Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 12 (1914)
- Issue
- Heft 47 (4.12.1914)
- Date
- 1914-12-04
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Sitben tzr berfetiben Richtung sich bewegen, dassMe Ziel erstreben: die Niederlage! des ruffischen Barbarenstaates und seiner Bundesgenossen. Dieses unser Bewußtsein beruht auf der tiefen Ueberzeugung, dich ein Sieg der Entente für die Judenheit ein unausdenkbares Unglück wäre und den Millionen unserer in Rußland leidenden Bruder nur Rettung winÜ bei einem Siege der Zentralmöchte. Diese Ueberzeugung, die alle Juden Deutschlands und Oesterreichs beherrscht, könnte naturgemäß von den Gegnern Deutschlands als eine EinbWung erklärt werden, als eine von der .Liebe zum AaterKmde diktierte falsche Beurteilung des Krises in seiner Beziehung für uns Juden. Daher ist es nötig, zu prüfen, wie die Juden der neutralen Länder sich, zu dieser Frage stellen, ob auch, ihre Stellungnahme als Juden zu diesem Kriege der unseren eiüspricht. Hier kommt in erster Reihe, ja fast ausschließlichdie amerikanische Judenheit in Betracht, denn die Bereinigten Staaten von Nordamerika sind der einzige neutrale Staat, in dem eine große Zahl von Juden wohnen. Und War verdient die Stellungnahme der amerikanischen Juden umso größere Beachtung und Bewertung, als ja der größte Teil derselben .aus Rußland stammt und so wohl am besten in der Lage ist, ein sachgemäßes Urteil in dieser Finge zu sAlen. Da gereicht es uns denn zur hohen Freude, feststellen zu dürfen, daß die amerikanische Judenheit in ihrem weitaus überwiegenden Teile den Standpunkt der deutschen und österreichischen Judenheit teilt und aus jMischen GesichtspuEen heraus treu und unerschütterlich sich auf die Seite Deutschlands gestellt hat. Unzählige Beweise dieser Stellungnahme liegen vor. Man braucht nur einen Blick in die jüdische Kresse Amerikas M werfen, « uM diese offenkundige warme Sympathie für die Sache Deutschlands zu erkennen. Leitartikel der Reaktionen, Meinungsäußerungen aus dem Publikum,. wisseirschaWche Auffätze und Feuilletonc zur Widerlegung der von den Feinden gegen Deutschland ausgestreuten Verleumdungen zeugen von den heißen Wünschen der amerikanischen Juden für den Sieg unseres Vaterlandes. Ganze Serien von Artikeln werden da veröffenllicht, ..um das ebenso freche wie dumme Schlagwort vom preußischen Militarismus in seiner Hohlheit und Unwahrheit aufzudecken, in glänzenden Repliken wurde Zangwills Versuchdie Juden der neutralen Länder auf die Seite Englands zu ziehen, zurückgewiesen, und ans allen AeußeruNgen der jüd. Presse Amerikas über den Krieg spricht die tief innerliche Sympathie für Deutschland, die Hoffnung und der Wunschdaß uns der Sieg beschieden sein möge. Diese Haltung der amerikanischen Judenheit ist denn auch von Seiten der Deutschen in Amerika anerkannt worden. .Hans Heinz Ewers, der bekannt Dichter, hat erst vor kurzem berichtet, wie von Men Bevölkerungsgruppen Amerikas die Juden — neben den Iren — die einzigen Freunde Deutschlands seien, und welch hohen Wert die Bundesgenossenschaft der jüdischen Presse in der Aufklärungsarbeit derdeutschen Zeitungen in Amerika besitze. Der deutsche Botschafter in Washington hat ccks Antwort eines plumpen Versuches, die amerikanischen Juden für Rußland zu gewinnen, in der jüdischen Presse eine Erklärung Mer die Sympathien seiner Regierung für die polnischen und russischen Juden veröffenllicht; und noch mannigfache andere Beweise liegen vor, wie hoch die deutschfreundliche Haltung der amerikanischen Juden von deutsch-amerikanischer Seite bewertet wird; und in der Tat ist denn auch diese Stellung der J uden Amerikas bei dem großen politischen Einfluß, den sie innerhaD' der Bereinigten Staaten besitzen, von hohem Werte für die deutsche Sache in Amerika. Diese deutschfreundliche Gesinnung der Juden Amerikas ist denn auch geeignet, die Regierung unseres Vaterlandes davon zu Merzeugen, wie die Gesamtjudenheit, sofern sie den Krieg vvM jüdischen Gesichtspunkte betrachtet, mit ihren Sympathien auf ihrer Seite sich befindet. Wir sind auch dessen gewiß daß unsere Regierung dies sehr wohl weiß und die humane und entgegenkommende Weise, pie sie in der Behandlung der russischen Juden in Deutschland an den Tag legt, beweist uns, daß die Sympathien, die wir Juden Deutschland eUtgegeMringen, der deutschen Regierung bä- Fcankfurter Israelitisches Fainilienblatt. tfk. 4t farmt sind und von ihr auch durchaus geschätzt werden. Uns deutschen Juden aber mag die Haltung unserer Bruder in Amerika der Beweis sein, daß unser Standpunkt richtig und zutreffend ist, und mag so unser Bewußtsein stärken, daß wir in diesem Kriege Äs Juden dieselben Wünsche und Hoffnungen hegen müssen wie Äs Deutsche, daß wir in tiefem1 Kampfe für unser Vaterland zugleich auch für unsere Religion und unser Volk kämpfen. Der Patriotismus der galizischen Juden. Feldrabbiner Dr. Edmund Kalman veröffentlicht im Budapester „Egyenlöseg" Tagebuchaufzeichmmgen, die interessante Belege für den Patriotismus der galizischcn Jaden darstellen. Einiges sei hier herausgegrissen. Bei Rage-Ruska war die Munition in Gefahr, von Kosaken abgefangcn zu werden. Im Augenblick der größten Aufregung erschienen zwei Juden in ihren langen Kaftanen und führten den Train aus Nebenwegen in die Waldung des Fürsten Sapieha. Der Train war gerettet, und die beiden Juden wurden vom Hauptmann Barvas vor der gesamten Mannschaft belobt. Eines Samstag morgens kam, so erzählt Dr. Kalman weiter, die Meldung, daß am anderen Ende der Ortschaft, vor der er am Abend vorher angelangt war, ein Verbandsplatz ausgestellt wurde. Ich brach,auf, um unsere Verwundeten aufzusuchen. Plötzlich blieb ich vor Staunen - stehen: Ein bärtiger Jude mit Kaftan und Schläsenlockest saß aus dem Wagen, der eine kleine magere Kuh führte, ein anderer ebensolcher galizischer Jude trieb das Vieh vor sich hin — offenbar auf die Schlagbrücke. Und das am Sabbat! Dann ging ich durch das Städtchen und sah aus dem Marktplatz eine Bäckerei. Bor dem Backofen 'stand ein jüdischer Bäcker mit der obligaten Samtmütze. Die Soldaten rissen die halbgebackenen Brote aus dem Ofen, wofür er sie in gutjüdischer Mundart ansschimpfte. In den Schenken bedienten ebenfalls die Juden die hereinströmenden Soldaten. Jetzt wurde es mir klar: Es war gar nicht Sabbat! Wir mußten uns verrechnet haben. Ich schämte mich, daß ich gestern abend den Sabbateingang so feierlich begrüßt hatte. Endlich trat ich an einen Juden heran und fragte ihn: „Was ist heute für ein Tag?" Er erwiderte: ,Leit is Schabbes!" „Und hier wird am Sabbat gebacken, geschlachtet und verkauft?" > „Ja, unser Rebbe hat den Schabbes botl gemacht!" (Er hat die Sabbatruhe ansgehoben.) Ich wollte ihm zuerst nicht glauben, da ersuchte er mich, ihm in die „Klaus" zum Rebben zu folgen. Ich mußte auf den Verbandsplatz, bat ihn aber, mittag aus mich zu warten und mich, inzwischen beim Rabbi anznmelden. Endlich kehrte ich in die Stadt zurück. Am Ende der Ortschaft erwartete mich mit seinen zwei Söhnen und dem Obmann der Chewra der einem Patriarchen gleichende greise Rabbi Eleaser Rokeach. Sie bemerkten, daß ich .tief bewegt war, und der Rabbi begrüßte mich schon von der Ferne: „Scholaum olecho ochi wachaweri!" (Friede mit dir, Bruder und Kollege!) Er führte mich in seine Wohnung, und als ich von der Aufhebung der Sabbatrnhe sprach, bestätigte er dies. 50.000 Soldaten giert in dem Städtchen, das bloß 4000 meist jüdische inwohner zählt, einquartiert, im Städtchen drei Feldlazarette voll von Verwundeten. Hier trete — meinte der Rabbi — der Fall des „Pikuach nefesch" (Rettung der Seele) ein, der den Sabbat ansheot. Die Verteidiger des Vaterlandes müssen verpflegt werden. Und schon brachte Awrumele, der 11jährige Enkel des Rabbi, das Werk unseres großen Maimonides und schlug den bezüglichen Paragraphen auf, den wir soeben besprachen. Ich lauschte den Worten und richtete dann folgende Frage an meinen Gastgeber: .. „Rebbe, unsere Militärgesetze ermächtigen mich, im Einvernehmen mit dem Oberarzt die jüdischen Toten in solchen Ortschaften, wo Juden wohnen, her jüdischen Bevölkerung zur Bestattung zu übergeben. Ich weiß von zwei jüdischen Gefallenen, die aber auf höheren Befehl noch heute beerdigt werden müssen. Was ist Ihre Ansicht?" Der Rabbi ergrift meine Hand und sprach .mit seuchtschimmernden Angen: „Gott segne Sie, Herr Kollege! Der Obmann der Chewrah kam ja eigens mit mir, um Sie zu ersuchen, Sie mögen uns die jüdischen Toten übergeben. Die Heiligkeit des Sabbats verschwindet neben der Heiligkeit des Vaterlandes!" Nach einer'* halben Stunde — wir aßen noch zu Mittag — stand bereits ein gedeckter Wagen aus der Straße, ans.welchem die Toten nach dem Friedhof überführt wurden, und wetteifernd sprangen auf den Wagen galizische chässidische Kaftanjuden in ihrem Sabbatgewand... Uebergriffe. Ans Rostock wird uns. geschrieben: „In einer Zeit, in der jeder Parteistreit in Deutschland ruht, hat sich in der hiesigen jüdischen Gemeind« rin Vorgang abgespielt, der gewiß bei allen deutschen Inden — wenigstens im gegenwärtigen Augenblick — die schärfste Mißbilligung finden wird. Einige hiesige Mitglieder, die schon seit Jahren aus reinem Ausländerhaß sich vergebens um die Entrechtung der Ausländer bemühen, haben es am 21. d. Mts. für zeitgemäß gehalten, diesen Streich durchznführen. In einer Gemeindeversammlung,' in der Statutenänderung auf der Tagesordnung stand, haben diese Herren mit einer künstlichen Majorität einen Antrag zur Annahme gebracht, der nur r c t clj s deutschen Gemeindemitgliedern ein Stimmrecht ein räumt, während beitragspflichtig auch alle Nichtreichsdeutschen Juden Rostocks sind. - Interessant ist znträchst, wie . die Herren Tobias und Gebrüder Gimpel eine Majorität für ihren Antrag aufbrachten. Da der gesamte Gemeindevorstand und der größte Teil derjenigen reichsdentschen Gemeindemitglieder, die sich von jeher für das Wohl der Gemeinde betätigen, für den Antrag Tobias und Gimpel nicht -zu haben waren, haben sie unter denjenigen Mitgliedern Anhang gesucht, die sich um das Judentum gar nicht mehr kümmern, sondern nur noch Gemeindemitglieder sind, weil nach der Mecklenburgischen Verfassung jeder einer Religionsgemeinschaft angehörest muß: Die letzte Versammlung war daher von vieleir Gemeindemitgliedern besucht, dir sich in den letzten Jahren '—• und .manche überhaupt noch nie * — um Gemeindeversammlungen oder sonstige jüdischen Angelegenheiten kümmerten. Ich bin auch überzeugt, das; diese Gemeindemitglieder weder aus. sachlichen noch ans Sipiellen Gründen dem Antrag Tobias und Gimpel timritt haben, sondern nur aus Gefälligkeit zu den letztgenannten Herren. Die Bemühungen unseres Vorsitzenden Bernhard und der Rechtsanwälte Dr. Sawitz und Bernard, einen solchen bedeutenden Entschluß nicht übers nie zu brechen und zu berücksichtigen, daß er zum größten Teil österreichische Staatsangehörige betrifft, mit denen Deutsche Schulter an Schulter kämpfen, und es noch gar .nicht abzusehen ist, wie sich nach Kriegsbeendigung das Verhältnis zwischen Deutschland und Oesterreich-Ungarn gestalten wird, waren nutzlos. Als Herr Bernhard deutschjüdische Preßstimmen über dieses Thema zur Vorlesung brachte, wurde er sogar in pöbelhafter Weise niedergeschrieen, und stur durch Eingreifen unseres Patrons, Bürgermeister Dr. Becker, gelang es ihm, innter stürmischen Zwischenrufen, wie „Was kümmert uns das. ^Hamburger und Frankfurter Familienblatt", „Preußen ist für uns nicht maßgebend" und drgl., . seine Vorlesungen zu beenden. Auch Herrn Bernhards Einwendung, daß man doch! berücksichtigen solle, daß viele Mitglieder durch den Krieg an der Abstimmung nicht teilnehmen könnten, war ebenfalls wirkungslos, und als endlich Rechtsanwalt Dr. Sawütz in einer eindrucksvollen Rede, einen von ihm gestellten Antrag, die Sache einer Mmmission zur genauen Prüftmg zu überweisen, befürwortete, welcher auch von Bürgermeister Dr. Becker und Rechtsanwsilt Mer nh.ard eindringlich unterstützt wurde, ist auch dieser abgelehnt worden, und der Antrag Tobias gelängte zur Annahme. Ein daraus folgender Antrag von Herrn Kesten, die Entrechteten auch von den Pflichten zu entbinden, wurde ebenfalls abgelehnt. Ein schreiendes Unrecht ist den Rostockern nichtreichlsdeutschen Gemeindemitgliedcrn geschehen, denn daß diese bisher zu einer Entrechtung keine .Veranlassung gegeben haben, zeigt das Eintreten des Gemeindevorstandes und eines großen Teils der angesehensten Gemcindemitglieder für sie. Als z. B. eines unserer Mitglieder, eine in ganz Mecklenburg sehr geachtete Persönlichkeit, Rechtsanwalt Dr. Gold staub, der leider die Versammlung nicht besuchen konnte, .am folgenden Tage von diesem Beschluß erfuhr, war derselbe hierüber sehr aufgebracht und narrntc ihn eine große Ungerechtigkeit. Unter den Entrechteten befindet .sich auch Herr Noschel, welcher schon 34 Jahre Mitglied der Rostocker Gemeinde, Mitbegründer der Chewra Kadischa und seit Bestehen derselben bis heute noch deren Kassierer ist und schon seit langen Jahren der Schulkommission angehört. Ferner dessen Sohrr, der in Rostocks Mauern geboren und großgezogen wurde." Bei deir Vorgängen in Rostock wird wohl das die Ursache gewesen sein, was sich in den letzten Jahren in manchen jüdischen Gemeinden. Deutschlands deutlich gezeigt hat: eine bewußte Assimilation, die in einer radikalen Assimilierung der deutschen Judenheit erst die Möglichkeit der radikalen Assimilierung des einzelnen sieht. So kommt es, daß Persönlichkeiten, die nicht nur das jüdische Volkstum ablehnen, sondern auch in religiöser Hinsicht unbeeinflußt vom Judentum sind und irgend eine antijüdische Weltanschauung in sich tragen, ihren Einfluß in jüdischen Gemeindest und Organisationen zu betätigen suchen. Und so sind in diesen Persönlichkeiten der Haß und die .Vergewaltigungsversuche gegen die ausländischen Juden zu verstehen, die infolge ihres jüdischen Empfindens die Assimilationsbestrebungen naturgemäß aufhalten. All' das ist zu verstehen; — aber unbegreiflich bleibt es, verdient die allerschärsste Verurteilung und wird selbst. von einsichtigen Anhängern der radikÄsten Assimilation mißbilligt werden, daß derartige Vorgänge sich in der gegenwärtigen Zeit abspielen können. Wird es . doch sonst in . ganz Deutschland als -eine heilige patriotische Pflicht betrachtet, jede politische Differenz schweigen zu lassen. Jedoch bei den Rostocker Herren scheint der Haß größer als der Patriotismus Aus aller Wett. Deutsches «ei«. Wiesbaden. Das hiesige „Tagblatt" schreibt: „Daß der gegenwärtige Weltkrieg, mag er xoch so schöne Früchte für die Zukunft tragen, augenblicklich viel Elend Mer die Welt herausbesMoört, ist eine Tatsache,