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Neue jüdische Presse · 1914-11-06 · Heft 43 (6.11.1914) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
12 (1914)
Issue
Heft 43 (6.11.1914)
Date
1914-11-06
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Seite 5> Nr.. A3. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. protestantische Claudia von Moorbach werden gewiß schnell gute Freunde werden." ' „Denke ihn Dir nicht etwa als alten Juden mit Borlegelöckchen und im langen Chalat!," lachte die junge Frau. „Mein Schwiegervater ist noch immer ein eleganter, hübscher Mann. Er liebt und Pflegt Deine Kunst. Auch ist er ein Galanthomme, der sich am Anblick holder Mädchen freut. Und drittens — Du kommst aus Wien. Wien, das ist in seinen Augen der Sammelpunkt aller irdischen Schönheit, Größe und Unbezwinglichkeit. Aber ich sage — Wien!" Die junge Frau schöpfte tief Atem, stemmte trotzig ihre kleinen, mit Boots bekleideten Füße gegen den sammetnen Fauteuil und schloß energisch: „Euer Wien ist ein Nest." „Ich sollte Dirs übel nehmen, Helfta, Du verfährst nicht säuberlich mit meiner Nation, aber ich höre Dich so gern räsonieren mit Deinem Rassel rr und diesem drolligen Akzent. . ." „Das ist auch so eine Eurer Unhöflichkeiten," eiferte Frau Helfta erzürnt. „Sähest Du je einen Rumänier lachen, wenn ein Deutscher rumänisch sprach, und hätte er die täte quarree, unsere schöne, elegante Sprache noch so miserabel verstümmelt?" „Ich habe Unrecht, Liebe," schmeichelte Claudia und legte ihren Arm liebkosend um die feine Taille der jungen Frau. „Verzeihe mir, ich gelobe auch feierlich. Deine werte, mir ganz unbekannte Heimatstadt stets nur in rosenrotem Frühlingslicht zu sehen, selbst in den schwärzesten Dezembernächten, und alles bei Euch schön, großartig und bewundernswert zu finden: Eure Sitten — Euer Konfekt; angesichts der süßen Hoffnungen, die Du meinem Gaumen erwecktest, mause ich mich noch zum leckersten aller Naschkätzelein heraus. . Auch Eure, Sprache ... ich will sie erlernen, gewiß." Sie lachte leise und zauste Frau Helfta ein wenig an den blonden „Herrenwinkern", die über den rosigen, diamantengeschmückten Ohren sich ringelten. „Willst Du mich rumänisch lehren, aber. Teure, Einzige, die famose Zungenprobe am glühenden Eisen erläßt Du mir?" (Fortsetzung folgt.) jed. Art u. Preislage kauft man gut nnd preiswert Im Trauring-Eck -WG Frankfurt a. BfTrlerlsohe Sasse 31. Bake Töngesgasse,vls-k-vls d. Hasengasse. Fr. Pletzscb, md“ekr. Hatzgesaug gegeu England. Der gewaltige, alle Schichten und Konfessionen gleichmäßig dürchglühende Haß gegen den Urheber des gegen- ■ wärtigen ungeheuren Blutvergießens, England, hat seinen klassischen Ausdruck in nachfolgenden, dem „Berliner Börsen- Courier" entnommenen Strophen Ernst Lissauers gefunden. Die Dichtung reiht sich würdig den klirrenden Versen und markigen Bildern des Cyklus „1813" an, welches Buch wir vor einigen Monaten besprachen. Was schiert uns Russe und Franzos', Schuß wider Schuß und Stoß um Stoß, Wir lieben sie nicht, Wir hassen sie nicht. Wir schützen Weichsel und Wasgaupaß, — Wir haben nur einen einzigen Haß, Wir lieben vereint, wir hassen vereint, Wir haben nur einen einzigen Feind: Den ihr alle wißt, den ihr alle ivißt. Er sitzt geduckt hinter der grauen Flut, Voll Neid, voll Wut, voll Schläue, voll List, Durch Wasser getrennt, die sind dicker als Blut. Wir wollen treten in ein Gericht, Einen Schwur zu schwören, Gesicht in Gesicht, Einen Schwur von Erz, den verbläst kein Wind, Einen Schwur für Kind und für Kindeskind, Vernehmt das Wort, sagt nach das Wort, Es wälze sich durch ganz Deutschland fort: Wir wollen nicht lassen von unserm Haß, Wir haben alle nur einen Haß, Wir lieben vereint, wir hassen vereint, Wir haben alle nur einen Feind: England. In der Bordkajüte, im Feiersaal, Saßen Schiffsoffiziere beim Liebesmahl, — Wie ein Säbelhieb, wie ein Segelschwung, Einer riß grüßend empor den Trunk, Knapp hinknallend wie Ruderschlag, Drei Worte sprach er: „Auf den Tag!" Wem galt das Glas, Sie hatten alle nur einen Haß. Wer war gemeint? Sie hatten alle nur einen Feind: England. Nimm du die Völker der Erde in Sold, Baue Wälle aus Barren von Gold, Bedecke die Meerflut mit Bug bei Bug, Du rechnetest llug, doch nicht klug genug. Was schiert uns Russe und Franzos'! Schuß wider Schuß und Stoß um Stoß. Wir kämpfen den Kampf mit Bronze und Stahl Und schließen Frieden irgend einmal. Dich werden wir hassen mit langem Haß, Wir werden nicht lassen von unserm Haß, Haß zu Wasser und Haß zu Land, Haß des Hauptes und Haß der Hand, Haß der Hämmer und Haß der Kronen, 1 Drosselnder Haß von siebzig Millionen, Sie lieben vereint, sie hassen vereint. Sie alle haben nur einen Feind: England. meinen Würfeln. Nach Tisch wurde unten am Bahndamm Kaffee gekocht. Lustigkeit und Frohsinn herrschte allerwärts^ Meine französischen Sprachkenntuisse kann ich ganz vorzüglich verwerten. Ich besorge alles mögliche stets für die Kompagnie und erhalte auch" alles, weil die Leute stets gleich Zutrauen zn mir haben. Gewöhnlich gehen mein Freund H. und ich zusammen aus, er sagt mir, was wir brauchen, und ich - übersetze es dann auf französisch. Wir zahlen selbstredend alles, und die Leute freuen sich sogar, wenn wir kommen; es ist für sie die einzige Möglichkeit, Geld zu bekommen. Wenn man vom Kriege spricht, so sagen sie meist: „Pauvre france", oder „C'est la gnerre" und suchen mit einer fatalistischen Achselbewegung darüber hinwegzukommen, sie sind höflich und korrekt. — Die ganze Strecke, die wir in Belgien durchfuhren — mit Ausnahme von Brüssel, Louvain, Lüttich — machte durchweg einen friedlichen Eindruck. Langsam näherten wir uns der französischen Grenze, immer mit großen Unterbrechungen, die wir stets dazu benutzten, um in den umliegenden Ortschaften Eh- und Trinkmaterialien zu kaufen. _ t HE. WIere, Optiker, Liebfrauenstr. 1. Brillen, Fincenez, Operneiäser, Feldstecher I in jeder opt.-mechan. Spielwaren I Preislage Eisenbahnen, Dampfmaschinen, Laterna-Hagica, Kinematngraphsn etc. Aus Feldbriese«. Dieser Brief zeigt.Euch, daß wir die französische Grenze überschritten haben, und so will ich Euch chronologisch schildern, was sich. alles ereignete. Zunächst laßt Euch sagen, daß ich mich wohlauf befinde und die Eisenbahnfahrt in angenehmer Gesellschaft im Coupe 2. Klasse mit einem Kompagnie-Feldwebel und Bizefeldwebel verbringe. Das einzig Unangenehme ist, daß wir keine geheizten Waggons haben, und nachts ist es bitter kalt, sodaß wir "wie die Spatzen frieren. Anr Tage freilich herrscht milde Herbstlust, und von 9 Uhr morgens bis 5 Uhr nachmittags können wir sogar bei offenem Fenster fahren. Doch um Euch alles eingehend zu schildern, beginne ich mit unserer Fahrt ab Frankfurt. Bis Gießen ging alles glatt von statten. Dort erhielten wir von der Kriegsfürsorge warmes Essen und zwar eine Linsenwurstsuppe, von der ich jedoch keinen Gebrauch machte. Die Nacht schlief ich vorzüglich und erwachte am nächsten Morgen in Köln, woselbst es "heißen Kaffee gab, der erstischend auf die durch' die Kälte der Nacht erschlafften Lebensgeister einwirkte. In lustiger Unterhaltung ging es dann über Aachen nach Herbesthal. Dort fand wieder Speisung der Truppen statt; auch ich'verpflegte mich mit heißem Kaffee, Jennilwürfelsuppe und Wurst. Der Haupdnann gab uns die Vorschriften über unsere Pflichten im Feindesland bekannt, ,und nachmittags um 5 Uhr überschritten bezw. durchstchren wir die belgische Grenze. Nun wurde es interessant. In allen Bahnhäuschen, auf der ganzen Strecke, an allen Chausseen, Uebergängen stehen unsere braven Landstürmler mit ihren Tschakos von 1813 und bewachen den Bahndamm und alle Uebergänge, und sicher konnten wir uns abends zur Ruhe begeben, wir wußten, daß unsere alten bärtigen Krieger, die schön wochenlang auf' ihrem Posten stehen, 'für uns „Jungen" Wache halten. Die nötigen Vorsichtsmaßregeln hatten wir allerdings getroffen. In jedem Abteil war ein geladenes Gewehr, und mein Revolver lag neben'mir, denn es sollten sich wiederholt in den letzten Tagen Franktireurs-Ueberfälle ereignet haben. Aber sicher ging unsere Fahrt vor sich. Eine fruchtbare Gegend, Weiden mit schön gewachsenem Meh, ein Bild des Friedens, — das waren unsere ersten Eindrücke, und würden nicht die fast leer stehenden Dörfer davon zeugen, datz sich hier Ereignisse von gewaltiger Bedeutung abgespielt haben, man möchte glauben, daß die Furie des Krieges " überhaupt nicht in diesem Laude verweile. Direkt an der Grenze hatten sich allerdings auch keine Kämpfe von Bedeutung abgespielt, die anständigen Bewohner hatte man geschont. Mit haßerfüllten Blicken folgten sie unserem Zuge, und es schien uns, als ob doch eine Ahnung bei ihnen aufdämmere von der gewaltigen Kraft des deutschen Volles, von dieser gesunden inneren Kraft, die unbeirrt und unentwegtsich vorwärts schiebt, sich Geltung verschaffen wird. Es wurde dunkel, und der Sabbath' brach an. Mit ganz besonderer Kewonoh betete ich still für mich allein,. und in meinen Gedanken sah ich Euch, meine Lieben, vereint in der Sabbatstube. Beruhigt sagte ich mein Nachtgebet, mich dem empfehlend, in desfxn Hand . wir, speziell in dieser Zeit, stehen, ob wir 'schlafen oder wachen. Morgens erwachten wir um 4 Uhr, und kurz darauf passierten wir Louvain, doch war durch "bte vollkommene Dunkelheit nur wenig zu sehen. Gegen 6 Uhr näherten wir uns' Brüssel, machten Hält in Schaerbeck, einer lleinen Vorstadt von Br., wo es wieder schlechten heißen Kaffee gab. Wir umfuhren Brüssel, und es ging weiter auf die französische Grenze zu. . . . Morgens hatten wir einen großen Aufenthalt, in der Nähe waren zwei Züge zusammengestoßen, und diese Zeit benutzten die jüd. Soldaten zur Abhaltung eines Gottesdienstes, zu dem uns vom Hauptmann und Oberleutnant die Erlaubnis gegeben war. Oben an der Chaussee befindet "sich ein großer Bauernhof mit schöner Waldung. Dank meiner französischen Sprachkenntnisse gelang es mir, bei dem Bauer zu erreichen, baß wir ein Gottesdienst in seinem Wald abhielten. Wir waren 10 bis 15 Personen, und ich'" kann Euch sagen, daß es ein herrliches Gefühl war, mitten im Feindesland beten zu können. Mein Freund §. kochte während dessen oben auf dem Hof eine Suppe mit .... Wir stehen vor Verdun. Wie sieht es hier aus? Strategisch für uns' sehr gut, doch bei dem betrogenen französischen Landvolk macht sich das Elend in seiner ganzen Größe bemerkbar. Was an Futter vorhanden war, das fraßen unsere Pferde. Das Vieh und Geflügel verzehren wir. Kartoffeln, Gemüse, Obst und Trauben holen die Köche ebenfalls für uns. Im Winter wird es hier die furchtbarste Hungersnot geben. Ich sprach persönlich mehrere Frauen; sie sagten, daß sie seit Juni ohne Nachricht von ihren Männern sind, trotzdem diese nur nach Verdun eingezogen wurden. Offiziere, die wir gefangen nahmen, erklärten, im französischen Heere sei man der festen Ueberzeugnng, ganz Deutschland fei in russischen Händen nnd wir würden den Franzosen entgegengetrieben. . . Spezialität: LfflelnMen. Francke & Weber Gr. Frledbergerstr. 7—11 Tel. Hansa 4095. 3 Das neue Heim der J«d. Haushattuugs- Schule i» Frankfurt a. M. Die Jüd. Haushaltungs-Schule hat anfangs August ihr neues Heim Königswarterstraße 20 bezogen. Das bot ihr Veranlassung, nunmehr ihre Freunde und Gönner zu einer Besichtigung einzuladen. Das Haus, das vor 12 Jahren für den Verein der jüd. Krankenpflegerinnen erbaut und Dank der großmütigen Hilfe zahlreicher Menschenfreunde, vor allem der Großmut der Familien von Rothschild, von der Jüd. Haushaltungs-Schile übernommen werden konnte, erscheint so geeignet für seine neue Bestimmung, als wäre es nur für diesen Zweck geschaffen. All den Bedürfnissen seiner vielgestaltigen Aufgaben entspricht es, und nur im Parterre mußte ein größerer Umbau für die fleischige Koch- und Spülküche vorgenommen werden. Dem ursprünglichen Zweck der Anstalt, Mädchen aus einfachen jüd. Famllieu zum Beruf der Hausgehilfin richtig vorzubilden und erwerbsfähig zu .machen, dienen die prachtvollen Koch- und Spülküchen im Parterre, die neuerbaute fleischige Küche, ein großer lichtersüllter Raum mit 2 großen Kohlenherden und einem Gasherd modernster Konstruktion mit Grill und Schabbos-Qfeu. Daran schließt sich die Abwaschküche mit großen Spültischen, Äemüseputztischen und einem besonders praktischen Marmortrog zum Einwässern des Fleisches, die fleischige Speise? kammer mit großem Eisschrank, ferner im Souterrain die milchige Küche, ebenfalls mit großem Kohlenherd und einem modernen Gasherd ausgestattet, milchige Speisekammer mit Eisschrank und Speiseaufzug. Das weitere Arbeitsfeld der Anstalt» die Schul- . küche, deren Betrieb sie vor 4 Jahren übernahm, hat einen geräumigen Küchensaal mit 4 kl. Herden, einen größeren mit Gaseinrichtung und allen übrigen für den Schulküchebetrieb notwendigen Einrichtungen. Hier erhalten die jüd. Schülerinnen aus den hiesigen Volksschulen im letzten Jahr vor ihrer Enllasfnng hcms» wirffchaftlichen Unterricht in derselben Weise, .wie er in den städt. Volksschulen ertellt wird, nur mit Betonung per besonderen Momente, die die rituelle Küche verlangt. Zweimal in der Woche findet dieser Unterricht in den Nachmittagsstundeu statt, und die Kunstwerke ihrer Hände verzehren daun zum Schluß 'die jungen Köchinnen als Abendessen. Ein geräumiger Lehrsaal, versehen mit allen Lehrmitteln, die für den theoretischen Unterricht der Rahrungsmittellehre und der Hauswirtschafts- - künde erforderlich sind, schließt sich der Lehrküche au. In diesen Räumen finden auch die ueueingeführteu Kochkurse für Seminaristinneu und Haus-, t ö ch t e r statt. Diese Kurse ermöglichen es d«u gebildeten jüdischen Mädchen, das sich zur Hauswirtschastslehrerin ausbilden will, ohne Verletzung der Religionsgesetze das Examen für Hauswirtschafts» lehreriunen zu machen. Aber auch "hiesigen Haustöchtern aus wohlhabenden Familien geben diese Kurse, von der geprüften Gewerbeschullehrerin Frl. Michaelis erteilt, Gelegenheit, die feinere jüdische Küche unter Benutzung aller modernen Hilfsmitteln zu erlernen. Ein beredtes Zeichen für die Geschicklichkeit und Leistungsfähigkeit der Schule bildet das sehr einladend wirkende Magazin mit den nach hunderten von Gläsern zählenden selbsthergestellten Konserven aller Arten Obst und Gemüse. Mit Befriedigung ließen wir uns von unserer liebenswürdigen Führerin erzählen, daß ein großer

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