Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 12 (1914)
- Issue
- Heft 21 (29.5.1914)
- Date
- 1914-05-29
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches Famllienblatt. Nr. 21. % schlage, ihre elementare Gewalt wirkt suggestiv und anstäkend. Wie ganz anders bei Zlocisti: Alles Extreme, Laute, Elementare fehlt; wo jene gellende Schreie ausstoßen. Lagt er leise, ängstlich; wo jene vor Jubel jauchzen und Dithyramben singen, da finbel man bei ihm ein stilles, tiefes, inneres Sichfreuen, ein verschämtes Lachen, ein naives Hoffen, lieber feiner ganzen Dichtung lagert eine innere Ruhe, eine stille, tiefe Mrsoimenheit; die Abenddämmerung ist die beste Stunde, in der man Zlocisti lesen soll. Diese Innigkeit, die seine Gedichte auszeichnet, jst das Produkt der Seelenreinheit, aus der sie geboren sind. In diesem Zuge finde ich die erhebendste Seite dieser Lyrik: sie ist im tiefften Sinne rein, keusch, naiv. Man merkt es schier jedem Gedichte an: wie der Dichter gerungen hat, bis er es niedergeschriebenj; wie er sich scheute,' es aller Welt anzuvertranen. Jenes tiefe aristokratische Bewußtsein, das Gemeingut aller wahren Adelsnaturen, daß in jedem Sichmitteilen ein gewisses Sicherniedrigen, in jedem «sichanvertrauen etwas von Selbstentwürdigung liegt, spricht aus jeder Zelle, die Zlocisti gedichtet hat. Darum find seine Gedichte auch meist so kurz. Sie gleichen der Sprache eines scheuen Kindes, das sich schämt, in großer Gesellschaft zu sprechen und nur langsam, rnühsam sich jedes Wort «bringen muß. Es fehlt Zlocisti jede Spur von jenem Triumphatorwesen, das so manche großen Dichter anszeichnet: daß sie sich der Welt gegenüber als Herrscher fühlen, daß sie ihr ftei, ungezwungen, ja herausfordernd, gegenübertreten, mit dem Willen und mit der Kraft, sie durch die Macht ihrer Dichtung zu überwinden und sich zu unterjochen. Ihnen ist das Sichmittellen ein Bedürfnis, sie offenbaren sich mit Behagen, und nichts bereitet ihnen so viel Glücksgefühl, als die überquellenden Gaben ihres Genies der Menge zuzuwerfen. Zlocisti hat nichts von dieser überquellenden, Werschäumenden Natur. Sein Blick ist stets nach innen gewandt, seine ganze Well rüht in ihm, und nur mit Widerstreben und Zagen betritt er die Außenwelt; zur Ber- . schlossenheit, zum Jnsichgckehrtsein geboren, bereitet ihm die Berührung mit der lauten Menge Qualen. In dieser seiner Eigenart, in dieser Keuschhell mrd Innigkeit seines Empfindens finde ich auch die innere Ursache für eine getvisse Schwäche seiner Gestaltungskraft, die ihn kennzeichnet. Es ist immer so: Ueberquellendc dichterische Naturen sind meist große Gestaltungs- MnUer; der elementaren Wucht ihres Erlebens korrespondiert die außerordentliche Stärke in der Beherrschung der Formen, in der Kraft des Ausdrucks. Dagegen: zarte, versonnene, innige Poeten leiden stets an einer inneren Schwäche des Darstellungsvermogens. Leiden ist hier nicht der treffende Ausdruck; denn diese Schwäche gehört zu ihrem Wesen, ist ein Bestandteil ihrer Größe. Die Zarthell und Fnnigkell ihrer Natur bedingt es, daß es ihnen schwer fällt, ihre Empfindungen zun, Ausdruck zu bringen. Sie sträuben sich ja gegen jedes Sichoffenbaren; so ist es natürlich, daß sie nicht Wer die Gabe verfügen, mll souveräner Leichtigkeit und Starke ihr Erlebtes zu gestalten. Wer im Träumen sein ttefftes Glück findet, der kann kein Sprachkünstler sein; wem die Versonnenheit die liebste Sümmung ist, kann kein souveräner Herrscher im Reiche der Formen sein. So mangelt es Zlocistis Gestaltungsvermögen nicht nur an Stärke und Wucht, es ist auch recht beschränll und einsellig. Es ist fast stets dieselbe Form, die er in seinen Gedichten verwendet. Wo er ausnahmsweise nach einer anderen Form gegriffen hat, um sein Erleben MM Ausdruck zu bringen — wie in den „Märchen" — da ist dieser Versuch auch meist mißlungen.' Die Grenzen seiner Gestaltungskraft sind eng gezogen; aber innerhalb dieser Grenzen ist sein Gestaltungsvermögen fast makellos. Seine Schwäche gerade wird ihm hier zum größten Vorzug. Für die Innigkeit und Keuschheit des Empfindens, die er zum Ausdruck bringen will, ist gerade die Eigenart seines Gestaltungsvermögens die denkbar beste. Zu der zagen, reinen, innigen Tiefe seines Erlebens paßt, der leise, diskrete, schüchterne Ausdruckden er ihr gibt, ganz ausgezeichnet. Darum erscheint mir auch der Klageruf, den er am Schluß per Geleitverse zum ersten Bande erhebt: „Daß mir die Kraft so arm mrd schwach. Die ganze Schönheit zu sagen . . unberechtigt zu sein. Eine stärkere, reichere, elementarere Gestaltungskraft würde bei ihm disharmonisch wirken, würde der Innigkeit seines seelischen Erlebens Gewalt antun. So jedoch bilden Inhalt und Form bei ihm eine seltene Harnwnie. Die tieffte Schönheit seiner Gedichte ruht in ihr verschlossen. So schwer es ist, zur Erfassung dieser Schönheit durchzudringen, so ergreifend wirkt sic, wenn sie sich einem offenbart hat. Gerade das Zage, Schüchterne, Keusche, Innige an ihr zieht uns so an. Wir bewundern alle mehr das Quinquecente; aber das Quattrocente wirkt doch ergreifender auf uns. Wir beugen uns alle in Ehrfurcht vor der großen, beherrschenden Persönlichkeit^ aber der reine, naive, ängstliche Poetenjüngling erregt in uns doch mehr Sympathie und Liebe. Und wenn wir messen, was uns an innerem Erleben mehr bereichert: die Kraft oder die Zartheit, das Mächtige oder das Reine, die Gewalt oder die Naivität, ich glaube: wir würden die zweite Reihe höher bewerten als die erste. Sie' ist auch die seltenere. Kraft findet sich überall in der Natur; Zartheit und Naivetät aber ist das ewige Privilegium des Menschen. Darum sind die Gedichte Zlocistis so wertvoll. Weil sie von diesem seltenen Juwel so viel enthalten. Darum aber ist auch der Dichter selbst so wertvoll. Man wird es fast stets bei Dichtern von der Art Zlocistis konstatteren können: je uiehr man sich in ihre Poesie versenkt, um so näher kommt Man dem Dichter selbst, je tiefer man ihre Dichtung erlebt, um so lieber wird einem "der Poet, bis man schließlich dazu gelangt, den Dichter in seinem Werte fiir uns fast höher zu stellen, als seine Dichtung. Es liegt dies, glaube ich, im tiefsten Wesen dieser Dichter begründet. Kraft .und Stärke sind ihrer Natur nach objektive Werte; sie sind Teile der allgemeinen Energie, von der die Natur erfüllt ist. Zartheit und Innigkeit sind subjektive Größen; sie tragen den Stempel des Persönlichen, Individuellen an sich. Wer sie versteht und erlebt, erfaßt in ihnen die Seele, der sie entquellen. Die Gedichte solcher Dichter erleben, heißt von ihren Seelen selbst Besitz ergreifen; wer ihre Poesie lieb gewinnt, erwirbt sich Mglcich den Poeten zum Freunde. Darum auch sind diese Dichter für so wenige nur bestimmt. Wenn ein Poet seinem. Leser so viel gibt, nicht nur seine Poesie, sondern seine Seele, sich selbst, dann kann er nicht viele um sich sammeln; wer so viel gibt, vermag und darf nur wenige mit seinen.Gaben beglücken. Wer sich in Zlocistis Lyrik vertieft, wird dies an sich wahrnehmen Wunen. Mit jedem Gedichte, das man erlebt hat, tritt man dem Dichter näher,'und wenn man zuletzt in der Welt des-Poeten heimisch geworden ist, fühlt man sich mit ihm selbst bekannt, befreundet. Fühlt man auch, daß so stark der Zauber ist, der von seiner Dichtung ausgeht, der Einfluß poch stärker ist, den er selbst ausübt. Durch die Verse hindurch sieht man den Poeten vor sich, mit seiner zarten, reinen Seele, mit seinem liebevolle,! Herzen, mit seinem gütigen Auge, seinem träumerischen Blicke, und wer von den Gedichten scheidet, weiß dann, er hat sich einen seltenen Dichter zum Freunde erworben. Zum Freunde fürs ganze Leben. Denn darin ruht gleichfalls ein bezeichnender Zug, den Zlocistis Lyrik mit jeder anderen' ihr wesensverwandten gemeinsam hat:, es ist schwer, sie zu entdecken; hat man es aber vollbracht, dann hat man an ihr einen Juwel fürs ganze Leben. Man wird nicht oft Kr ihr greifen'; man wird selten im Dahmfliessen des Alltags die Lust wieder haben, einen Gedichteband Zlocistis wieder aufzuschlägen. Die geringe Zahl der Leser, fiir die sie bestimmt sind, ist nicht größer als die Zahl der Stunden, in denen nun sie lesen soll. Kommt aber eine dieser Stuinden, eine jener Stunden, in denen man das Bedürfnis verspürt, Rückschau M Halten mrd Rechenschaft über sich abzulegen, in denen der Drang lebendig wird, mit sich selbst wieder ins Klare zu kommen und die Bahn seines Wirkens und Lebens noch einmal zu prüfen und fest zu bestimmen, kommt' eine, jener stiinmungsreichen, gefühlstiefen, träumerischen Abenddämmerstunden, dann wird jeder, der Zlocistis Lyrik einmal kennen gelernt hat, genre wieder zu ihr greifen, nnd in einigen wenigen Gedichten, die man lesen wird, wird man .unendlich viel finden. Je mehrman diese kurzen, zagen Verse liest, um so mehr entdeckt man in ihchen. um! so mehr entdeckt man in ihrem Dichter. Und zuletzt ist uw» glücklich, immer wieder in solch großen Momenten seines Lebens zu ihm und seiner Muse zurückzukehren. Theodor Zlocisti ist kein Dichter für viele; er wird nie ein großes Publikum finden, und' von den" billigen Lorbeerkränzen der; Menge ist keiner für ihn bestimmt. Theodor Zlocisti ist auch kein Dichter, für den gewöhnlichen Alltag: häufig wird auch sein wärmster Bewunderer nicht zu seinen Gedichten greifen. Er ist ein Dichter für wenige Leser und für seltene Stunden. Aber ist es nicht ein höherer Ruhm,. wenigen in seltenen Momenten ihres Lebens ein tröstender, stärkender, reinigender Born der Kraft und' der Weihe zu sein, als der großen Menge in ihren vielenMußestunden zur Quelle wohlfeiler Sentimentalität und billiger Begeisterung zu dienen? Popularität war noch stets ein verdächtiges Glück gewesen, und Einsarnkeit inmitten einer Leinen, aber ergebenen Schar von Bewunderern nnd Freunden war noch immer das Schicksal aller innigen, reinen Poeten. Es ist nur ein Beweis der Tiefe und Innigkeit der Poesie Zlocistis, daß sie bis heute nur das Gemeingut einer geringen .Zahl von Bewunderern geblieben ist und wohl — hoffentlich — auch bleiben wird. Aus de» Ereignissen des Tages. Alljudentum «ud Jiddischismus.' Seit dem Beginne unserer anormalen natio nalen Existenz in der Diaspora war stets dir größte Gefahr, die uns bedrohte, die gewesen, daß .wir beginnen könnten, den Sinn für das Anormale unseres Daseins zu verlieren und uns daran gewöhnten, unsere Lebensbedingungen für natürlich und erhaltungswert zu halten. Nicht die bedrohten nnd bedrohen unsere anormale Existenz am meisten, die nicht die Kraft besitzen, trotz aller Nöte nnd Leiden, entgegen allen Verlockungen nnd Versuchungen der Umwelt, dem Judentum.tm zu bleiben und so voll uns abfielen. Die offenen Verräter nnd Fahnenflüchtigen haben noch Gegründet 1784. Tel. Amt Hansa No. 1088. Schäfergasse 21 v Frankfurt a. M. Hervorragendes Lager von Rhein- und Moselweinen. Bordeaux, Südweine und Cognacs. Preisliste auf Verlangen'franko. 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