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Neue jüdische Presse · 1914-11-13 · Heft 44 (13.11.1914) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
12 (1914)
Issue
Heft 44 (13.11.1914)
Date
1914-11-13
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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«eite 4. Rr- 44. Die Verjagte«. Eine Erzählung aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts. Bon C. Berg. Frau Helsia machte eine lebhafte Bewegung des Unmuts. „Verschone mich! Ich lehre nichts — ich lerne nichts — ich habe nichts gelernt. . ." „Als immer schön auszusehen, was gleichfalls auf ein recht interessantes Können schließen läßt." Ein Lob ihrer Schönheit brachte Frau Helsia Liedertrost stets ihre gute Laune wieder. „Mein Schwager Benno wird mit Vergnügen Dein Sprachmeister sein," sprach sie freundlich. „Ueberhaupt empfehle ich Dir die Gesellschaft dieses jungen Mannes: er ist sehr anregend und gut; ich verstehe gar nicht, wie man immer so gut sein mag, — nur viel zu ernst für seine zwanzig Jahre. Höre, Claudia, verdrehe ihm doch ein wenig den Kopf! . ." Wie ein Sturm, der über den klare» Wasserspiegel eines Sees fährt und die hellen Fluten in schwärzlichgrauen Gischt verwandelt, so zeigten sich Claudias lachende Züge plötzlich bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. Räich, heiser stieß sie hervor: „Schweig! Du weißt sehr wohl, daß ich dergleichen nie wieder vollführen werde." Es wurde still in dem kleinen Coupe. Man hörte nichts als das Rollen der Räder und das Sausen, des Regens, der taktmäßig an die Scheiben schlug. Schweigen — peinlichen Erinnerungen nachhängen, das ging Frau Helsia gegen dis Natur. Eine Weile betrachtete sie erwartungsvoll das weiche Profil der Freundin, dann, da das junge Mädchen noch immer sich einer schmerzlichen Betrachtung hinzugeben schien, stampfte sie ungeduldig den Boden und rief es zur Wirllichkeit zurück: „Claudia!" „Was?" „Wie lange ist cs her?" ' „Mein Gott ein halb Jahrzehnt." „Und Du hast ihn niemals wiedergesehen?" „Niemals wieder." Die junge Fxan erhob sich, kreuzte die Arme über die fBrust und blickte ihr Gegenüber blitzend an. „Claudia, liebst Du mich?" „Du kannst mich noch fragen?," erwiderte jene bewegt. Ihr Antlitz war leicht gerötet, und in ihrer Stimme klang es wie verhaltenes Weinen. „Du kannst noch fragen? Wen habe ich noch außer Dir? Ich besitze keine Eltern, keine Geschwister, keine Familie, keinen Freund. Ich habe keine Heimat, kein Vermögen, nichts habe ich, als meine Kunst und Dich. Wen soll ich lieben, wenn ich Dich nicht liebe?" „Und ihn, dessen Namen Du mir nicht nennen willst," sagte Helsia scharf. „Und ihn, dessen Namen ich Dir nicht nennen werde. Was liegt daran, ob man den Namen einer Krankheit kennt, wenn das Uebel doch nimmer zu heilen ist?" „Edrerlei, keine Philosophien, bitte," rief Helsia zornig. „Den Namen allein, ich habe ein Recht, ihn von Dir zu fordern." „So habe denn Deinen Willen! Jemllian Alexandru ist ja doch ein Landsmann von Dir." „Wer — wer?," fragte Helsia. Die Miene neugieriger Spannung ihres Gesichtes hatte sich blitzschnell in den Ausdruck unangenehmster Ueberraschung verwandelt. „Ich bitte Dich, liebe, goldene Claudia, sage, daß es rächt dieser ist, dieser nicht sein kann!" „Du wolltest die Wahrheit durchaus," sprach Claudia gedrückt. ' „Aber wie ist es möglich?," rief die junge Frau erregt. „Du, ei» so sanftes, edles Geschöpf, und. dieser schändliche Jemllian!" „Helsia!" „Oh, sieh mich immerhin so bitterböse an! Armes Kind! Weißt Du, wer er ist. Dein Abgott? Aus welchem jämmerlichen Nest Dein Vogel Phönix stammt? Komm' lasse Dir erzählen!" Sie setzte sich neben die Freundin, schlang die Arme um- Claudias Schulter und faßte zärtlich ihre Hand. „Siehe, ich muß Dir weh tun jetzt, sehr weh, aber ich freue mich doch wieder, daß ich Dich warnen und Dir zeigen kann, wie wenig dieser herzlose, geldstolze Jemllian, der nicht einmal von guter Herkunft ist, die Liebe meiner herrlichen Claudia verdient. - . Die Famllie meines Mannes kennt diese Alexandrus recht gut, das heißt, nicht für gutes, sondern für schlechtes, betrügerisches Volk. . . Fahre rächt auf, Liebe, sondern höre uüch ruhig an! Mein Gatte ist ein Jugendgefährte dieses Jemllian, und Salmon weiß sich der Zell noch recht wohl zu erinnern, da jener auf gut deutsch noch' Emil hieß und sein Vater Schaje Alexander simpler Buchhalter bei meinem Schwiegervater war. Nach Jahr und Tag machte der ehemalige Buchhalter sich selbständig, und da er im siebenten Grade verwandt oder wellläufig verschwägert mll uns war, streckte ihm der gutmüttge und stets hllfsbereüe Patriarch eine größere Summe zum Etablissement vor. Er verstand sein Geschäft, dieser Herr Schaje, und alles war auf dem besten Wege. Eines Tages brannte unsere Fabrik nieder, radikal, nichts" blieb als die Mauern. Es kommt dies bei uns öfter vor, daß Fabriken brennen. Doch wir waren versichert, und das Unglück ließ sich erttagen." „Zufällig lagen die Wechsel des Alexandru in einem der abgebrannten Räume verwahrt und waren natürlich mll zu Asche geworden. Und was geschah? Da mein Schwiegervater seines Geldes bedurfte und seinen Schuldner öfters mahnen, ja um die längst fällige Summe bitten mußte, da schwor der falsche Mann die Schuld rundweg ab." „Das war nicht ehrlich", sagte Claudia. „Niederträchttg wars," sprach Helsia heftig. „Und ich schwöre darauf, kein anderer wie er hat uns die Fabrik gepulvert;*) und Groducza selbst war sein Spießgesell dabei." „Wer ist das?" „Der Polizeikomnässar, der die Oberleitung der Diebstähle bei dem Brande führte. Du lachst? Glieder seiner Famllie tragen noch heute Anzüge, deren Tuch aus jenen Brandrettungen stammt. . . . Aber kehren wll zu Herrn Schaje zurück! Dieser alte Alexander war ein Krämer, wie er filziger, unermüdlicher, aber auch unternehmender nicht gedacht werden kann. Er handelte mll allem, was in seine Hände geriet; mit Tuchen, Südfrüchten, Getreide, Geldern, Lumpen, Helligenbildern. Und als die Regierung ihm, dem Juden, letzteren sehr einträglichen Industriezweig verbot, verhandelte er dieserhalb sogar seinen Glauben und ttat ohne welleres zum Christentum über. Darüber starb sein braves Weib vor Gram und tat ihm damit den größten Gefallen. Denn sie war kaum kalt, so heiratete' er wieder — eine wunderschöne Person von großem Reichtum, aber mll einem Ruf tief unter der Erde — auch eine getaufte Jüdin, von der er später gleichfalls einen Sohn hatte. ... In einer Nacht nun klopft und llingelt es wie rasend an dem Liedertrost'schen Hause. Drunten steht der junge Jemllian, zitternd vor Kälte, und bütet flehenllich, Herr Abraham möchte zu seinem Vater kommen, er liege im Sterben. . . . Der gute Abraham überwand seinen Groll und alle Erinnerung an die vielen Feindseligkeiten und Verluste, die der Undankbare ihm zugefügt, holte sein Gebetbuch, faßte den sich kaum auf den Füßen aufrecht erhaltenden Jemllian an seinen Arm und ging in Nacht und Kälte in seines Feindes Haus. Der alte Hallunke lag wirklich auf den Tod an einem bösen Messerstich, den ihm ein guter Freund seiner Frau, den er in flagranti ertappt, da er ihm aus dem Hause leuchten wollte, als Trinkgeld verabfolgt hatte. Die Frau natürlich war fort, der Todtwunde allein, jammerte und schrie: er wolle als Jude sterben, und beschwor Abraham bei Kind und Kindeskino, er möge Sorge ttagen, daß man ihn bei Juden begrabe; die Hälfte seines Vermögens bringe er der Gemeinde als Maße für seinen Abfalls dar. — Zur Wiedererstattung seiner Schuld an uns hatte ihm leider sein Gewissen nicht geschlagen. — Seinen Sohn aber, den jüngeren, wolle er Gott zur Sühne weihen, und Abraham mußte abermals schwören, den Knaben in sein Haus zu nehmen und ihn als Jsraelllen zu erziehen. Vater Abraham ist ein aufrichtig frommer und guter Mann. Er verzieh dem. Sterbenden, gelobte, seinen letzten Wünschen zu willfahren und betete andachtsvoll die fliehenoe - Seele hinüber. Es war dann später auch nicht seine Schuld, ' daß er dem Toten seinen Eid nicht halten konnte. Die Juden sind ein unbeugsames, charakterhartes Volk. Dem Ueberläufer, der, ihre Gemeinschaft verschmähend, sich im Leben von ihnen trennte, geben sie auch im Tode keinen Pardon. Die Leiber unserer in Gott ruhenden Frommen vertragen die Nähe des unreinen Verräters nicht. Trotz der in die Hunderttausende gehenden Opfergelder, ttotz Liederttosts inständigsten Befürwortens und Flehens, verweigerte es die Gemeinde wie ein Mann, de^ Abttünnigen auf ihrem Gottesacker aufzunehmen." *) Durch Pulverexplosionen ein Gebäude in Brand stecken. (Fortsetzung folgt.) PtLilipp Obi Elektr. Liebt*, Kraft-,hellen- und Telefoh-AnlagPn. Tel. Tannns 488g irenzen. 3avigny»tra88e 51. Aus Feldbriefeu. .... Ich glaube kaum, daß bei uns hier noch viel zu loben ist, wir liegen hier auf einem Berg in den ftanzös. Vogesen zum Grenzschutz, uns gegenüber die Franzosen, jedenfalls zu gleicher Tätigkeit befohlen. Unser Dienst besteht seit über 5 Wochen ausschließlich in Wachen und Patroulllieren. Ich war auch schon auf Patroullle, aber habe nichts besonders Interessantes dabei beobachtet. Das einzige, wasich dabei gesehen habe, ist, daß die arme Grenzbevölkernng von den „Deutschen Barbaren" mit Kvmmisbrot versorgt wird. Wenn die Leute zufällig noch etwas Milch abzugeben hatten, so bekamen sie Gell» dafür, wie sich überhaupt unsere Soldaten musterhaft der französischen Bevölkerung gegenüber benehmen. Dagegen haben uns die Bewohner von Hs.. . ., wo wir s. Zt. eine Nacht einquartiert waren, erzählt, daß sich. die Franzosen, als sie vor der Kriegserllärung über die Grenze kamen und sich, einquartierten, nicht gerade schön benommen hätten. So habe man die ganze männliche Bevölkerung von 17 bis 50 Jahren gezwungen, Schanzarbeiten zu verrichten. Für verlangtes Essen haben sie versprochen zu bezahlen „wenn sie von Berlin zurückkehren." Glücklicherweise wurden sie nach 2mal 24 Stunden durch unsere Truppen verjagt. Zu Beginn des Feldzuges waren die Sttapazen für uns ungleich schwerer als jetzt. Nicht nur dasungewohnte feldmarschmäßige Gepäck und die ziemlich längen Märsche, auch das Essen resp. das / Nichtessen ließ mich die Sttapazen schwerer fühlen. Es dauerte länger als drei Wochen, bis' ich mich dazu überreden konnte, aus der Feldküche zu essen. Speck und Wurst verschenke ich jetzt noch an meine nichtjüd. Kameraden. Ich kriege sie einfach nicht herunter. So lange wir noch in Dörfer waren, konnte man sich noch jüd. Kost verschaffen, .aber seitdem wir in den .Vogesenwälder hangen und nicht einmal ein Ei mehr auftteiben können, gibt's keine Wahl mehr. Man muß essen — aber den Speck? Nein, den krieg ich nicht an den Rand der Lippen. Die .Verpflegung kann nur während der Dunkelheit vor sich gehen, um den: gegenüber liegenden Feind die Stellungen nicht zu verraten, also nur morgens und abends, mittags mutz es das' Kommisbrot tun, und wenn man Spiritus hat und sich mit Hilfe eines Bouillionwürfel etwas Warmes kochen kann, ist der Gipfel der Zufriedenheit erreicht. Ja, matt wird bescheiden hier im Feld! Unsere angestrengteste Zeit war von Ende August bis Mitte September. Während dieser Zeit haben wir uns das Essen und Schlafen abgewöhnt, dafür aber mehr an Märsche und Gefechte gewöhnt. Es 'kam öfters vor, daß wir nur zwei oder drei Stunden Nachtruhe hatten und vor Müdigkeit auf das Nachtessen, das mit der Feldküche gerade in dem Augenblick kam, wenn man sich! zur Ruhe in sein Heu einwickelte, gerne ver- Schon der erste Gefechtstag brachte nach einem Nachttransport per Eisenbahn (das Abendessen fiel natürlich aus) einen Marschtag von 13 Stunden. Wenn man nichts im Brotbeutel gehabt hätte, wäre so mancher zusanlmengebrochen. An solchen Tagen zeigt sich aber der Wert der preuß. Disziplin und die Gewöhnung an Sttapazen schon während der aktiven Dienstzeit. Unsere Nachtruhe dauerte an jenem! Tage von 1—3 Uhr, Nachtessen und Frühstück fielen zum zweiten Mal aus. Der kommende Tag brachte wiederum ein Gefecht und noch' dazu -fat bergigem! Gelände, der Feind in der Höhe. Am Tag zuvor marschierten wtt ca. 13 Stunden, ohne den Feind zu Gesicht zu bekommen. An diesem Tag kam er zu uns, schon nach einer Stunde Marsch Wir waren ca. 3 Kompagnien stark und bekamen plötzlich von der Höhe Feuer. Ohne daß ein Kommando erfolgt wäre, war alles „in Stellung" gegangen und ein Knallen begann, als ob ein ganzes Regiment feuerte. Nach! ungefähr 10 Minuten — zu sehen war nichts vom Feind — wurde eine Gefechts- Patrouille nach der Höhe gesandt. — Ich 'war auch dabei. Es waren im ganzen 1 Unteroffizier und 6 Mann. Ja aber nun die Höhe erklimmen! Oben -er Feind — unsichtbar, jedenfalls in einem Schützengraben oder hinter dem Gebüsche, vielleicht gar in einem der oben auf der Höhe zerstreut' stehenden Häusern. Unser Weg führte von der Landsttaße eine kurze Strecke etwa 100 Meter über eine nasse Mese, dann durchwateten wir einen stark angeschwollenen Gebttgsbach und nun gings auswärts. Jll>er Strauch! und jedes Bäumchen diente als Deckung. .Von dem Hunger und den wunden, müden Füßen wußtt man nichts Mehr. Das Gewehr in Bereitschaft und jeden Augenblick gewärtigt, von oben Feuer zu bekommen. Ich sage Ihnen, es waren Augenblicke, in denen ich meinem Schöpfer dankte, aus innigstem Herzen bankte, daß unsere liebe Mutter alles dies nicht mehr erleben mußte. Für inein Leben hätte ich keinen Pfennig mehr gegeben. Als wir oben auf der Höhe ankamen» vorsichtig an einer Hecke enllang gehend, sahen wir mehrere Häuser vor uns. Der Feind aber hatte wie seither gewöhnlich! Reißaus genommen. Durch die wilde Knallerei getäuscht, zudem wir im Tal waren, der Schall noch erhöht durch das Echo, überschätzte er jedenfalls unsere Zahl. Bei unserem weiteren Vordringen jedoch bekamen wtt wieder Feuer von einer anderen Höhe; gleichzeitig sahen wtt feindliche Abttllungen zurückgehen. — Die Befolgung 'konnten wir leider nicht aufnehmen, well

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