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Neue jüdische Presse · 1914-10-02 · Heft 39 (2.10.1914) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
12 (1914)
Issue
Heft 39 (2.10.1914)
Date
1914-10-02
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Breuer ihre eigentliche Ursache haben, wollen nnr jetzt schweigen. Die Liebe zur osteuropäischen Orthodoxie, die Sorge um ihre Neubelebung und Regeneration läßt nur den Wunsch hegen, daß es der Agudas-Jisroel doch noch einmal gelingen wird,, sich aller inneren Feinde und Hetzer zu entledigen und ungehindert durch persönlichen Ehrgeiz und persönliche Feindschaft sich so zu cntwickeln, wie cs ihre große Aufgabe verlangt. Es märe im höchsten Grade bejammernswert,. wenn dieser Versuch, die Orthodoxie Osteuropas zu neuem Leben, zu erwecken, aus solchen Gründen scheitern sollte; allein die bisherigen Erfahrungen in dieser Hinsicht sind so traurige, daß man sich nur schwerlich zu der Hoffnung durchringen kann, daß mrser Wunsch, der Wunsch aller derer, die es gut und aufrichtig mit der Agudoh ureinen, in Erfüllung gehen wird. Wir wpllen abwarten, was die Zeit nach dem Kriege bringen wird. Es wird sich dann bald entscheiden müssen, ob die Agudas-Jisroel wirklich in der Lage ist, ihre historische Aufgabe, um deretwillen sie gegründet wurde, zu erfüllen vermag oder an den inneren Widerständen zu Grunde gehen muß Zn diesem Falle wird man dann eben auf neue, bessere Wege sinnen müssen, mn dieses Werk der Neubelebung der osteuropäischen Orthodoxie zu vollbringen. Denn welch immer auch das Schicksal der Agudas-Jisroel sein wird, dieses Werk der Regeneration der Orthodoxie muß und wird geleistet werden. Es ist dies eine der höchsten Aufgaben der jüdischen. Gegenwart, von deren Erfüllung die Gestaltung der jüdischen Zukunft in so vielen entscheidenden Punkten abhängt. Wird die Agudas-Jisroel. unfähig sein, dies zu tun, so wird eine andere Organisation ihr Erbe antreten. Aber — wie gesagt — noch ist die Stunde nicht glimmen, die ein endgültiges Urtell gestattet. Vorderhand heißt es abwarten und — wenn mau noch so viel Ofttimismus besitzt — auch hoffen, daß die Agudas-Jisroel schließlich doch noch Herr über all ihre inneren Feinde werden und ihre große Aufgabe wird erfüllen können. | Davw Wolffsohn fry | ©||ls. ■Sill!! 14! liSyi-grfSSi:! «P. Sw«.®s o-g g aäfoj»! i-g «litii M llll Ein Großer im jüdischen Wolke ist dahingegAlgen. Ein Mann, der im Kanchfe für das Judentum gestanden, sein ganzes Leben lang. Ein Känchser gleichwertig vielen Tausenden. Denn David Wolffsohn war nicht ein Mann, wie wir deren viele haben, sondern wie sie nur sehr dünn gesät sind, selbst in Jahrhunderten. Gewiß haben wir große jüdische Gelehrte. Und Wolffsohn war nicht einmal ein Gelehrter. Wir haben viele, deren Beruf sie an das Judentum knüpft, und Wolffsohns Beruf war dazu geeignet, ihn nur weitab von den Wegen des Judentums zu führen.. Er aber stand mitten darin. Während unsere stillen Gelehrten ihre Lebensarbeit dem Judentume weihen, reiß die Willenskraft die starken Naturen los vom Judentume und führt sie dahin, wo das Judentum aufhvrt oder wenigstens keine Wirksamkeit und keinen Wert mehr hat. Darum.stehen so viele starke Naturen so weit ab von dem Interesse des zerstreMen Volkes, das keine Lorbeeren im Kampfe um seine Menschen- und nationalen Rechte zu vergaben hat. DavidWolffsvhn war ein solcher willensstarker Mensch: Er war ein Mann, nehmt alles nur in allem. Ein starker Mann, wie es tvenigc acht. Und er widmete diese seine starke Willens- Last ausschließlich seinem schwachen Stamme. Um so höher'muffen wir also, sein Tun bewerten, weil sonst so .oft die Willenskraft aus dem Judentume . hinausführt, diese einzigartige Stärft Wolffsohns, die ihn und seine Lebensarbeit ganz und gar dem Judentume gab. Denn diese starke Kraft des Willens war gepaart mit einer mindestens gleich großen Treue. Und die Treue war der Gruudzug seines Herzens, Frankfurter Israelitisches Familicnblatt. das den Willensstärken Mann vor den Magen des Judentums spannte. Aus dieser ihm innewohnenden Treue heraus entwickelte sich jenes jüdische ffkefühl, das eben doch nur Treue ist, vieltausendjährige Treue gegenüber dem Stamme, dem wir entsprossen sind. In seiner Liebe zum eigenen Judenwescn konnte der starke Mann ivcich sein, wie ein Weib, wie ein zartes Ki'nd. Die Treue, die, gepaart mit hoher Begcisterungsfähigkeit, dem reich begabten Manne voranleuchtete, als er in jungen Jahren das Banner des neu sich belebenden Judentums mit. anderen gleichgesinnten noch jüngeren Freunden hochhielt, fesselte ihn bis zu seinem letzten Atemzuge au die Organisation, die er für die nationale jüdische Arbeit mit begründete, und deren Präsident er war, als sie ihre schwerste innere und äußere Krise durchmachen Mußte. Die gleiche Treue, die er .denk Judentume bewies, die ihn bis zum letzten schmerzhaften Lcbcnstage beseelte und für seine Ideen kämpfen ließ, fesselte ihn an die Freunde, die er sich im Laufe seines Lebens erworben, und mit denen er Schulter an Schulter im jüdischen zionistischen Kampfe stand. Er hatte sich jenem Kreise, der viele Jahre vor Herzl Zions Bamier und die nationale jüdische Fahne hochhielt,' schon einige Jahre vor Hcrzls Austreten angeschloffen, ohne irgendwie hervorzutrcten. Für die praktische Kolonisatton hatte er freilich damals schpu in Köln einen kleinen Brudervcrcin für den Verein „Esra" gegründet, der im Kleinen segensreich wirkte und eine eifrige Werbetätigkeit entfaltete. Uber erst als Theodor Herzl an die Spitze der Bewegung trat, kam auch Wolffsohn' aus dem Winkel heraus, in dem er bisher gestanden hätte. Man hat Herzl einen ungekrönten Fürsten genannt. Nun, dann war Wolfffohn des ungekrönten Königs Reichskanzler, der verantwortlich zeichnete und zugleich der Leiter des Mitischen Generalstabcs. Dabei war er kein stummer Anbeter und Nachbeter eines großen Mannes, .dem er folgte. Denn mit der Treue und Ergebenheit paarte er, der frühere Talmudschüler, die Krittk und den Blick für das Reale. Mit scharfem Blick erkannte er die großzügigen Ideen seines Meisters, die jener in dichterischer Schönheit erstehen ließ und ging sofort ans Werk, sie von Unmöglichkeiten zu befreien und sie in die Wirklichkeit umzusetzcn. So wurde er der Gründer der Jüdischen Kolonialbank, die Herzl als däs werbende Instrument des Zionismus erdacht hatte. So wurde er mit Herzl der Gründer jenes Tochtcrinstitutes, das im Lande der zionistischen Bestimmung praktisch wirkt. So trug er mit am meisten dazu bei, daß Hermann S ch a ft i r a s großer und großartiger Gedanke eines jüdischen N-ptio nalfonds in die greifbare Wirklichkeit umgesetzt wurde. Er war ein Mann der Tat, ein Reichskanzler, wie ihn der Fürst im Reiche der Gedanken, der imagiäre und doch wirkliche König dringend gebrauchte. So ist sein Name von dem Theodor Herzls unzertrennlich. Die Treue, die er seinem Volke entgegenbrachte, widmete er in gleicher Weise den Mitkämpfern um Zion, vor allem dem großen Führer, unter dessen Mitwirkung Wolfffohn wuchs und aus sich den großen Mann erwachsen ließ, als der er nach Herzls ftühem und Unerwarteten Tode erschien. Er blieb ihm treu, bis über den Tod hinaus. Sein Werk wurde Wolffsohns Werk, und Herzls Kinder wurden Wolfffohns Kinder. Und an seinem letzten Leidenslager saß treu und sorgsam Hcrzls Tochter Trude, zuM zweiten Male am Totenbette eines Vaters. Treue um Treue! Undwie er uns treu bis zum letzten Atemzuge war, so hielten wir und halten wir ihm die Treue, die jüdische Treue ist. Herzl ist jung, sehr jung, gestorben. David Wolffsohn, der dem gleichen Leiden erlag, hat auch das 59. Lebensjahr nicht überschritten. Auch seine Todeskrankheit war die eines überarbeiteten Herzens und Geistes, eines übermenschlich angespannten Körpers. Sie haben beide ihren Lebensfaden gekürzt, indem sie mit der Kraft nicht haushielten, die bei sparsamerem Gebrauch beide zu einem sehr hohen Lebensalter hätte berechttgen müssen. Er, der dahinging, war ein Jude. Nicht bloß ' die jüdische Jugenderziehung machte das. Nicht bloß die Ideen, die ihm vom heimatlichen Ghetto und Nr. 38 von dennie vergessenen hebräischen und talmudischen Studien der Kindheit Her innewohnlen. Sein ganzes Wesen.war „Jude"', war. ein Jude jeder Zoll. Mit dem Judentume stand, und fiel Wolffsohn. Seine Gedanken waren jüdische Gedanken, seine Gefühle nur jüdische, und seine große und gewaltige Willenskraft, seine schlagfertige Redcgabe, seine unermüdliche Arbeit, alles war jüdisch und galt nur dem Judentume. Zionist war er, weil er Jude, nur ganz Jude sein wollte. Wolfffohn ohne das Judentum, ohne den Zionismus wäre nicht Wolffsohn. gewesen. Denn das Judentum war seines ganzes Wesens innerster 'Kern. Und dasselbe Judentum gab seinem, äußeren Menschen ebenfalls und .ausschließlich das Gepräge. Die Hingebung und Treue-. die Wolffsohn dem Judentume darbrachte, galt dem Volke der Juden wie ihrem Lande. Mit glühender Schwärmerei hing er an der Heimat der Väter, und seitdem er in Begleitung Herzls zum ersten Male das Land betreten hatte, wo der Väter Wiege einst gestanden, war es ein Lieblingsgcdanke, mit dem er spielte, das von der Volksarbeit müde Haupt im Lande der Väter, das ihm das Land der Zukunft war, auszuruhen. Er hat seinen Traum, der ihn in den setzten Jahren an dem Plan eines Ruhehauses in Jaffa hcrantreten ließ, nicht mehr zur Wirklichkeit werden lassen. Er ist im Anblick des Landes gestorben,. das er nicht mehr betreten durste. Aber dieses Land seiner Sehnsucht hat ihm bei seinem kurzen zweiten Aufenthalt sein nicht geringes hebräisches Wissen in lebendiges Gut umgewandelt, und als er von dort als Präsident der zionistischen Organisation zurückkehrte, brachte er für sich die lebende hebräische Sprache mit. Und dieser hebräischen Sprache galt ebenfalls seine Liebe und Treue. Er hat Opfer gebracht, um. das Hebräische auf den Zionistenkongressen heimisch zu machen. Er, der schlagfertige Redner, dessen Wort eine scharfe Waffe in der großzügigen Diskussion war, zog selbst die hebräische Sprache vor, obwohl er sich damit persönlich in eine ungünstigere Stellung brachte. Unermüdliche Tättgkeit beseelte den Mann, wenn cs galt, zionistische Arbeit zu leisten. Seit vier Jahren war er bereits von den Aerzten aufgegeben, und er hat diese vier Jahre zu tätiger Arbeit dem Tode noch abgetrotzt-. Wer ihn im vergangenen Jahre in Wien auf dem Kongreß sah und hörte, wo er für die Opposition redete, in Wahrheit aber der anerkannte Leiter des Kongresses und der rechtmäßige Führer der Partei trotz allem war, der wagte es nicht zu glauben, daß das ein Mann war, der mit einem Fuße bereits im Grabe stand, und dem der Arzt streng jede aufregende Tätigkeit verboten.hatte, weil sic ihm jeden Augenblick den Tod bringen konnte. Als ihn dort ein Freund, der ihm die Treue über den Tod hinaus bewahrt und bewahren will, fragte, wie cs ihm ginge, antwortete er: „Wie einem alten Kavalleriegaul." Und als ihm der Freund, der treue Gefolgsmann, das verwies, da sagte er: „Jawohl, steif und krank, verwundet und schwach. Aber da höre ich Schlachtmusik, und gehorsam stelle ich mich in Reih und Glied zum Kampfe, weil ich gar nicht anders kann!" Wolffsohn war eine.Kampfnatur. Und er war mehr als das, er war ein Kämpfer. Widerspruch und Kampf forderte er heraus, weil er gerade und entschieden vorging. .Wer nicht mit ihm war, mußte gegen ihn gehen. Denn sein Weg war, bei aller Klugheit seines Wesens, gerade. Wer krumme Pfade gehen wollte, der kreuzte seinen Weg und kam mit ihm in Kampf. Darin lag ein Tell der Tragik begründet, die ihn verfolgte. Denn tragisch war trotz allem sein Geschick. -Dis größte Unglück, das ihn je betroffen, war der frühe Tod seines Freundes, -Vorbildes und .Abgottes Herzl. Daß er des jüngeren Kampfgenossen Nachfolger wider Willen werden müßjte, war sein tiefster Schmerz. Aber in seiner ganzen Führerstellung im Zionismus lag so viel Tragik, wie sie wohl selten auf einem Haupte zusaMmenkommen kann, und cs gehörte die ganze Kraft eines Wolffsohn dazu, daß er aufrecht hlieb, aufrecht- bis zum Tode. Eine merkwürdige Tragik liegt darin, daß er, der echte Typus des aus dem. .Ghetto hervorgegangenen vornehmen Inden, am meisten von russi- ^45156

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