Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 12 (1914)
- Issue
- Heft 35 (4.9.1914)
- Date
- 1914-09-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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irankfutlrr UmMslhes inmilir nliliill. Erscbnnt u»ochcnti>ch am Freitag. A,^»pr«4» pra Kikrteliahr: In Frankfurt a. M. Mk. fv« mS HauL. Bei der Post avonniert 90 Pfg., frei ms tar>4 4 Pfg. pro Mcmar mehr. — Bei Zusendung durch trrifbond für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1.50, für ftufelanb I Rudel, für alle ubrtgen Lander Mk. 2.— Einzel - Nummern kosten 10 Pfg. Redaktion nnd Expedition: prsnkkurr *. Itl. r: Cangtftr. 7. Fernsprecher Amt Hansa 2903. Herausgeber: Kalg Heis. I Jnfrrtionaprei» für dte fünfgrsnaltcne Peützcile 2'> Plg., für j die Reklaniezeile Mk. 1. . Bei WredeB.-olnnarn rntsprechntder Rabatt. Stellen - Angebote und -Gesuche. ZÜvhnungtinserate, Herrats-Annoncen l.b Pfg. die sechsge't'ottene Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz- und Tatunr-Vorschrnl obne Berbmdtichkeit. Lnnoncen-Annahm? bei der Lxved. und rn a.Annoncen-Bureaus. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4864. 1%. z«hr»«»A> Kreit«,, Im 18 Ellol 6874 (4. Srptemker 1814) Kr. 35 Der Äritg in ker Anff«ffnn, keS 3mkmt»me. : i. ■ Vom W c j r n de§ Kriege S . Der Krieg, betrachtet als eine der bedr'utfamsten Erscheinungen der raren schlichen (Mschichte, stellt eines der interessantesten und nichtigsten Probleme des sozialen Lebens dar. Ebenso wie im Krieg selbst, in seiner konkreten Wirklichkeit, die heiligsten und wichtigsten Interessen der Wtker aufein auderstoßen, um in ihm ihre gewaltsame Losung zu finden, so bedeutet auch daS Problem des Krieges einen der Brennpunkte des menschlichen Denkens überlmupt; es gehört Pt den wenigen Problemen, deren Auffassung und Lösung entscheidend sind füt M gesamte West- und Lebensanschauung eines Menschen wie eines Volkes. In der Beantwortung der Frage, ob der Krieg als solcher eine notwendige Erscheinung des sozialen Lebens, einen immanenten Beftandterl der menschlichen Geschichte darstellt, oder vielmehr nur das Zeichen einer noch bestehenden Unvollkommenheit der Ordnung unseres Daseins, mithin etnxrs zu Uebernn redendes und Beseitigendes ist, Nimmt das tiefste Wesen einer Kultur zum Ausdruck Denn chKse Frsge ist unzertrennlich verknüpft mit der zMcheren grundlegenden Krage aller Weltanschau- »Zt, der Wage nach dem Ginn und Besen- ^HrsereS Lebens überhsuW. Sy?. Alke Antworten, die aut diese Krage im Lause Mer', Sukturgcschtchte gegeben morden sind, lassen Mch,' ganz allgenrein, in zwei Gruppen cinteilen. We denn auch maßgebend sind für die Lösung des ^Problems des Krieges. Diese zwei Gruppen spiesHeln die zwei prinzipiellen Stellungnahmen rvider. ^öie man zu der Krage nach dem Sinn des Lebens?«rinnehm«ch./tznm: -Hie eine, die dem Leben einen Bberentpirischen, absoluten Sinn KierLmnt, und Me andere, die diesen Sinn leugnet; die eine, die Ekbenleben heiligt, indem sie es an ein der irdisches. Ewiges, Göttliches knüpft, die andere, jede Herbindung des Irdischen mit einem Ueber- Mdischen als unmöglich und sinnlos verrmrft. und tvenn sie dem Leben überhaupt einen Sinn Wfpricht, diesen Sinn allein in der Tatsache t»es Mbcus als solchen sinket. Je nachdem die Weltauffafsung eines Menschon oder eines Volkes sich in die erste oder Weite Kategorie einreiht, roird sich auch ihre Wtellur^uahme zum Problem des Krieges befernen. Var im Leben einen '&innn findet, der über Atzch irdische Leben hinausrveift, nxn einen abfo- Kisten Grund nnd damit auch cm absolutes Ziel ■W Daseins anerkennt, bem muß her Krieg als ktwos Vorübergehendes, Benverfliches und zu DkeLernnndendcS erscheinen. Denn wenn das Leben einen übercrup-irischen Sinn hert, so kann dieser Sinn ■— in welcher Form er auch im einzelnen formuliert werdikm mag — ganz allgernein gesprochen, doch nur in der Erfüllung sittliä^er Pvstulare. in der Verwirklichung ewiger Fdeale bestehen. Ist aber die Sittlichkeit, das Bitte, die Gerechtigkeit der Sinn und der Zweck des Daseins, so muß der Krieg als ein Ausdruck des Böseu, des Ungerechten, des Amoralischen angesehen imrden und zahlt so zu den Erscheinungen des Daseins, deren Zu^eck darin besteht, daß sie überwunden rverden sollen. Und so sehe;! mr Denn in der Tat, daß alle drohen TKrkünder eines alsoluten Sinns tx's Da teins stets den Krieg als etwas Verwerfliches abgeteluu und bickämpsi haben. Wer jedoch dem Leben allen absoluten Sinn niinmt, oder wem das Leben als solches den Sinn des Lebens ausmacht, der w-ird den Krieg bejahen Müssen. Denn ihm fehlt der absolute ethische Standpunkt, von dem aus e r den Krieg verwerfen könnte. Ist das Leben in seinen konkreten Erscheinungsformen höchster Sinn des Lebens, dann bedeutet her Krieg jogar eine der höchsten und heiligsten Erscheinungen des Daseins; denn er stellt einer! der roenigen Brennpunkte des Lebens dar, in ihm osst'nbart sich d^rs Leben in seiner stärksten, weil elementarsten Kraft. So haben denn auch wirklich alle Empiriker im strengsten Sinne dieses Wortes immer den Krieg bejaht, ja gepriesen und verherrlicht. Mit diesem Gedankengang ist eigentlich schon die Stellungnahme des Judentums zum Problem des Krieges in ihrer prinzipiellen Seite bestimmt. Die Weltanschauung des Judentums zählt unbedingt zu der ersten Kategorie; -die Auerstmnung eines absoluten Sinnes dieses Lebens, die Verknüpfung des Menschlichen mit dem Göttlichen, die Heiligung des Erdendaseins durch das Uederirdische, Göttliche als seinem Grunde und seinem Ziele bedeutet die Basis der gesamten jüd. Weltanschauung. Allerdings ist das Judentum niemals in das eine Extrem verfallen, über der Betrachtung des Ewigen und Göttlichen das Irdische und Menschliche zu vergessen, hat es niemals aus einer ungesund übertriebenen Sehnsucht nach dem Ueberemprrischen heraus die WitRichkeit des Lebens verneint, vielmehr gerade wegen feiner Heiligung des Daseins durch seine Verbindung mit der Gottheit eine lebensfreudige, lebensbejahende Stimmung bewahrt; aber ebensosehr hat es auch das andere Extrem abgelehnt und ist niemals in der freudigen Bejahung des Lebens so weit gegangen, es in seiner konkreten Wirklichkeit von allem Ueberirdischen loszulösen und im Leben als solchen den Sinn des LeM'ns zu erblicken. Die realistischste aller idealistischen Weltanschauungen und von allen realistischen Lebensauffassungen die einzig idealistische, dies ist das Judentum aller Zeit pewesen, und sein, höchster Ruhm und seine tiefste Bedeutung für die Kultur beruht Zerade darin, daß es so gewesen und allen Anfeindungen zum Drop geblieben ist. Aus dieser Grundlage des Judentums leitet sich seine Auffassung vom Wesen des Krieges mit Rarster logischer Konsequenz ab. Es ist vor allem nur selbstverständlich, daß das Judentum den Krieg als allgemeine Erscheinung des Lebens verwirft. Ja, diese Ablehnung des Krieges, feine Verurteilung als hemmendes Moment der Höherentwicklung der Menschheit ist im Judentum noch viel sckjürfer und energischer als bei anderen rdealrstischen Weltanschauungen. Denn rvas das Judentum von jenen anderen Weltauffassungen scheidet und auszcichnet, ist der Inhalt des absoluten Ideals, das als ljöckistes Ziel des Lebens proRamiert wird. Dieses Ideal ist im Judentum ein sittliches und dies trennt das Judentum von den idealistischeu Wellanschagtingen ästhetischer Natur - und noch naher bezeichnet: die Gerechtigkeit. In der Erhebung bei* (Kerechligkeil znur Hörsten absoluten Ideal scheidet sich das Judentum von so manchen anderen hochstehenden idealistischen Weltanschannn gen ethischer Natur. Nicht Liebe, nrcht Mitleid, nicht Selbnenräußerung zu 0Kmsten anderer, sondc'rn tKerechtigkeit ist dasjenige, was das Leben weiht, indem es ihm seinen Sinn gibt. Von diesen! Standpunkt gesehen ab-'r muß der Krieg als etrvas durchaus Verwerfliches angesehen rm'rden, dt'.nn in dem brutalen Karnpf der Waffen wird gewiß nicht die Gerechtigkeit verwirkt,ln. So gesehen, stellt sich viclnwhr den' Krieg als der Ausdruck der Unge rechtigkcit dar, als die Verkörperung des Macht- Prinzips, als eine Aeußerung des Tierischen, Amoralischen im Menschen, als eines der größten Hernmniffe m dern Fort'chrilt der Menschheit. So erscheint denn auch liverckU in der Thora der Krneg als eines der größten Nebel des menschlichen Lebens, als eine der ärgsten Heimsuchungen, mit denen dre Menschen für ibre Frevel gestraft werden. Der Krieg ist eine der schwersten Strafen, die. dem jüdischen Volke angedroht norden, wenn es vom Wege Gottes abweickreu sollte. Nirgends aber tritt die Ablehnung des Krieges scharfer hervor als in den Schriften unserer Propheten; kaum ein anderes Wer! der Weltliteratur gibt es. in dem die Schrecknisse dr's Krieges eindrucksvoller dargestellt, die Vertverflichkert des Krieges in mächtigeren Worten gelehrt wird als in unseren Prophetenbüchcrn. DaS furchtbarste Los, das die Propheten als die Folge der Sünden Israels erschauen, ist der Krieg, mit dem sie ihre Feinde überziehen werden. Kein Wunder heim, daß diese größten Bekrieget des Krieges auch die gervaltigsten Prediger des KriedensgedanfenL waren. Die Beseitigung des Krieges galt drm Propheten als eine der höchsten Aufgaben des Menschengeschlechtes, und das wundt'rbarste aller Zukunftsideale, das sie mit prophetischem Blicke erschauten, das mefsianifche Zeitalter, bedeutete eben das Zeitalter der Gerechtigkeit, darum au-ch: das Zeitalter des ewigen, goldenen Mcnschhcitsfriedens. Und dennoch würde man das Judentum mißverstehen, lüoiltc man feine Ablehnung des Krieges als eine schlechthin absolute, in federn einzelnen Kalle gültige ansehen. Vergessen toir nicht, daß das Judentum bei aller idealistischen Grundtendenz doch auch eine durch und durch realistische Weltawschauung ist, die sich den Bedürfnissen und Notrmmdigkeiten deS Wirklichkeiten niemals verschließt. M ist aber nur natürlich, daß eine solch bedeutsame Erscheinung, wie es der Krieg ist, eine Erscheinung, die seit den Anfängen der mensch^ lichen Geschichte bis zum heutigen Tage existiert, doch unter ihren bedingenden Ursachen auch .solche haben muß, die eine Genüsse - rvenn auch nur relative — Berechtigung beiisien. Damit .aber ist s.lwn gesagt, daß nur eine Weltanschauung, die ganz im Vierhaphysischen sich bewegt und blind ist für die Erscheinungen des realen Erdenlebens, den Krieg auch in jedem Einzelsall ablehnen kann. Das Judentum als eine bei allem Idealismus doch auch gesund-realistische Weltanschauung, ist dazu nicht imstande. Für seine Auffassung muß es auch Fälle geben, nr denen der Krieg gerecht fertigt, ja geboren ist. Und in der Tat: Nach Anschauung des Judentums gilt es, zwischen Krieg nnd Krieg zu unterscheiden, und dre unbedingte Anrvenvung des Den Kewg allgemein ablehnendtnr Standpunkts aus reden Einzelfall ist unzulässig. Es gibt Kriege nach der Auffassung des Judentums, deren Führung fütiu'b geboten ist; es* fragt iuli nur, leelbft»a s Unieri -st er du n gskr i k er rrr nr ist, das für die er laiche Beuwrt ung des Krieges maßgebend "st. Es wird nicht schwer fallen, dieses ilnterscherdungskriteriunr aus der Grundanschauung des FudlMtums aber Ers Wesen des Krieges adtuletten und ui begründen. n -tb. M-orkseyilng sorgt.)