Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1914-11-27 · Heft 46 (27.11.1914) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
12 (1914)
Issue
Heft 46 (27.11.1914)
Date
1914-11-27
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2692297-2692872-2692918--08754-2703924
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 2. brecherischen Bundes der Ententemächte unseren Glauben an die europäische Kultur erschüttern mutz, so genügt doch ein Blick auf unser Vaterland, um ihn wieder neu zu verwurzeln. Mägen die wahrhaften Ziele, um die Deutschlands Gegner den Kampf verursacht haben, niedere sein, wieviel Heroismus und Aufopferungsfähigkeit wird doch in diesen Kämpfen an den Tag gelegt! Völker, die noch solche Kämpfe austragen können, bergen unermeßliche Schätze ethischer Energien in sich. Wer nur daran denkt, warunr und worum jetzt gekämpft wird, — von uns um die Verteidigung unserer Existenz, von unseren Gegnern um das ruchlose Ziel der Vernichtung eines ganzen blühenden, einpvrstrebenden Volkes — mag gar leicht ein Gefühl der Verachtung für alle europäische Gesittung in sich aufftcigen fühlen; wer aber liest und hört, wie gekämpft wird, dem wird die Verachtung in Bewunderung umschlügen, und stärker als beides wird er ein großes Mitleid in seiner Seele empfinden. Wie glücklich könnten die Völler Europas leben, wie genügend reich! ist doch die Erde für alle Nationen,. wie herrlich könnte das Leben sein, wenn die Mächte des Neides und Hasses, der Habsucht und Gewinngier durch die Kräfte des Friedens und der Eintracht überwunden wären. Noch sind sie es nicht. Aber, wollen wir wirklich daran verzweifeln, daß sie einst überwunden fein werden? Niemand leidet unter diesem moralischen Zusammenbruch Europas stärker ^ls wir Juden. Niemano aber vermag leichter dieser Leiden Herr zu werden wie wir. Sind wir auch die eingefleischten Ethiker, so find wir doch auch die unverbesserlichen Optimisten. Und darum : wenn auch manche jetzt verzweifeln möchten an Kultur und Gesittung, wir wollen Unseren Glauben uns bewahren. Wie sagten Sie mir doch' einst, meine Freundin, als wir uns vergeblich abmühten, einen Freund über einen Unglücksfall zu trösten: „Lass' ihn" — riefen Sie mir zu — „er ist nicht reich genug, ein Unglück überwänden zu können!" Ich rufe Ihnen heute Ihr Wort zu. Wir sind doch reich genug, das Leid dieser Zeit zu überwinden. Die Welt unserer Hoffnungen und Ideale gibt uns genügend Kraft, unserer Schmerzen Herr zu werden. Folgen wir poch dem Vorbilde unserer Propheten: . als das Leid und der Jammer ihrer Zeit unerträgliche ward, schufen sie die Idealwelt der messianischen Zukunft, in der sie Trost und Kraft fanden, ihre Gegenwart zu ertragen. Die Welt, wie sie jetzt ist, ist unerträglich!; die Welt der Zukunft, wie wir sie schauen, gibt uns die Stärke, heil und ungebrochen aus dieser furchtbaren Zeit hervorzugehen. Und darum können wir warten. Geduld kann nur der Glaubende besitzen. Wer hofft und glaubt, kann Enttäuschungen hinnehmen, ohne zu verzweifeln; er wendet sich eine Weile ab und wartet, bis seine Zeit konunt. Wollten wir, meine Freundin, jetzt der Welt unsere Ideale und unseren Glauben künden, wir würden verlacht, mehr, wir würden gehaßt werden. Für Spötter würde man uns halten, die mit der unglücklichen Menschheit ihren Spott treiben. Darum wollen wir warten, warten bis unsere Zeit kommt. Sind wir doch sicher und überzeugt, daß sie kommen wird, früher, als es die Menge jetzt glauben mag. Diese Ueberzeugung ist unser Panzer gegen alle Wunden, die uns die Gegenwart schlagen will. Warten wir also, meine Freundin, unser Tag kommt bald! di. —n. Jüdischer Metueidsaberglaube. Von Binjamin Segel. (Fortsetzung.) Und in allen Kommentaren zu den Gebetbüchern (so z. B. in „Derech Hachajjim") wird zu dem oben zitierten Stück ganz überftüssigerweise noch bemerkt: „Und der Thenaj, Mit dem wir die Gelübde im voraus lösen, Hilst nur bei einem Gelübde, das einer in bezug auf seine eigene Person geleistet hat, aber bei einem Gelübde zwischen Mensch und Mensch Hilst er nichts." Und in den bekannten Gebetsmnmlungen „Likkute Zebi" und „Schaare Zijön",*) die die Hatharah enthalten, findet sich! dicht daneben in hebräischer Sprache *1 Ich habe vor mir erstere in der Ausgabe von Piotrküw, 1899, letztere in der von Podgürze bei Krakau, 1900. Frankfurter Israelitisches FamÄienVlatt. folgende kurze Erklärung der Zeremonie und ihrer Bedeutung : „Im Namen Gottes und nach dem Gesetz der Thora lösen wir Gelübde und Gelöbnisschwüre, kraft derer einer auf seine Person (al naphscho) freiwillig ein Verbot nimmt; im allgemeinen dürfen wir Gelübde und Schwüre lösen, die einer aus fteien Stücken tut, nur in bezug aus Dinge, die ihn allein angchen, aber Gott behüte uns, zu wähnen, datz wir die Eide und Schwüre lösen können, welche der Regierung gegenüber oder an den Gerichtsstättcn geleistet wurden, oder Eide und Schwüre, die man gelobt oder schwört in Sachen, die zwischen Mensch und Mensch! liegen und das Wohl und das Interesse (thoeleth) eines anderen angehen, von welchem Glauben oder Stamm er immer sei; die Gelübde und Eide und Schwüre, von denen es in der Thora heißt, Gott vergibt denen, die sie übertreten, niemals, müssen in voller bindender Kraft und Geltung bleiben und können nicht alteriert werden, und wer sie verletzt, den wird Gottes Zorn treffen und ihn zur ewigen Schmach und zum ewigen Entsetzen machen." Jüdischer Meineidsaberglaube! . Und verzeichnet -fei noch folgende Kleinigkeit: In der Haggahoth Mäimunijoth (zu Mann. Ned. IV, 3) lesen wir folgendes: „Die Redensart, die man im täglichen Verkehr sowohl mit Juden als mit Nichtjuden zu gebrauchen pflegt: „Bei meiner Emungh, **) ich werde das und das tun oder lassen", gehört eigentlich! zu der Gattung der sog. „Anspornungsgelübde" (die von keiner Seite ernst genommen werden), aber gleichwohl bedarf sie einer förmlichen gesetzmäßigen Lösung (wenn sie nicht eingehalten werden kann). Indessen bewirkt das Kol Nidre, daß, sie einer Lösung nicht bedarf, aber nur, wenn man beim Gebrauch dieser Redensart an das Kol Nidre nicht gedacht hat, sonst hat man ja die (im Kol Nidre ausgedrückte) Worausbedingung aufgehoben und das Gelübde bekräftigt." Was würden unsere „europäischen" Zeitgenossen dazu sagen, wenn Religion, Sitte oder Gesetz es mit ihren ehrenwörtlichen Versicherungen so furchtbar ernst nehmen wollte? Soll ich noch von den starken.Mahnungen zu unverbrüchlicher Treue und unbedingter Wahrhaftigkeit erzählen, die die moralischen und die geistigen Führer unseres Volkes uns allezeit eingeschärft haben, von den Forderungen 'strengster Rechtlichkeit und lauterster Gesinnung im Umgang mit Gott und mit Menschen, von den feierlichen Warnungen vor Doppelzüngigkeit, Unaufrichtigkeit und Hinterlist, von den Ermunterungen zur Grobheit und zum Bekennermut? Nein, es widerstrebt mir, und ich würde es als eine Entweihung empfinden, in der Polemik vor solchen Herren diese kostbaren Perlen auszustreuen. Sie gehören zu unserem heiligsten geistigen Besitz, und nur in den Stunden der Seele, wenn einer von uns mit sich allein ist, mag er die Bücher aufschlagen, in welche unsere Vorfahren die intimsten ihrer Erlebnisse für ihre Nachkommen aufbewahrt haben, und daraus Kraft schöpfen für den Kampf mit den unheimlichen Mächten des Lebens. Aber vor der Außenwelt damit zu prunken halte ich für unstatthaft. (Schluß folgt.) ffrtef ans Oesterreich. Tie Za bl der 'sher gefallenen jüd. Offiziere wird auf ir: 150 g schätzt. — Tie Nachrichten aus Galizien über die .Lage der dortigen jüdischen Bevölkerung sind! leider recht betrübend. Ueber die Zustände in Lemberg äußerte sich Reichstagsabg. Reizes dem Redakteur der Neuen NationallZtg. gegenüber wie folgt: „Ich bin genau informiert über alles, was in Lemberg bis zum 7. Oktober vor sich gegangen ist. Da ging es den Juden rwch leidlich gut. Bloß einmall fand im Ghetto eine Schießerei statt, als sich eine große Menschenmenge ansrmmelle, um ein Lemberg überfliegendes Luftschiff zu sehen. Die **) Emunah — Glaube, Treue; das Wort bedeutet demnach soviel wie „meiner Treu l" oder „Auf mein Ehren- Skr. 46. Russen befürchteten offenbar, daß es sich, um eine feindliche Kundgebung handeln Lunte. Bei dieser Gelegenheit wurden 14 Juden erschaffen und 50 verwundet. Vor Jomkippur hieß es, daß das Beten in den Synagogen verboten werde. Abg. Breiter, der warme Freund der Juden, begab sich! daher mit dem argentinischen Konsul zum Gouverneur B o - b eins ly. Der Gouverneur verlangte, daß Oberrabbincr B r a u d e bei ihm erscheine. Als der Obcrrabbiner den Statthalterpalast wieder verließ, wartete eine große jüdische Menge und bestürmte ihn mit Fragen. Er jedoch weinte bitterlich und sagte nur: „Fragt mich nicht und seid ruhig!" Am Jomkippur durfte in den Synagogen gebetet werden, aber nur wenige Leute erschienen. Abg. Breiter ist verschwunden, man fürchtet, daß er verschickt worden ist." — Es ist unmöglich, all' die Tapferkeitstaten jüd. Krieger zu verzeichnen. Nur einige Fälle aus den in den letzten Tagen bekannt gewordenen seien hier verzeichnet. Die Fähnriche Julius und Heinr. Török, Zwillingsbrüder, schlugen mit ihren Leuten eine vierzigfach stärkere russische Abteilung zurück und erhielten dafür die große silberne Tapferkeitsmedaille. Der Wiener Bankbeamte.Leopold Kolben ist schon dreimal ausgezeichnet worden: silb. Tapscrkeitsmedaille 1. und 2. Klasse und Beförderung zum Leutnant. Das siguum laudis mit der Krone am Bande des Mititärverdienstkreuzes erwarb sich Leutnant Rudolf Eisler, Ingenieur-Architekt in Prag und die goldene Tapferkeitsmedaille der Ersatzreservist Leopold Grün und der Fähnrich Paul Weinstein. Wie ein Roman hören sich! die Erlebnisse des 15jährigen Gymnasiasten Samuel Hobler, Sohn des Restaurateurs Max Hobler in Czernowitz, an. Er meldete sich! für den Sanitätsdienst und machte sich schnell durch seine Geschicklichkeit beliebt. Er schloß sich den 44ern auf all' ihren Zügen' an, wurde ein hervorragender Schütze unp avancierte zum Zugführer. In der Schlacht bei Kumarno rettete er die Fahne im kritischen Augenblicke, als Oberst Mayerhoffer, auch! ein Jude, fiel. Nach einer Reihe weiterer Gefechte, die er mitmachte und bei denen er einmal fast in Gefangenschaft geriet, nmrde er verwundet und befindet sich, nun wieder in Czernowitz. — Um mit Friedlichem zu schließen: Dr. Alfred Fried, der Träger des Friedens-Nobetpreises von 1911, feierte dieser Tage seinen 50. Geburtstag. Aus alter Welt. Grotzbritauuien. London. „Dewish Chron'cle" schreibt bezüglich beS Antisemitismus im englischen H'oere., daß Juden als Kriegsfreiwillige abgewiesen wurden. Der Rekrutierungsoffizier begründete seine Ablehnung mit — Mitleid, denn die jüdischen Soldaten hätten seitens ihrer nichtjüdischen Kameraden sehr zu leiden. Man möge besondere jüdische Freiwilligenschaarcn bilden. R«tzla«d. Das' Newyorter yiddisch-sozialistische Blatt „Vorwärts" veröffentlicht eine Reihe von Briefen aus jüdischen Städten in Rußland, welche von herzzerreißendem Jammer erzählen. Wenn auch die studentische jiibifdjc Jugend sich in eine Begeisternng für Rußland hineingearbeitet hat, so empfindet es der konservativere Jude als dreifaches Unglück, für seinen Bedrücker gegen seine Befreier zu kämpfen. Die Abschiedsszencn, welche sich bei den Militärzügen abspielen, übersteigen jedes Maß. In Sluzk sind zwei jüdische Frmwn, die von ihren Männern Abschied nahmen, vom Herzschläge getötet worden. In vielen Städten herrscht Hungersnot. Vielortens haben die Reservisten alle Laden geplündert. Die Synagogen und Friedhöfen sind Tag und Nacht von Betenden gefüllt. Aus Krcmenetz schreibt man u. A.: „Man stirbt vor ein Stück Brot auf der Gasse. Zn unserem Leiden kamen noch! Flüchtlinge aus Radzuwolow und lagerten neben der Synagoge auf der Gasse. Man hat die ganze Stadt zum Landsturm genommen. Ans Schiridow wird geschrieben: Unser Ort gleicht dem Chorban. Wo ein Bäcker Brod bäckt, wird es ihm geraubt, öffnet man einen Laden, dringt das Volk ein und -plündert, die Geschäfte sind daher geschlossen. Petroleum kostet 15 Kopeken, ein viertel Kartoffel 65 Kopeken." Der Krieg ««d die deutsche« Jude«. Frankfurt a. M. Der 17 jährige Kriegsfreiwillige Josef Kahn, Sohn von Albert K., Mauerweg 6, erhielt das Eiserne Krenz. Frankfurt a. M. Rechtsanwalt A. Horovitz, Offiziersstellvertreter, Gustav Rosenthal, Sohn von Bernhard R., Cronbergerstraße 411/ Sälly Mayer

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.