Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 13 (1915)
- Issue
- Heft 3 (22.1.1915)
- Date
- 1915-01-22
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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"SEHT Dieser merkte die Malice gar nicht. Er war zu beschäftigt, nach der kleinen, mit rotem Sammet ausgeschlagenen Nische, in welcher Claudia und ihr Begleiter sich niedergelassen, zu starre»; bis ihm Benno, der sich über den dreisten Patron nicht wenig ägertc, durch Vorschieben von hohen Kuchcnkörben und Blumenvasen die Aussicht verdarb. Wütend kehrte der Rumäne sich um. „Dieser Schlingel, der Licdertrost!" „He, was ist? Bringt er noch eine schöne Dame?" fragte Alexandru, behaglich seinen Punsch roumain schlürfend. „Nein. Aber ich könnte ihn umbringen", fuhr Groducza grimmig heraus. „Sie, aber die Person ist wirklich reizend." „Finden Sie?" „Meiner Seele, die möchte ich heiraten." „Ich nicht", sagte Alexandru trocken. „Sie nicht? Na warum nicht?" „Pah! Kein Geld." - „Schade! Das ist dumm", brummte Groducza. Er vermied cs, wieder hinüber zu sehen, und vertiefte sich in das Spiel. Nach einer Weile jedoch legte er sich rücklings in seinen Stuhl, gab seinem blonden, struppigen Schnauzbart einen kühnen Schwung und rief mit der erhabenen Miene eines Mannes, der die ganze Welt verblüffen will: „Sic, Alexandru, die würde ich auch ohne Geld heiraten." Jcmilian rückte vorsichtig seine Königin aus dem Gardez, blinzelte den Rumänen spöttisch an und sagte: „Sie wird sie «gerade nehmen, alter Schlauch." „Warum nicht?", fragte Groducza erstaunt, „liebt sie denn einen andern?" Jetzt wurde Alexandru ungnädig. „Wissen Sie auch, mein Bester, daß Sie mft ihren unaufhörlichen Fragen mich bereits fürchterlich langweilen?" „Ach, was da langweilen", schrie der Rumäne, der darauf bräunt, in die Nähe des hübschen Mädchens zu kommen, rücksichtslos/ „Stellen Sie mich vor und abgemacht?" Wer Jemilian war von Hause aus ein ungemütlicher Herr, auch gehörte es zu seinen „Grundsätzen", keinerlei Bekanntschaften zu vermitteln. „Bedaure", sagte er unfteundlich, „die Dame hat mich nicht dazu autorisiert. Wenn Sie das beruhigt, ich werde das Fräulein noch heute Abend von ihrem Attachement in Kenntnis setzen." „Wann sprechen Sie das Fräulein? Wo?", fragte Groducza erstaunt. „Wann? Fünfzig Minuten nach zehn. Wo? Souper bei Salomo» Liedertrost, wo man sie mir wahrscheinlich zur Tischdame offerieren wird." ' ' „Hören Sie, Jemilian" — er stockte und geriet dann ordenttich in Feuer — „führen Sie mich dort ein!" „Wär' auch eine Ueberraschung. Sie kämen dort wirklich gelegen! Pardon, wie die Sau ins Judenhaus." „Sapperment, wieso?" Jemilian faßte nach dem aus Sem ttefen Ausschnitt seiner Weste hcrvorlugendcn kleinen seidenen Foulard, reinigte damit sorgfälüg die Gläser seiner Lorgnette und blickte dem Rumänen damr mit so verschärfter, wahrhaft durchbohrender Ucberlegenheit ins Gesicht. „Lieber Groducza, Sie scheinen sich von der Bcliebtheft, welcher Sie und noch mehr Ihr hochvcrmögender Herr Vater in oiesen speziell jüdischen Kreisen sich erfreuen, doch sehr stark unrichtige Vorstellungen zu machen. Ich kann Sic auf Grund jahrelanger Beobachtungen ehrenwöttlich versichern, daß Ihre Popularität höchstens von der ersoffenen Majestät des alten. Pharao oder von derjenigen Minister Hamans gehenkten Angedenkens noch überttoffcn wird." „Der Teufel verstehe Ihre Flausen. Haman, was ist das für ein Kerl?" „Wer Haman war?", erwiderte Alexandru. „Ober- Polizeiministcr am Hofe Achaschweirosch's, des Schah von Persien. Er hatte von dem Onkel der Sultanin Atossa, dem alten Juden Mardochai, einmal zu Unrecht ein Paar Lircchen erpreßt, dafür bekamen dann die Kinder Israel die Erlaubnis, ihn aufzuhängcn, ihn, seine Frau, seine Söhne..." - „Donnerwetter, jetzt hören Sic auf! ... Verwünscht, sic gehen schon" — er meinte Claudia und Benno, welche eben den Saal verließen, — „lassen Sic mich an's Fenster, einen Moment!" Er schwang sich auf die Brüstung und bog sich hinaus, so wett er konnte. „Richtig, da fahren sie vorüber. He, Alexandru, sie hat nach hier gesehen." „Sie werden noch aus oem Fenster fallen." Groducza stieg zurück, schloß das Fenster und fragte trtzig: „Wollen Sie mich da einführen?" „Nein, ich will nicht!" „Mcht — so nicht! Spielen wir!" Er ließ sich aber in wenigen Zügen matt setzen, stand auf, nickte kurz: „Die Revanche ein andermal", dann riß er seine Mütze vom Nagel, und lief davon. „Dummer Kerl", dachte Jemilian, bestellte einen zweiten Punsch und hatte bald über einer Riesenzeitung den Vorfall vergessen. Er hatte keine Ahnung, daß den llettren Aerger, den er dem Rumänen bereitet, eine große Anzahl völlig unschuldiger Personen sehr empfindlich würde büßen müssen. Aber selbst wenn Jemilian auch all' die Verdrießlichkeiten, die nun über eine bedeutende Menge ihm wohlbekannter Menschen hercinbrcchen sollten, vorhergesehen hätte, er würde nicht mtt einer Wimper gezuckt haben, sic abzuwehren. Denn im Grunde, was gingen ihn andere Leute an? Er lebte nur für sich allein. Viertes Kapitel. Ein gestörtes Fest. „Wohin soll ich vor Deinem Antlitz fliehen?" Armer Benno! 'Sic hatten ihn rücksichtslos vertrieben: aus dem Musiksaal — denn da lag der Parketbohner auf den Knien und glättete noch ein letztes Mal die längst spiegelblanke Fläche; aus dem Speisesaal, hier stand Helsia, angetan wie eine Königin, und gab mtt weitschallender Sttmmc noch in letzter Stunde die wichttgsten Anordnungen . . . Selbst das buon retiro des Hausherrn, Salomon's Rauch- und Arbeitszimmer, war dem Räumteufel verfallen; kurz, da und dort und dort und da, überall, in allen Räumen und Winkeln des Hauses war man Hals über Kopf noch mit den Vorbereitungen zum Empfang der Gäste beschäftigt. Die Hausfrau, die in ihrem maisfarbigen. Seioenkleidc, einen goldenen 'Kanrm in dem üppigen, blonden Haar, wie ein fleischgewordener Sonnenstrahl durch alle Zimmer strich, bemerkte zu Benno spöttisch, wenn er etwa Claudia erwatte, wären seine Hoffnungen bedeutend verfrüht. Sie sei von der interessanten, von ihm so dringlichst veranstalteten topographischen Excnrsion totmüde heimgekehrt und wie ein Kind vor Schlaf beinahe umgefallen. In zwei bis drei Stunden, keinesfalls früher, würde sie — vielleicht — sichtbar sein. Warum er Fräulein von Moorbach nicht auch hinaus in die Chassidim-Häuser geschleppt oder in die Schnaps-Schenken vor den Toren, allwo sic doch auch manche anregende Volks- und Sittenkundc an Ort uird Stelle hätte studieren können? Ob die Herrschaften nicht morgen die Verbrecher-Kolonien besichügen würden? Benno müsse der Fremden unbedingt alle Annehmlichketten seiner an; sehenswerten Einrichtungen so reichen Vaterstadt weisep. Gegen Frau Helsia's Lästerzünglein war Stand halten schwer. Benno machte sich schnell aus dem Staube und erwischte glücklich einen Keinen, durch hohe Oleander und wettverzweigte Myrthenbäume abgeschlossenen Erker im Salon, wo er unbeachtet verwetten und Claudia erwarten konnte. Die übermüttge Spötterin hatte ihn diesmal ttefer getroffen, als sie selbst zu ahnen vermochte. Benno leugnete es vor sich selbst nicht mehr, daß ihn eine innige Sympathie dem fremden Mädchen verband. Was waren ihm jetzt all die niedlichen, etwas unreifen Fräulein, mtt denen der leichtherzige Student bisher sich amüsiert und getändelt hatte? Claudia verdunkelte alle. Er wurde nicht müde, ihre Gestalt, ihr Gesicht sich unablässig zu vergegenwärttgen. Ihre feine, zurückhaltende Art, sich zu betragen, übte auf Benno, der uni das Geheimnis ihres mit Leidenschaft getränkten Temperaments wußte, einen weit gefährlicheren Reiz, als cs alle Verführungskünste einer großen Kokette je gekonnt. Am meisten entzückte ihn an ihr eine ihr ganz eigentümlich anhaftende, weibliche Schüchternheit, die ihr im Gegensatz zu Frau Helsia's resolutem Darcinfahren oft einen rührenden Scheinvon Hilflosigkeit verlieh. Die Gegenwart Fremder machte sic befangen, sic errötete wie ein Kind, wenn vordringliche Blicke sie musterten. In welche Verlegenheit hatte nicht das Anstarren dieses Tölpels Groducza sie heute versetzt! Er hätte die größte Lust gehabt, die stumpfe Nase dieses Unholds breit zu schlagen — aber mußte nicht die Lieblichkeit Claudia's überall Aufsehen erregen? Uno schier unerttäglich wurde es ihm, sich dieses feinfühlige, keusche Geschöpf auf einer Bühne zu denken, den dreisten Blicken Tausender ausgesctzt. Er segnete jenen unglücklichen Fall, der seinem eifersüchtigen Tollkopf diese Pein erspart .... Wer aber, ja, >ver war der Mann, dem nicht angehörcn zu dürfen ihr damals das Leben so werllos machte, der sie bis zum Wahnsttm der Selbstvernichtung treiben konnte? War er ihrer werth? Wer war er? -- „Einen Preis auf seinen Kopf! Da steckt er, der Unsichtbare! Hat man ihm endlich die Tarnkappe abgeschlagen?" Benno fuhr in die Höhe. Er ivar ganz bestürzt, einen Herrn in gewähltester Salontoilcttc vor sich zu sehen. „Alexandru!" „Höchst selbst. Ich bin es. Ich suche Sie seit einer Viertelstunde. Was in aller Welt treiben Sie hier?" Wie hatte er nur die Zeit verträumt! Wahrhaftig, drüben war die Gesellschaft bereits versammelt. Benno war so verwirrt, daß er ganz der Wahrheit gemäß stammelte: „Ich warte auf Claudia." „So! so! Sie hatten das Ansehen, als ob Sie dichteten. Ich warte übrigens auch auf sie. Wir meinen doch beide Fräulein von Moorbach? Nicht wahr? Es ist plenty time, zur Tafel zu gehen. Endlich! Da kommt sie." Wirllich trat Claudia jetzt aus einer gegenüberliegenden Tür und grüßte mtt ihren glänzenden, blauen Augen, strahlend vor Liebenswürdigkeit, freundlich hinüber. „Schön, sehr schön! Wahrhaftig, so sah ich sic nie", sagte Alexandru mtt unverhehlter Bewunderung. „Schön, wie ein vom. Himmel gefallener Stern! Was machen Sie für ein Gesicht, Kleiner? Seien- .sic unl, besorgt! Die Sterne, die begehrt man nicht, man fteut sich ihrer Pracht." Er ging lachend davon und ließ Benno stehen. Der wußte selbst nicht, warunr er Alexandru auf einnial so gram ivurde. Er sah ihn sich Claudia nähern, sah sie lächeln, da Alexandru lebhaft, sehr viel lebhafter als sonst zu ihr sprach, sah,!vie auf einmal eine glühende Röte ihr weißes Antlitz überzog und sie mit einer halbscheuen Geberde ihre Hand in seinen Arm legte .... und der gute Junge spürte brennend, rasend den unvernünftigen Wunsch, Claudia fortzuführen, weit fort von diesem Manne; aber da kam Helsia und bemächttgte sich seiner: „Was fehlt Dir? Warum siehst Du so finster? Fort mtt Dir zu Tische! . .! Amüsibre die Damen! . . . Niemand wttl so recht lustig sein . . . Mein Gott, was haben denn diese Leute heute alle? . . . Salomon!" „Ich suche Dich", sagte' der junge Wirt und bot seiner Gattin den Arm. „Hast Du Alexandru veranlaßt, meine Freundin zu Tisch zu führen?" „Gewiß. Sie ist die schönste der Damen hier und ..." „Es fehlte noch, daß man sie ihm auf silberner Schüssel präsentterte", rief Helsia ärgerlich. „Sei vernünftig, Frau!", bat Salomon leise, „es liegt mir alles daran, Jemilian heut' guter Laune zu s haben."! Helsia schwieg. Gefälligkeiten von Alexandru für ihren Mann! Und die Liebenswürdigkeiten der Freundin sollte' sie beschleunigen? Das war ihr sehr gegen den Sinn. ... Man hatte sich ziemlich zwanglos bei Tische gruppiert. Wer sich leiden mochte und vertrug, setzte . sich gemütlich nebeneinander. Oben an der Tafel, neben Vater Abraham, hatten, wie Billig, die Vornehmsten der Geladenen ihren Platz. Da saß heute ein seltener Gast, Herr von Kalagiceanu, ein stattlicher Kavalier mit scharf geschntttcner, geistvoller Physiognomie und den einnehmendsten Manieren. Er galt für sehr reich — man munkelte, daß er alle seine Kapitalien im Dienste der republikanischen Propaganda verwende. Er war nnzähligemäl in Haft gewesen, ihr aber immer, dank der Protektion einer sehr hohen Persönlichkeit, wieder entkommen. Auch jetzt, und mehr wie. je, hielt die rumänische Polizei ein scharfes Auge auf ihn. Merkwürdig genug, die Polizei hatte in diesem Falle eine geheime, aber sehr energische Verbündete an — Helsia. „Ich werde ihn verheiraten, uno er revoltiert nicht mehr", sagte die junge Frau. Die Schlaue hatte die zufällige Ankunft des wohlhabenden und, wenn er sich nur vorläufig in den Stand der gegebenen politischen Verhältnisse schicken wollte, auch recht einflußreichen Mannes mit stillem Frohlocken begrüßt. Wenn Claudia nur sehen, nur vergleichen wollte!! ... (Fortsetzung folgt.) . Tefillo daß s sich m ein Kc hatte P mundet so red Er la, Konsess ihm er dar session dischkei Dl des bü wir all auch l Er Mobil» meisten Jomkip Er be Neuen NichtjU in der gehen. Nichtju Im Li wie bl die de uns o das wi Lieben, ein je Krieg!" 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