. Was aber die geistigen Merkmale betrifft, so sprechen wir zunächst einmal Herrn K. alle Befugnis und Fähigkeit ab, darüber zu urteilen. Er selbst würde es sich wohl verbitten, wenn jemand seine Eigenart analysieren und beurteilen wollte, ohne eines seiner Werke! gelesen zu haben, ohne irgend' eine seiner Leistungen zu kennen. Und mit demselben Rechte müssen wir ihn als. unfähig erklären, ein Urteil darüber zu fällen, ob es gewisse konstante, tief verwurzelte geistige jüdische Eigenarten gibt, ohne unsere Kultur zu kennen, ohne ein Wort, hebräisch zu verstehen, ohne zu wissen, was wir geistig geleistet haben. Herr K. wird wohl einwenden, er sei doch in der Lage, auf Grund der geistigen Anteilnahme der Juden an. der europäischen Kultur zu urteilen; sein Einwand ist nichtssagend. Der Jude, wie er durch die Emanzipation .hindurchgegangen ist und uns in der westeuropäischen Kultur entgegentritt, ist kein wahrer, echter Jude mehr; er ist durch die Assimilation gefälscht und verzerrt. Und ebenso, wie es ein Unrecht von antisemitischer Seite ist, gewisse Fehler, die der entwurzelte, zwiespältige Assimilationsjude .besitzt, als angeborene Untugenden des Mischen Volkscharakters zu erklären, ebenso unberechtigt ist der Erforscher jüdischen Wesens, auf Grund des geistigen Schaffens der EManzipationsjuden die geistigen Eigenarten des Mischen Volkes zu beurteilen. Es ist daher nur natürlich, daß K. in seinen Ausführungen über die geistigen Merkmale der Juden zu durchaus falschen Ergebniffen gelangt. Er, der naive Anhänger einer auf die Spitze getriebenen Milieutheorie, hält es für durchaus möglich, die Eigenarten des jüdffchen Geistes einfach daraus zu erklären, daß. die Juden seit 2000 Jahren Städtebewohner sind. Daß aber das geistige Schaffen des Mischen Volkes in der Diaspora im tiefsten Grunde dieselben Eigenschaften aufweist, die schon an der alten Mischen Literatur der palästinensischen Zeit zu erkennen sind, daß — um nur ein Beispiel herauszugreifen — zwischen den Schriften der Propheten und den Werken unserer mittelalterlichen Religionsphilosophie bei allen durch die Zeitverhältnissen bedingten Unterschieden doch im innersten Grunde die tiefite Wesensverwandtschaft besteht, daß der jüdische Städter der Diaspora dieselben Geistesanlagen — wenn auch vielfach in ungesund übersteigerter, verzerrter Form — besitzt wie der alte.Jude der biblischen Zeit, der doch vorwiegend Bauer war, all. diese Ern- Wände kann K. natürlich nicht bemerken, da ihm eben jede Kenntnis des Materials fehlt. Und aus demselben Grunde vermag er auch nicht zu erkennen, daß er Mit der Charakterisierung der jüd. Wesensart als derjenigen eines Städters in Wahrheit nur einen geringen Teil dieser Eigenart erfaßt hat, daß aber die riefsten und bedeutsamsten Wesenszüge sich nimmermehr durch diese Definition erklären lassen. Wie sollte man etwa die einseitige Neigung des jüdischen Geistes für das Ethisch- Religiöse undsein geringes Verständnis für alles Aesthetisch-Künstlerische durch diese Definition erklären können, wie etwa die teleologische Tendenz des M. Denkens, wie unseren unerschütterlichen Optimismus, um nur ein paar Beispiele zu nennen? Aber es ist wirklich unfruchtbar und überflüssig, mit Herrn K. in eine Polemik über die geistigen Eigenarten des jüdffchen Volkes einzutreten, da ihm jede Kenntnis unseres geistigen Schaffens fehlt und es unmöglich ist, über die Ergebnisse zu streiten, wenn der Gegner noch nicht das Tatsachenmaterial kennt. So ist es also mit diesem zweiten anthropologisch-psychologischen Beweis des Herrn K. nutzt besser bestellt als mit seinem historischen. Seine statistischen Tabellen und psychologischen Definitionen sind nicht überzeugender wie seine geschichtlichen Deduktionen. Es mangelt ihnen allen an den elementarsten tatsächlichen Grundlagen, und all die wissenschaftliche Methode seiner Beweisführung, in deren Namen Herr K. das Recht zu . besitzen glaubt, uns den Untergang zu predigen, ist in Wahrheit eine ebenso flache wie willkürliche Aneinanderreihung von Schlüssen, denen jede positive Unterlage und wissenschaftliche Begründung fehlt. Wie sehr K. die geschichtliche Entwicklung nach seinen „wissenschaftlichen" Dogmen sich zurechtdreht.

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