Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 13 (1915)
- Issue
- Heft 5 (5.2.1915)
- Date
- 1915-02-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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I ■! I II tc h um rann nda Rad tte. r V* Erscheint wöchentlich am Freitag. Krprgsprris pro Uiertrijahr: In Frankfurt a. M. Mk. l.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert 90 Pfg., frei ins Haus 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streisband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1.50, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— Eintel - Nummern kosten Iv Pfg. v- . - - .. Redaktion und EXpedition: Frankfurt a. M. :r Eangeftr. 7. Fernsprecher Amt Hansa 2903. Herausgeber: Saks Geis. (f - , ... - Insrrtionsprris für die fünfgefpaltene Petitzeile 25 Pfg., für die Reklamezeile Mk. 1.—. Bei Mederholungeu entsprechend« Rabatt. Stellen»Angebote und -Gesuche, WohnungSinserate> HeiratS-Annoncen IS Pfg. die sechsgespaltene Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz- und Datum-Vorschrift ohne Berbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Exped. und inaLlnnoncrn-BureauS. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unt« Nr. 4LS4. ———— 18. Jahrgang. Freitag, Sen 21. Schwat 56 <5 (5. Februar 191-5) Rr 5 Die Asfimilatiorrspredigt des Herrn Karl Kautsky. Bon Nachum Goldmann. I. Während auf den Schlachtfeldern Europas der furchtbarste und moderischste Krieg tobt, den die Weltgeschichte kennt, während alle Interessen und Bestrebungen geistiger wie materieller Art in Europa für eine Weile zurückgetreten sind hinter das eine, alle und alles bis ins Tiefste aufwühlende rmd revolutionierende Erlebnis dieses Krieges, hat es Herr Karl Kautsky für nötig befunden, seine Broschüre „Rasse und Jud.ent um1" erscheinen zu lassen. Man muß gestehen, dies ist ein wenig seltsam; denn wem hätte .es geschadet, wenn dieselbe Broschüre nach diesem Kriege erschienen wäre, wenn die Stimmung der Oeffentlichkeit wieder für Debatten und geistige Kämpfe disponiert wäre, was sic doch jetzt zweifelsohne nicht ist? Aber mehr noch,: Während in Polen und Galizien Hunderttausende von Juden ihrer Existenz beraubt werden, während der nationale Fanatismus, der jetzt die Völker Europas beherrscht, die jüdische Solidarität auf eine Existenzprobe schwerster ünd gefährlichster.Natur gestellt hat, während so das jüdische Volk materiell wie geistig eine Krise durchmacht, wie es sie schon seit Jahrhunderten nicht durchlebt hat, fand es Herr Karl Kautsch für angemessen und notwendig, uns vor breitester Oeffentlichkeit den Rat zu geben, so rasch wie Möglich — unterzugehen. Ich muh gestehen, ich finde dies noch seltsamer als das erste; oder, soll gar vielleicht hierin die Erklärung des Ganzen geborgen sein und Herr Karl Kautsch in sich den Beruf und die Mission verspürt haben, uns den letzten Todeskampf zu erleichtern und bereits mit fcemi Nachruf zu beginnen? Wenn man das Vorwort liest,' in dem er die Veröffentlichung der Broschüre zu dieser Zeit zu rechtfertigen sucht, kann man sehr leicht auf diese Vermutung kommen. Nun, wie dem auch sei, 'man wird zugeben müssen, daß die Veröffentlichung dieser Broschüre just in diesen Monaten eine arge Taktlosigkeit, bestenfalls einen unzeitgemäßen Fehlgriff darstellt. Allein unzeitgemäße Fehlgriffe darf man Herrn Karl Kautsky nicht verübeln. Er hat sich durch seine , lange Laufbahn als Führer des orthodoxen Marxismus das wohlverdiente Recht erworben, unzeitgemäß zu sein. Er ist bekannt — vielleicht^ vor allem bekannt — als der Doktrinär der deutschen Sozialdemokratie. Und Doktrinarismus ist ja nichts anderes als Unzeitgemäßheit, als; eine Verständnislosigkeit für die Zeichen der Zyt^ die sich in einem starren Festhalten an Lehren und/Ideen äußert, welche die Gegenwart bereits lange überwunden hat. Nicht nur die Veröffentlichung dieser Broschüre in dieser Zeit, in nioch stärkerem Grade zeigt es der Inhalt, der ideologische Gedankenbau, auf dem .sie basiert, wie unzeitgemäß Herr Karl Kautsky ist. Mit seinem erbarmungslosen historischen Materialismus ist ör hinter unserer Zeit um Jahrzehnte, mit seinem starren Rationalismus und biederen Kosmopolitis- Mus aber mindestens um ein Jahrhundert. zurück. - Die Tatsache aber, daß die Broschüre zur unrechten Zeit erschienen ist, enthebt die jüd. Oeffentlichkeit nicht der Pflicht, sich Mit ihr zu beschäftigen.' Gerade der Umstand, tzaß Herr Kautsky diese Assimilationspredigt an uns . zu einer Zeit richtet, da.wir eine starke Krise durchleben- Macht es notwendig, ihM doppelt und dreifach energisch entgegenzutreten. Man soll nicht von uns sagen dürfen, daß wir uns in diesen Monaten gerade vom „Nestor der deutschen Sozialdemokratie" den Rat haben erteilen lassen, unterzugehen, ohne ihm darauf die gebührende Antwort gegeben zu haben. Wäre dieser Gesichtspunkt nicht vorhanden, so bestände .für die jüdische Presse . keinerlei Notwendigkeit, sich Mitten im Kriegsgetümmel eingehender mit der Kautskyschen Broschüre zu beschäftigen. Wir könnten sie dann vielmehr ruhig zu den Akten legen, um nach dem Kriege, wenn wir alle die Judenfrage betreffende Kriegsliteratur — und sie häuft sich ja von Tag zu Tag — sichten werden, wieder auf sie zurückzukommen. Denn — es soll dies von vornherein betont werden — an sich ist der Wert der Kautskyschen AsfiMilationspredigt kein allzugroßer. Man kann Herrn Kautsky den Vorwurf nicht ersparen, daß er sich seine Aufgabe gar zu leicht gemacht hat. Einfach das Allerweltszaubermittel der materialistischen Geschichtsauffassung herausholen und das, was man als Außenstehender ohne tiefere Kenntnis der Sache als Jüdenfrage zu erkennen glaubt, nach dem alten Schema zurechtdrehen, dies dann mit vielen Zitaten, die man bei der Lektüre der bekannteren in deutscher Sprache erschienen Bücher über die jüdischen Fragen herausgeschrieben hat, ausstaffieren, das Ganze endlich mit kosmopolitischen Gemeinsätzen und einer abgestandenen banalen Humanitätsmoral durchrühren und dieses Gemengsel dann der Welt als allerneueste Lösung der Judenfrage Präsentieren,— das ist wirklich keine Leistung, auf die der „Nestor der deutschen Sozialdemokratie" und „theoretische Führer des Marxismus" stolz sein kann. Herr Kautsky lebt eben noch indem alten Glauben, der in weiten Kreisen herrscht, daß über die Jüdenfrage zu urteilen niemand schlecht genug ist. Wie man seit Jahrhunderten daran gewohnt. ist, das jüdische Volk als ein Objekt anzusehen, Mit dem jeder, der Macht genug dazu hat, tun kann, was ihm beliebt, so Pflegt man auch die Judenfrage als ein Gebiet zu betrachten, auf dem zu ackern jeder Gaul gut genug ist. Vielleicht wird Herr Kautsky mit der Zeit erkennen, welch' grobem Irrtum er da verfallen ist; und wird verstehen, daß, um ernst und gründlich über die Judenfrage urteilen zu können, man doch auch ein wenig in der jüdischen Geschichte bewandert sein muß, und zwar nicht nur in ihrer äußeren Chronik, sondern auch in ihrem inneren Gehalte; daß man auch die hebräische und Jargonliteratur einigermaßen kennen; daß man die bedeutsamsten Theoretiker des nationalen Judentums gelesen haben muß; und zwar denke ich da nicht in erster Reihe an Ruppin und Sombart, sondern — außer Heß, Pinsker und Herzl — vor allem an Smolenskin und LilienbluM und Achad-Haam. Kurz: Wenn Herr Kautsky durch die Kritik seiner Broschüre von Seiten der jüdischen Oeffentlichkeit zu der Einsicht gelangen sollte, daß er die Jüdenfrage nicht nur nicht gelöst, sondern sie noch garnicht einmal in ihrem tiefsten Wesen und in all ihren Verzweigungen richtig erfaßt hat, dann wird die unzeitgemäße Veröffentlichung seiner Broschüre wenigstens einen Zweck gehabt haben — zwar nicht für uns Juden, wohl aber für Herrn Kautsky selbst. Aber es gibt so. Manche Bücher — und es sind nicht einmal immer die schlechtesten — deren ganzer Wert darin besteht, ihre Autoren durch ihr Erscheinen darüber belehrt zu haben, wie wertlos sie sind. Und ist es nicht gerade ein Ruhm für ein Buch, daß es in dieser Belehrung seines Autors seinen einzigen Wert findet, so ist es doch ein schönes Zeichen von der Wahrheitsliebe und Objektivität des Autors, wenn er solche Belehrung annimmt. An der Wahrheitsliebe und Objektivität des Herrn Kautsky soll nicht gezweifelt werden, und so ist zu hoffen, daß er die Lehre, die ihm seine Broschüre erteilt, verstehen und akzeptieren wird. II. „Rasse und Judentum" nannte Herr Kautsch diese Broschüre, in der er seine Stellungnahme zum gesamten Komplex der Judenfrage darlegt. In dem Titel liegt all das enthalten, was in seinen Ausführungen von einem gewissen Werte ist; in dem Titel ist aber auch schon der ganze Kardinalfehler seiner Gedankenkette eingeschlossen; für jeden Kenner der Judensiage ist die Broschüre eigentlich schon durch den Titel gerichtet. „Rasse und Judentum" — dies bedeutet, daß für Kautsch' die Judenfrage vor allem, ja ausschließlich eine Rassensiage ist; und hier ruht der Fehler/ der seinen gesamten Gedankenbau über den Haufen wirst. Denn die Judenfrage ist vor allem eben keine Rassenfrage, ja hat mit den Rassenstagen in Wahrheit blutwenig zu tun. Kautschs Argumentation ist diese: Die Theorie des nationalen Judentums — sagt er — beruht auf der Behauptung, die Juden seien eine reine Rasse, deren Erhaltung wie die aller reinen Raffen wünschenswert sei. Diese Behauptung aber ist falsch; denn 1. gibt es keine reinen Raffen, 2. ist die Vermischung der Rassen gut und förderlich sowohl in ihrem eigenen Jntereffe wie im Interesse der Kultur; mithin ist auch die Vermischung der Juden, ihre Assimilation wünschenswert und notwendig. Die Richtigkeit dieser ganzen Argumentation nun zugegeben — wir werden sie nachher im einzelnen prüfen — ist sie ohne jede durchschlagende Kraft, weil der Gedanke, gegen die sie ankämpft, garnicht die theoretische Basis der nationaljüdischen Bewegung bildet, ja im Grunde genommen ganz belanglos ist für die Theorie des nationalen Judentums. Diese Behauptungen, die ich da aufgestellt, zu beweisen, sollte eigentlich in jüdischen Kreisen heute nicht nötig sein. Gegenüber dem völligen Mißverständnis der nationaljüdischen Bewegung, aus dem heraus die Broschüre Kautskys entstanden ist, erscheint es aber notwendig, noch einmal kurz das Einmaleins des nationalen Judentums darzulegen. Was sagt die Theorie des nationalen Judentums? Im Grunde nur ein einziges: Wir Juden sind eine Nation; aus diesem Satz folgt alles andere: Da wir eine Nation sind, müssen wir die Möglichkeit haben, als Nation zu leben und zu schaffen; da wir diese Möglichkeit im Galuth, wo uns Land, Sprache und nationale Sitte fehlen oder nur in Form von Surrogaten gegeben sind, nicht haben, so können wir als Nation nicht normal, gesund, gleich allen Völkern leben: dies bildet die allgemeine nationale Jüdenfrage; aber auch der einzelne Jude kann nicht als Jude leben und schaffen, und das Macht den Inhalt der individuellen Judenstage aus. Dieser — wie mich dünkt — recht einfache Gedanlengang, den zu verstehen Herrn Kautsch nicht schwer gefallen wäre, wäre er nur ernst und objektiv genug gewesen, das nationale Judentum wirklich kennen zu lernen, dieser Gedankengang, der die ganze Theorie der nationaljüdischen