Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 13 (1915)
- Issue
- Heft 5 (5.2.1915)
- Date
- 1915-02-05
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2692297-2692924-2692929--08855-2704012- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2. Frankfurter Israelitisches FarMieMatt. Nr. 5 Bewegung darstellt, enthält, wie man sieht, auch nicht die leiseste Andeutung an den Begriff der Nasse. Er geht lediglich von dem> Begriff der Nation aus und hat nichts mit dem der Rasse zu tun. Und nun wende man. nur nicht wieder ein: aber find denn Rasse und Nation nicht zwei eng zusammenhängende Dinge?.; ist nicht das eine — die Rasse — die Grundlage, der Ursprungsqucll des anderen — der Nation? Hier ruht der verhängnisvolle Fehler, der die ganze moderne Rassenthcorie und ihr Licblingskind, den Antisemitismus, theoretisch über den Haufen wirst, an dem sehr viele der theoretischen Begründungsweisen des Zionismus kranken, und an dem die Kautsky'sche Broschüre innerlich verblutet. Es ist eben nichr wahr, daß Rasse und Nation unzertrennliche Dinge sind. Rasse verhält sich zur Nation wie die Prähistorie zur Geschichte, wie die Natur zur Kultur, ' wie das Unbewußt-Animalische zum Bewußt-Menschlichen, wie der Instinkt zum Willen, wie der Chaos zur Ordnung, wie die Materie zum' Geist. Rasse ist ein zoologischer Begriff, der Grundbegriff der Tierkunde; Nation ist ein menschlicher ■ Begriff, der Grundbegriff der Geschichte. Eine Rasse wird gebildet durch genieinsamr Abstammung und Blutverwandtschaft, durch gemeinsame körperliche und psychische Merkmale, die durch! diese Mutverwandtschast erzeugt werden, kurz: durch Prozesse, die vor dem Beginn geschichtlicher Kulturentwicklung, die im Dunkel der Prühistorie, im Chaos jenes naturalen Werdens vor sichgegangen sind, in denen der Mensch zum Träger und Schöpfer der Geschichte, der Kultur, ward. Eine Nation aber wird gÄildet durch gemeinsame Geschichte und Erlebniffe in der Vergangenheit, durch gemeinsame Sprache und Kultur in der Gegenwart, und dies alles zusaMmenfassend und doch entscheidender als dies alles: durch gemeinsamen Willen zu einer gemeinsamen Zukunft, also durch: Dinge, die den Inhalt und das Resultat der geschichtlichen Entwicklung, der Kulturentwicklung, ausmachen. Nun besteht gewiß ein Zusammeichäng zwischen Raffe und Nation, wie ja auch ein .Zusammenhang zwischen Natur und Kultur besteht. Ebenso wie alle Kultur den Keimen und Trieben, die die Natur in uns gelegt hat, entsproßt, so entstehen für gewöhnlich Nationen im .Laufe der geschichtlichen Entwicklung aus den Raffengemeinschasten heraus, die die Natur gebildet. Wer die Rasse wird damit noch nicht zum wefentlichssn, oder gar ausschlaggebenden Element der Nation. Eine solche Anschauung — auf der alle moderne Rassentheorie, aller theoretische Raffenantisemitismus beruht — bedeutet einen Rückfall in den Naturzustand, einen Atavismus/ bedeutet die Negation der Kultur, bedeutet den Triumph des Naturalen über das Kulturelle, der Bestie über den Menschen. Für denjenigen nun, der solche atavistische Anschauungen nicht anerkennt, wird die Rasse als der natürliche Wsgangspunkt der geschichtlich gewordenen Nationen wohl von Interesse sein; aber 'irgendwie erhebliche oder gar entscheidende Bedeutung wird er ihr nicht zumessen. Ob nun eine Nation aus einer reinen Rasse heraus entstanden ist oder aus einer Mischung von Rassen, ist schließlich nebensächlich gegenüber der anderen Frage, durch welche geschichtliche Evolution sie gebildet wurde, welche Sprache und Kultur sie geschaffen har, welcher nationale Wille sie zusammcnhält. Mag sein, daß die ursprüngliche Art der Rasse (ob rein oder gemischt), aus der eine Nation sich entwickelte, für den biologischen und geistigen Charakter, für den kulturellen Wert derselben von Belang ist; man wird dies gerne glauben; bewiesen hat es noch aieMmld und wird man so bald nicht beweisen können. Mag aber auch der Charakter und Wert einer Nation von der ursprünglichen Rasse zum Teil mit abhangen, das Faktum ihrer Existenz ist davon völlig unabhängig. Und nur die lächerlichen Ideen der Modernen Rassentheoretiker ä la Gobineau und Chamberlain konnten die Meinung aufkonrmen lassen, daß man, um das Dasein eines Volkes zu beweisen, stets seine Abstammung von einer möglichst reinen Raffe beweisen müsse. Diese falsche Meinung hat leider auch in jüdische, vor allem in nationaljüdische Kreise Eingang gefunden und so die vielen Bemühungen verursacht, den reinen Massencharakter der Juden zu beweisen und den Zionismus durch die Rassentheorie zu begründen, — ein Unternehmen, das überflüssig ist, weil cs für die Behauptung, daß wir ein Volk sind, gleichgültig ist, ob wir eine reine Raffe bilden oder nicht, gefährlich aber darum, weil man auf so schwankenden, konfusen und unwissenschaftlichen Theorien, wie es die Rassenthcorie ist, unmöglich eine Bewegung von der Bedeutung des Zionismus aufbaucn kann und man mit der Rassentheorie ebenso leicht den Zionismus widerlegen wie begründen kann. Wie leicht dies zu bewerkstelligen ist, beweist die Broschüre Kautschs. Würde der Zionismus auf der Rassentheorie basieren, Herr Kautsch dürfte sich das Verdienst zuschreiben, ihn theoretisch vernichtet zu haben. Gottlob beruht der Zionismus nicht auf der Rassentheorie, ist seine Theorie von der Rassenthcorie völlig unabhängig — und so hat Herr Kautsch lediglich das minder schwierige und stolze Kunststück fertig gebracht, den Zionismus völlig mißverstanden und in 94 Seiten eine ruhnrvolle Don Quichote-Attacke geritten zu haben gegen Behauptungen und Ideen, die sich zu den wahren Theorien des Zionismus ebenso verhalten wie Windmühlen zu Festungen. Die einzelnen Phasen dieser Attacke sollen im folgenden aufgezeigt und beurteilt werden. Brief aus Galizien. Bon Leon Weinreb, Baranow. II. Die russischen Soldaten, die sonst die Befehle ihrer Vorgesetzten lässig ausführen, ließen sich diesen Befehl nicht wiederholen und hatten in wenigen Minuten die Juden auf den Platz zusammengetrieben. Und schon hatte der eine ein geschwollenes Gesicht mit blutunterlaufenen Augen — das hatte er einem der „braven" Soldaten zu verdanken, der ihm einen Betrag von 1500 Kr. abnehmen wollte und sie nicht gutwillig erhielt. — Ein zweiter kam mit Beulen am Kopfe und zerkratztem Gesicht; er hatte sich schützend vor die Kammertür seiner beiden Töchter gestellt. Ein dritter brachte einen halbausgerissenen Bart mit, und andere hatten wieder andere Deukzeichdir der erst vor wenigen Stunden eingetroffenen „russischen Befreiung". Auch Frauen hatten sich eingefunden. Sie wollten, wenn es zu sterben galt, zusammen mit ihren Männern sterben. Nun ritt der Oberst vor und rief mit drohender Stimme in gebrochenem Deutsch: „Ihr Judengesindel, Ihr habt wohl österreichische Soldaten beherbergt! Liefert sie sofort aus, sonst kommt Ihr alle an den Galgen! Meine „braven" Truppen, die ich hier zurücklasse, sollt Ihr gastfreundlich behandeln! In Rußland müßt Ihr mit gesenktem Haupte dastehen!" Nur wenige aus der jüdischen Masse verstanden die Worte, — doch, eines verstanden alle, daß er nichts Gutes für sie gesagt hatte. Der größte Teil der Truppen zog wieder aus der Stadt, und nur ein kleiner Teil blieb zurück, — aber diese genügten schon, um in wenigen Stunden die Stadt in eine Wüste zu verwandeln. Die Läden wurden erbrochen, sämtliche Waren geräubert und an die ruthenischen Bauern verhandelt, die mit ihren Wagen in die Stadt gekommen waren. Auch, zeigten.die Christen den „braven" Soldaten, wo die Juden ihr Hab und Gut versteckt hatten. Mit Hurrah wurden die Keller, Scheunen usw. erbrochen, und ihr Inhalt wurde, soweit sie ihn sich> nicht aneigneten, teils verbrannt, teils an die Bauern verschenkt. Die Möbel wurden zu Brennholz zerhackt und verbrannt, Türen und Fenster eingeschlagen. Für die Mädchen und Frauen gab es jetzt leinen sicheren Ort mehr, wo sie sich verstecken konnten. Ihre einzige Rettung war, sich in Männliche Kleider p verstecken. Schmunzelnd sagten zu uns die Bauern: „Heute geht es ans Plündern, Morgen äns Morden!" Es wurde Nacht, und wir standen obdachlos im Freien; die Kinder jammerten, und die Altein winselten still, der Magen knurrte bereits, Und die .kalte Nachtluft strich an den "heimatlos Gewordenen vorüber, und es trat die Frage an jeden heran, wohin den Kopf nach diesem' schrecklichen Tag zu legen. Man sah nur fahle, verängstigte Gesichter. Als es ganz finster geworden war, versammelten sich heimlich Gruppen von 25—30 Personen in je einem- Zimmer, um wenigstens auf dem Fußboden der Nachtruhe zu pflegen, wenn auch- "ou Schlaf keine Rede sein konnte. Jetzt kamen wieder neue Truppen. Da diese nichts mehr zu plündern fanden, rissen sic den Leuten die Stiefel von den Füßen. Endlich, wurde es Tag, und die Leidet! begannen aufs neue. Die Angst vor dem Kommenden war unbeschreiblich. Hatten doch gestern die Bauern gesagt, daß heute das Morden beginne, und dazu erfuhren wir noch, daß in dem benachbarten Tarnobrzeg ein furchtbares Morden gewesen war. Eben waren auf Umwegen zwei Juden von dort angekommen, die haarsträubende Dinge zu erzählen wußten. Nach ihren Worten hatte man dort etwa 100 Juden mit Nagaikas blutig geschlagen. Manche waren den furchtbaren Streichen erlegen, manche waren wahnsinnig geworden. Der angesehene Jude M. Sch., dem die österreichische Behörde die arntlichen Funktionen übertragen hatte, wurde gleichfalls blutig geschlagen, und dann wurde sein Sohn gezwungen, den greisen Vater aufzuhängen. Zwei volle Stunden war der Sohn gefoltert worden, da er die Ausführung des teuflischen Befehls verweigerte. Der Vater aber, der die gräßlichen Qualen des Sohnes nicht ertragen konnte, bat diesen, den Befehl auszuführen, das würde das größte „Kibbud Ast" für ihn sein. Der Sohn verweigerte es, da packten die Schergen die Hände des Sohnes, legten einen Strick um den Hals des Greises und zwangen ihn so, das Werk zu vollführen. Dann wurden dieser Sohn .sowie noch die beiden anderen Söhne gleichfalls gehängt. Zweiter offener Brief au The Amerika» Hevrew. Ich sende Ihnen: heute nach meinem ersten einen zweiten offenen'Brief ein und will Ihnen abermals .Zeugnisse Aber die Greueltaten vorlegen, die hierzulande geschehen und die so himmelschreiend sind, daß man sie nicht glauben möchte, wenn Man sie nicht aus dem Munde derer hören tvKrdje, die sie Mitrrlebt und mitangesehen haben: Ich. sprach in diesen Tagen einen alten Mann; er war zn mir gekommen, sich mit mir auszusprechen und bei mir Rat und Trost zu holen; ich konnte ihn nicht trösten, sein Unglück ist zu groß, aber ich hoffe, ihm. helfen zu können. Seine Geschichte ist folgende: Mendel Janowski war Gutsbesitzer in Russisch-Polen, wo er im Dorfe Chozew, bei Widawa, sein Besitztum hatte. Im Anfang des Krieges kamen die Deutschen ins Dorf, und acht Offiziere bezogen auf seinem Gut Quartipr; als 8 Tage später die Russen zurückkamen, .denunzierten die 'Bauern den Juden bei den Kosaken, die ihn als „Spion" xinsperrten, bis er nach 14 Tagen von den wieder einrückenden Deutschen freigelassen wurde. In sein Dorf znrückgekehrt, drohten ihm die Bauern, wenn die Kosaken wiederkämen, würde er aufgehängt und sein Gut an die Bauern aufgeteilt werden.' Janowski hatte unter diesen Umständen nicht den Mut, im Dorfe zu bleiben und zog fort von dort, seinen 27jährigeit Sohn auf dem Dorf zurücklassend. Als am 24. li. die Russen wiederkamen, nahmen die Kosaken diesen Sohn gefangen und erschossen' ihn, nachdem die Bauern ihn als „deutschen Spion" denunziert hatten. Das Haus wurde ausgeraubt und ausgeplündert, dann in Brand gesteckt. Nicht einmal die Leiche des Erschossenen gaben die Russen heraus, sondern ließen es zu, daß sie von den Bauern aufgespießt und ins Feuer des brennenden Hauses geworfen wurde. Der Tote hinterläßt eine Frau und 4 kleine Kinder, denen nichts geblieben ist als die Kleider) die sie auf dem Leibe tragen. In Slupci erschienen eines Tages die Russen auf dem Gute des Besitzers Hoffmann und nahmen dort alles fort, was sie vorfanden, Pferde, Wagen, Getreide, Hab und Gut. Als sie mit dem Mündern fertig waren, fragten sie den Besitzer, was sie sonst noch Haben könnten. Dieser, für sein Leben fürchtend) bot ihnen Speise und Trank an und führte sie in sein Haus. Dort gewahrten sie sein Weib, eine schöne Frau, und machten sich daran, sie „für die Offiziere" mitzuschleppen. Hoffmann stellte sich ihnen wehrend in den Weg, und kalten Blutes schlugen sie ihn nieder und warfen seine Leiche in ein Loch am Rande des Weges, von wo sie dann später mit Erlaubnis der inzwischen eingerückten Deutschen nach dem Friedhof in Wloclawek überführt worden ist. In Subota wurden eines Tages der Rabbiner und 5 Gemeindevorsteher verhaftet. Man wußte nicht, was mit ihnen geschah und wohin sie gebracht wurden. 6 -Wochen später fand man im Subotaer Bald alle