Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 12 (1914)
- Issue
- Heft 25 (26.6.1914)
- Date
- 1914-06-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Juni 1914) Nr. 25 M. D. Brandstetter der Bater der hebräische« humoristischen Literatur. (Zu seinem 70. Geburtstage.) Es gibt wenig Eigenarten eines Menschen, an denen man seinen Charakter, seine Natur besser und treffender zu erkennen.vermöchte als an seinem Humor. IN der Art und Weise, wie ein Mensch lacht und scherzt, offenbart sich häufig seine tiefste Wesensart. Und was für den einzelnen gilt, ist von noch größerer Bedeutung für eine Gesamtheit, sei es, daß es sich um eine philosophische Schule, eine literarische Richtung oder eine ganze Nation handelt. Wer kennt nicht die Ironie des Sokratikers, den Zynismus der Sophisten, das spöttisch-mitleidvolle Lachen der Zynikerwas ist typischer für die deutsche Romantik als die romantische Ironie, was bezeichnender für die schöne Literatur des Frankreich des ancien regime als ihr geistreiches Gespötte? Wie tief verwurzelt aber die, persönliche, charakteristische Note des Lachens in unserer Seele ist, erkennt man am besten, wenn man die verschiedenen Völker von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet. Man wird wenig nationale Wesenszüge finden, die Kulturvölker stärker in ihrer Eigenart charakterisieren und von einander unterscheiden als die spezifische' Nuance ihres Lachens, ihres Humors, ihres Witzes. Man stelle nur einmal den gemütvollen, breiten, zuweilen etwas derben Humor des Deutschen neben den geistvollen, . sprühenden, intellektuellen Witz des Franzosen, man vergleiche einmal,den.stoischen, halb skeptisch halb moralischen Hümor der großen englischen Romanciers mit dem primitiven, rohen und doch von Zynismus durchsetzten Lachen des Russen, und man wird erkennen, wie sehr der .Humor eines Volkes ein Spiegelbild seines Charakters und ferner Seele ist. Wir Juden sind berühmt,, in gewisser Hinsicht berüchtigt durch unseren Witz. Der „iüdidische Witz" ist ja geradezu zur Bezeichnung einer spezifischen, besonderen Kategorie des Witzes geworden. Man glaubt nun in diesem aller Welt bekannten jüdischen Witz den vollen und ganzen Ausdruck unseres Wesens sehen zu dürfen. Man wollte und will vielfach noch heute diesen spöttelnden, ätzenden, ^bitteren, von Verzweiflung Fnd Menschenverachtung durch tränkten jüdischen Witz als ein Symbol unserer Seele nehmen. Nichts aber ist falscher und ungerechter wie dies. Denn dieser jüdische Witz, der aller Welt bekannt ist, der in Heinrich Heine seinen reinsten Ausdruck und in den Witzblättern seine Karikatur findet, ist gar nicht der wahre jüdische Witz, oder richtiger gesagt, ist nicht die. einzige Form des jüdischen Witzes. Wie unser ganzes jüdisches Wesen durch unsere 2000- . jährige Diasporageschichte im höchsten Grade Kimpliziert wurde und Heute aus tausend Widersprüchen besteht, ein Charakter von uuytdlicher'Vielseitigkeit, so hat auch der jüdische Witz verschiedene Formen. Dieser bittere, satirische, ironische Witz, den wir für die einzige AusdruLform unseres Witzes halten, stellt in Wahrheit nur die eine Seite unseres Wesens daq: .jene, die wir uns im Galuth notwendigerweise angeeignet haben, die I voll ist von Bitteneit und Verzweiflung, .von Skepl sis und Lebensgram, von Elend und Weltschmerz; I dieser „jüdische Witz" ist nur der Repräsentant des I Galuth samt all seiner Anomalien und Laster.' I Wer /aber von uns wüßte nicht, daß unsere j Seele sich nicht in Bitterkeit, nnt» VerUveiflung erschöpft, daß bei allem JamMer und Schmeiß, der in uns lebt,'.doch auf dem Grunde unserer Seelen das Vertrauen und die Hoffnung wohnt, die freudige Zuversicht und der tiefe Glaube an das Gute und Wahre, daß wir bei all unserer Skepsis doch unbeirrbare Optimisten, bei all unserer Ironie doch glaubensstark geblieben sind. Mag sein, daß.ein Teil unseres Volkes, jener, der sich bereits assimiliert hat, diese tiefsten Eigenschaften unseres jüdischen Wesens bis zu einem gewissen Grade verloren hat, aber die Masse des jüdischen .Volkes, all die, deren Judentum noch unverfälscht ist, haben sich trotz aller Leiden und Schicksalsschläge ihren Glauben und ihren Optimismus bewahrt. Und so gibt es denn auch neben dem bekannten jüdischen Witz, der nur der Ausdruck des Bitteren und Negativen ist, das uns das Galuth gegeben hat, noch einen anderen jüdischen Witz, den wahren, echten, der dem Glauben und der Lebensfreude entquillt. Neben der jüdischen Ironie gibt es einen jüdischen Humor, und wenn der assimilierte, degenerierte westeuropäische Jüde nur nrüde, skeptisch, ironisch zu lächeln vermag, so kann 8er Jüde Osteuropas noch Gottlob lachen, ans tiefstem Herzen heraus freudig lachen und in seinem Lachen glücklich sein. Dieser echte jüdische Humor, der ganz von Freude und Lebensmut getränkt ist, hat seine literarischen Vertreter in der hebräischen und jiddischen Literatur gefunden, was nur ebenso naturgemäß ist, wie daß die bittere, beißende jüdische Ironie ihre großen Repräsentanten in den westeuropäischen Literaturen sich geschaffen hat. Es ist durchaus kein Zufall, daß.die zwei Populärsten und im gewissen Sinne originellsten Schriftsteller der hebräischen wie der jiddischen Literatur unserer Tage, Mendele Mocher Sfo.rim und Scholanm Al eich em, Humoristen sind. Es zeugt dies von der unverwüstlichen Lebenskraft der jüdischen Seele. Ein. Volk, das noch Werke wie die Scholaum Aleichems Mit Begeisterung liest und an seinem gesunden, befreienden Humor Glück und Zufriedenheit findet, ist in seinem tiefsten Grunde noch stark und lebensfähig; wer so lachen kann wie Scholaum-Aleichem und die Hunderttausende seiner Leser, kann nicht unheilbar krank .sein. Wegen dieses ihres symptomatischen Wertes sind für uns unsere nationalen humoristischen Schriftsteller von ganz besonderem Werte. Sie kräftigen uns, befreien uns von unserer Bitterkeit und unserem Gram, sie machen uns stärker, indem sie uns einen Beweis unserer Lebenskraft darstellen. Darum sei in diesen Tagen mit besonderer Dankbarkeit und Liebe eines greisen hebräischen .Schriftstellers gedacht, der einer der bedeutendsten literarischen Vertreter des echten, gesunden jüdischen Humors, im gewissen Sinne der Schöpfer der humoristischen Erzählung in der hebräischen Literatur ist und jetzt seinen 70. Geburtstag feiert: M. D. Brandstetters. Brandstetters Name ist in der hebräischen Literatur der letzten Jahre kaum anzutreffen. Er ge- Prt der älteren Generation an. Die Zeit, in der er die bekanntesten seiner Werke schrieb, war noch die der Haskalah und der Uebergangsepoche zur nationalen Strömung. Schon vor. ihm hatte der große Dichter der „Hasllllah", I. L. Gordon, eine größere Zahl humoristisch«:. Gedichte veröffentlicht, hie bis zum heutigen Tage zu den bekanntesten Schöpfungen der gesamten neuhebräischen Literatur zahlen. Aber dies waren, eigentlich keine humoristischen Schöpfungen!; sie waren vielmehr Satiren der schärfsten, bittersten Art. Sie waren alle auf die Polemik eingestellt, wollten bewußt angreifen und lächerlich machen und sind so. eher Ausdrucksformen der jüdischen Ironie als des wahren jüdischen Hümors. Erst Brandstetter hat wirklich humoristische Erzählungen, und Gedichte geschaffen. Auch er war in seinem Schaffen nicht völlig frei von Absichten und Tendenzen. Auch er wollte kritisieren, lächerlich machen und bessern. Aber er tat dies in einer so versöhnenden, hefteienden Form, er igat so frei von der Sucht, zu höhnen und zu verwmrden,. so weit entfernt von der Lust am Aergern und Verletzen seiner Gegner, daß sein Lachen nur beglückend wirkt, sein Witz wahrhafter Humor ist. Seine Werke riefen keine Parteiungen hervor. Ihn lasen und liebten alle. Selbst die Objekte seines Spottes — die Chassidim vor allem — griffen gerne zu seinen Erzählungen, und so wurde Brandstetter zu einem der populärsten hebräischen Schriftsteller. Aber gerade well er nicht verletzte und ärgerte, konnte er auch so stark wirken. Seine Werke roirkten erzieherisch, und seine Leser, die in seinen Erzählungen so manche der Lächerlichkeiten und Unsitten ihres Lebens und Gebahrens erkannten, ließen sich dadurch bewußt oder unbewußt stark beeinflussen. Und so ward Brandstetter auch zu einem der erfolgreichsten Erzieher des osteuropäischen, vor allem des galizischen Judentums, dem. er entstammt und in dessen Mitte er lebt und toirkt. Auch rein literarisch gewertet haben seine Werke bleibenden Wert. Der Stil Brandstetters ist schon ganz modern, kurz, einfach, ftei von den Banalitäten und dem Wortschwall her „Melizah" und in seinem Aufbau abgerundet und geschloffen, und manche. seiner Erzählungen — teils in Prosa, teils in Versen — sind Perlen hebräischer Erzählungskunst geworden. In seinen „Gesammelten Werken" hat er der hebräischen Lüeratur eine Gabe von bleibendem Werte geschenkt. So gestaltet sich sein 70. Geburtstag zu einem Feste der neuhebräischen Lüeratur, und die große Popularität feines Namens bürgt dafür, daß in allen jüdischen Zentren dieser Tag fteudig und» festlich begangen werden wird. Das gesamte jüdische Voll! aber wird ihm seine Dankbarkett beengen dürfen als dem Vater der wahrhaft jüdischen humoristischen Lüeratur, als dem großen Repräsentanten jenes gesunden jüdischen Witzes, der einen so starken, beglückenden Beweis unserer.Lebenskraft und unseres Zukunftsglaubens darstellt. Ans de» Ereignissen des Tages. Nach de« Leipziger Delegierte»!«« »er Zionistische» Bereinigung für Deutschlau». Die Protokolle der Delegiertentage des deutschen Zionismus werden dem späteren Historiker der jüdischen Geschichte Höchst interessante und bedeutsame Dokumente sein; sie werden ihm den Rückentwicklungsprozeß des westeuropäischen Judentums von der Assimilation zum jüdischen Volkstum zurück in einer Deutlichkeit und Schärfe darstellen, wie er dies in solcher Drastik an vielleicht keinem anderen Phänomene unserer jüdischen Gegenwart wird zu erkeimen vermögen. Nirgends offenbaren sich die Syuftstome und AusdruWforMen dieses großen historischen Prozesses deutlicher und charakteristischer als am deutschen Zionismus,, und nfip gends wiederum dokumentiert der deutsche Zionismus seine inneren Wandlungen und Kämpfe in stärkerem Grade als auf seinen Delegiertentagen,