Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 12 (1914)
- Issue
- Heft 37 (18.9.1914)
- Date
- 1914-09-18
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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% Seit« 2. So sind auch die Perspektiven, die der Krieg für die österreichische Judenheit eröffnet, durchaus günstige; und lvcnn ihre bisherige Sage auch keine gerade ungünstige war, eine erhebliche Besserung würde ihr dennoch not tun; .diese erhebliche Besserung dürfen wir als eines der vielen Ergebnisse des Krieges erhoffen. Erheblich ungünstiger und unerfreulicher gestaltet sich, das Bild der Lage der Balkanjudemheit während des vergangenen Jahres. Es stand noch ganz unter dem Zeichen der furchtbaren Nachwirkungen des Balkankriegcs. Die Wirren dieses Krieges, der mit seiner brutalen Art der Kriegsführung unzählige Menschenleben vernichtet, unzählige Existenzen aber, die nicht in den Krieg gezogen, zugrunde gerichtet hat, hatten der Judenheit des Balkans schon im vorvergangcnen Jahre tiefe Wunden geschlagen. '.Diese Wunden sind für sie umso schmerzlicher, als sie — wie es sich in diesem Jahre zeigte — von den Ergebnissen des Krieges im allgemeinen nicht nur keinen Nutzen gezogen, sie vielmehr durch die Neugestaltung .der Verhältnisse nur gelitten hat. Die rumänischen Juden, die in so großer Zahl in den Krieg für ihr undankbares Vaterland gezogen waren, sind wiederum um -ihre Rechte betrogen worden, und die rohe antisemitische Bewegung hat in Rumänien jeit dem Kriege eher zw als abgenorttmen. Geradezu furchtbar aber ist das Los der Judenheit Mazedoniens, vor allem Salonikis. Ein Jammer ergreift einen^ wenn man lieft, in welchem Verfall pnd Elend sich die jüdische, feit Jahrhunderten berühmte und Machtvolle Gemeinde Salonikis gegenwärtig befindet. Ob das kämmende Jähr, ob der Krieg den Juden des Balkans eine Besserung ihrer Lage bringen wird, läßt sich, noch nicht erkennen. Gerade die Gestaltung der Verhältnisse auf dem Bülkau wird ja nach' dem Kriege eines der wichtigsten und schwierigsten Probleme bilden; wie sie sich vollziehen wird, laßt sich jetzt nicht überblicken. Und so muß man sich für unsere Brüder auf dem Balkan allein mit der Hoffnung begnügen, daß. auch für sie die kommende Zeit eine erfreulicheBessergestaüung chrcr Situation bewirken wird, auch sie sich auf das Ergebnis dieses Krieges, von dem wir alle Günstiges und Gutes erhoffen, werden freuen dürfen. A«S de» Eretgniffeu des TageS. Lu« Rasch - haschonohfeste. Wenig tiefere und schwierigere Probleme bietet das Leben dem Menschengeiste dar als das Problem des Schicksals. Unser aller Leben wird von Brächten beherrscht, deren Gestaltung und Wirkungsweise völlig unabhängig ist von unserem Tun und Lassen; und so war es naturgemäß eine der ersten Fragen, auf die der Menschcngeist in seiner Entwicklung stieß, welcher Art wohl diese Mächte seien, die unser Geschick beschirmen, woher sie kämen und wer. sie leitete. Es ist begreiflich, daß die Antwort auf diese Frage entscheidend sein nnch für das ganze Denken eines Menschen öder Volkes. Je nachdem man diese Mächte als blind waltende öder vernünftig geleitete, als böse öder gute, ansieht, gelangt man zu einer fatalistischen oder rationalen, einer pessimistischen oder optimistischen Weltanschauung. Wir wissen es ja, daß. beispielsweise der in seinem Grunde tief tragische Charakter des Griechentums, jener, der dieLroße antike Tragödie geschaffen hat, nur die Folge der Eigentümlichen Art ist, in der es das Schicksalsproblem gelöst hat. Dem Griechen war das Schicksal eine blind waltende Macht, gegen deren Spruch auch die Götter nichts vermochten. Ueber Zeus stand Ananke, und was die Moiren bestimmten, vermochte der Olymp nicht zu ändern. Eine ähnliche tragische Lösung des Schicksalsprobleins sehen wir bei vielen anderen großen Völkern der Geschichte. Die Römer kannten ihre Parzen, die germanische Mythologie erzählt von dem Walten der Schicksalsrunen, und ähnliche Vorstellungen 'beherrschen das Denken der meisten Nationen. Schier alle antiken Religionen glaubten an die unentrinnbare Macht des blind waltenden Fatums, und selbst das Christentum konnte sich von diesem Glauben, 'der letzten Endes alle Sittlichkeit negiert,, nicht befreien. Stellt doch schon Paulus die Lehre von der Erbsünde aus, Frankfurter Israelitisches FmMieriKakt. bildet ,doch bei Augustinus dieser Wedemke! den Mittelpunkt seines gesamten philosophischen Systems, und beruhen doch viele bedeutende Strömungen innerhalb der. christlichen Kirche — man denke vor allem an den Calvinismüs — auf ßer Lehre von der Gnadenwahl, die ja im Grunde genommen nichts anderes ist als eine Form des antiken Schicksalsglaubens. Wir Juden haben diesen Glauben nie gekannt. Unser Judentum weiß nichts von einem blinden Fatum, und die Vorstellungen her Parzen sind unserer Sagenwelt vollständig fremd. Man kann darin in einem gewissen Sinne den 'tiefsten Zug des jüdischen Volkes wie des Judentums' erblicken, den Grund für unsere ewige Existenz. Ahasver ist die verkörperte Negation jedes Schicksalsglaubens. An die Stelle des Schicksals 'setzen wir die'Gottheit; nicht das Fatum beherrscht die Welt, sondern die Gerechttgkeit; Ananke ist entthront, und die Welt erhält einen Sinn. And welche Gefahren auch immer diesem tief jüdischen Glauben an die Vernünftigkeit und Gerechtigkeit des Lebens im Laufe der Geschichte des jüdischen Geistes erwachsen sind, wir sind ihnen nie erlegen. Koheleth und Hiob zeugen davon, wie schwer wir um diesen unseren Glauben gerungen haben. Die Schluß,verse Koheleths und die Schlußkapitel Hiobs beweisen aber, wie endgültig unser Glaube in diesem Ringen gesiegt hat. Und,so sehr wir in unserer zweitausendjährigen Galuthgeschichte 'Grund gehabt haben, diesen 'Glauben zu verlieren und an 'der Gerechtigkeit des Daseins zu verzweifeln, wir haben es nie getan. Im Gegenteil. Le' ungerechter uns unser Schicksal drückte, umso inniger ward unser Glaube an die endgülttge Gerechtigkeit, denn in ihm fanden wir den Trost für unsere Leiden, aus ihm schöpften wir die Kraft, unser Los zu ertragen. Das jüdische Rosch-haschonoh zusammen mtt dem Jom 'hakkippürim, — der ja mit ihm eng verbunden ist—hat diesen Gerechtigkeitsglauben zu seinem tiefsten geistigen Inhalt. Zu keiner Zett ist ja der Mensch geneigter, disponierter, über das Schicksal zu sinnen, als gerade an der. Wende des Jahres. An diesem Tage, da ein kleiner Abschnitt seines Lebens zu Ende geht Und ein neuer s beginnt, fühlt er das Bedürfnis, über .sich nach-, zudenken, über sein vergangenes Leben Rechen-; schaft abzulegen und über sein zukünftiges Dasein! zu sinnen. So aber ist er genötigt, über das Schicksalsproblem zu mediüeren; denn in welchen■ Abschnitt seines Lebens er auch schaut, überall trifft er auf das Walten der Schicksalsmächte, und er kann nicht über sein Leben im klaren sein, ohne das Schicksalsproblem zu beantworten. Jedes Jahr am Rosch-haschonoh beantworten wir von neuem das Schicksalsproblem!. Und diese Antwort lautet immer wieder: das Schicksal wird von Gott bestimmt; also ist Gerechttgkeit sein Inhalt, also ist Vernünftigkeit sein SiNn. Ml unser Flehen um ein gutes Jahr, um Gesundheit, Erfolg, Ehre. Glück hätte' ja keinen Sinn, wenn nicht eben das Schicksock in Gottes Hand wäre, und er in Gerechtigkeit unser Los bestimmte. . Darum gehen wir jedesmal neu gestärkt aus dem Rosch-haschonohfeste hervor. Denn in ihm finden wir unseren Glauben an die Gerechtigkeit in seinem höchsten Ausdruck Und ebenso wie Schicksalsglaube und fatalistische Weltanschauung zur Energielosigkeit,- zu einem passiven HiNnehmen alles dessen, was unser Los mit sich bringt, führt, ebenso muß Gerechttgkeitsglaube und Optimismus den Menschen mit Kraft .erfüllen und befähigen, sein Leben selbst zu formen und zu versuchen. Herr seines Geschicks zu werden. Die vielgerühmte, unvergleichliche Energie; des Juden, seine rastlose Aktivität, seine nie erlöschende Widerstandskraft gegen ein schlechtes Geschick, seine Fähigkett, sich von jedem Falle neu zu erheben, all dies ist nur die Wirkung — vielleicht auch die Ursache? — unseres Gerechtigkeitsglaübens. Selten haben wir dieses Glaubens mehr 'bedurft als an diesem Rosch-haschonohfeste. Denn selten hat sich jeder einzelne unter uns in größerer Not.befunden Ms jetzt. Unser Teuerstes haben wir hingeben müssen für den uns aüfgezwungenen Kampf, unsere Väter, Söhne und Brüder stehen draußen im mörderischen Krieg. 'Jedem Jann zÄe Stunde das furchtbarste Los bescheiden; Kinder wissen heute nicht, ob .sie nicht mvrgen Waisen, Nr. 37. Frauen wissen jetzt nicht, ob sie nicht bald Witwe! werden, und Eltern Muffen beben, daß. sie morge! nicht Kinderlose werden. Jeder Tag entscheidet.übe das Schicksal Tausender, und so sehr wir von Hoff nung und Zuversicht erfüllt sind, so ist . doch di Zukunft grauer xind verschleierter als je. Zl diesen Zeiten empfindet ein jeder das tiefste A dürfnis nach dem Glauben an die Gerechtigke! und Vernünftigkeit des Daseins. Wo das Schicha des einzelnen so schwankend ist wie jetzt, da ve! mag nur die unerschütterliche Ueberzeugung da dem Sinne und dem Werte dieses Daseins ü6e| Haupt uns noch aufrecht zu halten. So wird uns dieses Rosch-haschonohfest von ü| sonderer Bedeutung. Kraft wird es uns geben m Mut, mtt Zuversicht wird es uns erfüllen m mit Hoffnung. Gestärkt iverden wir unsere Synagj gen verlassen, gestärkt und gefeit durch unser« ewig alten, ewig jungen, unvergänglichen Glaf ben an die Gerechtigkeit der Welt, an die Beruüi tigkeit des Lebens. Und mögen uns dann ai Schicksalsschläge treffen, wir werden klagen, al nicht verzweifeln, wir werden bittere Tränen v Gott weinen, aber den Glauben an Ihn nicht ve lieren, vielmehr nur durch jeden Schlag und je Wunde nur noch in unserem Glauben 6efefti| werden: „Was Gott tut, ist wvhlgetan/ Nr. 37 David Wolfisohu. Mitten in die Wirren und die Schwere Zeit kommt, die erschütternde Kunde von dem leben David Wolffsohns. Der Name und die deutung Wolffsohns ist der gesamten Judenheit sehr bekannt, als daß es noch einer Darlegr dessen bedürfte, was .sein Tod für uns bedeut! Der Zionismus verliert in ihm seine überragen^ Persönlichkeit, seinen autoritattvsten Führer, zeitgenöffische Judenheit einen ihrer gröjjlj Männer. Daß dieser von rastloser Tatkraft füllte Mann im Alter von 59 Jahren sterben mutz ist ein unsagbar tragisches Geschick tfo ihn ih für uns. Daß er gerade in. diesen Monaten den mußte, da die Wirren der Zeit es unMögls machen, unserem Schmerze über seinen Verluste gebührenden Ausdruck zu verleihen, erhöht noch! Tragik .seines Schicksals. Erschüttert steht die I nistische Beroegung an der Bahre ihres Meist» klagend steht das gesamte jüdische Volk am Gus eines seiner größten Söhne. sehensten! Minister vo Es f tarn Juden des Landw aller Mi Zuchödol i jo glücklich seine befest sofort zum sien Tage barsten Fe: fünf- bis lich festen später füh daß er wc trug. Wei einer Wal die den vl fallen wol stürmte ar und tötete stich. Die macht, die gegen ein« teilungen befahl er 10 Mann er die Ml und nähr zum.Feld! Zeichnung lich ist. ' Es Leutnant: und Oberl zieren vex l e s, Adt Roubits Auwol, L Großindus Eck David Wolfssohn verschied Dienstag, den 15. SI tember in einem Sanatorium zu Homburg an einem all Herzleiden. Un seinem Totenbette waren die jünsf Tochter Herzls, Trude, sowie ein Nesse Wolffsohns. seinem Testament hat ..der Verstorbene bestimmt, sein Leichnam sowie der seiner vor etwa 2 Jahl verschiedenen Frau, sobald es Möglich ist, nach Paläst» überführt werden. Dies wird naturgemäß sofort nf dem Ende des Krieges geschehen. Zu Testamentsvollstreä» hat Wolffsohn seine Freunde Jakobus Kann- Haag, I Kazenelnsohn-Libau und Rechtsanwalt Dr. z y n s k i - Berlin bestimmt. Wie unerwartet der Tod den großen zionistiÄ Führer überrascht hat, ersieht man daraus, daß 1 seinen Papieren eine Son ihm entworfene Zcichm einer .Billa gefunden! wurde, die er in Jaffa, wol er bald Lberzusiedeln gedachte, hatte bauen wollen. Sr hat der Tod all seinen Plänen und seinem Wirken f jähes Ende bereitet. ■ Wir werden in der nächsten Woche eine eingehcj Würdigung seiner.Persönlichkeit bringen./ Brief aus Oesterreich. In Ostgalizicn hat der Einbruch Russen die Juden am schwersten betro s e n. Die meisten Juden sind unter Zurücklasm von Hab' und Gut geflüchtet, zum geringen 3l nach, Mähren und nach Schlesien, die anderen^ Wien. In der Millionenstadt Wien sind sie i furchtbarsten Elend preisgegeben. Selbst die Galizien reiche Leute waren, sie haben häufig! Wien lein Obdach und kein Brot. ' Hoffentlich hat sich inzwischen die dringe» Hilfe, die für Obdach und Brot, in ausreichenil Maße eingestellt. „Der Hilfsverein für die j] Bevölkerung Galiziens" hat bereits 50,000 für Verpflegung und Unterbringung der Fls linge bestimmt, „Der Verband der östlichen J»I in Wien" hat ebenfalls ein Hilfswerk ttr Angs genommen. Auch hat' eine Abordnung der a« Als! vom Preus sechs Rabb der Berlin Dr. Salz von der I vom Schö und Dr. Berlin-Cha Die j gegenüber mit vollei manche S liche Opfer zu den I Die kl der — 1 Eisenbahn! Wagen in Beifügung durch sein bekanntes Deutsch st a n d e s gebenden 1 ohne die rungsmittl seelsorgerij Herren — »ft genug satteln zu Platz zu Wirken m Die 3 christlichen sonderen ‘ durch die Chi Telef. Ha Kerroi