Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 12 (1914)
- Issue
- Heft 25 (26.6.1914)
- Date
- 1914-06-26
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 25. Diese Entwicklung ist keinesfalls einfach und natürlich zu nennen. Sie erscheint im . Gegenteil als eine höchst mühevolle, problematische, in der jeder Fortschritt errungen, jede Vertiefung erkämpft werden muß. Dies kann ja auch gar nicht anders sein. Der kennt den Zionismus schlecht, der glauben würde, für einen westeuropäischen Juden sei der Zionismus etwas Einfaches, Natürliches. Es gibt wenig Bewegungen und Ideen, die von ihren Bekennern und Anhängern tiefere innere Wcmdlungen, stärkere Seelenkämpfe verlangen als der Zionismus. Wenn die Assimilation als Tatsache in Westeuropa nur etwas Natürliches ist — und auf dieser Erkenntnis ruht die Basis der zionistischen Theorie —, so ist es nur natürlich, daß der Zionismus als die Negierung und positive Überwindung der Assimilation etwas Anormales, ein Erkämpftes, sich selbst Abgerungenes sein muß. Dann aber' ist es auch nur klar, daß der westeuropäische Jude, der sich zum' Zionismus bekennt, tönt nicht mit diesem! Bekenntnis schon die zionistische Idee in all ihren 'Konsequenzen in sich aufnehmen Lmn, sondern ununterbrochen seinen Zionismus in sich vertiefen und ausbauen muß. Und da das letzte Ziel des Zionismusnatürliches Judentum, das man lebt ohne es betonen und sich täglich, neu erringen zu.müssen, in der Diaspora unmöglich ist, so ist es das — in gewisser Hinsicht sicherlich tragische — Los der Zionismus, vor die Notwendigkeit einer unaufhörlichen und in der Diaspora nie zu beendenden Entwicllung gestellt zu sein. Der Leipziger Delegiertentag hat ein drastisches' Mld dieser rastlosen inneren Entwickümgsprozesse geboten, die sich innerhalb des deutschen Zionismus abspielen, ein Bild auch, der Hemmnisse und Widerstände, dre da zu überwinden sind, per Seelenkämpfe und Gewissensfragen, die diese Entwicklung notwendigerweise mit sich bringt. Die zentrale Frage, um . die sich die erregten Debatten des Delegiertentages, pm die sich das geistige Leben des deutschen Zionismus in den setzten Jahren überhaupt dreht, ist, positiv gesprochen, das Problem des jüdischen Nationalismus, negativ geskchen, die Stellungnahme der Zionisten zur deutschen Kultur. Dieses Problem ist vielleicht das schwierigste ' in der gesamten Gedankenwelt des Zionismus, well es das persönlichste ist, dasjenige, das die innerste Gefühlswell jedes Zionisten am tiefsten berührt. Der tragische Dualismus unseres Judeseins im Galuth kommt in dieser Frage der 'Stellungnahme jedes einzelnen nationÄen .Juden ,zu Öer Kultur, in deren Mitte er .aufgewachsen ist und lebt, zu ihrem schärfsten Ausdruck. Es stehen, sich hier zwei Komplexe von Idealen und Motiven gegenüber, zwischen denen an sich keinerlei Bände gÄdrüpft sind. Auf der einen Sette: Zionsliebe, Hebraismus, das Postulat der -aktiven oder passiven Teilnahme an der hebräischen Kultur, das Ideal eines vollen, restlosen, natürlichen Judentums; und demgegenüber auf der anderen Sette: Dankbarkeü und Treue zum deutschen Wolke, natürliche Liebe K^. der . Kullur, die uns gebildet und erzogen hat, unbewußte Anhänglichkett au die Heimat, in der wir geboren und groß geworden sind.. . Für jeden, der schon einmal die volle Tiefe und die ganze Tragll dieses Dualismus in sich erlebt hat, wird es nur Lar sein, daß es unmöglich ist, für dieses Problem eine einfache, glatte, für. alle gültige Antwort zu finden. Fragen wie diese lassen sich ihrer Natur - nach nicht generell lösen, und . wer «es'- tunwill und' sich attmaßt, eine allein gültige, für alle verbindliche Formel dafür zu finden, der hat entweder das Problem nur oberflächlich erfaßt, oder -aber er maßt sich Rechte an, die kein selbständiger Mensch irgendwem zuerkennen wird. Fragen wie diese, die an das tiefste.Seelenleben jedes einzelnen rühren, sind eben, nur individuell zu losen> jeder einzelne .muß sich seine Antwort erringen; was die Bewegung kann, ift' iebiglidj, das Minimalprogramm! aufstellen, das: all dies enthält, was sie von jedem einzelnen ihrer Mitglieder fordern mutz. Dieses MinünalprögramM ist für den Zumismus das Baseler Programm. Und darin eben beruht. die Größe. dieses Programms, daß es die Plattform bietet, -auf der alle Zionisten, alle Juden sich einigen Wunen. Die innere Entwicklung des Zionismus kann dahin führen und hat erfreulicherweise dahin geführt, baß viele Zionisten für ihre Person Wer das Baseler Programm hinausgehen und an sich größere Postulate stellen, als cs die zionistische Plattform tut. Dies aber berechtigt sie noch keinesfalls, solche Forderungen als Mußvorschriften auch, für alle Wrigen zu erklären und den anderen.die Bedingungen zu stellen, unter denen sie noch Zionisten bleiben können. Ja, mehr noch: Niemand hätte auch nur das Recht, Wertmaßstäbe aufzustellen und die einzelnen Zionisten auf ihren zionistischen Wert hin einzuschätzen. Solches kann jeder für seine Person wohl tun; Delegiertentage, Kongresse und offizielle zionistische Körperschaften und Organe aber haben dieses Recht keinesfalls. Von diesem Gesichtspunkt aus muß die Generaldebatte des Leipziger Delegiertentages beurteilt werden. Und dawirdman doch konstatieren müssen, daß jper deutsche Zionismus in die Gefahr gekommen ist, solche Wertmesser aufzustellen und als Minimalprogramm Forderungen aufzustellen, die generell nicht gefordert werden Wunen. Dieser Radllalismus, der da gepredigt und von.der Majorität der' Delegierten stürmisch beklatscht worden ist, ist sicherlich ein erfteuliches Symptom der fortschreitenden Vertiefung Md Verinnerlichung des zionistischen Gedankens. Bon sich darf jeder Radikalismus fordern und unter seinen Freunden soll ihn jeder propagieren. Aber nichts wäre verkehrter und gefährlicher, als diesen Radikalismus zum Postulat für die gesamte Bewegung zu erheben. Die Majorität der Menschen ist stets dem Radikalen feind, und eine große Organisation von Ausnahmemenschen und radikalen Heroen erziehen zu wollen, die alles für die Idee aufopfern sollen, ist eine Utopie, die aber von größter Gefahr ist, wenn sie zum Parteiprogramm-wird. Aus diesem Grunde wird man zugeben müssen, daß so manches an den Worten.der Minorität auf dem Delegiertentag vollauf berechtigt war und manche der Warnungen und Mahnungen vor einem Ueberspannen der Forderungen ihren guten . Grund haben. Daneben aber wird man auch erkennen, daß ein . großer Teil des heftigen Sttettes, der in Leipzig geführt wurde, nur um Worte ging. Wr jede Bewegung wie für jeden einzelnen besteht stets die Gefahr, sich <nr Worten z!u berauschen, — und so kann man denn leider die Erscheinung wahrnehmen, wie ein TeU der jüngeren .Generatton des deutschen Zionismus in Schlagworten und Phrasen den bequemen Ersatz zu finden glaWt für die mühevolle Schaffung positiver jüdischer Werte in ihrem Leben. Statt eifrig die hebräische Sprache zu lernen, statt in stiller, persönlicher. Arbeit in der Tat reale Lebensinteressen in Palästina sich zu schaffen, statt die Mische Geschichte und das jüdische Schrifttum sich angueignen, .begnügt man sich vielfach mtt dem lauten Bekenntnis zuM jüdischen Nationalismus. Und uns dünft, daß dieser Fehler, der so oft begangen wird, nicht nur zum großen Teil schuld ist an der allzuscharfen Tonart der' zionistischen Propaganda in den letzten Jahren, sondern für die wochrhaste Vertiefung des zionistischen Gedankens nur hinderlich ist. Denn wer .sich an den Worten berauscht, vergißt allzuleicht die schwierigere Pflicht zum positiven Tun, zur mühevollen Arbett an sich selbst. Darum wirkt nichts so erfreulich, wie das erwachende lebhafte, persönliche Interesse für Palästina und die neuhebräische Kultur, das sich in letzter Zeit innerhalb des deutschen Zionismus bemerkbar Macht. Denn hier liegt das Hellmittel vor - den Gefahren der radikalen Phrase; hier aber ist auch der Punkt, an dem sich alle wieder einigen Wunen. Ob der einzelne deutsche Zionist tden Schwerpunkt seines Lebens nach PMstina zu verlegen suchen muß oder nicht, ob er in Deutschland sich heimisch suhlen darf oder nicht, ob er an der deutschen Kultur aktiv Mitarbeiten kann oder nicht,, all dies ' sind persönlichste Gewiffensftagen, in die hineinzureden niemand das Recht sich anmatzen darf. Aber daß das jüdische Innenleben jedes deutschen Zionisten gestärkt werden muß, .daß jeder einzelne hebräisch lernen. Mische Geschichte studieren mutz, däß jeder sich reale Lebensintereffen in' Palästina zu schaffen bemühen muß, darin sind sich alle einig, dagegen hat niemand seine SttmMe in Leipzig erhoben. Das ist das erfteulichste Ergebnis des Leipziger Delegiertentages. Dies berechttgt zu der Hoffnung, daß diese Differenzen und Streitigkeiten, wie sie diesmal in der Generaldebatte zu scharfem Ausdruck geWmmen sind, .für die Zukunft immer mehr verschwinden werden. Nichts einigt die Menschen mehr als gemeinsame positive Arbeit. Worte entzweien, und Taten einen. Werden , die einzelnen deutschen Zionisten in noch. stärkerem Grade als bisher beginnen. Positiv an ihrer Aelbsterziehung zu arbeiten, in sich selbst die positiv Mischen Werte zu vermehren, dann wird auch die Schärfe, das Ueberstiegen-Radikale der Worte schwinden. Es ist eine alte Erfahrung, daß die innerlich Frömmsten auch die Tolerantesten, die wahrhaft Guten die mildesten Richter und die größten Gelehrten die nachsichttgsten Beurteiler sind. Vielleicht hat der radikale Tön, der einen Teil, der heutigen zionistischen Generation in Deutschland beherrscht, seinen Grund gerade darin, daß die deutschen Zionisten bislang an inneren jüdischen Werten noch so arm waren. In dem Maße, als ihr jüdisches Innenleben reicher, ihre Arbeit an der Selbsterziehung zu vollen Inden energischer und posittver werden wird, wird auch der Ton ihrer Worte milder werden. ... Darum brauchen die Differenzen, die in Leipzig zutage getteten sind, -zu keinen Besorgnissen Anlaß zu geben. Wenn nur die gemeinsame Forderung, in der alle einig waren!: Selbstbereicherung . an jüdischen Werten, vor allem Studium des Hebräischen und Schaffung realer Interessen in Palästina, erfüllt wird. Wenn der deutsche Zionismus diesen Weg,. den Weg posittver Arbeit, gehen wird— und daran wird niemand, der seine Ent-. Wicklung in der letzten Zeit objektiv beobachtet Hat, zweifeln Gnnen i—, dann wird er vor innerer Zerklüftung bewahrt 'bleiben und früher oder Wter den Tell der deutschen Judenheit, der noch positiv jüdische Keime in sich birgt,, für sich gewinnen. Sitzung des Misrachi - Zentralkomitees. Hamburg-Altona. Außer den Mttgliedern des Centtalbureaus — Dr. L. Franck, Rechtsanwalt David und Rechtsanwalt Dr. Möller — sind zu der Sitzung erschienen: Rabb. Reines-Lida, Rabb>. Rubinsohn-Rotniza, Rabb. Fi sch mann-Jaffa, Rabb. de Bries-Harlem, Rabb. Dr. Lewy-Charlottenburg, Redakteur Berlin-Charlottenburg, H. Farbstein-Warschün, Dr. Ra pp a Port-Lemberg, Hermann Struck-Berlin, Buben Cohn-Antwerpen, Ch. Kahan-Charkow-Charlottenburg, M. S. Wolff-HaiWnrg, S. Jurovics-Berlin, Zahnarzt Roth sch il d-LWeck, sowie als Gäste einige Mitglieder der Hamburger Ortsgruppe. Der Vorsitzende, Dr. Franck, erstattet den Generalbericht, Rabb. Rubiinsohn berichtet Wer seine Tätigkeit in Rußland, Redakteur B e rlin über seine Agüationsreise in Amerika, Rabb. Fisch mann über PMstina, sowie Dr. Rappaport über den Misrachi in Galizien. Aus den Verhandlungen ist besonders hervorzuheben, daß die Anhängerschaft des Misrachi sett dem Kongreß pon etwa 5000 auf ca. 12,000 gestiegen ist, in erster Linie durch die überaus verdienstvolle Tätigkeit der Herren Rabbiner Rubinsohn und Redakteur Berlin. In der Debatte werden sämtliche die Organisation betreffenden Fragen erörtert. Die Stellung des Centtalbüreaus zu sämtlichen Angelegenheiten wird gutgeheißen. Eine .Reihe von Beschlüssen geben die Direktive für die nächste Arbeitsperiode. Da die Sammlungen sW den Koloni al so n ds eine ansehnliche Höhe «weicht haben, wird eine Kommission von Fachleuten und Kaufleuteu gebildet, die mit den matzgebenden.KreiseN in Palästina zwecks Inangriffnahme der kolonisatorischen Arbeiten in Verbindung treten soll. Der Jugendorganisation ist die größte Aufmerksamkeit zu schenekn. In der gemeinsamen Beratung mit dem Tachkemonikomitee wird nach deM:Bericht..des Herrn Rüben Cohn beschlossen, daß dem.'Misrachi der maßgebende' Einfluß auf die Schule zusteht; die 'Baupläne werden genehmigt; die Anstellung