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Neue jüdische Presse · 1914-11-13 · Heft 44 (13.11.1914) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
12 (1914)
Issue
Heft 44 (13.11.1914)
Date
1914-11-13
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Nr. 44. daß alle jüdische Männer von 10 Jahr an sollen die Wohnungen verlassen, wenn aber welcher jüdischer Mann sein Haus nicht verlassen wird, dann wird man die 10 Männer von Gefängnis totschlagen denn sei dafir verlind alle jüdische Männer haben die Wohnungen verlassen, dann hat der Kommandeur besohlen sein Militär, as man soll die jüdischen Männer von die Stadt heraustreiben und das russische Mllitär auf Pferde haben die Juden geschlagen unbarmherzig mit mörderische Kläppen und sei getrieben 10 Kilometer von Stadt bis a Dorf; hat man sei in a Scheune eingesperrt beisammen 249 Mann und das Mllitär hat sei gehttet, as sei sollen kein Speis essen und trinken nicht bekommen, auch zu menschliche Bedürfnisse hat man sei nicht gelaßt, und das Mllitär hat gesagt, daß die Juden wird man verbrennen. Sowie die Aiänner haben die Stadt verlaßt, hat der Kommandeur sein .Befehl herausgegeben, daß die jüdische Vermögen ist frei zu räubern. Das Mllitär hat das jüdische Gut geräubert, auch hat das Mllitär die Mische Frauen und Mädchen geschändet. Dann sinten die Frauen zu Len Teich gelassen, sich zu tränken, in Wasser areinwerfen und sei sinten von Schande gerettet geworden. Auch! ist ein jüdisches Haus abgesondert gewesen von katholische Häuser, hat Las Milllär das Haus verbrennt und nichjt zugelaßt, zu retten. Noch viel solche Mördereien haben sei getan was es ist nicht aufden Papier herauszugeben. Sonntag 2 Uhr Lei Nacht ist das preußische Mllitär ken Biezuu angekummen. Dann hat das russische Mllitär verlaßt und die 9 Juden von Gefängnis von 17. mit sich geuummen; auch Las russische Mllitär von Dorf hot sich, derwußt. Laß das preußische Mllitär kummt an, hoben sei auch! das Dorf verlaßt, und die Juden vun de Scheune sinten dadurch mit den Ewiges Hilfe gerettet geworden und sinten mit viel Freide ken Biezun angekummen. Wer zum Bedauern haben sei von seier Vermögen sehr wenig angetrvfsen, denn Las russische Militär haben alle Juden beraubt. ' Solches hat in viele polnische Städt passirt, was ich habe gehört, nor in Biezun selbst dabei gewesen. Also der Bericht. Selbst in diesen Tagen, da die Not aller sv groß ist, da Tausende fallen und unser Herz allmählich stumpf wird gegen das Uebermaß des Jammers und Elends, das sich vor uns ausbreitet, — selbst jetzt übt dieser Bericht eine erschütternde Wirkung aus. Die ganze Tragik unseres Judenschicksals ruft er uns wieder zurück Selbst in diesen Zeiten allgemeiner Not bleibt unsere besondere Tragik bestehen: Wo die ganze Menschheit sich im Schmerze Ausammenfindet, ist es uns nicht gegeben, unser spezifisches jüdisches Geschick für eine Weibe zu vergessen!; alle leiden. Me dulden, wir aber leiden und dulden doppelt .und dreifach. Neben diesem Schmerze aber wird dieser Bericht noch ein anderes Gefühl in uns wachrufen: Hatz, namenlosen, unsagbaren Hast gegen Rußland. Dieser unauslöschliche Hatz bestimmt unsere Stellungnahme als Juden in diesem Kriege. Als Deutsche, als Europäer mpgen wir wohl in England bcn eigentlichen Feind erblicken; als Inden gilt uns« ganzer Hatz all unsere Feindseligkeit Rußland. Dahin geht unser Flehen ' und unser Hoffen. Es ist der einzige Trvst, der uns beim Lesen dieses Briefes übrig Blfeiiit: daß der Tag ball» kommen wird, da diesem Barbarenreich! die Strafe werden wird für das Uebermatz von Verbrechen. Und Niedertracht, das es auf sich gehäuft, . der Tag auch, da unseren unglücklichen Brüdern, die unter der Knute der Barbaren schmachten, die Stunde der Befreiung und Erlösung winken wird. A«S de» Ereignisse» des Tages. Die Rot der galizischen Juden. Wohl keine Judenheit ist durch die Schrecken des Krieges furchtbarer getroffen worden als die galizische.'Ostgalizien mutze ja .schon zu Beginn des Krieges von den österreichischen Truppen geräumt werden und wurde von den Russen besetzt. Seither ist es noch nicht möglich gewesen, diese wieder zu vertreiben; vielmehr haben sie sich in Lemberg festgesetzt, sogar schon ein Gouvernement Galizien gegründet und eine regelrechte Verwaltung in tfctt Mipierten Gebieten eingerichtet. Gerade diese Gebiete aber sind diejenigen, die in ganz Oesterreich! am dichtesten von den Inden bevölkert sind. Lemberg, Stanislaus, Bwdy, Tarnv- W, man braucht ja die Namen dieser Städte nur zu nennen, um sich .Kl erinnern, datz sie alle Metropolen des osteuropmschien Judentums darstellen, Me, ehrwürdige Sitze ostjüdischer Kultur und Tradition. Es ist ein furchtbares, bellügenswertes Geschick, daß gerade diese Provinzen von Heu Russen b^etzt werden mutzen. Frankfurter Wraelitisches FaMAieMaü. Welches Unglück dies für die zahlreiche jüdische Bevölkerung Galiziens bedeuten mutze, versteht sich von selbst. Die Juden mutzen Mehr als Me anderen Einwohner die Schläge der feindlichen Eroberer erdulden. Den Ruthenen, die in Galizien wohnen, kamen die Russen sehr entgegen, da sie sie für sich gewinnen wollen; auch die Polen wurden glimpflich! behandelt, mit .Rücksicht auf die Polen in Rußland. Aber die Juden! Was sollte die russischen Machthaber veranlassen, die Juden irgendwie zu schonen? Sic konnten und mußten das Objekt für die Plünderungssucht und Zerstörungswut der Truppen bilden. So hat man denn 'schon/von der Veranstattuirg von Pogromen in Brody, zuletzt auch! in Lemberg, gehört, wie auch von zahlreichen Einzelsällen der Brutalität und Barbarei gegen die unglücklichen wehrlosen galizischtzn JUden. Zum Glück ist nun der grötze Teil derselben der Gefährdung ihrer Persost entronnen. Es ist nur begreiflich!, daß jeder Jude, der vvU Ostgalizien flüchten Lunte, gefächen ist, um wenigstens sein nacktes Leben zu retten. Und so Haben sich denn in Krakau, in Böhmen, in Wien Tausende von gezischen Inden angesamMell, die nun mittellos, brotlos dastehen: ein Massenelend der furchtbarsten Art. Für die österreichischen Inden hat sich damit die Pflicht ergeben, dieses Elend nach Möglichkeit zu lindern. Es scheint, daß die Organisierung der Kriegssürsorge in Oesterreich nicht aus derselben Höhe steht wie bee' uns, und an eine staatliche Hilfsaktion für diese galizischen Flüchtlinge war nicht zu denken. So ergab sich für die Judenheit Oesterreichs die doppelt gebieterische Pflicht, ihrerseits diese Hllfsaktion zu unternehmen und ihre galizischen Brüder vor dem schlimmsten Elend zu bewahren. Dies ist nun vielerorts geschehen; doch wie man nach den Beschwerden und Magen der jüdischen Presse Oesterreichs annehmen darf, ist nicht alles so getan worden, was notwendig wäre, und selbst da, wo es am guten Willen nicht gefehlt hat, war doch die Organisierung der Hilfsaktion in vielem unzureichend. Wir wissen wohl, daß diese Aufgabe, Tausenden mittelloser Flüchtlinge zu helfen, sehr schwieriger Natur ist, , viel! Geld und eine grotz organisatorische Kunst erfordert; aber so'schwierig es auch sei, das Werk muß vollbracht werden; und in diesen schweren Zeiten mutz eben die österreichische Judenheit mit vervielfachtem Opfermut und gesteigerter Energie die ihr obliegenden jüdischen Pflichten erfüllen. Es ist glücklicherweise zu hoffen, daß dieses Flüchtlingsproblem nach einiger Zeit beseitigt sein wird. Wenn die Zurückdrängung der Russen aus Galizien erst einmal weiter fortgeschritten sein wird, wird für viele Flüchtlinge dre Möglichkett sich ergeben, wieder in ihre Heimat zurückzukehren. Aber bis dahin müssen die unglücklichen Opfer des Krieges mit dem Notwendigsten .versehen werden, und es wäre traurig und beschämend, wenn nicht von Seiten Mer österreichischen Juden alles getan werden würde, was notwendig ist. Auch nach der Räumung Galiziens durch die Russen wird es noch genugsam Elend und Not geben; denn wie eine Stätte nach! dem Abzug der russischen Horden aussieht, wissen wir aus Ostpreußen zur Genüge. Und die Linderung per Not der galizischen Judenheit wird /eine der .dringendsten Aufgaben .der jüdischen Philanthropie nach dem Kriege bilden. Aber dann wird Mieder das gesamte jüdische Volk an dieser Hilfeleistung sich betelligen können. Für jetzt mutz die Erfüllung der dringendsten Pflicht des Momentes der österreichischen Judenheit Mein überlassen bleiben. Und wir hoffen: sie wird sich diesen großen Pflichten und Aufgaben.gewachsen zeigen, wird die Mängel, die noch vorhanden sind, beseitigen, Fehler, die begangen wurden, wieder gut machen unp ^beweisen, daß sie die Gebote der Zeit vernommen und mit Men Kräften erfüllt hat. Jüdischer Meiueidsaberglanbe. Von Binjamin Segel. (Fortsetzung.) IM Jahre 1902 erzählte mir ein befreundeter Richter in Lemberg, daß die Thorarolle, welche im Gericht aufbewahrt werde, um jüdischen Gerichtstzarteien daraus den Eid. a-Wnehmen, Jeit einiger Zeit merkwürdige Stiche Mnstviesc. Ich besah mir die Stiche und gewann die Ueberzeugung, daß sie nur von einenr.scharfen Instrument, etwa einer dicken Nadel, herrühren Lunten, und empfahl denr Richter, fortab die Schwörenden genau zu beobachten. Einige Monate darauf fand er, daß ein zu vereidigendes Individuum,, während cs die Hand zum Schwur auf die Thora legte, zwischen den Fingern eine Ahl hielt, die geschickt in das Pergament gebohrt werden sollte. Auch dieses Subjekt hielt offenbar den Eid für eine Zauberformel, und als solche war er, nach seiner Ueberzeugung, unwirksam, wenn er nicht rite ausgcführt wurde. Nun wußte er, daß eine Thorarolle, wenn, sie in der Schrift durchlöchert ist, als „posul" (entweiht) gilt und beim Gottesdienst nicht gebraucht werden darf. Er mag wohl selber Zeuge gewesen sein, wie eine Thvrarolle, an der ein Defekt gefunden wurde, vom. Altar mitten in der Vorlesung entfernt würde, um einer anderen Platz zu machen. Daher bildete sich bei ihm die Vorstellung, daß er nur die Thorarolle zu beschädigen brauche, um die Zauberkraft des Eides zu brechen. Das Verletzen der Thorarolle ist aber eine schwere Sünde, etwa wie für den Katholiken das Ausspucken einer Lnsekrierten Hostie; Mein, was von der offiziellen Rcligionslehre für sündhaft angesehen wird, kommt für den abergläubischen Verbrecher nicht in Betracht. Es 'ist klar, datz solcher verbrecherische Aberglaube, gegen den Recht und Gesellschaft sich schützen müssen, nichts mit Religion zu tun hat. Genau dasselbe gilt von jenen Verbrechern, die ein dutzendmal das Vaterunser und das Ave 'Maria beten, bevor sie in eine Kirche einbrechen, oder vom Fett eines Ermordeten ein Lichtlein kneten und es vom Pfarrer weihen lassen, in der Ueberzeugung, daß es sie bei Einbrüchen unsichtbar zu machen die Gabe hat. Jener Jude, der beim Eid in der Tasche eine unzüchtige Gebärde macht oder die Thorarolle mit einer Ahle durchsticht, handelt er etwa im Sinne der' jüdischen Religionsvorschriften, oder .schlägt er ihnen nicht vielmehr ins Gesicht? Haben ihn die Lehren der jüdischen Religion zu seiner Handlungsweise angeregt, oder bildet diese nicht vielmehr den grellsten Hohn auf sie? Wer also die Von Mischen Verbrechern und Meineidigen geübten abergläubischen Praktiken der Mischen Religion .und ihren Einrichtungen zur Last legt, bekundet entweder eine krasse /Unwissenheit oder er tut es wider besseres Wissen, aus reiner Lust am Bösen und an der Verleumdung. Unerfindlich aber ist es, durch welche Jdeenassoziation der jüdische Meineidsabergkaube mit dem „Koknidregebet" in Verbindung gebracht werden konnte. Der gelehrte Verfasser des Antisemiteukatechismns zitiert den offenbar bewutz gefälschten Text des Kol Nidre nach „Schulchan Aruchl § 619". Gemeint ist wohl „Schulchan Aruch I Kap. 619, § 1." Allein dort steht nicht eirmtal der' wahre Text des Kol Nidre, nur die beiden ersten Wörter werden erwähnt. Aber vom ersten Teil des Schulchan Aruch zum zweiten, dem Joreh Deah, ist ja nur ein Schritt, Und hier, im Kapitel 211, das von der Voraus.bedingung zur Annullierung der Wnftigen Gelübde und vom Kol Nidre handelt, in dem vierten, dem Schlußparagraphen, hätte der gelehrte Forscher folgendes lesen Lnnen:.„Das Gesagte (nämlich daß man durch Borausbedingüng Schwüre und Gelübde im voraus annullieren kann) gllt nur von einem Schwur oder Gelübde, welche einer geschworen oder gelobt hat in bezug auf seine eigene Person (leazmö); hat ihn gber ein anderer beschworen oder ihm ein Gelübde abgenommen, so gilt dagegen diese vorausbedingte AnnMierung gar nichts." Und dabei steht eine kleine hebräische Ziffer 9, welche ans die dicht daneben gedruckten Glossen des Beör Haggolah hinweist, ein Blick nach rechts hätte unserem Forscher Mitten in den Quellenangaben folgende kurze Worte gezeigt: „Es ist dabei vollkommen gleich, ob der, welcher ihm bas Gelübde oder den Schwur abgenommen hat, ein Goj war." Es ist zu bemerken, datz diese GLssen seit dem Jahre 1661/62 allen Ausgaben des Schulchan Aruch .beigedruckt werden'; sie waren Überhaupt die ersten, denen diese Ehre zuteil imitbe, nachher erst folgten die anderen, jjte jetzt eine dichte Kecke in dem Text bilden.

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