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Neue jüdische Presse · 1914-11-13 · Heft 44 (13.11.1914) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
12 (1914)
Issue
Heft 44 (13.11.1914)
Date
1914-11-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Biele Balkanvölker beneideten Rumänien wegen seines weisen Herrschers. Er war ein großer Diplomat, vielleicht einer der größten, und sein Tod bedeutet ein politisches Ereignis für die ganze Welt. König Karl ließ ein Rumänien zurück, mit dem Europa rechnen muß, denn ein etwaiges Eingreifen' Rumäniens zugunsten einer der kriegfiihrenden Mächte könnte den ganzen Balkan in Mammen bringen und entscheidend' in diesem Weltkriege sein. Wie alle großen Männer aber wurde er im Leben verkannt. Man schalt ihn einen Deutschen, der für Rumänien nichts fühle und das Land nur auspumpe. Seit Beginn des gegenwärtigen Weltkrieges verstrich kein Tag, an dem man ihn in der Presse nicht heftig angegriffen hätte. Das Volk — und das war nicht die wahre Meinung des Volkes, sondern der von Rußland bestochlenen Presse, — wolle ein Eingreifen zugunsten Rußlands, während der Monarch von einer Aktion gegen Oesterreich-Ungarn und Deutschland nichts wissen wolle. Selbstverständlich war ihm doch noch in Erinnerung, wie er im Zähre 1877 für seine Hilfeleistung bei Plevna von RuUand, das ohne ihn die Schlacht verloren hätte, belohnt wurde. Es wurde ihm dafür die Provinz Bessarabien entrissen. Er wußte, welche Gefahr seinem lieben Lande bei einer Verbrüderung mit dem großen Slavenreiche drohe- und er wußte als Deutscher, daß das deutsche Volk unbesiegbar ist. In einer Kronratssitzung, in der über die Haltung Rumäniens entschieden werden sollte, sagte er dies deutlich: „Ich, König Karl von Rumänien, behaupte, daß die Deutschen siegen werden und siegen müssen." Wie glühend er Rumänien liebte, das sprach er auch in seinem Testamente aus. Uebrigens zeigt auch das Testament, daß er nicht die Summen mlgehäuft Hatte, von denen man sprach. Man sprach von Milliarden, während sein Vermögen in Wirklichkeit nicht einmal 50 Millionen betrug, bei einer 48jährigen Herrschaft Und einer sehr bescheidenen Lebensführung gar nicht viel. Und von diesen 50 Millionen hat er 12 für wohltätige Zwecke hinterlassen. Doch nun zu des Königs Verhältnis uns Juden gegenüber! Da muß ich denn sagen, daß er für uns, die wir seine treuesten Untertanen gewesen sind, anscheinend nichts getan und nichts gegen unsere Entrechtung im Lande unternommen hat, wiewohl der kluge Mann sicherlich sehr wohl wußte, daß unser Bürgerrecht dem Lande zum Nutzen gereicht hätte. .Der Grund hierfür ist aber nW in dem Mangel an Sinn für die Gleichberechtigung Mer seiner Untertanen zu suchen. Ein Blick in seine Memoiren seit seiner Besteigung des Thrones am 10. Mai 1866 bis zur Anerkennung der Unabhängigkeit Rumäniens durch den Berliner Vertrag vom 3. Juli 1878 offenbart, wie er anfangs gegen die Entrechtung der Juden gearbeitet hat, wie oft er den antisemitischen Exzessen entgegentrat und wieviel ihm die Judenfrage zu schaffen gab. Als am 16. Juni des Jahres 1866 im Parlament die folgenden, die Judenfrage betreffenden Artikel: 1. „Die Konfession hindert nicht die Naturalisation in Rumänien, und 2. was die im Lände wohnenden Juden betrifft, so wird ein besonderes Gesetz die Zulassung zur Erhaltung des Bürgerrechtes regeln", vorgebracht wurden, entstand ein großer Sturm im ganzen Lande. Es fehlte nicht an Straßendemonstrationen gegen die Juden, und der gerade vollendete Bau des Bukarests Tempels, der etwa 100,000 Franks kostete, wurde völlig demoliert, fodatz der damalige Ministerpräsident Johann Bratianu die beiden Artikel zurückziehen mußte. Am 19. Juni des gleichen Jahres erließ der Ministerrat unter dem Vorsitz des Königs, des damaligen Fürsten, einen Aufruf an die Bevölkerung, in dem auf den Schaden aufmerksam gemacht wird, den die antisemitischen Ausschreitungen dem Lande zufügen. Am 20. des Monats gab der König aus seiner Privatkasse zur Wiederherstellung des Tempels die Summe von 70,000 Franks. Am 21. Juni tvurde vom Parlament der Artikel, nach welchem die Konfession kein Hindernis bildet zur Erlangung des Bürgerrechtes, durch den folgenden ersetzt: „Nur Christen können das Bürgerrecht in Rumänien bekommen." Auf diese Weise machte man es den Juden ganz unmöglich, sich zu naturalisieren. Dies erniedrigte damals Rumänien in ganz Europa, und in der ganzen zivilisierten Welt entstand darüber ein großer Sturm. Auf ein Telegramm des Kaisers Napoleon antwortete der König, daß er 'nicht weniger Sorge trage für die israelitische Bevölkerung, und daß er alle Maßregeln treffen und das Möglichste tun werde, um die antisemitischen.Ausschreitungen einzudämmen. Am 3. Januar des Jahres 1868 hielt der König bei Eröffnung des Parlaments eine Thronrede, in der er auch die Judenfrage berührte und u. a. auch sagte, Rumänien verfalle durch die Verfolgung und Entrechtung der Juden in mittelalterliche Barbarei, und wem das Wohl Rumäniens am Herzen liege, müsse für die Gleichberechtigung aller seiner Bürger arbeiten. Seine Worte fruch^ teten aber nichts, und als konstitutioneller Herrschier einerseits und Nicht-Rumäne anderseits glaubte König Karl nicht weiter eingreifen zu dürfen. Das darf man nicht vergessen, wenn man ihm gerecht werden will. Ei« Notschrei a«s Rußland. Sofort als der Krieg mit Rußland ausbrach, erfaßte Me Juden der Welt eine zitternde Angst um das Los der russischen Juden. Ist doch ihre Lage eine solche, daß sie in normalen Zeiten noch gerade kümmerlich existieren können, es aber nur irgend einer Störung des Gleichgewichts, irgend einer Ursache bedarf, um ihr Dasein, ihr Leben zu gefährden. Wer RuUand kannte, der. konnte nicht viel auf die Ansichten und 'Hoffnungen jener geben, die da meinten, daß während des Krieges ftir die russischen Juden nichts zu befürchten sei, vielmehr im Gegenteil die Regierung ihnen ent» gegenkommen werde. Solche Erwägungen, die bei Men anderen Staaten der Welt berechtigt sein mögen, haben für RuWand keinerlei Bedeutung. Denn in diesem Riesenreiche der Barbarei wird nicht mit Hilfe der Staatskunst regiert, .sondern Mein mit Hilfe der Knute, und für die unberechenbare" Launenhaftigkeit und sinnlose Brutalität der russischen Machthaber ist nichts unmöglich. Und so war denn Mer Grund '.zur Annahme vorhanden, daß in dem Chaos der kriegerischen Ereignisse wieder jene Schreckenstage für die russischen Juden beginnen werden, die uns nur allzu bekannt sind und bei deren Erinnerung uns ein Schauder ergreift, daß besonders im Falle von Niederlagen der russischen Heere sich die Wut der Massen gegen die Juden richten und die Regierung — ihren alten, oft geübten Methoden getreu — diese als den Sündenbock ihrer eigenen Unfähigkeit benutzen werde. Es ist unter diesen Umständen sogar noch als etwas unerwartet Erfteuliches zu bezeichnen« daß in den ersten Kriegsmonaten noch Seine Pogrome veranstMet worden sind. Es hängt dies wohl mit der relativ günstigen Lage der russischen Heere zusammen; denn von den Niederlagen, die sie in Ostpreußen erlitten haben, wurde dem Volke naturgemäß nichts gesagt, und innerhalb der Armee, der man es ja nicht gut verheimliche« konnte, wurde in der Tat — nach vielen Berichten — die Lügenmäre verbreitet, jüdische Spione seien an diesen Niederlagen schuld. So ist denn bislang im großen ganzen wohl die russische Judenheit von Pogromen verschont geblieben. Mein, es wäre eine trügerische Zuversicht, nun die feste Hoffnung zu hegen, auch in Zukunft werden keine Pogrome stattfinden. In dem Maße, in dem die Situation für die Russen ungünstiger wird, rückt die Gefahr der Pogrome näher heran; und kleine Symptome dieser Gefahr haben wir ja bereits erlebt. In Kalisch, in Czentochau, in Radom, überM, wo die Russen vor den heranrückenden deutschen Heeren weichen mußten, haben sie vor dem Abzug einen kleinen Pogrom organisiert. Von durchaus zuverlässiger Seite geht uns nun der Bericht eines Augenzeugen zu, der einem solchen Pogrom in Biezun, einem kleinen Städtchen des an 8er Grenze gelegenen Plozker Gouvernements, schildert. Die schlichte Sprache des Darstellers wirkt durch ihre Einfachheit noch umso stärker, und .niemand vermag diese Zeilen ohne ein Gefühl, tiefen Schmerzes zu lesen. All die wohlbekannten Bilder der großen Pogrome kehren in dieser Schilderung wieder, die uns darüber belehrt, daß RuUand heute dasselbe ist wie vor 10 und 20 Jahren und wir von diesem Barbarenstaate nichts zu .erhoffen, alles aber zu befürchten haben. Wir geben nachfolgend den Bericht unverändert Teiere Brider, Bnei Awrohom, Jizchok und Jaakob.' Gewiß ist euch nicht wissentlich die Mördereien, was, das russische Militär tun zu de Jüden, die russische Untertaner in Peulen bei die Kriegszejt. Mit herzzerreisenden Leiden und mit bittere Trären veröffentlicht ich eich a Geschichte, was selbst beigewohnt habe. Das hat passirt in Biezun Plocker Goubernie Russisch-Peulen, was solches hat nicht passirt vor mittelalter Jahren. Der Kommandeur von russisch Milüär, was ist gerade gewesen in Bieznm, hat den 16. Oktober gerufen den Rabbiner und fragt ihm, sar was beten nicht das jüdische Volk, daß der russischer König soll glitten in diese Krieg mit Deitschland? Dann war die Antwort von Rabbiner, daß Juden russische Untertaner beten für sein Glich sowie sei geboten sinten: „Wehawe mispallel bischlaumoh schel malchus." Und die Jüden sinten untertänig und sinten gettei seier König. Nach ein langweilttgen Disput hat der Rabbiner ihm aufgellärt, as das ist nor falsche Beschuldigung, was unsere Feinde sagen auf uns. Und der Rabbiner hat Abschied genummen und zu Hause gegangen. Schabbos den 17. hat der Rabbiner weüer bekummen a Befehl, er soll kummen zu den Kommandeur, und so wie der Rabbiner gekummen ist .in Wohnungen von Kommandeur, dann hat man den Rabbiner mit tyrannische und mörderische Kläppen a halbe Stunde geschlagen und er is ohnmächtig zu sein Haus gekummen und ist davon sterblich krank. Denselben Tag hat man 9 Juden in Gefängnis eingesperrt. Sonntag den 18. hat man weiter 10 Juden vornehmste angesehene Leute von Stadt in a zweites (So fängnis eingesperrt und der Kommandeur befohkn hat.

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