Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 12 (1914)
- Issue
- Heft 47 (4.12.1914)
- Date
- 1914-12-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ms der Krieg ausbrach, tvar eines der rsten und stärksten Angstgefühle, die das Herz edes guten Juden durchfuhren, die Sorge um Palästina. Wir wußten,, düst die völlige Stöung und Zerrüttung .aller internationalen wirthaftlichen und finanziellen Verhältnisse für Päästina eine große Gefahr darstelle; daß derwirt- Hastlich völlig parasitenhafte, ganz vom Auslande bhängige alte Jischub, daß der junge, noch unlusgereifte Wirtschastsorganismus des neuen Jichub durch die Wirren des Krieges in ihrer xxistenz bedroht werden mutzten, und'. ängstlich ahen wir den Nachrichten entgegen/ die uns Näheres von der Hage der palästinensischen Judenheit >erichten sollten. Als sodann die Türkei nach energisch durch- >efuhrten Vorbereitungen und einer erfolgreich bendeten Mobilisation aktiv in den Krieg ein- >riff und sich entschlossen an die Seite Deutschands stellte, steigerte sich die Sorge um das Wohl Palästinas irr hohem Matze. Denn mildem Eingreifen der Türkei war .der Abschluß Palästinas von ier Außenwelt perfekt geworden, und" die HoffmNgen, die man vorher nochl hegen durste, daß s gelingen werde, wenigstens einen Teil des ehrlichen Meinexportes sowie die Orangenernte aus- Mhren, mutzten nun aufgegeben werden. Hinzu am die Befürchtung, daß Palästina selbst der »auptplatz kriegerischer Operationen werden, daß ,or allem die feindlichen Kriegsschiffe Jaffa und Haifa bombardieren könnten. Und wieder warteten vir voll ängstlicher Spannung auf die Nachrichten oon Palästina. Allmählich treffen nun Nachrichten ein. Sie lehren uns, daß wir uns in unseren Erwartungen getäuscht^ haben. Nicht etwa so, dätz. keine Not jetzt in Palästina herrscht. Privatbriefe, Meldungen der jüdischen Presse Amerikas bestätigen, daß innerhalb der Judenheit Palästinas, vor allem innerhalb des alten Jischub, furchtbare Zustände herrschen und die Not und das Elend' einen Grad erreicht haben, der uns sehr wohl mit Angst und Sorge für das momentane Schicksal so mancher Teile der palästinensischen Judenheit erfüllen muß, In unseren Befürchtungen haben wir. uns also nicht getäuscht. Wohl aber gingen wir darin fehl, daß. wir glaubten, die Klagen über ihre Not, die Rufe um Hilfe und Linderung des Elends würden die einzigen Nachrichten .sein, die uns von dort zukomMen werden. Statt dessen meldet der Telegraph ganz andere Dinge. Vor wenigen Wochen brachte er, daß Tausende palästinensischer Juden die türkische' Staatsangehörigkeit angenommen haben, vor wenigen Tagen wurde wiederum gemeldet, daß der Großrabbiner der Türkei mit der Regierung über die Erleichterung der Einbürgerung der in der Türkei wohnenden ausländischen Juden verhandelt unddie Hohe Pforte sich bereit erklärt habe, diese auf ihren Wunsch ohne weiteres in deN türkischen Staatenbund aufzunehmen. Zieht man von diesen Meldungen den Schluß auf die ihnen zugrunde liegenden Stimmungen und geistigen Zustände, so besagen sie, daß. innerhalb der türkischen Judenheit, vor allem aber innerhalb der Mästinensischen, eine Begeisterung für die Türkei, ein Ausopferungswitle für den Kampf der Türkei herrscht, der alle anderen Gefühle unterdrückt Md übertönt. Keine Klagerufe, keine Berzweifkungsschreie vernehmen wir aus Palästina, sondern die Freudenrufe patriotischer Begeisterung, die Hedadschreie kriegerischen Heldenmutes. Diese Tatsache ist von einer bezwingenden Größe und Schönheit. Wenn die Bürger eines Staates begeistert in den Krieg für ihr Vaterland ziehen, so ist es nur natürlich. Wenn aber diese Tausende Juden Palästinas, die kein staatsbürgerliches Gebot jetzt dazu zwingt, ihr Leben für das Wohl der Türkei einzusetzen, freiwillig in großen Scharen in dieser Zeit, da das Schicksal der Türkei sich entscheidet, türkische Bürger werden, so bedeutet dies einen unvergleichlichen Beweis von Treue und Dankbarkeit, von Aufopferungsfähigkeit und Heldenmut, von innerer sittlicher Größe. Wiederum haben wir Juden damit bewiesen, wie sehr wir wie kein anderes Volk es zu schätzen wissen, wenn uns andere Völker mit Achtung und Sympathie behandeln, wie sehr wir fähig sind, Treue und Dankbarkeit bis kn den Tod zu üben. Wie oft wurden wir nicht von unseren Gegnern als niedrige Krämer, als hartherzige Egoisten verleumdet, als Menschen, denen Treue und Aufopferung unbekannte Werte seien. Sic mögen jetzt auf das Schauspiel blicken,, das die Juden Palästinas der Welt darbietcn; wieviel solcher Beispiels findet man in der Geschichte,. dätz Tausende einen Staat in dem Augenblicke um Aufnahme in seinen Staatsverband ersuchen, da seinem Existenz auf dem Spiele steht und sie bereit sein müssen, ihr Leben für ihn einzusetzen? llnd nicht minder groß und. bedeutungsvoll als dieses herrliche Bild, das die Juden Palästinas jetzt der gesamten Welt bieten, ist ihr heldenhaftes Verhallen auch, in seiner Wirkung auf die Türkei. Jahre und Jahrzehnte lang hat die türkische Regierung mit scheelen Blicken auf die jüdischen Kolonisationsbestrcbungen. in Palästina geschaut, und noch bis in die. letzten Jahre hinein wurden manche der maßgebenden Persönlichkeiten der Hohen Pforte von Mißtrauen und Argwphn gegen uns beherrscht. Antitürkische Ziele, separatistische Aspirationen sagte man uns nach, und nur in langsamer, mühevoller Arbeit gelang es in letzter Zeit, dieses Mißtrauen zu zerstreue» und die türkische Regierung davon zu überzeugen, daß wir nur das Wohl der Türkei, ihre Stärkung und Förderung erstreben und im tiefsten Grunde unserer Seele ihre aufrichtigen, treuen Freunde sind. Nun hat die Palästinensische Judenheit den Beweis hierfür, in einer Weise erbracht, die wohl durch, nichts übertroffen werden kann. In Zukunft wird wohl auch nicht die leiseste Spur eines Mißtrauens gegen die jüdische Kolonisation Palästinas seitens der Hohen Pforte unsere Bestrebungen hemmen und hindern. Wir haben es nun mit unserem Mute der Türkei bewiesen, daß wir ihr mit Leib und Seele ergeben sind. We^n die Türkei — was wir zuversichtlich hoffen — siegreich aus diesem Kriege hervorgehen wird,, dann wird sich die gewaltige Bedeutung, werden sich, die unabsehbaren Wirkungen dieser bewundernswerten Heldenhaltung der palästinensischen Juden offenbaren. Diese Haltung aber beweist auch ein anderes, daß nämlich die palästinensische Judenheit in dem Sieg der Türkei die sicherste Gewähr für die Verwirkkichung ihrer Ideale erblickt und den festen Glauben au diesen Sieg besitzt. Den Standpunkt, den die Leiter des Zionismus, den die Förderer der palästinensischen Kolonisation stets vertreten haben, daß eine stärke Türkei die glücklichste Voraussetzung für eine günstige Entwicklung der Kolonisation darstelle, diesen Standpunkt haben jetzt die palästinensischen Juden in höchster Begeisterung als den ihrigen erklärt. Von allen großen Mächten der Welt war die Türkei durch alle Jahrhunderte hindurch diejenige gewesen, die uns Juden am humansten und liebevollsten behandelt hat. Für keinen Staat der Welt können die Juden von solch segensreicher Bedeutung für die Zukunft werden wie für die Türkei, der es zu einer mächtigen Entwicklung ja nur an energischen, fleißigen. kulturell hochstehenden Menschen fehlt. Innerhalb des Staatsgebietes der Türkei hoffen wir Juden unser heiligstes, durch die Jahrhunderte der Diaspora sorgsam bewährtes nationales Ideal zu verwirklichen und die Heimstätte für die Wiederbelebung unseres Volkes zu schaffen. Mehr als alle Staaten der Welt ist.so die Türkei das Land unserer Zukunft. Der Kampf der Türkei gilt jetzt vor allem Rußland, dessen Sucht nach Konstantincpel die letzte Ursache dieses Krieges ist. In demselben Grade aber, in dem! die Türkei das Land unserer glücklichen Zukunft ist, ist Rußland das Land unserer furchtbaren Gegenwart. Nirgends hat der Galuth schrecklichere Formen angenommen wie im Zarenreiche, nirgends aber erhoffen wir so bald chie völlige Ueberwindung des Galuth wie im Kalifenreiche. Wenn die Türkei gegen Rußland kämpft, welcher Jude der Welt, dessen Herz noch jüdisch schlägt, wird da nicht auf die Seite der Türkei treten? Vor einigen , Tagen meldete der Telegraph, Mendel Beilis, der Älngeklagte des Kiewer RitualmordPrpzesses, der jetzt in Jaffa lebt, sei türkischer Bürger geworden. Dieser Vorgang ge-' winnt symbolische, historische Bedeutung. Der Mann, der wie kein anderer das Leid des Galuth hat erdulden müssen, hat als einer der ersten seine Person in den Dienst des Landes gestellt, in dem wir das Galuth für immer zu beenden hoffen. Mendel Beilis ward türkischer Bürger. Aus der Rechtlosigkeit und der unerträglichen Not Rußlands heraus fand dieser Mann, der den Galuth in seiner höchsten Tragik verkörpert, sein neues, wahres Vaterland in der Türkei, in Palästina. Die Wanderung Mendel Beilis' von Rußland nach Palästina, sein Eintritt in den türkischen Staatsverband zeichnet den Wegvor, den unser Volk wird gehen müssen, wenn es das Galuth beenden und eine neue Heimat finden will. Die Heldenhaltung der palästinensischen Juden bedeutet einen mächtigen Schritt vorwärts ans diesem Wege. Aus de» Ereignissen des Tages. Die Sympathie« der amerikanische» Jude» für Deutschland. Es . gibt wohl für die Juden Deutschlands und Oesterreichs in diesen Monaten kein begkückcndsres und tröstlicheres Gefühl als dasjenige, das ihnen das Bewußtsein gibt, in diesem Kriege ebensosehr für ihr Vaterland wie für ihr Judentum zu kämpfen. Währenddie Millionen Juden Rußlands, die noch jüdisch empsindenden Juden Frankreichs und Englands durch den Krieg in einen tragischen Konflikt versetzt worden sind, in einen Konflikt zwischen ihren Pflichten als Bürger ihrer Staaten und ihren Wünschen und Hoffnungen als Juden, ist es uns deutschen Juden ebensosehr wie unseren Brüdern in Oesterreich vergönnt, die beiden großen Gefühlsmächte, die uns beherrschen, völlig zu versöhnen und in dem erhebenden und stärkenden Bewußtsein zu leben, daß unsere Interessen, Pflichten und Hoffnungen als Deutsche wie als