Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 12 (1914)
- Issue
- Heft 32 (14.4.1914)
- Date
- 1914-04-14
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Würden uns die malerisch ans dem Hintergrund des Waldes hervorschimmernden Villen, sowie die würzige kühle Luft nicht verraten, daß wir den Kurort krreicht haben, ein kurzer Blick ans die Empfangshalle würde es beredt verkünden. Viele Dutzende von Händen strecken sich den Ankommenden grüßend entgegen, wieder andere stehen nach beendetem Aufenthalt zur Wreise gerüstet da, mit den unvermeidlichen Blumensträußen beladen, jedoch metallisch wesentlich erleichtert, umgeben mm einer Schar froh plaudernder Begleiter und Begleiterinnen. Schon harren die Taschentücher zum langen Abschiedwinken, als gelte es ein Scheiden von alten lieben Freunden, trotzdem die ganze Bekanntschaft nur vierzehn Tage alt ist, und gemeinsames Vergnügen, ja oft bloße Tischnachbarschaft, den anschei- »cnd so innigen und oft schon nach Monaten verblassenden Bund geschlossen haben. Doch die Hausdiener der beiden jüdischen Hotels entreißen uns dem hoffnungsvollen Phantasiespiel. Sie bringen uns in den Kreis so vieler Gleichgesinnten, vereint durch gemeinsames Leid und denselben Wunsch auf baldige Gesundung, aber oft auch durch gleiche nngestüme Regung des Magens. Und wie unermüdlich sind unsere Wirte bestrebt, die Magensrage, dies? erste Vorbedingung einer guten Kur für Kranke und Gesunde, zu erfüllen. „Viel und gut", diese Attribute gebühren den einzelnen Punkten der jedesmaligen Mittags- und Abendtagcsordnung an der Tafelrunde. Ob auch „behaglich" als drittes im Bunde erscheinen kann, vermag nur der Einzelne nach seiner Eigenart und den von Hause aus gewohnten Ansprüchen zu entscheiden. Denn mannigfach nach Gemüt und Denkart sind die Gäste. Natürlich bilden die Frankfurter nach Zahl und charakteristischem Wesen den Mittelpunkt, Nord- und Süddeutsche reichen sich über die Mainlinie die Hände. Einige darunter sind nicht wenig stolz, wenigstens für die Kurwochen in den Kreis der Großstädter ausgenommen zu werden. Nur morgens und abends vereinigen sich alle noch so verschieden gearteten Naturen auf dem Boden des Judentums. Das tägliche Minjan, welches das Tage- .werk des Kurlebens eröffnet und beschließt, erscheint gerade hier als das treffende Bild des Geist und ßeele veredelnden und ansgleichenden jüd. Pflichtenlebens. Von der niederdrückenden Stimmung der drei Lochen ist im allgemeinen wenig zu bemerken. Höchstens der Lecho-Daudi am Freitag Abend sowie der allwöchentliche Zahltag der oft 2—Sstellige Zahlengrößen enthaltenden Wochenrechnung vermögen eine „Seicher-Lechorbon"-Stimmung zu erzeugen — denn sonst fordert Leben und Treiben der Hotel-Mitbewohner und der ,Kurbedürftigen" oft zu humorvollen Betrachtungen heraus. Mehrere nervöse Damen und Herren verschaffen sich Erholung und Ausspannung ihrer Nerven durch eifrige Vertiefung ins Kartenspiel; andere iveiden sich kiebitzend an solch wohltuender Nervenmassage. — Am Brunnen erscheinen die Damen täglich in stets wechselnder kühngeformter und farbenfroher Toilette, als gelte es, den Preis im Kostümturnier zu erringen. — Nach aufgehobener Tafel kehrt wohl im Saale und den oberen Räumen Ruhe ein, nur im Garten und auf den Veranden erklingt laute Unterhaltung über die Politik des Tages. Dabei erheben sich Rauchwölkchen aus den Glimmstengeln in sonst anderen Zwecken dienendem Frauenmunde, und auch hier mischen emanzipationsfrohe zarte Frauenhändc verständig die Karten. Doch in die idyllische Ruhe des Badelcbens dringen grell die Hiobsnachrichten der politischen Wirren. Ist schon in der Großstadt die Erregung eine gewaltige, alle Bevölkcrungsklassen umfassende, so ist die Umwälzung, die in dem kleinen Kurort vor sich .geht, kaum zu schildern. Wegen der mangelhaften und umständlichen Bahn- und Postverbindungen treffen die Nachrichten, Depeschen und Zeitungen nur langsam und schleppend ein, während sie gerade von den zur Kur versammelten Kaufherren, Fabrikanten und Finanzleuten doppelt schnell ersehnt werden, die lähmende Ungewißheit zeigt sich in der quälenden Unruhe am Brunnen, im Lesesaale, an der Tafel sowie in den die armseligen Depeschen umstehenden heftig gestikulierenden Gruppen. Lebet tvvhl, herrliche Waldeslnft, du erquickendes und heilkräftiges. Wernarzer Wasser! Regentage kommen und wollen nicht enden, trübe ist der Himmel, als grolle er dem wahnwitzigen friedenstörenden Treiben der Menschen im Norden. Damit °uch das tragikomische Moment nicht fehle, sind einige nlssische Gäste ausgelassener als je; es ist, als ob sie das Gefühl hätten, durch einen Krieg nur gewinnen »u können, denn schlimmer kann es ja in der russischen Hölle nicht mehr werden. Trüber und niederdrückender lauten die Nachrichten, auch der Himmel hört nicht auf zu weinen. Beiurzt ob des drohenden Ausfalls und der vereitelten Hoffnungen geleitete der gastfreundliche Wirt und sein personal die schnell und fluchtartig abreisenden Gäste. Auch wir schnüren unser Bündel und verlassen früher us beabsichtigt das herrliche Plätzchen. „Lechajim ulscho- •!" so rufen uns liebe Freunde nach. „Lechajün nscholaum!" — das sei die Losung der kommenden chweren Zeiten! — nn. Frankfurter Israelitisches FarnilieMakk. Uobnungs-Llnrledtungen io künstlerisch. Auflassung Verkauf von kunstgewerblichen Erzeugnissen, Antiquitäten. Friedrich Bernhard, Frankfurt a.M. Tel Hansa 5574, BSrsenatrasse 11. Aus afXex Wett. Deutsches Reich. Berlin. Die Nachricht, daß bas preußische Ministerium des Innern Ausweisungen aus dem rheinisch-westfälischen Industriegebiet angeordnet habe, bewahrheitet sich nicht. Wie einem Vertreter des „Reichsvereins der deutschen Juden" im Ministerium des Innern erklärt wurde, ist eine solche Anordnung nicht ergangen und auch nicht beabsichtigt. BreSla«. Die „Jüd. Volksztg." schreibt: Ein neues schweres Leid ist durch die Kriegsgefahr und &ie damit in Verbindung stehende Sperrung der russischen Grenze über die polnischen Inden gekommen, die sich zur Heilung ihrer körperlichen Gebrechen in den schlesischen Bädern befanden. Sie sind v!on der Mobilmachung überrascht worden und sahen sich, als sie ihre Heimreise antraten, in die Enge getrieben. Die Behörden konnten sie nicht anders als im Kriegszustände wie russische Staatsangehörige behandeln, und bei den überall in der Lust umherschwirrenden und durch Kolporticrung übertriebenen ängstlichen Gerüchten von umherreisenden russischen Spionen unterlagen sie der Vorsicht, die in Kriegszeiten niemals fehlen darf, zum Schutze der eigenen Landeskinder. Sie wurden bei ihrem Eintreffen in Breslau in Haft genommen. So kamen etwa 1100 Personen, Männer, Frauen, Kinder im Gefängnis auf der Kletschkauerstraße in Schutzhaft. Von vornherein ist man ja geneigt, in diesen harmlosen Menschen, die den Leidenskelch unter der russischen Regierung bis zur Neige auszukosten haben, sicher keine russischen Spione zu sehen. Andererseits wird man es unter obwaltenden Umständen, zumal angesichts der Tatsache, daß russische Spione hier standrechtlich erschossen wurden, wohl verstehen und zu würdigen wissen, wenn die Behörden mit aller Vorsicht Vorgehen. Inzwischen sind Mittwoch Mittag bereits 800 der in Schutzhaft befindlichen Personen der Militärverwaltung zur Rückbeförderung in ihre Heimat übergeben worden. Da die Grenze sich jetzt im Besitze unserer Truppen befindet, dürfte dies ohne Schwierigkeiten erfolgen. Cafe Kaisergarten am Opemplats ^Erstklassiges Familien-Cate Nachmittags Konzerte. Fr. Hanselmann, Besitzer. Personalien «. Kleine Mitteilungen. Kassel. Die Synagoge in der Unteren Königsstraße konnte am 8. August auf ihr 75jähriges Bestehen zurückblicken. Hamburg. Am 100. Geburtstage verschied die Witwe des Kaufmanns Jakobsohn. Sie feierte ihren 100. Geburtstag, zu dem ihr am Bormittage - noch zahlreiche Glückwünsche und Depeschen zugingen. Sie erschien auch an diesem Tage noch recht stisch und heiter, nicht wie eine Hundertjährige. Als sie sich nachmittags für kurze Zeit in den Ruhesessel begab, war sie bald darauf eine Leiche. Bad Kreuznach. Die Stadwerordneten haben ein 100,000 Mark-Vermächtnis der Wwe. Heinr. S ch e h e r für Bedürftige aller Konfessionen als Heinr. Scheyer-Stiftung angenommen. Karlsruhe. Der Oberrat der Israeliten verlieh den Michel Weilschen Tugendpreis im Betrag von 400 Mark den Maier Wertheimerschen Eheleuten in Neidenstein und dem Lippmann Haber in Richen und im Betrage von 300 Mark den Salomon Metzger'schen Eheleuten in Gaislingen und dem Fräul. Frieda Kahn in Offenburg. Laurahütte-Mberschlesien.) Willy Reichmann, der voriges Jahr eine Frau vor dem Tode des Ertrinkens rettete, erhielt die Erinnerungsmedaille für Rettung aus Gefahr. Rom. Die neue Deputiertenkammer zähst 13 Mische Abgeordnete, von denen 9 im ersten Wahlgang gewählt wurden. Im Senat sitzen 14 Juden. Christ. Wilhelm Leux Telef. Hansa 8567. Hoflieferant. Goetheatr. 21 Herren-, Damenu. jLivreeschneiderei. Spozlal-Sportgoschaft. Auf Wunsch koschere Verarbeitung. ■— : Aus der Lehrerwett. , Frankfurt a. SR. Vor 6 Jahren ist aus einer Stiftung der verstorbenen Eheleute Jsaac und Clara Bermann ein Heim gegründet worden, um dauernden oder vorübergehenden Aufenthalt solchen deutschen, israelitischen Lehrerinnen, Erzieherinnen, Kindergärtnerinnen, Hausnnd sonstigen Beamtinnen sowie anderen weiblichen Angestellten höherer Bildung zu gewähren, die itt ihrer Ar- Stttft 3. beitsfähigkeit durch Alter oder ans einem sonstigen Grunde beschränkt sind. Da die Räume inzwischen zu eng geworden sind, hat die Verwaltung eine Erweiterung des Heims vorgenommen: die neugeschasfenen Räume sollen zunächst den Insassinnen noch größere Behaglichkeit als bisher gewähren, außerdem können sechs weitere Insassinnen nunmehr .Aufnahme finden. Die näheren Aufnahmebedingungen sind durch den Schriftführer des Vereins „Israelitisches Lehrerinnenheim"» Direktor Dr. Adler» zu erfahren. Karlsruhe. Religionslehrer Samson Hecht in Gondelsheim wurde in den Ruhestand verfemt. Simon Metzger-Breiten, erhielt die erledigte Kantorstelle bei der israelitischen Gemeinde Karlsruhe.— Bezirksrabbiner Schlesinger -Breiten, erhielt den gewünschten Urlaub auf ein Jahr. Der Krieg und die deutsche« Jude«. Berlin. Amtsgerichtsrat Dr. Saul Liepmnn» spendete sofort nach Bekanntwerden der Mobilmachung 15,000 Mark an die Bolkstassee- und Speisehallengesellschaft mit der Bestimmung, dafür auf den Breslauer Bahnhöfen Speisen und Getränke an die Mannschaften zu verabreichen. Berlin. Sämtliche 25 Mitglieder der „RuüeräbteiluM der Verbindungen jüdischer Studenten" haben sich, soweit nicht einberufen, freiwillig gestellt und sind eingestellt worden. — Die Führer des Jüd. Wanderbundes ,Mau-Weiß" sind bis auf einen «ingezogen. — Bon dem „Verein der Jüdischen Studenten" in Königsberg sind 15 Aktive in den Krieg gezogen. — Die „Zionistische Bereinigung für Deutschland", der „Reichsverein der deutschen Juden", das .Kartell Jüd. Verbindungen" und die „Jüd. Turnerschaft" haben einen Ausruf erlassen. In diesem Aufruf heißt es: ,Mir rufen Euch auf, im Sinne des alten jüdischen Pflichtgebots mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzem Vermögen Euch dem Dienste des Vaterlandes hinzugeben." Berlin. Der Verband der jüdischen Jugendvereine Deutschlands hat an seine Mitglieder die Aufforderung gerichtet, sich als Freiwillige zum .Heeresdienst zu melden oder — soweit sie dafür zu jung sind — sich zu Erntearbeiten zur Verfügung zu stellen. Berlin. Heinrich Loewe schreibt in der , Jüd. Rundschau", dem Organ der Zion. Bereinigung für Deutschland: Wir kämpfen für die Wahrheit, wir kämpfen für das Recht, wir kämpfen für die Freiheit menschlicher Kultur: Als Juden haben wir mit den Barbaren des Ostens noch eine besondere Rechnung zu begleichen. Das Blut der Juden, ihrer Märtyrer und Glaubenshelden, dampft seit Jahrhunderten vom russischen Boden zum Himmel empor. Unmittelbar vor dem freventlich von Rußland angezündeten und von England angezettelten Weltbrande wurden vierzigtausend Juden aus Kiew wiederrechtlich ausgewiesen. Was würde unfern Frauen und Kindern für ein Los werden, wenn der Russe siegen sollte. Wenn wir als Bürger unseres Vaterlandes kämpfen» so leuchtet uns die Tapferkeit unserer Ahnen, der Todesmut der Makkabäer, der Riesenkampf eines Bar-Kochba. und der Heldentod Hunderttausender unseres Volles in allen Zeiten als glorreiches Beispiel voran! Wir werden siegen. Wir haben das Vertrauen zu dem deutschen Kaiser, daß er uns richtig führt! Wir haben das Vertrauen zum deutschen Bolle, daß es bis zum letztem Atemzuge kämpfen wird, und wir haben das unevschütterliche Vertrauen zu der göttlichen Gerechtigkeit, daß sie unseren ehrlichen Waffen den Sieg verleihen wird. Wer von uns am Leben bleibt, wird nach dem Kriege und nach dem Siege die Arbeit für unsere Ideale nnt verdoppelter Kraft fortführen!" ' Berlin. Der Deutsch-Israelitische Gemeinüebund hat im Einvernehmen mit oem Verein »jüdische Urbeiterkolonie in Weißensee bei Berlin" oas ihm gehörige Grundstück in Weißensee, Wörthstraße 20, mit 90 Betten' dem Roten Kreuz zur Verfügung gestellt. Frankfurt ». SR. Bei M. Lehrberger u. Eie: «scheint dieser Tage eine von Rabb. Dr. Cohn-Eschwege verfaßte Techinoh (Gebet für die in den Krieg Gezogenen und für das Vaterland, dem dieser große Krieg anfgezwungen wurde; Gebet für in de« Krieg» gezogene Kinder und Ehegatten). Die Spracht ist gediegen und zu Herzen gehend. Mainz. Hiesige Mische Vereine bewMgten für das Rote Kreuz folgende Beträge: der Waisenverein für die israelitische Gemeinde 5000 Mk., der Israelitische Krankenpflegeverein der Aeltere in Mainz 5000 Mk., der Israelitische Frauenpflegeverein 2000 Mk. Offenbach. Geh. Kommerzienrat Ludo Mayer stiftete 30,000 Mk. für das Rote Kreuz. BreSla«. Fürs „rote Kreuz" zur Pflege verwundeter Krieger hat der Vorstand der Synagogen-Ge» meinde 5000 Mark überwiesen. — Die Lessingloge hat 1000 'Mark für Liebesgaben an unsere durchziehenden Truppen zur Verfügung gestellt. Köln. Der-RegierungSpräfident hat an daSHauptbür» des Jüd. Nationalfonds folgendes Schreiben gerichtet: „Mit lebhafter Teilnahme habe ich Einsicht von der Bekanntmachung genommen, die das Hauptbureau des< Jüdischen Nationalfonds zu veröffentlichen beabsichtigt^ um zu Sammlungen anzuregen, deren Erträgnis für dir Pflege der im Krieg Verwundeten und für die Untere stützung der durch den Krieg notleidenden Familien Verwendung finden soll. Ich wünsche aufrichtig diesem schönen und edlen Unternehmen Erfolg und bin gern bereit, soweit es mir möglich ist, es zu unterstützen." (L.) Posen. Das Gemeindehaus, in welchem sich auch die Religionsfchule befindet, hat seine viele» Räume