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Neue jüdische Presse · 1914-10-02 · Heft 39 (2.10.1914) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
12 (1914)
Issue
Heft 39 (2.10.1914)
Date
1914-10-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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LA Der Feiertage wegen fällt die nächstwöchentliche Nummer ans. Das Jahr 5674 m. 1 Die innere Lage. Es ist ein Glück, daß man die Betrachtung der inneren Lage des jüdischen Volkes nicht nach den einzelnen Ländern einzuteilen braucht, vielmehr größere Komplexe und Gebiete hier zusammenfassen darf. Denn cs beweist dies, daß bei aller äußeren Zersplitterung und Zerstreuung unseres Volkes seine innere Einheit doch noch bis zu einenr gewissen Grade gewahrt ist; ja, der Beobachter der Entwicklung des innerjüdischen Lebens der letzten Jahre wird feststellen dürfen, daß diese.innere Einheit sogar erheblich gewachsen ist; so manche der wichtigsten und bedeutsamsten Ereignisse, die sich in den letzten Jahren in unserem innerjüdischen Leben abgespielt haben, griffen in ihrer Wirkung weit über die Grenzen eines einzelnen Landes hinaus und betrafen in gleicher Stärke die gesamte Jüdenheit. Und so darf der optimistische Chronist bald die Zeit herannahen sehen, in der irgendwelche geographische Einteilung der Jüdenheit in Bezug auf das innerjüdische Leben nicht mehr notwendig sein wird. Vorderhand jedoch tut eine gewisse Trennung noch not. Die wichtigste Trennung bleibt noch immer die von Ost- und Westjupenheit. So' sehr sich auch diese zwei großen Gruppen der europäischen Jüdenheit in den letzten Jahren einander genähert haben, vor allem.unter dem Einfluß der zionistischen Bewegung, so herrscht zwischen beiden heute doch noch immer eine tiefe Kluft, die eine gesonderte Betrachtung beider notwendig erscheinen läU. Das innerjüdischc Leben der Ostjudenheit im vergangenen Jahre bietet dasselbe Bild wie dasjenige der vorangegangenen Jahre: tzas Bild einer inneren Stagnation. So traurig es ist, so wahr ist es doch, daß das innere geistige Leben der Jüdenheit Osteuropas in den letzten Jahrzehnten keinesfalls fortgeschritten, wenn es nicht gar in eine Abwärtsentwicklung eingetreten ist. Den besten Maßstab dafür gibt wohl die hebräische Literatur ab. Hebräische Verleger wie Schriftsteller wissen es zu berichten, wie sehr sich die hebräische Literatur im Stillstand befindet, wie wenig die .Verbreitung hebräischer Werke fortschreitet, welche Apathie das innere Leben der Literatur beherrscht. Daß demgegenüber die Jargonpresse in den letzten Jahren gewachsen ist, will wenig. bedeuten. Denn auch dieses Wachsen ist nur vorübergehender Natur, pnd zudem: die großen historischen und logischen Gründe, die es unmöglich erscheinen lasten, daß das Jiddische wirKich zur bleibenden Sprache einer neuen jüdischen Volkskultur werden soll, werden durchs diese zeitweilige Erscheinung nicht im geringsten berührt oder gar widerlegt. Es zeigt sich überall, daß das Jiddische nur ein Uebergangsstadium bedeutet, das solange wahrt, bis man die Landessprache erlernt hat. Es beginnt sich eben im Osten — vor allem rn Rußland — in letzter Zeit in erhöhtem Maße jene Erscheinung zu zeigen, die das Leben der osteuropäischen Jüdenheit schon. seit einem Jahrhundert beherrscht: die A s si m ilnjtion. Trotz her noch vorhandenen inneren Stärke des jüdischen Milieus im Osten auf der einen Seite, trotz der künstlichen Schranken, mit denen die russische Regierung die Juden ihres Landes umgibt, offenbart sich allerorts das Wirken der langsamen, aber stetigen Assimilation. Diese 'Assimilation hat ja in Rußland dank der brutalen Absperrung aller Bildungsstätten für die Juden mancherorts eine erschreckend zynische Form angenommen: die der Taufe. Hunderte von jüdischen Jünglingen haben sich in den letzten Jahren taufen lachen, um sich den Zutritt zu den Schulen und Universitäten zu eröffnen. Diese Taufepidemic hat an Manchen Orten einen solchen Umfang angenommen, daß die Regierung mit Abwehrmaßnahmen einzuschreiten begonnen hat. Diese furchtbare Erscheinung lenkt den Blick auf den wundesten Punkt des innerjüdischen Lebens der osteuropäischen Jüdenheit: auf die Mängel der Erziehung der Jugend. Innerhalb des osteuropäischen Judentums spielt sich seit geraumer Zeit bereits ein stiller, aber in seinem Wirken unberechenbarer Prozeß ab: der Untergang des Cheder. Dieser seit Jahrhunderten herausgebildete Typus der jüdischen Volksschule, der einer der stärksten Pfeiler unserer Existenz in der Diaspora war, beginnt zu verschwinden. Den Stürnien der Modernen Zeit, zu bereu Charakter mid Anforderungen ec sich in radikalem Widerspruch befindet, kann er für die Dauer nicht widerstehen. Und da er, wie alle Produkte des Diasporajudentunrs, starr und .'aller Umwandlung unfähig ist, ist es unmöglich, den Cheder den Bedürfnissen der Zeit anzupassen. Ein Ersatz aber ist bislang für ihn nicht geschaffen. Und so befindet sich denn die Erziehung der jüd. Jugend in unhaltbaren Zuständen. Die Jugend wird allen Aspmilationstendenzen schutzlos preisgegeben, und die Taufepidemie zeigt, wohin der heutige Zustand letzthin führen muß. So ist denn das Problem der Jugenderziehung das weitaus bedeutsamste im inneren Leben der osteuropäischen Jüdenheit. Allein es ist auch das weitaus schwierigste. Die Schaffung eines neuen Typus einer jüdischen Volksschule an Stelle des alten Cheder ist eine Aufgabe, die nur in langsamer, stetiger Arbeit.erfüllt werden kann. Vorderhand jedoch ist diese Arbeit noch kauni ernstlich in Angriff genommen worden. Ncch befindet sich das osteuropäische Judentum in diesem Punkte im Zustand der prinzipiellen Kämpfe und iheoretischen Experimente. Zwei feindliche Gruppen stehen sich da gegenüber: Jiddischiften und Hebraisten. Die einen fordern das Jiddische als die beherrschende Sprache der Schule, die anderen das Hebräische. Uns dünkt, das Richtige liegt auch hier in der Mitte. Die extreme. Richtung der Jiddischisten, jene, die sich soweit versteigeu, jedes hebräische Wort, vor allem aber die Bibel, aus der jüdischen Volksschule zu verbannen, halten wir für eine Gefahr, für eine schlimmere Gefahr, als die offene, nackte Assimilation, weil sie sich , in das Mäntelchen eines angeblich nationalen Programmes hüllt. Die Forderung der extremen Hebraisten hingegen, die eine Bolkschule mit dem Hebräischen als Unterrichtssprache verlangen, scheint uns unverwirklichbar zu sein. Eine rein hebräische Volksschule in der Diaspora, das wäre schon beinahe die Ueberwindung der Diaspora innerhalb ihrer selbst, eine unmögliche, utopische Aufgabe. So wird denn aus dem Streite beider Gruppen sich als der empfehlenswerte richtige Typus einer jüdischen BolPschule die Schule ergeben, in der das Jiddische die Unterrichtssprache bildet, das Hebräische aber in der ausgiebigsten Weise gelehrt wird, in einem Maße, das die Kinder zur völligen Beherrschung der Sprache heranbildet. Leider nimmt eine große Gruppe der osteuropäischen Jüdenheit an all diesen Erörterungen über die neue jüdische Volksschule keinerlei Anteil; gerade die Gruppe, die mit am Meisten dazu berufen wäre: die Orthodoxie Den gesetzestreuen Juden erfaßt jedesmal ein Jammer, wenn er seinen Blick auf die osteuropäische Orthodoxie richtet. Ein machtvoller Organisnüls, noch reich an innerer Energie, an idealer Gesinnung und Aufopferungsfähigkeit, befindet sie sich trotz alledeni im Zustande todesähnlicher Apathie, schließt die Augen vor allen Zeichen der Zeit, sieht ihre Jugend ihr untreu werden, ohne aus Abhilfe zu sinnen,, sieht sich von Tag zu Tag schwächer» ioerden und glaubt ihre Pflicht erfüllt zu haben, wenn sie klagt und jammert. Wer dies sieht, muß dann stets an ein ähnliches Bild denken, das sich vor etwa einem Jahrhundert bot. Damals war es die westeuropäische Orthodoxie, die in diesem Zustand ' sich befand; auch damals verbanden sich alle Mächte der Zeit zum Zerstörungswerk gegen die Orthodoxie, auch damals entführten Assimilation und Abfall ihr ihre Söhne und Töchter, und auch damals wußte sie nichts besseres zu tun, als sich hartnäckig gegen alle positive Abhilsearbeit zu wehren und zu jammern und klagen. Und das Resultat? Die Assimilation trat ihren Siegeszug. an, sie eroberte die Macht innerhalb der Gemeinden, reformierte die Synagogen, ertötete alles bewußt Jüdische, und als endlich, aufgerüttelt durch das furchtbare Werk der Zerstörung, die Orthodoxie auswachte, da war es zu spät, da mußte sie' froh sein, noch den Rest der ihr Treugebliebenen sich zu erhalten, an eine Rückgewinnung der ihr Entfremdeten war nicht mehr zu denken. Dieses Schicksal der westeuropäischen Orthodoxie im 19. Jahrhundert, sollte map meinen, müßte der osteuropäischen von heute zur Mahnung und Warnung dienen. Allein diese will keine Belehrung annehmen. Alle Versuche, sie zu positivem Tun zu bewegen, sind bislang gescheitert, der Appell zur Mitarbeit ist bei ihr wirkungslos verklungen, und so steht sie, an Zahl und an innerer Kraft gewiß noch immer die stärkste Gruppe des osteuropäischen Judentums, abseits von allen großen Ereignissen der jüdischen Gegenwart, und was an Bedeutungsvollem im innerjüdischen Leben Osteuropas sich auch abspielt, es geschieht ohne die Orthodoxie und' deshalb meist auch gegen sie. Es ist nun gerade im vergangenen Jahre mit großer Energie der Versuch unternommen worden, diesem Zustand der Apathie, in dem die osteuropäische Orthodoxie sich befindet, ein Ende zu bereiten; in der Agudas-Jisroel sollte die große orthodoxe Organisation geschaffen werden, die vor allem auch die osteuropäische Orthodoxie zur Positiven Arbeit ausrütteln sollte. Der Krieg, der in so vielen Bestrebungen eine plötzliche Stockung hat eintreten lassen, hat auch diesen Versuch zum Stillstand gebracht,, leider gerade einige Wochen, bevor der erste konstituierende Kongreß stattfinden sollte. Und so wird, man denn jetzt mit einenr endgültigen Urteil Wer den. Erfolg der Agudas-Jisroel noch zurückhalten müssen. Ueber die ewigen inneren Streitigsten. und Jnkriguen, die die Entwicklung der Agudas-Jisroel bisher so stark gehemmt haben und alle in der Familie

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