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Neue jüdische Presse · 1914-11-27 · Heft 46 (27.11.1914) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
12 (1914)
Issue
Heft 46 (27.11.1914)
Date
1914-11-27
Page
Seite 4 (sequence 5)
Language
German
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feite 4. rLe, FräulergMaudia^ Diese riß .die Augen weit auf und starrte so ungläubig wie gierig auf den Schein, in Claudia's Hand. ,>Nimm doch," sagte Claudia/ „unter Kollegen hilft man einander aus." Die Soubrette .wurde so Mimisch in ihrem Entzücken, daß Claudia ernstlich froh war, ihren Dankesbeteuerungen entzogen zu wechen. „Wo bleibst Du, Claudia?" Elastischen Schrittes kam Frau Liedertrost am Arm eines, jungen Mannes heran. Ungeniert musterte sie die auffällige, in jeder Bewegung ans „Theater" gemahnende Erscheinung Liese Lehmann's, die übrigens ziemlich keck diesen Blick erwiderte, um ihr dann ohne Umstände den Rücken zuzukehren. „Wir suchen Dich, Claudia," rief sie, die Freundin von der ihr unbequemen Nachbarschaft geschickt entfernend, „mein Schwager Bruno wlll sich Dir vorstellen. . . Herr Benjamin Liedertrost, von den schönen Mädchen J.'s auch Augentrost genannt." „Helsia — willst Du schweigen!" „Nicht doch Kleiner," fuhr Helsia unbeirrt fort, „voila der beste Sohn, der zärllichste Bruder und Verwandte, der Gesellschafter, wie er sein soll, ein Sänger von Gottes Gnaden, der fleißigste Student." „Es bleibt mir nur noch, jung und sündenrein in aller Elle das Zellliche zu segnen," wandte sich der junge Mann mit höflicher Bereinigung an Claudia, „um solche glänzende Empfehlungen in dunller Zu-, kunst nicht kläglich Lügen zu strafen. . . Wie unerträglich Sie mich finden, meine Gnädige, da man mich Ihnen so seraphartig vorstellen und einloben wlll!" „Das scheint ein - lieber Junge," dachte Claudia, „mll dem werde ich mich vertragen." Sie wollte mll einem Scherz seinen drolligen Befürchtungen Erwiderung geben, aber Helsia, welche gewöhnt war, das Wort allein zu führen, ließ jetzt ihrer Fragen Flut fteicn Lauf. „Scll wann bist Du hier, Benno? Bist Du allein? Hast Du gute Reise gehabt und leichte Grenze? Warum kommst Du so spät?" „Befühl Deines Mannes, Jemllian hier zu erwarten." „Wie, Jemllian ist hier?!" . . „Das ‘ scheint meiner schönen Schwägerin nicht sehr erfreulich." „Durchaus nicht. Mein Mann konnte Dir Klügeres austragen. Euren halben Tag in Alexandru's Gesellschaft zu reisen. Mll schaudert. . . Warum kommt er nicht, uns zu begrüßen?" „Er ist bereits von dcnr Eintreffen der Damen „Er speist." „Das entschuldigt. Er würde für nichts in der Welt sein Diner unterbrechen." Die junge Frau wollte sich einem neuen Zorncsausbruch überlassen, als sic den Vlllgescholteneu erblickte. Er näherte sich ihnen mll beschleunigtem Schritt. Helsia verstummte und zog fast heftig Claudia an ihre Selle. Alexandru war ein mittelgroßer Mann von etwa dreißig Jahren; seine überaus schlanke, geschmeidige Gestatt ließ ihn jedoch um vieles jünger erscheinen. Das bleiche Gesicht mll scharf geschnittener Nase, schwarzem Haar und Bart schien ausdrücklich an jüdischen Typus zu mahnen, aber die fast fade Leblosigkeit der Züge, der gelangwellte, ja tellnahmslos ruhige Blick verliehen der Gesamtcrscheinung ihres Besitzers das Ansehen einer gewissen unnahbare,i, wenn auch antipathischen Vornehmheit. Er war mll getvähtter Eleganz gelleidet, sprach sehr gesucht, in wohlgcsetzten, ein wenig geschnörkellenHöflichkeitswcndungcn, begrüßte die Damen, indem er ihnen „seine respektvollsten Huldigungen zu Füßen legte"; fand Madame Liederllost sehr wohl aussehend, und Fräulein von Moorbach, die er vor langen Jahren in Wien gekannt, „äußerst konserviert," für welch letztere Bemerkung ihn ein wütender Blick Helsias anblitzte. Mll großer Umständlichkeit sorgte er, daß die Damen dll vortellhaft gelegensten Coüpees im Wagen crhietten, er sagte aber nicht Coupec, solchen, mll sehr eleganter Betonung „Kompartiment". Dann öffnete er dll Fenster, brellete Decken und Polster zu der' Damen Bequemlichkell, das heißt, er gab dem dienstfertigen Benno sehr hochfahrcnde diesbezügliche Anordnungen, und bat schlllßlich Claudia, zu Helsias innerlich tiefstem Verdruß, an ihrer Seite Platz nehmen zu dürfen. (Fortsetzung folgt.) Frankfurter JsraÄitisches FcüMieMatt. M Dilti H. L MM Sohlllarmtr. 18m Telephon I, 8630. Seifen, Uchte, Kamm* und Bfiratenwaren, Besen etc. Coametlsche Spezialitäten. MSdcheuheime. Arbeit heißt die Parole der Gegenwart, und weder Mann noch Frau kann sich ihrem Zwange entziehen. Unablässig sind wir darum bemüht, neue Wege zu finden, um unserer weiblichen Jugend neue Erwerbs¬ und Bildungsmöglichkeiten zu eröffnen. Kaum liegt die Schulzell hinter ihnen, lleibt es sie hinaus, namentlich' aus den kleinen Städten und Dörfern, dem Berufsleben, der Großstadt zu. Welcher Umschwung im Jungmädchenleben! — Gestern noch ängstlich behütet von zärtlichen Mutteraugen .und den engen Tradiüonen der Kleinstadtsitte, heute unvermittelt hinaus in die Freiheit selbständigen Handelns gestellt. Aber wo nicht Zügellosigkeit das Krastgefühl der Selbstverantwortlichkeit ablöst, zeigen sich ftemdfühlendc junge Mädchen bald niedergedrückt von dem Sehnen nach einer liebevollen Umgebung, nach dem gewohnten Gedankenaustausch mit teilnehmenden Menschen. Denn die Berufstätigkeit soll sie wohl frei und stark wachen, soll und wird ihnen aber nicht ihre weibliche Eigenart rauben. Deshalb brauchen diese jungen Menschen einen sittlichen Halt, einen .Wegweiser ftir ihr innerliches Leben. Diesen Zweck erfüllen in der besten Weise die „Mädchenheime". Eine in den Jahren 1906 und 1907 von mehreren Vorstandsmitgliedern der Frauenvereinigung, der Frankfurt-Loge durchgeführte Enquete hat gezeigt, wie schlecht zum großen Telle die jungen, im Berufsleben stehen-, den Mädchen in Frankfurt untergebracht waren. Für verhältnismäßig teures Geld bewohnten sie unfreundliche, unhygienische Räume und waren oft gesundheitlich gefährdet durch Zusammenwohnen mit leidenden Hausbewohnern. Licht, Beheizung, Bäder, warmes Wasser und dergleichen wurden stets extra und teuer berechnet. Am ungünstigsten waren die jungen Lehrmädchen gestellt, die wenig oder gar nichts verdienten. Gerade sie, die in den Entwicklungsjahrcn standen und besonderer körperlicher und geistiger Pflege bedurften, gerade sie mußten mit den schlechtesten Quartieren, mll der unzulänglichsten Beköstigung meist bei ungebildeten Leuten oder solchen, die selbst mit der Not des Tages zu kämpfen hatten, vorlieb nehmen. Doppelt kalt und doppelt lllbeleer fanden sic des Abends ihre einsame, ungemülliche Stube. Was Wunder, wenn sie sich außerhalb des Hauses, leider auch manchmal auf der Straße, ihr Vergnügen, ihre Zerstreuung und Anregung suchten?, Die Idee der Gründung von israelitischen Mädchenheimen lag nahe, und überall, wo diese soziale Einrichtung bisher geschaffen wurde, hat sie sich bestens bewährt, ist sic nach kurzer Zeit zur Notwendigkeit geworden. Sind die Heime doch in erster Linie dazu da, gegen einen geringen Pensionsbeitrag, jungen alleinstehenden Mädchen, Schntz, Unterkunft und vollständigen Ersatz für das Elternhaus zu bieten. Man bestreüet heute gar nicht mehr den prinzipiellen Wert dieser Einrichtung. Man ist zur Ueberzengung gelangt, daß eine Gruppe gleichaltriger, gleichartiger, auf ähnlicher Bildungsstufe stehender, ähnlichen Werdegang erstrebeillcr Menschen sich durch das Zusammensein gegenseitig erzieht, fördert, abschlcift, und daß der Geist der Ordnung und Pflicht, der gefordert wlld, körperliches Wohl und sittliche Kraftentwicklung zur Folge hat. Welche Erziehungsfaktoren sind schon die in solchen Heimen selbstverständlich von den Jiisassinen verlangte Selbstzucht, Selbstbeschränkung und Unterordnung. Nicht unterdrückt soll dadurch die Individualität werden, diese Eigenschaften sollen vielmehr jede einzelne über sich selbst cMeben mld die höchsten geistigen, sittlichen und körperlichen Werte und Kräfte llr ihnen zur Entfaltung dringen und auslösen. Welche Traulichkeit herrscht in einem solchen Heime! Vom frühen Morgen entwickelt sich alles in regelmäßiger Ordnung ab, und doch niemals eintönig, weil jede einzelne die eigene persöillichc Note zum Klingen bringen kann. Und in der Person der Leiterin ist eine liebevolle Gärtnerin, dll die jüngeren und älteren Bäumchen hegt und pflegt und allen gleichmäßig beratende und helfende Freundin ist. Da gibt cs gemütliche Abende, wo sich dll ftohe Jugend bei einer Näh- oder Flickarbeit, bei einem guten Buche, Zeitungslektüre, bei Spiel und Tanz vereint oder auch zu ernstem Studium zusammcnkommt. Hier ist eine Stunde dem Erlernen einer fremden Sprache gewidmet, dort tvird; Kalligraphie, Stenographie, Korrespondenz oder Rechnen geübt, an einem anderen ftr 46. Abend gibt's eine Literaturstunde, oder es wird von berufener Seite ein wissenschaftlicher Bortrag geboten. Daß neben der geistigen Kost besonderer Wert auf gute, kräftige und ausreichende Verpflegung gelegt wird, ist selbstverständlich, zumal die jugendlichen Jnsassinen derselben dringend bedürfen. Alle diese günstigen Umstände bewirken, daß die jungen Mädchen in ^der Regel tüchtiger, strebsamer, pflichttreuer werden, im Berufsleben besseres leisten und daher rascher vorwärtskommen, wobei sich außerdem noch der Wert des moralischen Rückhaltes, den das Heim gewährt, geltend macht. Die Heiminsassinen haben weniger das Bedürfnis nach Verkehr mit außenstehenden Kreisen, da sie das gemütliche Familienleben des Heims immer mehr schätzen lernen. Denn die „Heimchen" bilden eigentlich eine große Familie, die Leiden und Freuden gemeinsam tellt und gruppenweise in inniger Kameradschaft und treuer Freundschaft zusammenhält. Mannigfach sind auch die Vortelle und Wirkungen eines Heimes in ethischer Beziehung. Gerade in der Gegenwart sieht ein großer Teil der jüdischen Angestellten sich gezwungen, im Berufsleben dll Vorschriften der Religion unbeachtet zu lassen. In jugendlich leichtfertiger Urteilsweise könnten sie, haben sie erst einmal begonnen, mit den althergebrachten Traditionen ihrer Famllie zu brechen, leicht zur vollständigen Ungläubigkeit gelangen und sich die Verletzung der Gesetze der Moral und Sitte als weitere natürliche Konsequenz außerdem zugestehen. Welch mächttges Bollwerk ist dagegen der jüdische Geist, der in solchem Heime herrscht, der mit seinem Freitagsabendzauber die dunkeln, aufrührerischen Gedanken des Alltags verscheucht und. die Seele wieder licht und - freudig werden läßt. Wollen, müssen wir nicht darnach streben, daß möglichst in jeder größeren Stadt ein „Israel. Mädchenheim" entstehe? In welcher Weise es einzurichten ist, wie cs bestehen kann, soll ein folgender Artikel dartnn. Die wachsende weibliche Berufstätigkeit ist nicht allein aus den größeren wirtschaftlichen Forderungen des Lebens entstanden. Dem Wunsche der Frauen nach einem eigenen, außcrhäuslichen Wirkungskreis ist das Aufblühen unserer Industrie, unseres Handels entgegengekommen, und immer mehr weibliche Arbeitskraft machte sich nötig. Es ist unsere soziale Pflicht, diesen jungen Menschen ein Gegengewicht zu schaffen für dll Energie, die sll im Berufsleben verbrauchen. Wir müssen ihnen behilflich sein, ihre geistigen und körperlichen Kräfte frisch zu erhalten. Den Müttern und Frauen unserer Kaufleute und Industriellen eröffnet sich hier eine schöne befriedigende Aufgabe. Auch in den kleineren und mittleren Städten sollten jüdische Mädchen, dll der Haushalt nicht braucht, kaufmännisch und gewerblich beschäftigt werden. Dadurch würde dem Massenzuzug. nach der Großstadt gesteuert, bliebe eine Anzahl junger Mädchen wenigstens eine Zeitlang in gesünderem und ihren Verhältnissen angemessenereur Mllieu. Fände sich so eine Anzahl weiblicher Angestellter an einem wenn auch lleinem Orte zusammen, da müßte es, speziell überall dort, wo Logen sich befinden, das Bestreben der Brüder und ihrer Frauen sein, für die Errichtung gemeinsamer Wohnstätten, für Mädchenheime, zu sorgen, die selbst im einfachsten, bescheidensten Rahmen segensreiche soziale Wirkung zur Folge haben werden. Frankfurt am Main. Frau Camllla B u r st y ». Eine Wohltat für jeden Krieger sind die gesetzlich geschützten Foaswärmer aus Papier. Erfrieren der .Fflsse unmöglich, da Papier mit der schlechteste Wärmeleiter ist und demzufolge die Ffisse stets gleichmBssig warm bleiben. Als Feldpostbrief verpacht, zu haben in Frankfiirt a. », hei H. Oppenheim, Paplerbandlunsr, Börsenplatz I, gegenüber der Bürae, Ecke Schillerstrasse. Telephon Amt Hansa 2005. A«S Aeldbriefe«. Wir hatten uns in der Gegend von Labia» verschanzt, mutzten aber von dort wllder fort, da die Russen mit uns nicht anbandeln wollten, sondern mehr rechts in der Richtung nach Stallnpönen vordrangen. Auf Umwege» mutzten wir darauf hinterher. Es kam Befehl zum Sturmangriff auf das vor uns liegende Dorf und . einen ziemlich hohen Berg. Kein Schuß sollte dabei abgegeben werden. Ms wir an das Dorf herankamen, jagten die Russen bereits in wilder Flucht davon. Nu» konnten wir nicht mehr all uns hätten: Marsch, marsch, hinterher und gefeuert. Mehrere Russen blieben liegen. Der Rest war im Nu verschwunden. Dorf und Berg war unsere Wir waren von unserer Kompagnie 10 Mann und von der fünften ebensoviel. Die Fühlung mit den anderen Kompagnien hatte» wir verloren; das konnte gefährlich werden. Also. schnell,, eine Pattouille zurück zum Bataillonsführer, um Lest Erfolg unserer" Mannschaft zu melden, Freiwillige '. Ein Reservist, ein Megsstei-

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