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Neue jüdische Presse · 1914-11-20 · Heft 45 (20.11.1914) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
12 (1914)
Issue
Heft 45 (20.11.1914)
Date
1914-11-20
Page
Seite 3 (sequence 4)
Language
German
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«r. 45. Frankfurter Krarlitischös WmllienLlatt. Seite 3. des von Ihnen angenommenen Standpunktes beweisen. Sie haben die Juden von Amerika, wie auch von allen neutralen Ländern aufgefordert, ihre Sympathie für Rußland zu bekunden, - weil Sie von Sir- Edward Grey eine .Versicherung bekommen haben, baß er am Ende dieses Krieges, im Falle eines Sieges des Drei- Verbandes, seinen Einfluß dahin geltend machen werde, die Befreiung der Juden in Rußland zu erzielen. Nie-- mals habe ich von einem solchen eigenartigen Aufruf seitens eines Juden gehört, und noch dazu seitens eines Mannes, der den Ruhm -eines Führers im Judentum genossen hat. Der Aufruf ist ebenso außerordentlich als der Grund, worauf er basiert ist. Wenn Sie von der Geschichte der Juden in Ruß' land durchaus nichts gewußt hätten, von ihrer Verfolgung und Demütigung und von den zahllosen Gefahren, denen sie ausgesetzt sind seitens aller in jenem Land, die nur mit ein wenig Autorität bekleidet sind, könnte man vielleicht Ihren Wunsch als Engländer verstehen, die Sache des Verbündeten Englands zu vertreten. Aber Sie, der wie wenige Juden der Gegenwart mit all der Schale, dem Elend und der Grausamkeit der Mißhandlung unserer Volksgenossen in Rußland bekannt sind; Sie, der von den Lippen so vieler jüdischer Flüchtlinge gehört hat, wie ihre Häuser geplündert worden sind, ihre Synagogen entweiht und ihre Frauen und Töchter von den Schergen des Zaren geschändet worden sind; Sie, der in ergreifenden Reden die staatliche Organisation der Pogrome aufgedeckt hat, denen Tausende von unseren Brüdern und Schwestern zum Opfer gefallen sind, — daß Sie jetzt die Sache der Regierung plaidieren, die unserem Volke solche beispiellose Grausamkeit und Schrecken zugefügt hat, ist ein Rätsel, von dem ich ganz verwirrt bin. Sie wissen, daß die Schraube der Verfolgung seit der Thronbesteigung Nicolaus des Zweiten immer straffer angezogen worden ist. Sie wissen, daß der Ansiedlungsrayon, worin die Juden eingesperrt, ausgebeutet und unterdrückt sind, mit dem periodischen Ausbruch von Gemetzeln nur mit den Qualen der Hölle verglichen werden kann. Sie wissen auch, daß der Zar die Führer des „Verbandes der echten Russen" unterstützt und befördert hat, die die meisten Gemetzel in den letzten zehn Jahren organisiert haben: rund doch sind Sie all diesen Tatsachen gegenüber so blind, daß Sie jüdische Sympathien für den verantwortlichen Urheber all dieses Elends verlangen. Sie möchten die Hand küssen, die uns schlägt. Sie haben selbst seit - neun Jahren mutig aber vergebens versucht, eine neue Heimat in irgend einem fernen Lande für die hunderttausend Juden zu finden, die jedes Jahr gezwungen sind, den Staub Rußlands abzuschüttcln, und Sie haben dadurch bekundet, Sie verzweifelten daran, daß irgend eine Besserung binnen meßbarer Zeit durch eine Aktion der russischen Regierung vollbracht werden könnte. Was ist seitdem geschehen, daß Sie anderer Meinung geworden sind? Ist es die Zusicherung, die Sie von Sir Edward Grey erhalten haben, daß tzr am Ende des Krieges seinen Einfluß ausüben wird, um die Befreiung der russischen Juden zu erzielen? Seit wann hat Sir Edward Grey solch ein freundliches Interesse für die russischen Juden gezeigt, und seit wann ist er in der Lage, eine Zusicherung zu geben, die Sie schon als gleichwertig mit einer Zusicherung der russischen Regierung selbst betrachten? Sie wissen ganz wohl, daß trotz der wiederholten Vorstellungen, die die amtlichen Spitzen der englischen Juden dem britischen Auswärtigen Amt gemacht haben, die britische Regierung möchte auf die russische Regierung einwirken, daß jeder englische Jude Rußland mit einem einfachen Paß besuchen dürfte, Sir Edward Grey ständig behauptet hat, daß dies eine innere Frage der russischen Politik ist, worin er sich nicht einmischen könne. So mächtig ist der Despotismus der russischen Bureaukratie, daß selbst die jüdischen Mitglieder des britischen Kabinetts die heilige Scholle ihres moskowitischen lBerbündeten nicht betreten dürfen. Sie haben selbst einmal öffentlich! erklärt, daß, wenn jene jüdischen Mitglieder irgend einen Sinn der Selbstachtung hätten, sie von dem Ministerium Herrn A s q u i t h s zurücktreten sollen. Und .nun soll Sir Edward Grey, der. keinen Finger für die Inden Englands oder für seine eigenen Kollegen rühren wollte, plötzlich zum Erlöser der russischen Juden werden und das Joch, unter dein sie Jahrhunderte gestöhnt haben, von ihnen nehmen. Ich! weiß nicht, worüber ich mich mehr wundern soll — über Ihre Leichtgläubigekit oder Ihren Optimismus. Auch wenn Sir Edward Grey Ihnen die Versicherung gegeben hat, er würde die Interessen der russischen Juden vertreten, was für eine Garantie haben Sie, daß er dies wirklich tun wird? Sir Edward Grey hat im Unterhaus seit zwei Jahren wiederholt erklärt, es gebe mit Frankreich kein geheimes Abkommen, das Englands Aktionsfreiheit, für den Fall, daß Frankreichs in einen Krieg hineingezogen werde, beeinträchtigen werde. Welch sonderbarer Kommentar Lu dieser Erklärung ist jetzt durch die Geheimdokumente geliefert worden, die seit dem Ausbruch des Krieges veröffentlicht worden sind! Und doch hat der Mann, der das britische Parlament hintergangen hat, indem er die Existenz bindender Dokumente verleugnete. Sie durch feine bloße mündliche Zusicherung in einen Zustand blinden Vertrauens versetzt! Angenommen, Sir Edward Grey meint diesmal wirklich, was er sagt; was für eine Garantie haben Sic, daß er seine Verpflichtung loerde ausführen können, wenn er tatsächlich sein Wort als eine Verpflichtung betrachtet? Sind Sie ganz sicher, daß er an der Friedenskonferenz teilnehmen wird, die nachher die Karte Europas umbilden wird? Es ist schon früher vorgekommen, daß Minister noch vor dem Schluß des Krieges gefallen sind, fitr den sie verantlvotlich waren. Aber angenommen, Sir Edward Grey werde an der Friedenskonferenz teilnehmeu und wie ein zweiter Beaconssield für die Ausdehnung bürgerlicher und religiöser Rechte auf die Juden in, Rußland plaidieren; was wird Rußland antworten? Gibt es überhaupt einen Zweifel? Haben Sie schon den Beilis-Prozeß vergessen, worin die russische Regierung nicht einen einzelnen sondern das jüdische Volk selbst des Ritualmordes beschuldigt hat und daß, obgleich der unschuldige Beilis freigesprochen wurde, die Anklage gegen das jüdische Volk von dem Gericht aufrecht gehalten wurde? Und glauben Sie, daß eine Regierung, die ein solches Verbrechen gegen die Zivilisation verüben kann, im Stande ist, Gerechtigkeit zu üben? Meinen Sie, daß ein Staat, der ein Dutzend hilflose Nationen geknechtet und unterdrückt hat, die Gesetze der Menschlichkeit lernen und anwenden wird? Was würde die Horde der Polizeibeamten sagen, die jährlich 50 Millionen Mark von den Juden für deren „Schutz" verdienen, wenn sie plötzlich ihren übel erworbenen Verdienst verlieren würden? Aber es ist nicht nötig zu prophezeien, was die Haltung Rußlands sein wird, da sie schon in unverkennbaren Worten angekündigt worden ist. Der russische Botschafter in Washington hat ausdrücklicherklärt, es könne keine Rede davon sein, daß die Judenfrage bei den zukünftigen Friedensverhandlungcu erörtert werde, und daß, für den Fall, daß Rußland siegreich sei, es allein von der Gnade des Zaren abhängen würde, ob das Los der Juden eine Besserung erfahren würde. Haben Sie vergessen, daß der Verkündung einer Verfassung in Rußland ein beispielloser Ausbruch von Pogromen gefolgt ist? Was, denken Sie, wird folgen, wenn der Zar t>ie Befreiung seiner „lieben Juden" ankündigen würde. Aber solch eine Verkündung scheint mir einer sehr entfernten Zukunft anzugehören, da seit dem Ausbruch des Krieges, trotz des Patriotismus und der Tapferkeit der Biertelmillion' Juden in der russischen Armee, trotz der Ströme Bluts, die sie vergossen haben, und der Hekatoinben von Leichen, die für das heilige Rußland gefallen .sind, all die Ungerechtigkeiten des russischen Gesetzes noch immer in vollem Maß gegen unsere hilflosen Brüder verübt werden und' die Kosaken des Zaren, ihrer Tradition treu, ihrer tierischen Wollust wieder auf die Töchter Israels gefrönt haben. Nein, Herr Zangwill, Ihr Aufruf fließt aus einer ganz verkehrten Auffassung der jetzigen Lage. Die Gefahr für die europäische Zivilisation liegt nicht in dem deutschen „Militarismus", der nur das Erzeugnis des überhitzten Gehirns englischer Chauvinisten ist, die uie einen Fuß in Deutschland gesetzt haben und nichts von deutscher Kunst und Wissenschaft wissen, sondern in einer Fortsetzung des Despotismus Rußlands, der droht, England zu infiszieren und sein Volk zu barbarisieren. Die zwei grö ßten .Verbrechen, die gegen das jüdische Volk während der letzten zwanzig Jahre verübt wurden, die Dreyfuß-Affaire und der Beilis-Prozeß, stehen auf dem Konto der Verbündeten Englands. Das jüdische Volk würde Verrat gegen sich selbst begehen, wenn es wünschte, daß die überfällige Strafe abgewehrt werden sollte. Die Mühlen Gottes mahlen langsam, aber sie mahlen fein. Ihr ganz aufrichtiger Israel Cohen.*) IfilOLFSECK PjejiopuläKle Cigarre unsortiert 12H sorfierf 15^ G.M.HOL2 j HOFLIEFERANT FRANKFURTaM Die Intelligenz der polnische« Inden. Zeitgemäße Betrachtung von 0r. meä. Ratner, Arzt zu Wiesbaden. Jetzt, wo halb Polen unter deutscher Verwaltung steht, dü-fte es wohl angebracht sein, einige Vorurteile zu zerstreuen, welche über den Charakter der polnischen Juden allgemein herrschen. Zunächst muß die sehr bedeutsame Tatsache hervorgehoben werden, daß unter der polnisch-jüdischen Bevölkerung es überhaupt keine Analphabeten gibt! Nach altjüdischem Brauch (dergl. meine Arbeit über Schulhygiene in der altjüdischen Literatur, Hygienische Rundschau 1912) werden die Knaben und auch die Mädchen, auch in den kleinsten Flecken, in sogen „Cheder" schon mit dem sechsten Lebensjahre im Lesen und Schreiben unterrichtet. Der sogen. .Jargon" ist ein Deutsch, wie ihn die Deutschen im Mittelaller sprachen Es finden sich auch Ausdrücke darin (wie z. B. das Wort Facele für Taschentuch — Fatzolin des 15. Jahrhunderts), welche uns bei Hans Sachs oder gar Walter von der Vogelweide nicht selten begegnen. Nur einige *) Verfasser eines großangelegten Werkes über die Juden der Gegenwart, das .unter dem Titel „Iewish Life in Modern Times" kiirzlich in London und Newyork erschienen ist. Die Redakt. slavische und hebräische Brocken sind dann dem Deutschen beigemengt. Durch den ewigen Druck und die Schikanen, welchen sie ausgesetzt sind, wurden die poinischen Juden zu besonderer Verschmitztheit und Schlauheit gezwungen. Ebenso dadurch, daß sie fast alle auf den Handel angewiesen und von jeglichem Amt ausgeschwyen sind. Manche Unarten, welche besonders von den „Westlern" an den polnischen Juden gerügt werden, sind N'cht in ihrem Charakter begründet, sondern ein Produkt des „Milieus". Im allgemeinen aber sind sie „bildungshungrig", für jede ihnen erwiesene Wohltat äußerst dankbar — und treu. Große Talente hat die polnische Judenheit hervorgebracht, Dichter, Schriftsteller und namhafte Gelehrte sind aus dem „Ghetto" in großer Zahl hervorgcgangen. Wie mancher westeuropäische Jude, welcher es zu großem Ansehen gebracht und nun über die „Polacken" geringschätzig lächelt, vergißt, daß er selber seinen Ursprung aus Polen herleitet. Namen wie Moszkowski, Kalischer, Kuthner, Dombrower, Pinczower sprechen genug dafür. Dadurch aber, daß die Juden in.Polen fast gänzlich von den Hochschulen ausgeschloffen sind, grht so manches hervorragende Talent zu Grunde. In manchem dieser langröckigen, mit Schmachtlöckchen geschmückten, Mayen Jünglinge, wie sie uns so häufig in Polen begegnen, steckt vielleicht ein Ehrlich, ein Wassermann oder gar ein Mendelssohn. Aber statt zu forschen, muß er, durch die mißliche wirtichastliche Verhältnisse gezwungen, Heringe verkaufen und Bücklinge vor dem „Pan Schlachziz" machen. Die neuyebräische Literatur, welche Talente wie Bialik, Asch u. s. w. gezeitigt, zeugt zur Genüge, welche unerschöpfliche Geisteskräfte in diesen „Parias" noch Hoffen wir, daß die deutsche Kultur, welche jetzt ganz Europa im Triumphe besiegt, auch diesen entrechteten Menschen endlich Freiheit und geordnete Verhältnisse bringen wird. Als Preis dafür wird so manches schlummernde Talent der ganzen Menschheit die köstlichsten Früchte zu Dank darbringen. „Du sollst niemanden verachten — und nichts für unmöglich halten", lehren unsere Weisen in Pirke-Abülh. Bndapester Brief. In Anerkennung der hervorragenden Verdienste der Erzherzogin A u g u st a um die bedürftigen Juden Budapests beschloß der Gemeindevorstand, ihr bei der Uebergabe des dem Augustasonds gewidmeten Klei Kodesch — dessen Erlös den Hinterbliebenen, der im Kriege gefallenen Soldaten zugute kommen soll — einen kunstvoll gearbeiteten antiken Becher, ein Meisterwerk der Goldschmiedekunst, zu überreichen. Am 5. d. M. empfing die Königl. Hoheit in ihren Privaträumen, nicht im zeremoniellen Empfangssalon (da sie dort den Segen des Sprechers vernehmen wollte), die vom Rabbiner Dr. Elias Adler geführte Abordnung. „Der historische Erbe" — sagte er — des'Duldens und der Wohltätigkeit, das Judentum, überbringt seine Huldigung dem Genius der Liebe und .Milde. Königl. Hoheit haben den Becher des Trostes und der Hilfe gereicht und beispielgebend das ungarische Judentum zu großen Taten begeistert. Während unsere Löhne auf dem Schlachtfelde ringen, opfern die Zuhausgebliebenen mit Anspannung aller Kräfte auf dem Altar des Bater- Eine alte Legende erzählt von einem himmlischen Becher, in den wie Perlen die geweinten Tränen rollen, dieser Becher hier erzählt von den Tränen, die die Sonne Ihrer Milde getrocknet hat. Mt dem Becher begrüßen wir feierlich unsere Feste, mit diesem begegnen wir Ew. Königl. Hoheit festlicher Gestalt. Wo Sie erscheinen, da weicht der Nebel der düstern Trauer, und festlicher Frohsinn schwebt kn die Hütte. Es ist uns ein Feiertag, daß ein bescheidener Diener unseres Glaubens die huldigenden Grüße und den Segen Israels der Fee des Königlichen Hauses entbieten darf. Möge der Segen Gottes Ihr Herz und Heim umschweben. Möge jede getrocknete Träne ein Stern werden und am Gnadenhimmel den Namen Euer Königl. Hoheit in die Welt strahlen. Jedes Gebet werde ein Engel, der Sie und jedes Glied des hohen Hauses umschwebt, beschützend, beschirmend zum Segen und zum Heile der leidenden Menschheit." Mit dem hebräischen Priestersegen beendete Dr. Adler die von der Erzherzogin mit Tränen in den Angen angehörte Rede. „Ich bin glücklich, von Herzen glücklich", — erwiderte sie — „daß Sie gekommen sind, daß Sie inich ausgezeichnet haben." Sie ließ sich dann die Herren vorstellen, bewunderte das herrliche Geschenk 'und sagte zum Schluß: „Ich kenne die hauptstädtische Judenheit und ihre humanen Institutionen. Diese sind herrlich. Schade, daß sie nicht jeder kennt. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß Ihre Aerzte die ausgezeichnetesten sind, sie stellen überall ihren Mann." A. H. General-Versammlung der A. I K. O. Die General-Versammlung der „Allgem. Jüd. Kolonisations-Organisation" fand am 1. November zu Berlin statt. Den Vorsitz führte Kommerzienrat G e r s o n Simon- Berlin. Den Bericht erstattete der Vorsitzende des Geschästsführenden Ausschusses, Dr. Alfred N o s s i g. Er führte folgendes aus: Die A. I. K.-O. fördert die Ko lo n isat io n d er Juden im Orient teils durch Organisierung von Boden-Erwerbs-Genossenschaften und Vermittlung von Terrainkäufen, teils durch Gewährung von Agrarkredit. Die mit Hilfe des Finanzinstitutes der A. I. K.-O. „The Orient Colonising Co., Ltd." gegründete Kolonie „Kiriath Mosche" zwischen Jaffa und Jerusalem entwickelte sich im Berichtsjahre 1913/14 in er-

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