Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 12 (1914)
- Issue
- Heft 35 (4.9.1914)
- Date
- 1914-09-04
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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fett» s. ««» De« EreigRtfie« De» r«»e». Tte «•UMtttit* ,,vu'ih' otIjifdjo Tal wird aus dir Tragik geboren". imfle einmal Schleiermalfer. Mit diesem ««edauden dal er den tiefsten Inhalt und den höchsten 3i»n altes fittlirtKn Tuns trcf^ send charakterisiert Tie Handlungen sind, ethisch gemessen, die am uKitißft n>ertvollen, die van klaren, unztvcideutigen Poüulaten gefordert werden. Das große, bedeutsame ethische handeln fließt vielmehr stets aus einem inneren Konflikte; nur wo ctn innerer Widerstreit der Pflichten vorhanden ist. da liegt eiue tief ethische Tat vor. Sittlich sein im höchsten Zinne dieses Wortes bedeutet eben: rvählen und sich entscheiden. Hub je schmieriger die Wahl, umso höher zu bewerten ist die Entscheidung. Wo nur das Gute mit dem Bösen streitet, wo das moralische Prinzip gegen das unmoralische kiinlpst, da kann die Wahl dem sittlichen Menschen nicht schwer fallen. Hier die Entscheidung zu treffen, heißt nur die elementaren Voraussetzungen aller Sittlichkeit erfüllen. Mo aber Gutes gegen Gutes, ein sittliches Postulat gegen ein anderes, rvo Pflicht gegen Pflicht streitet, da wird die Wahl zum Konflikt und die Entsclp'idung zur hohen sittlichen Tat. So rvird uns der Satz Schlciermachers verständlich: die Sphäre 6er -ochsten Sittlichkeit ist die Welt de- Tragischen. Der jetzige Weltkrieg bedeutkt fast für jedermann eine Stunde erhöhten sittlichen Tuns; Taufende uud Abertausende von Menschen, an die sonst, in de« ruhigen Tahinfliesten des friedlichen Alltags, der Riff hoher ethischer Postulate gar nicht dringt, sind jetzt zu inneren Entscheidungen, zu sittliche« Tun gewissrrmasten gezwungen. Denn Opfer dringen, heißt jetzt das Gebot der Zeit, und vo« den kleinsten materiellen Gaben zur Unterstützung Leidender bis zum höchsten Opfer, da der Soldat sein Leben für Heim und Fami- 4*. für Staat und Vaterland herzugeben bereit ist, jeder muh jetzt Opfer bringen und jeder bringt sie freudig dar.; v Und so ist cs klar, daß diese Zeit gesteigerten sittlichen> Handelns auch eine Heit schwerer innerer Entfchcidungcn ist. Die meisten von ■tuk toerbtn iurdj den Krieg in Konflifle tiefster Art gebest> werden, und jedermann ist gezwnngen, Entscheidungen zu treffen. Männer, denen das Fricdensideal das heiligste aller Ideale ist, denen der Krieg ein Verbrechen bedeutet, ziehen jetzt begeistert in den Stamtf. Solche, die KkchleberÄ für Eintracht und Solidarität, für Menschenliebe und Völkerverbrüderung gewirkt haben, sie setzen nun all ihre Kraft ein für diesen Krieg, der Zwietracht und .Hast schaffen wird z-vischeu den Nationen für Jahrzehnte hinaus. Wie vielen, die teure Freunde, treue Mitkämpfer für gsnrinfamie Ideale in den Feindesländern haben, «ag es tik furchtbarer Gedanke gewesen sein, in einen Kaschs zu gehen, in dem sie sich feindlich gegenüberlreren müssen. Und solcher inneren Kämpfe gab es und gibt es für uns in diesen Tagen überall. Bon Entscheidung zu Entscheidung, von Entschluß, zu Entschluß müssen wir eilen, und gar mancher Willensschwäche und Entschlußunfähige mag aus dieser eisernen Zeit als ein innerlich Gebrochener hervorgehen. Keine Menschengruppe ober vielleicht unter all den Millionen der an diesem Kriege Beteiligten wurde durch ihn vor solch schwere Entscheidungen, vor solch tragische Konflikte gestellt als wir Juden. Tragik und Disharmonie ist ja auch in sonnigen Friedenszellen das Geschick des jüdischen Lebens, und Konflikte bleiben uns ja auch in ruhigen Tagen nicht erspart. So ist es nur natürlich, daß diese für alle so schroeren, konfliktreichen Zeilen uns ganz besonders schwer treffen mußten und Anforderungen an und stelle ren, die nur ein Volk, das zweitausend Jahre lang m tragischen Konflikten gelebt hat, erfüllen kann, ohne an seiner Seele und seiner inneren Kraft Schaden zu nehmen. Ueber alle Länder hin find wir zerstreut; in Ost und West, in Nord und Süd wohnen Teile unseres Volkes, undwas eint und bindet, ist daS unzertrennliche Band der jüdischen Solidarität. Diese jüdische Solldarltä!, wir pflegten sie feit Jahrhunderten als das Heiligste, lvas wir besitzen; denn nir i\ lM’h’it: schwändet unsere Ein- Frankfurter Israelitisches Faneilienslatt _ beit, so fällt die Grundlage unserer nationalen Existenz: ohne unsere jüdische Solidanrät fnn Judentum, kein Indenvotl. Und gerade in den letzten Jahren wuchs diese Erkenntnis in unseren Reihen in immer steigendem Maße: der danke der jüdischen Solidarität ergriff immer tveitere Kreise des modernen Judentums; nur mit Recht erblickten wir darin einen Beweis der fort schreitenden Regeneration unseres Volkes. Da kaut der Kiieg. llrrd rnit ihm kam das Gebot für alle, von mm an bis znm Frieden nur eins zu fein: Staatsbürger, Diener und ~ Verteidiger unseres Vaterlandes. Ob Jude, ob Nichtjude, ob konservativ oder liberal, ob (belehrter oder Bauer, für alle sprach unser Kaiser das entscheidende Wort: „Jetzt kenne ich nur Deutsche?" Und wir ziehen in den Krieg, in den Kainpf gegen das Land, das Millionen unserer Brüder zu seinen Bürgern zählt. Welch tieferen Konflikt mag es geben, als diesen, .für eine Weile das jüdische Solidaritätsgefühl &u überwindet», selbst nichts zu fein als Deutsche, in unseren E-egnern nichts zu sehen als Russen? Dieser Konflikt, der für uns deutsche Juden gemildert wird durch eine immerhin noch bestehende Entfremdung, die zwischen uns und unseren Brüdernin Rußland herrscht, nimmt die schärfste und härteste Form an für die österreichische, vor allem die galizischc Iudenheit. Es liegt eine historische Tragik allertiefster Art in der Tatsache, daß in diesen Tagen Tausende von galizischen Juden in mörderischem Kampfe stehen gegen das russische Heer, in dem vielleicht nicht weniger russisch-polnische Juden stehen, die doch mit ihren Brüdern in Galizien kulturell, geistig in ihrer Welt- und Lebrnsauffaflung eine unzertrennliche Gemeinschaft bilden. Die zwei größten jüdischen Zentren der Welt stehen im Kampfe miteinander, es gibt wenig Ereignisse in unserer tragödienreichen Geschichte, die in so furchtbarer Weise wie diese die ganze Tragik und Anomalie unseres Daseins uns vor Augen führt. Und diese Tragik nimmt - wie schier alle ticjfie Tragik — eine schon an das Tragikomische grenzende Form an, wenn man sich bewußt wird, daß ja in .bent Grunde des Herzens die russischen Juden auf der Seite ihrer Brüder in Deutschland und Oesterreich stehen, und diese ja diesen Krieg als den Befreiungskampf ihrer Volksgenossen in Rußland betrachten. Man lese den begeisterten, glühenden Ausruf der gallischen Zionisten: Wir ziehen in den Kamps - heißt es 8a — für Oesterreich- Ehre, aber amt) für die Befreiung unserer Brüder in Rußland von der Knute des Zarismus. Um ihre Brüder in Rußland atts ihrer Not zu erretten, stehen galizischc Juden in der Fxont und schießen aus die russische Kampflinie, in der Hunderte eben dieser Brüder stehen!; man möchte die Hände zusammenschlagen und se . Haupt verhüllen ob all der unerträglichen, grausamen Ironie, tüe in dieser Vorstellung liegt. Und doch: wir dürfen uns nicht diesen Vorstellungen und diesen Gedanken verschließen» Nichts zu denken und mechanisch seine Aufgabe erfüllen, ist sittlicher Naturen unwürdig. Große Zeiten fordern bewußte Männer, und so schwer es sein mag, die Konflikte, in die uns dieser Krieg hineintreibt, müssen ganz ertragen, ihre Qualen durchkostet und die Entscheidung mmß bewußt getroffen werden. Denn nur so vermag die Gefahr, die aus diesen Konflikten für uns erstehen mag, abgewandt werden: daß nämlich die jüdische Solidarität durch diesen Krieg in Brüche ginge oder auch nur ^Schaden litte. Wir ziehen in diesen Stieg als Söhne unseres Vaterlandes, als Bürger unseres Staates. Unser Judentum und unsere jüdischen Empfindungen dürfen durch ihn in keinerlei Weise gewandelt werden. Ob Deutsche oder Engländer, ob Oesterreicher oder Russen, über alledem sind nnr doch Juden, und an der Kraft unserer jüdischen Solidarität werden selbst die Stürme dieses Weltkrieges wirkungslos nbprallen muffen Diese Aufgabe zu erfüllen, die jüd. Solidarität auch durch die Gefahren dieses Krieges hindurch unversehrt zu bewahren, wird nur durch einen (Gedanken wesentlich erleichtert: durch das Bewußtsein nämlich, daß im Tiefsten ihrer Seele alle Juden der Welt auch in diesem me n s ch e n t r e n n e n den, völkerscheidenden Kriege gemeinsam e m p- Rr. L5. - —-.- ■■ *" ... *1 finden: sic alle stehen im Innern ihre« Hevj Kn* ans der Sette der gerechten Sache, und ota Ris t: aus der Seite Deutschlands. Wir wisse« W von den russischen Juden, nur sehr sie den Sich unserer Waffen erstehen, die Zeitungen melden | aus Amerika, daß dort niemand eifriger W deutsche Sachtvertritt als die osteuropäische Juden, und erst vor wenigen Tatzen ward uns ft» melket, daß der große jüdische Schriftsteller Zangwill in London verhaftet worden ist, mell: er in großen Meetings gegen die Amcilnahm Englands an diesem Kriege ausgetreten ist. Aj ist das auch nur zu natürlich: die große weltge-i schichtlichc Bedeutung dieses Krieges ist die Sr*! nichtung des russischen Barbarenstaates. Wem! aber die Losung heißt: Gegen den Zarismus welcher Jude wäre nicht auf der Seite derer, N£ mit dieser Losung in den Krieg ziehen? So bleibt die innere jüdische Einheit aH in diesem Kriege bewahrt. Und darin dürfen M die sichere Garantie dafür erblicken, baß diese EW hcit, diese jüdische Solidarität auch nach dem Krie« in den goldenen Tagen des kommenden FriedeM ihre unverminderte Kraft bewahren, ja noch « Kraft und Macht gewinnen wird. Rur so im dieser Weltkrieg, von dem wir die Reufundiermü Europas ünd den Triumph europäischer *«&§ über russische Barbarei erwarten, auch für o«f Juden von ungeahntem Nutzen und segensreich^ Bedeutung tverden können. Brief Ml •»»Im*. Oskar Straus, der frühere amerikanische VU schafter ist Konstantinopel, der sich besuchsweise hier hält, äußene sich über oie Flügen des Kriegewie s»M, Das Wichtigste sind die Folgen des Krieges, »8 die dürften der Menschheit ein großes Heil bringM Ta die Böller den Krieg nicht gewollt haben, sondsch nur die herrschenden Kreise, so dürfte durch de» Krdß der Einfluß dieser Kreise zu Gunsten des Gesich^ Volkes gebrochen werden. Die Bereinigung EagßntW und Frankreichs mit Rußland ist das Traurigste « diesem Kriege. Jedenfalls wäre es in diesem AngD blick für England und Frankreich heiligste Pflicht, «ß Rußland eine« Druck anszuüden, daß es allen feiniK Untertanen endlich die Gleichberechtigung gewähre. | Ifraet Zangwill hat in der Times emW Brief veröffentlicht, in dem es u. «. heißt : g! „Das Gerücht, von dem Sie in Ihrer Zeitig Mitteilung machen, daß der Zar plane, den Juden pH littsche und bürgerliche Rechte zu geben, wird, weA es wahr ist, denjenigen eine Beruhigung gewähren. lD mir mir der Meinung fmd, daß die Entente mit SdD lano ein zu hoher Preis war, womit wir die Bkp ficherung gegen die deutsche Gefahr bezahlt haden.^'? Doch scheint Zangwill diese« Gerücht selber nM zu glauben, den« weiterhin schreibt er: „Die rusWßG Juden können erst dann sicher sei», als menschtüH Wesen geachtet zu werden, wenn Rußland seine daltffM Provinzen an Deutschland verliert." Zangwill hat gleichzeitig in London große Protest Versammlungen gegen die Krieg veranstaltet, an dem» viele Tausende teUnahmen. Auch in Leeds griff M in einer großen Protestverfammlnng die Regierung fchaD an und forderte im Namen der Kultur, daß Sngdwsi unverzüglich den Krieg zur Unterstützung Rußlandeü8 stelle. Als Zangwill von diesem Meeting »ach L«bÄ zurückkehrte, wurde er auf Befehl des MinistenupK durch die Polizei verhaftet. 8crfi*c? 8rief. (Kriegsstimmungen und anderes.» „Ein gewaltiges Schicksal bricht über Europa HM rin". Diese «orte unseres ReiMkanzlers zu Begwß der ewig denkwürdigen Tagung des Reichstages v>»^ 4. August bringen klar zum Ausdruck, was in diests schicksalsschwangeren Wochen ganz Europa bewegt. J Als nach tagelangem Bangen am ersten Taga dH August» der Telegraph da» gewichtige Wort „Motttz machung" durch alle deutsche Gaue ttug und sich Berlin selbst die Kunde hiervon mit Mndeseite veilß breitete, war'» uns so. als ob ein harter, fest ff schinirderer Reiß der sich um Stirn und Schlä'e» kqM