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Neue jüdische Presse · 1914-11-27 · Heft 46 (27.11.1914) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
12 (1914)
Issue
Heft 46 (27.11.1914)
Date
1914-11-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Redaktion und Expedition: Frankfurt a. M. :: Lsngestr. 7, Fernsprecher Amt Hansa 2903. Herausgeber: KakU cheis. 18. Jahrgang. Freitag, den S. Kislew 5675 (27. November 1914) Nr. 46 Erscheint wöchentlich am Freitag. Brnignpreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei inS Haus. Bei der Post abonniert 90 Pfg-, frei ins tius 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch treifband für Deutschland und Oesterreich»Ungarn Mk. 1.50, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— Einzel - Nummern kosten W Pfg. Insertionspreis für die fünsgespaltene Petitzeüe 25 Pfg., für die Reklamezcile Mk. I.—. Bei Mederholungen entsprechender Rabatt. Etellen-Angebote und -Gesuche, WohnungSinferate, Heirats» Annoncen 15 Pfg. die fechSgespaltene Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz» und Datum-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Exped. und in a.Annoncen-Bureaus. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Rr. 4884. Briese über de» Krieg. i. Meine Freundin! Ich war bestürzt, erschrocken, als ich Ihren Kries gelesen. Er' klang nnr wie der gellende Berzweiflungsjchrei eines zu Tode getroffenen Menschen,- oder nein, nicht gellend, nicht laut, vielmehr wie das leise Weinen einer in ihrem Innersten verletzten keuschen Seele. Beim Spiele großer Violinkünstler habe ichmanchmal ein ähnliches vernommen: eine zarte Saite ihres Jnfirunientes schien da zu zerspringen, und noch ein letztes Mal ließ sie all' ihre Innigkeit, all' ihre Klage in einem leisen, zarten Wimmern austönen, das aber Herz und Seele mir durchdrang. Also erklang mir Ihr Brief; und er läßt mich nicht ruhen, bis ich Ihnen geantwortet, bis ich sie getröstet habe. Getröstet . . .wie hohl' das Wort in diesen Tagen klingt. Was bedeutet Trost angesichts der übermenschlichen Leiden und Schmerzen dieser Zeiten? Ein jämmerlicher Versuch, mit menschlichen kleinlichen Mitteln der unsagbaren Gewalt und tziröße der Schicksale, die wir erleben, Herr zu werden. Und dennoch, meine Freundin! Freundeswort und Liebesschwur tut uns auch in diesen Zeiten wohl. Denn wenn es noch eine Möglichkeit gibt, vor der fürchterlichen Größe des Zeitenschicksals das Gleichgewicht zu bewahren und sich nicht widerstandslos durch' seinen dröhnenden Schritt zermalmen z,u lassen, so ist sie nur in der Gemeinsamkeit der Gleichgesinnten, in der Eintracht der Genossen gegeben. Der Einzelne allein ist heute hilflos wie ein Kind, ein Strohhalm, den jeder Sturmwind knickt, ein Wrack, das ziellos auf den Wellen treibt. Der Misanthrop muß sozial werden in solchen Zeiten, der Einsiedler wieder in die Gesellschaft der Menschen zurückkehren; nur so darf cr hoffen, dem gigantischen Schicksal die Stirne bieten zu können. Und noch ein anderes gibt mir den Mut, Sie in Ihrem Schmerz trösten zu wollen. Was Sie im Innersten Ihrer zarten Seele verwundet hat, ist ja kein individuelles Leid, sondern jenes, ■ öit dein wir alle leiden. Wäre Ihr Schmerz durch den Heldentod eines Sohnes oder Gatten verur-- 5U sacht, nichts wäre vermessener und törichter, als m Sie mit banalen Worten des Trostes zu kränken. _ Dem individuellen Schmerze jedes Einzelnen gegen- - über ist nur eine Pose gestattet: jene des Schwei-- ■ gens, bestenfalls des stummen Händedrucks. Aber Ihr Leid fließt aus allgemeineren Quellen; Sie klagen nicht um den Sohn oder Gatten, nicht um den Freund oder Geliebten, Sie klagen um Europa, um die Menschheit, um die Kultur. Ihr Schmerz ist mein Schmerz, der Schlag, der Sie verwundet hat, traf mich nicht minder hart; so habe ich das Recht, mit Ihnen gemeinsam zu klagen und zu versuchen, Trost in Ihre Seele zu träufeln. Sie klagen um Europa! Um ° den Abgrund von .Lüge und Medertracht, der sich in diesen wenigen Monaten vor ugs aufgetan, um die Welt zj, von Barbarei und Unkultur, in der wir uns plötzal lich lebend finden, um die unermeßliche Enttäuschung in unseren heiligsten Idealen, die uns beschieden ward. Wie stolz waren wir doch auf uns, i auf die europäische Kultur. Wie sicher fühlten wir uns doch in unserem Panzer von ethischen und künstlerischen Werten, den wir.uns in jahrt( hundertelanger mühevoller Arbeit geschmiedet zu haben glaubten; wie felsenfest empfanden wir das Fundament von Kultur und Sittlichkeit, auf dem wir zu stehen wähnten. Und nun? lieber Nacht ist altes dahingefegt worden wie ein Häuflein Sand; der Panzer hat sich als fadenscheinige, zu Maskeradenzwecken zusammengeflickte Schleierhüllc erwiesen; das Fundament erkannten wir als einen trügerischen Sumpf, und kaum, kaum halten wir uns noch aufrecht, erwehren wir uns der Gefahr, in diesem Sumpf von Schmutz und Unrat nnterzügehen. Ja, meine Freundin, ich bkättre eifrig in der Geschichte, suche nach ähnlichen Fällen und Analogien, ich finde keine: einen solchen moralischen Zusammenbruch aller Kulturtoerte finde ich nirgends. Gewiß, Anfftieg und Niedergang, Kulturhöhe und Degeneration, Glanz und Verfall, das große Gesetz, das alles Leben beherrscht, gilt auch in der Entwicklung der ethischen Kultur. Aus David und Salomo folgt Jerobeam, auf Sokrates die Epikuräer, auf Cato Lucuklus, auf den Nazarener der Papismus, aber all' diese Niedergangsentwicklnngcn waren eben Entwicklungen, langsame, stetige Evolutionsprozesse, die zu natürlich sind, um zu überraschen oder zu schmerzen. Aber was wir jetzt erlebt: das ist ein Zusammenstürzen aller Fundamente, das über Nacht eintrat, das ist keine ethische Degeneration, das ist ein moralischer Zusammenbruch. Wenn ich an den Kulturstolz denke, an das schrankenlose Selbstbewußtsein, an die maßlose Ueberzeugung von unserer Selbstherrlichkeit, die unsere Zeit charakterisiert, und daneben das Maß von Lüge, Verleumdung, Neid, Haß, Brutalität und Niedertracht betrachte, das sich in den drei Monaten dieses Krieges bereits angehäuft hat, und mir dann sagen muß, daß dieser ganze Krieg nicht um irgendwelcher höheren Ziele, nicht um einen Schein religiöser Ideale, nationaler Postulate, kultureller Ideen geführt wird, sondern um rein wirtschaftliche, materielle Zwecke, dann möchte es mir heute schon schier unbegreiflich erscheinen, wie wir vor dem Kriege mit jenem Glauben an unsere Kulturhöhe, jenem Stolz und Uebermut.haben prunken können. Daß ein solch' plötzlicher Zusammenbruch unserer heiligsten Ueberzeugungen und Ideale Sie schmerzt, Ihre zartsinnige Seele schier zu Tode verwundet hat, meine Freundin, mag ich wohl verstehen und Mitempfinden. Könnte ich Ihnen doch manchen wahrhaft großen Mann unseres Vaterlandes uennen, der in diesen Wochen grau und weiß' geworden ist vor Schmerz und Jammer ob all der Werte, die vernichtet, ob all der Unkultur, die sich uns enthüllt hat, und manchen feinsinnigen Poeten kenne ich, dessen Herz erstarrt ist vor dem furchtbaren Medusenhaupt von Lüge und Niedertracht, das ihm unter der Maske europäischer Kultur plötzlich entgegenstarrt. ' : dürfen gewiß sein: neben all den Tausenden me am d.en Schlachtfeldern fallen, neben all d-' . Zehnr-e.'gendcn, die der Krieg physisch oder seelisch verwundet und' in ihrer Lebenskraft bricht, wird es nach dem Kriege gar manchen unserer Besten geben, der fortan ein gebrochener Mann bleiben wird, weil er sich von dieser furchtbaren Enttäuschung, von diesem Zusammenbruch aller Ideale und Hofftrungen nicht wieder wird erholen können. Und wer leidet wohl an diesen Leiden setzt stärker und intensiver als wir, als wir Juden? Denn wie degeneriert wir auch, sein mögen, wie assimiliert wir auch sind, trotz alledem. und alledem: wir sind doch noch immer die eingefleischten Ethiker, die unverbesserlichen Optimisten, noch immer eben die Enkel der Propheten. Wenn der Friedcnsgedanke für Jahrzehnte hinaus vernichtet ist, wer leider darunter stärker als wir, deren Ahnen das Friedensideak zum . ersten Mal der Welt verkündet haben? Wenn der Idee der menschlichen Solidarität durch diesen Krieg Wunden geschlagen worden sind, von denen sie sich erst nach langer, langer Zeit wird erholen können, wen kann das tiefer schmerzen als uns, die Herolde der Idee des einen Gottes und der einen Menschheit? Wenn der Haß unter den Nattonen wieder eine .Höhe erreicht hat wie kaum je in der Geschichte, wessen Seele wird dadurch schmerzvoller getroffen als die rmsere, die sich in der Kultur unserer Thora e, - zogen hat, der Thora, die das „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" zum obersten Postulat aller Ethik erhoben hat? Wenn — doch genug der Aufzählung; sie würde kein Ende nehmen, wollte ich alle Aeußerungen des moralischen Zusammenbruchs Europas nennen, und eine jede von ihnen bedeutet ja nur einen neuen Stich für.,Ihr verwundetes Herz. Ja, wer leidet stärker an diesem moralischen Zusammenbruche als wir Juden? Und während ich das fiage, steigt mir wieder der alte, oft geäußerte Zweifel auf, den völlig ertöten zu dürfen ich so glücklich war: ob jene Ethik, die wir der Welt verkünden, ob jene Lehren, für die unsere Propheten lebten und starben, überhaupt der europäischen Menschheit je in Fleisch und Blut übergegangen sind, ob sie hoffen dürfen, einstmals zur wirklichen eisernen Grundlage der europäischen Gesittung zu werden. Max Nordau hat einmal diesen Gedanken ausgesprochen und viele haben ihn seitdem wiederholt, daß alle altruistische Ethik der Gerechtigkeit und Menschenliebe, die wir mit unserer Bibel nach Europa gebracht haben, der europäischen Menschheit stets mir ein Fremdes, ihr künstlich Ansgepropstes geblieben ist, und alle Inquisitionen und Pogrome nnr die Rache Europas für diese Vergewaltigung, die es durch uns erlitten hat, darstellcn. Er erschien mir stets paradox und durchaus falsch, dieser Gedanke. Undich weiß ja auch von Ihnen, meine Freundin, wie sehr das Bewußtsein Sie beglückte, daß Judäa und Hellas sich versöhnt und verschmolzen haben und das moderne Europa das herrlichste Produkt dieser beiden größten kultursormenden Mächte darstelle. Allein, das Bild, das Europa in diesem Kriege Bietet, ist wohl geeignet, den Nordau'schen Gedanken wieder aufleben zu lassen und uns vor die bittere Frage zu stellen, ob in der Tat unsere zweitausendjährige Mission nicht vergeblich war und unsere Bibel ein Gut bleibt, das nur in unserer eigenen Welt gedeihen kann. . . Mich ergreift ein Schauder, wenn ich mir diesen Gedanken vor Augen halte, und ich bin nur bewußt, Ihren Schmerz gesteigert zu haben, indem ich ihn Ihnen mitteile: und ich wollte Sie loch trösten. Und so beeile ich mich denn. Ihnen zu gestehen, daß ich ihn auch jetzt noch verwerfe und den Glauben an die Möglichkeit einer wahrhaften Durchdringung europäischer Kultur mit dem Gedanken der jüdischen Ethik noch nicht aufgeben will. Denn neben alt dem Furchtbaren und-Häßlichen, das Europa jetzt in diesem Kriege zeigt, offenbart er doch auch so viele Anzeichen voii Größe und Schönheit, die diesen Glauben rechtferligen. Gewiß, der Krieg ist aus unedlen, ethisch verwerflichen Ursachen entstanden. Aber wieviel Größe und ethische Gesittung enthüll: sich doch in diesem Kriege. Wenn die Erscheinung des ver-

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