Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 12 (1914)
- Issue
- Heft 26 (3.7.1914)
- Date
- 1914-07-03
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches FamllienKakt. Nr. 28 Wäre es, wenn er noch lebte! Aber-dies ist eben btt§ Merkmal großer Männer! Jahre und Jahrzehnte miUen vergeh«!, ehe wir uns mit dem Gedanken ihres Geschiedenseins gmH abfinden, Generationen müssen schwinden, ehe die Tränen über ihren Tod völlig versiegenkönnen. Ein volles Jahr^hnt! Und doch: wie lebendig ist uns noch seine Gestalt. Pflegen wir nicht bei allen Debatten seine Meinung als durchschlagendes Argument zu zitieren, liäen wir es nicht, in unserer Propaganda feine Gestalt als das wirksamste Borbild aufsteigen zu lassen, begegnen wir nicht aus Schritt und Tritt, in unseren Gedanken- Fängen und Argumentationen, in unseren Taten und 'MaKuchmen, seiner Persönlichkeit? Auch dies hat er mit den Größten der Geschichte gemeinsam!: je mehr wir uns von ihnen entfernen, umso leuchtender wird ihre Gestalt; unseren Enkeln erscheinen sie noch herrlicher als uns. Ein volles Jahrzehnt! Und jetzt können wir beginnen, uns voll und ganz. in sein Wesen zu vertiefen und an die Erkenntnis seiner Persönlichkeit zu schreiten. Große Männer — sagt einmal Emerson — sind wie hohe Berge; wer unmittelbar vor ihnen steht, kann ihre ganze Größe nicht ernennen: erst von einer größeren Distanz aus vermag man ihre volle Höhe zu ermessen. Erst jetzt, da bereits ein Jahrzehnt Zwischen ihm und uns liegt, können wir seine Gestalt und seine Bedeutung ganz zu erfassen beginnen. Und die alljährlich wiederkehrenden Gedenktage seines Todes sollen uns immer wieder zur Erfüllung dieser Aufgabe mahnen und anspörnen. Denn nichts vernichte der moderne Jude zu tun, was ihm als Juden mehr nottäte, als sich in^ Theodor Herzls Wesen zu vertiefen. In Herzl ruht das Gehttmnis des-üwdernen Judentums'. Unsere! Probleme samt ihren Äsungen sind in einer Gestatt verkörpert. Große idealistische Bewegungen, wie es der Zionismus ist/ verlangen nach kontreten Symbolen ihrer Ideale. Nur in der Wissenschaft richtet man sich lediglich nach Formeln und Ideen. Im Lüben Wegen wir uns an großen Persönlichkeiten zu orientieren. Jesaia, Plato, Kant, Goethe sagen uns mehr als alle abstraften Ideen und theoretischen JMperative. Für "das moderne Judentum ruht die VerVrperung seiner Ideale und helligsten Postulate in Theodor Herzl. Darin ist feine eigentliche, seine tieffte, seine Worische Bedeutung begründet. Wie groß er auch als Schriftsteller und Dichter, wie viel größer er als Organisator und Volksführer, wie viel größer noch er als Mensch gewesen ist, seine größte Bedeutung ist darin beschlossen, daß er zum Symbol geworden ist, zUm Ideal. Wenn einst ein künstlerisch schauender Geschichtsschreiber die Geschichte des großen welthistorischen Prozesses schreiben wird von der Rückkehr der entfremdeten Judensöhne zu ihrem Volke, von der Heimkehr des zerstreuten Judenvolkes zu ’ seinem Lande, dann wird die Darstellung dieser ganzen gewaltigen Epoche die Ueberschrist tragen müssen: Theodor Herzl. Zu diesem Symbole aber ist Theodor Herzl in zwiefacher Weise geworden: in seinem Entwicklungsgänge, der ihn zum Zionismus geführt hat, und in den Motiven, die ihn zum Schöpfer des Zionismus werden ließen. Sein Entwicklungsgang führte ihn durch die Assimilation zUm Zionismus. Bis' zu dem Momente, da er in prophetischer Intuition den zionistischen Gedanken konzipierte, war Theodor Herzl ein Assimilationsjude gewesen. Assimilationsjude nicht aus Willen und Bewußtsein, sondern ganz unbewußt und selbstverständlicherweise. Gerade Win aber war er der wahre Assimilationsjude gewesen. Denn die große Gefahr, die die Assimilation für uns bedeutet, droht Ms ja nicht etwa von den bewußten Assimilanten. Verräter und Treubrüchige haben Mch nie die Existenz eines ganzen Volkes gefährdet. Die eigentliche Gefahr droht uns vielmehr von .den unbewußt, sich ganz natürlicherweise Assimilierenden, die gar nicht das Würdelose und Schmachvolle der Assimilation ahnen. Herzl war ein Assimilant dieser Kategorie gewesen, also der Typms der wahren Assimilation. Bis dann der Moment der Wandlung kam, er den Weg der Rückkehr zu seinem Wolke betrat und zum Schöpfer des modernen jüdischen Nationalismus ward. Und Mer, in dieser seiner größten Schöpfintfi, zeigt sich die symbolische, historische.Bedeutungseines Entwicllungsganges. Den jüdischen: Nationalgedankep in seiner modernüt Form konnte Theodor Herzl nur schaffen, weil er pon der Assimilation her kam, weil er vorher ganz und gar Europäer .gewesen war, well er die europäische Kultur ganz in sich ausgenommen hatte. Und darin - verkörpert Herzl die ganze Entwicklung des modernen Judentums seit der Assimilation: Erst Assimilation und dann Zionismus; und .mehr noch: Ohm Assimilation kein Zionismus. Erst Mußten wir Juden aus dem. Ghetto heraus und Anschluß an die europäische Kultur erlangen,, bevor wir wieder daran gehen konnten, .unsere eigene jüdische Nationalkultür .neu zu schaffen. Man Pflegt oft Herzl gegen Achad-Haam zu stellen, und der Antagonismus beider ist ja wohlbekannt. Nun, der ‘ tieffte Gegensatz beider ist eben darin begründet, daß. Achad-Haam vom Ghetto unmittelbar zum nationalen Gedanken, Herzl aber. erst durch die Assimilation hindurchgeschritten war. Daher denn auch der nationale Gedanke Herzls unendlich höher und reiner ist als der Achad- Haams. Es ist eben kein Zufall, daß der Schöpfer des modernen jüdischen Nationalismus ein westeuropäischer, ein aus der Assimilation hervorgegangener Jude war. In dieser Tatsache kommt vielmehr der tiefste Sinn der modernen jüdischen Geschichte zum Ausdruck; und wenn man überhaupt daran glaubt, daß die menschliche 'Geschichte einen Sinn hat— und wer glaubt tiefer daran als wir Juden —, dann muß man in per einzigartigen Erscheinung des Assimilationsjudentums keinen Zufall und keine Laune der historischen Gesetze, sondern eine sinnvolle, tiefe Notwendigkeit erblicken, indem man sie als die unumgängliche Voraussetzung des modernen jüdischen Nationalismus. und damtt der Befeiunrg und Regeneration unseres Volkes auffaßt. Bettachtet nmn aber die moderne jüd. Geschichte von diesem Gesichtspunkt, dann erscheint Theodor Herzl als ihre größte Verkörperung; in ihm hat der immanente Sinn der jüdischen Entwicklung in der modernen Zeit sein gewaltigstes Symbol gefunden. Das gewaltigste Symbol des modernen Judentums aber ist TModor Herzl noch in einem anderen, tieferen Sinn: in den Motiven, die seinen Entwicklungsgang, seine Wandlung zum Zionismus bewirft haben. Aus welchen Motiven heraus ward Herzl Zionist? Man kann sich diese Frage nicht oft genug stellen, denn die Antwort .enthält, die tteffte Begründung des Zionismus. Ward Herzl Zionist aus Philanthropie, nus Mitleid mit den verfolgten unglücklichen Brüdern des Ostens? Keinesfalls. Einmal war Herzl kein Philanthrop, als geborener Künstler vielmehr aller Philanthrowie wesensfremd'; sodann aber kannte er ja Lar nicht die östlichen Judenmassen, wußte von ihnen nur so viel als alle Assimilationsjuden jener Zeit wußten: daß im Osten einige Millionen schmutziger, unkultivierter Juden wohnen, für die man nur Verachtung und Antipathie besaß. Kein Motiv lag Herzls Wandlung zum Zionismus ferner als das des Mitleids, der Philanthropie. Ward Herzl Zionist aus kulturellen Gründen, aus Liebe Mr Mischen Kultur, aus Sorge um die geistige Not des Judentums, aus achadhaam'schen Motiven? Auch diese lagen ihm fern. Was wußte er, der Wiener Literat, der Pariser Korrespondent der „Neuen Freien Presst", von jüd. Kultur, von Hebraismus, von Judentumsnot? Der kulturelle Zionismus war die (Äappe, zu.der Herzl am Ende seiner zionistischen Entwicllung gelangte, in den großssn Tagen, da er -en zionistischen Gedanken erschaute, wußte er nichts von der kulturellen Begründung des Zionismus. Was also führte chn zum Zionismus, was ließ ihn die Assimilation überwinden und die Rückkehr zu seinem Volke vollziehen? Einzig und allein allgemein menschliche Motive. Als er von «t* O q fl A . ei A . 2 A . s der TribMe des Palais Bourbon die französij Kammer gegen die Jüden tobey sah, als erdrau die Schreie des fcmatischen Mobs gegen die $ui hörte, da ging ihm Mötzlich das Bewußtsein 0 daß auch er ja ein Jude sei, da überkam ihn einem Momente der ganze Ekel vor der Assimi tion, das volle-Bewußtsein von der Schmach j Würdelosigkeit der Assimilation, da erwachte s königliches Würdebewutzffein, und er ward Zion Aus Stolz/ aus Würde, aus Selbstachtung ist Th dor Herzl Zionist geworden und nur aus die Motiven heraus. Diese Tatsache ist bereits konstattert worden, sie kann nicht oft genug imeb holt werden. Denn in ihr ruht die letzte, he Begründung des Zionismus. So.sehr auch j philanthropische Mitleidsgefühl mit den unglj lichen Judenmassen des Ostens den Zionisu rechtfertigt, so sehr auch die Sorge um die jüdij Kultur, um hebräische-Sprache, um das Jüdent zum Zionisteü werden läßt,, die tiefste, stör Rechtfertigung und Begründung des zionistist Gedankens ist doch darin Kr erblicken: daß Würde und der Selbstrespeft ihn. gebieten. N .darin, daß .der Zionismus ein Postulat des Jud tums, der Liebe zum jüdischen Volke und zur jj schen Kultur ist, pühen sein größter Wert und si zwingende Notwendigkeit, sondern, darin, .daß er als Postulat allgemein menschlicher Motive, al! mein menschlicher Ideale darstellt. Dies, hat TI dor Herzl durch seine Gestalt für alle Zeit bewic So verkörpert er nicht nur den Entwicklungsgl der modernen jüdischen Geschichte, sondern o ihre treibenden Motive und die aus ihr sich gebenden ethischen Postulate. * Theodor Herzl ist gestorben, ohne daß.es i vergönnt war, die Realisation seiner Ideale zu leben. Darin jedoch ruht nicht die Tragik, sei Lebens. Er teilt dieses Los. mit allen gro Führergestalten der Geschichte.- Er starb aber a, bevor er seine eigene Wandlung zu E vollziehen konnte. Als ihn ein grausames i schick von dannen .rief, hatte er seinen Weg, Mg der Rückkehr zum Judentum, noch nicht Ende geschritten, stand er erst in der Mitte fei Entwicklungsbahn. Die große jüdische Kultur Ostens, die Kultur des Hebraismus, hat er n kennen gelernt; die Anfänge der neuen jüdis Literatur in Palästina hat er nicht erleben dürj als er starb, befand er sich noch im Stadium Sehnsucht nach Judentum;/er schied, bevor : das Vorstudium der Ltealisationdes letzten Z« erreicht, ehe ^noch die „Rückkehr zum Indent« vollzogen war. Dies macht die Tragik sei Schicksals aus. Aber stellt man sie in den Rahi seines Lebens ein, bettachtet man seinen srii Tod vom Standpunft des historischen, bleibe« Sinnes seines Lebens aus, so wird.man erkeni Laß er sich ihm harmonisch einfügt. Herzls Miji war: das Symbol des rückkehrenden I« zu werden; es war nicht sein Berus, den zurüi kehrten Jüdcn zu repräsentieren. Der Sinn sei Daseins ist das jüdische Werden, der Prozeß jüdischen Regenerierung; in das Reich des jüdisl Seins, der vollendeten Mischen Regeneration, s« ihm der Züttitt verschlossen bleiben. Sinken dadurch sein Wert und seine Bedeut! wie manche Engherzige und Kurzsichtige wähn Mich dünft, er steigt dadurch nur um so hö „Ein reuiger Sünder ist Gott wohlgefälliger zehn Gerechte", sagen unsere Weisen; der von Irrungen seines Lebens zum Elternhaus zur kehrende Sohn ist ein erhabeneres ethisches Sch spiel als der Brave, der es nie in störrischem St verlassen hat. Wo aber gibt es ein gewaltig! historisches Phänomen von tieferem sittlichem halt und mächtigerer Wirkungskraft als das S eines Volkes, das nach langen Irrungen wieder seinem Volkstum zurückkehrt? Als die foitf Verkörperung dieses Phänomens reiht sich The« Herzl an. die größten und eindrucksvollsten l stalten der gesamten Mischen Geschichte. * So groß und von so mächtiger Suggestiv kraft ist die Persönlichkeit Theodor Herzls, -daß reits die Legende ihre goldenen Fäden seine Gestalt zu weben beginnt. Schon begi i Theodor Herzls für uns so etwas wie ein Mht zu werden, und wir stehen docherst ein Z< - zehnt nach seinem Tode. Dar.an AM drum > 144