Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 12 (1914)
- Issue
- Heft 37 (18.9.1914)
- Date
- 1914-09-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die äußere Lage. Nur ungern geht der jüdische Chronist jetzt an :r Wende des jüdischen Jahres daran, einen Rücklick zu tverfen auf das vergangene Jahr und das izit dessen zu ziehen, was es uns Juden gebracht Die unmittelbare Gegenwart, die wir durchjben, ist so groß und gewaltig, daß es schwer illt, auch nur für eine Weile den Blick von ihr izuwenden und in das Vergangene zurückzujwcifen. Denn nichtig und wesenlos erscheint uns Gewesene gegenüber der schicksalsehernen Gellt des Gegenwärtigen. Wir wissen es, daß ieder eine Zeit gekommen ist, da das Schicksal Mittelbar zu uns zu sprechen, da es mit mächzer Hand die Verhältnisse der Menschen neu zu ldnen begonnen hat. Und so schauen wir alle ir vor innerer Spannung bebend in die Zukunft id harren zitternd dessen, was sie uns bringen lird. Was soll uns da das Vergangene, das gestrige? Der ruhige Lauf der Entwicklung, da Heute von Gestern bekannt wird, ist unterjochen, nicht mehr die langsam und stetig wir- Inden Gesetze der Geschichte, sondern allein die imittelbaren Taten und Entscheidungen bestimmen >t das Geschick der Menschen? Mas soll uns Vergangene, wo wir doch wissen, daß eine :ue Epoche jetzt begonnen hat? Und dennoch, trotzdem oder richtiger noch :ade deswegen tut uns ein Rückblick auf das vermgene Fahr jetzt doppelt not. Gerade wenn ein lensch oder ein Volk.sich anschickt, in eine neue >oche seines Lebens zu treten, soll er nochmals |e alte an sich vorüberziehen lassen, soll er die ilanz der beendigten Epoche noch einmal ziehen, enn nur so kann er den Maßstab zur Beurteilung ssen gewinnen, was ihm die neue Zeit, die neue jegelung seiner Verhältnisse bringt. Auch für >s Juden — wir erhoffen es alle — wird diese it eine große Umwälzung unserer Lage bewirken.!enn wieder die goldene Morgenröte des kommLnn Friedens aufgehen wird, wird fie vermutlich p jüdische Volk in einer neuen Situation finden, von der vor dem Kriege radikal verschieden wird. Und so ist es notwendig, noch einmal rse alte bisherige Situation zu überblicken und ihr den Wertmesser zu gewinnen zur Bewertung Ir neuen Läge, die uns diese Monate bringen :rden. Den Ueberblick über das vergangene Fahr iß der jüdische Chronist stets mit Rußland fginnen. Darin dokumentiert sich bereits das lentliche Charakteristikum der bisherigen Lage lsercs Volkes. Im Barbarenstaate des Zarismus ^machtet, noch immer nahezu die Hälfte des gelten jüdischen Volkes. Und keine wertvollere isfnung knüpfen wir Juden an diesen Weltkrieg. daß er gerade in dieser Hinsicht eine völlige Schiebung der Situation bewirken wird; der stonist aber, der jetzt sich der schmerzvollen lsgabe unterzieht, die furchtbare Lage der rnssi- («t Juden zu schildern, findet seinen stärksten ^ost in der Ertvartung, daß er um die Wende ' nächsten Jahres, wenn er die Chronik des )res 4675 ^schreiben wird, nicht.mehr wird gefügt sein, seine Darstellung mit der Lage der >den in Rußland zu beginnen. Für die. Gestaltung der äußeren Lage der fischen Judenlheit hat das vergangene >hr wenig wesentlich Neuartiges gebracht. Bielfhr hat die bisher bereits bestehende Tendenz. ihren weiteren Lauf genommen. In dieser Feststellung ist schon das ganze furchtbare Los unserer Brüder in Rußland gekennzeichnet. Denn man weiß, daß ihre Situation bereits in dem vorvergangenen und den letzten Jahren überhaupt eine derartige geworden war, daß eine Verschlimmerung nur kaum möglich, daß aber eine weitere Fortexistenz der Juden unter solchen Verhältnissen fiir die Dauer ebenfalls nur kaum Möglich war. Die politische Entrechtung der schlimmsten Art, die kulturelle Unterdrückung durch die Sperrung aller Bildungsstätten, die wirtschaftliche Erdrosselung durch eine große Zahl niederträchtiger und raffinierter Ausnahmegesetze, und endlich der brutale Eingriff in das innerjüdische geistige Leben .und der Versuch, es zu töten, all dies machte die Lage der russischen Jüdenheit zu einer solchen, wie sie furchtbarer nicht in den ^finstersten Zeiten des Mittelalters gewesen war. Sofern noch überhaupt eine Verschlechterung dieser Lage möglich war. die russische Regierung hat sie im vergangenen Jahre herbeigeführt. Immer neue Schikanen und Ausnahmegesetze, eine immer brutaler werdende Entrechtung und Mißhandlung durch die Behörden, die immer aussichtsloser und ^raffinierter werdende Methode wirtschaftlicher Aushungerung haben schier alle Lücken, die noch im Unterdrückungssystem bestanden haben, beseitigt. Und in konsequenter Steigerung ihrer Methode griff schließlich die russische Regierung noch zu dem letzten und niederträchtigsten Mittel der Judenverfolgung, zu dem ewig alten, ewig neuen Blutmärchen. All jenen, die noch' immer in Rußland einen Kulturstaat sehen wollten, hat der BeilisProzeß mit unbarmherziger Wahrheit das wirkliche Bild des moskowitischen Barbarenstaates enthüllt; all jenen.aber, die noch Hoffnungen hegten auf eine Besserung per Lage, die noch in Rußland selbst die Keime der Befreiung, die Sprossen der Erlösung sehen wollten, hat dieser in seiner zynischen Verlogenheit in der Justizgeschichte einzig dastehende Kiewer Ritualmordprozeß wohl diese Illusionen 'für immer endgültig vernichtet. So stand die russische Jüdenheit, so standen mit ihr alle die, .die ihr Los und Schicksal näher berührt, vor der furchtbaren Frage, was es nun werden soll. Eine Fortexistenz unter solchen Verhältnissen schien unmöglich. Schon schickte sich die Regierung an, auch noch die letzten kümmerlichen wirtschaftlichen Existenzmöglichkeiten, die bestanden, zu beseitigen; alle Aktiengesellschaften sollten judenrein genlacht, der Kredit sollte nationalisiert, kurz jegliche Möglichkeit, zu Wohlstand zu gelangen, ja nur eine auskömmliche.Existenz sich zu gründen, sollte der russischen Jüdenheit genommen werden, »und schaudernd fragten wir uns alle: Was nun? Die Emigrationsländer sperrten ihre Tore in immer steigendem Maße, an eine Massenauswanderung nach Palästina war nicht zu bei ken, woher sollte die Hilfe, die Erlösung für diese sechs Millionen unserer Brüder komMeü? Mutlos ur.d verzweifelt blickten wir alle in eine uns furchtbar dankende Zukunft. „Allein es schläft uüd schlummert nicht der Hüter Israels". Immer wieder werden wir an dieses große, herrliche Wortr erinnnert, wenn wir bedenken, was der Weltkrieg "für die russische Jüdenheit bedeutet. Die Hoffnung auf Erlösung und Errettung aus einer Lage, für die wir keine Besserung erwarten konnten, hat er ihnen gebracht, und die Aussicht auf eine Zukunft,' wie sie der kühnste Optimist nicht hätte erhoffen dürfen, hat er ihnen eröffnet. Welche Wandlung 'in der Lage der russischen Jüdenheit mich immer dieser Kriep bringen mag, sie wird ihr nur von Vorteil sein können. Die Betrachtung dessen, was das vergangene Jahr der russischen Jüdenheit gebracht hat, läßt uns erst — vom jüdischen Gesichtspunkt gesehen — die volle Bedeutung dieses Krieges erkennen und erfüllt uns mit den schönsten Hoffnungen fiir die Zeit des kommenden Friedens. Ueberschreitet man jene Grenze Rußlands, aus der in diesen Wochen die furchtbarsten Kämpfe stattgefunden haben, und gelangt nach Oesterreich-Ungarn, so wird das Bild, das sich bietet, ein völlig anderes. Wie immer auch im einzelnen die Lage der österreichischen Jüdenheit ist, eins — das Wesentliche — ist ihr doch gesichert: ihre politische Gleichberechtigung. Diese Gleichberechtigung, die in Oesterreich teilweise praktisch noch konsequenter durchgeführt ist als selbst in unserem Vaterlande — befindet.sich doch jetzt unter den Fahnen der österreichischen Armee ein jüdischer Feldmarschalleutnant —, gibt der österreichischen Juvenheit die Möglichkeit, ihre nationalen Rechte und Forderungen mit allen Mitteln des politischen Kampfes zu vertreten. Wenn dieser Kampf um die nationalen Rechte, . der in dem Nationalitätenstaate Oesterreich notwendiger ist als in jedem anderen, von jber österreichischen Judenheit noch nicht mit der ganzen erforderlichen Kraft geführt wird, so trägt die Schuld daran einzig und allein nur ihre innere Lage. Leider ist diese noch keine solche, daß die gesamte österreichische Jüdenheit bereits das Verständnis ftir ihre nationalen Rechte, für ihre nationale Politik gewonnen hätte. "Und so sind denn im Streite der Nationalitäten die Juden 'hintenangeblieben, 'sowohl in Böhmen wie in Galizien. Allein, wenn auch vom Standpunkt einer nationaljüdischen Politik die politische Situation der Jüdenheit Oesterreichs noch viel zu wünschen übrig läßt, so ist sie doch — nur unter dem Gesichtswinkel ihrer staatsbürgerlichen Gleichberechtigung gesehen — im allgemeinen eine zuftiedenstellende. Die politische Gleichberechtigung gibt aber den Juden Oesterreichs auch die Möglichkeit zur vollen wirtschaftlichen Entfaltung. So ist denn die wirtschaftliche Lage der Juden in den meisten österreichischen Provinzen eine zuftiedenstellende zu nennen, und nur wenige Provinzen bilden davon eine Ausnahme. Leider gehört die Provinz, in der das Gros der österreichischen Juden wohnt, Galizien, zu den Ausnahmen. .Eine fudenfeindliche Gesetzgebung hat viele jüd. Existenzen 'Galiziens vernichtet und erschwert ihre Lage ungemein. Aber die Schuld daran trägt weniger die österreichische Zentralregierung als vielmehr die polnische Landesregierung. Es ist zu hoffen, daß auch in dieser Hinsicht der Krieg eine günstige Aenderung der Verhältnisse bringen wird. Mit höchster Begeisterung ziehen jetzt die Juden Oesterreichs in den Kampf für ihr Vaterland. Niemand leidet mehr durch den Krieg als gerade die Juden Galiziens. Es wird' nur selbstverständlich sein, daß Oesterreich seinen Juden in Zukunft auch national größere Rechte gewähren wird. Hinzu aber kommt noch die keineswegs unbegründete Hoffnung, daß ein siegreiches Oesterreich um erne große Zahl neuer jüdischer Untertanen reicher aus dem Kriege hervorgehen wird. Wird aber die österreichische Jüdenheit an Zahl wachsen, so wird aber damit auch naturgemäß ihre politische Macht zunehmen.