Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 12 (1914)
- Issue
- Heft 21 (29.5.1914)
- Date
- 1914-05-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Unsere Weisen erzählest: Als Gott die Thora eit Menschen geben wollte, da machte Er fragend tie Runde bei allen Nattosten; seine Frage an l'de von ihnen lautete: „Wollt Ihr meine Thora Empfang stehmen?" Jene aber erkundigten sich sach dem Jsthalt der Thora, und als Gott ihnen tie Zehn Gebote vortrug, da gaben alle zur Antwort: „Nein." Die eine ob des Gebotes: „Du llst nicht morden." Die ändere obdes Geistes: „Du sollst nicht ehebrechen." Eine andere lieber des Gebotes : „Du sollst nicht stehlen." dirzum alle sagten: „Nein", stnd nicht ohne trifigen Grund, jede fand ein gar zu schweres Ge-!ot, das ihrem Wesen entgegengesetzt ist. — Alle sagten „Nein"; — Nur Israel, so erzählen nsere Weisen, sagte „Ja". Und siehe: Es sagte : noch bevor.es von dem Jsthalt etwas zu ören bekam, es sagte: „Näase, wir werden tun mischmä (und wir werden hören); also sie waren ercit zu tun, zu erfüllen noch, bevor sie zu [öreit bekamen, was von Ihnen verlangt wird, as ihnen obliegt. War es Frömmigkeit, Gottertrauen? Oder war es Leichtfertigkeit, Unübergtheit? Unsere Weisen erzählest „von Zwang: bfo aleihem har kegigis" (Er beugte den Berg sie wie einen Krug nieder) heißt es im almud, und zwar eröffnete Gott dem unter dem erg stehenden Volke und sagte: „im tekablu es iroti mutaw weim law schont schei kewurachent" ollt ihr meine Lehre in Empfang nehnten, dann es recht, wenn aber nicht, so soll hier auf Stelle Euer Begräbnis stattfinden). Mso Israel adelte imfreiwillig, es stand vor der Alternative verweigern die Annahme der Thora und so bleiben auf derselben Kulturstufe der anderen ölker und unterzugehen oder das Joch der Gete der Lehre auf sich zu nehmen und dabei er auf eine sittlich hohe Kulturstufe zu kommen, och Israel zog es vor, das Joch zu tragen und t leben und nahm die Thora an. War Israel für die Annahme der Thora reif? weifelsohne nicht! Sonst hatte Gott keinen Zwang braucht; sonsthätte Israel nach einer kurzen bwesenheit Moses keinen „eigel" aus Gold sich gossen; sonst ' wären nicht in seiner Mitte noch ahrhunderte nachher so viele Götzendiener gewesen. ' weshalb jedoch wurde Israel für den Empfang Thora erkoren, weshalb wurde nicht die Thora inem anderen Volke aufgezwungeN? Unsere Weifen zählen im Traktat „Awodosoro", daß .einstmals le Nationen vor Gott kommen werden und ian jn die Fragerichten, „weshalb Er seine Thora men gleich Israel «sticht aufgezwungen hatte?" Daus folgte die Antwort Gottes: Die böse Erfahrung es, die.. Erfahrung, die ich mit Euch bei den ersten'sieben Geboten —" darunter Mord und hebruch —, die Ihr empfangen Und nicht einhalten habt, gemacht habe." So erzählen unsere Weift«, — und wer wollte es bezweifeln? Seit ,>Matan Thora" sind Jährusende verflossen, die Völker haben bereits das te und neue Testament aufgezwungen bekommen, — >ld wie stehts jetzt mit ihrer Moral, sind sie Etlicher und moralischer geworden? Sind sie der bischen Moral der Gerechtigkeit, der Moral r Thora, jetzt .näher als einst, oder sind sie elmehr von der Moral der Macht, der Moral oms, getragen? . Ein Blick in den Vorbericht r Carneige-Kommission über die Balkangreuel während des letzten Krieges, den Proftssor Theodor Ruysseueben ferttggestellt hat, — und die Fragen allesamt sind gelöst. Mau sage nicht . BonKriegshandlungest sind keine richtigen Schlüsse zu ziehen. Allein die Greuel am Balkan, )die auch noch jetzt anhalten und die Pogrome und sonstigen Gewalttaten, die an den Inden in Permanenz seitens der russischen Regierung mit kaltem Blute verübt werden, beweisen . zur Genüge, wie entfernt die Völker von der Moral der Gerechtigkeit sind. Würde man heute eine „Maittan Thora" vornehmen und eine Runde bei dckn Völkern mit der Frage machen, wer diese Thora — um sie zu h alten — anzunehmen bereit märe, so würde ein allseitiges glattes Nein ohne weiteres gefolgt sein! — Und das jüdische Volk, wie ist sein Verhältnis Umr Geist der jüdischen Thora? Man sollte meisten, daß; es stach tausendjähriger „Matan Thora" dieser sehr nahe steht. Und fürwahr, solange dieses Volk abgesondert in den Mauern des Ghetto lebte, war es von diesem Geist beherrscht und getragen, allein mit dem Fall der abgrenzenden Mauern begann es anders zu werden; je näher sich die Juden dem GeistEuropasnähern, destomehr rücken sie vom Geist der Thora ab, langsam aber sicher wird die Moral der Gerechtigkeit, um die Moral der Macht eingetauscht! — Eingetauscht, — doch fühlt man sich dabei recht wohl und nicht genug damit, man beginnt kein Verständnis mehr für die jüdische Moral zu haben —,diejenigen Volksgenossen, die für diese Moral eine Heimstätte zimmern wollen, werden aufs schärfste bekämpft und angefeindet, ja man würde sie am liebsten steinigen! Wiederum schicken wir uns an, Pen Tag der Matan Thora zu feiern; doch beim Gedanken, wieviele unserer Söhne' eine zweite „Matan Thora" bedürfen, bei dem Gedanken, wie .groß die Gefahr ist, die uns vom Geist Roms droht, verfliegt unsere Freude. Theodor Zlocisti. (Eine literarische Studie.) Bon Nachum Goldmann. II. Es gibt Lyriker, deren Dichtung die stete Begleiterin ihres Erlebens ist, die alles und jedes, das sie empfinden, in ihrer Lyrik objektivieren müssen; ihre Poesie ist das Tagebuch ihres Lebens. Es sind dies jene überquellenden, produktiven^ Naturen, die wahrhaft singen, wie der Vogel singt, denen ihre Gedichte leicht, mühelos aus der Feder strömest; das Kennzeichen ihrer Poesie ist meist ihr rhytmischer, musikalischer Charakter, ihre Gedichte sind gewöhnlich Lieder, ihr Dichten ist ein SiNgen. Zu dieser Kategorie zählen die meisten populären Dichter, jene, die alle kennen und lieben, zählen die Dichter im gewöhnlichen, volkstümlichen Sinne dieses Wortes. - Neben ihnen gibt es eine andere Kategorie von.Dichtern. Stille, in sich versunkene Naturen, die nur schwer und mühsam produzieren, die in ihrer Dichtung nur die Resultate tief erlebter Erfahrungen kristallisieren, denen ihre Gedichte nicht stete Weggenossen, sondern seltene Meilensteine ihres Daseins sind; ihre Poesie ist die P h i l o s o p h i e ihres Lebens. Diese Dichter sind selten populär, sind stets nur von wenigen gekannt, geschätzt, geliebt, weil ihre wenigen Gedichte zu viel enthalten. weil sie nur durch tiefes Einfühlen und mühevolles Sichversenken zu verstehen sind, und auch) dies nur von solchen, die durch ähnliche Erlebnisse hindurchgegangen, befähigt sind, die gleichen Stimmungen und Gedanken' mit dem Dichter mitzuempfinden. Theodor Zloristi zählt gewiß zu dieser zweiten Kategorie; ja, ist einer der ausgesprochensten Dichter dieser Art. Ich kenne wenig Dichter, die für so wenige Leser dichten, wie Zlocisti. Das große Publikum wird, glaube ich, in seinen Gedichten wenig finden; es wird sie kaum ganz verstehen, geschweige denn lieben lernen. Denn seine Gedichte werden ihm nicht das geben, was es gewöhnlich von Gedichten erwartet Nnd verlangt. Sic reißen nicht fort, sie versetzen nicht in Schwung, sie „erheben" nicht im gewöhnlichen Sinne dieses Wortes, ihnen fehlt jeder Pathos, jede laute Geste, jede heroische Pose. Mer sie umschmeicheln auch nicht die Sinne, sie nehmen nicht die Seele gefangen durch sirenenhaste, musikalische Harmonie, sie umkosen nicht das Herz durch schalkhafte Leichtsinnigkeit und gefällige, tänzelnde Anmut; es mangelt ihnen an geflügelter Leichtigkeit, an lockender, bezaubernder Grazie; jede Koketterie ist ihnen im tiefsten Gründe fremd. So besitzen sie nichts von jenen Qualitäten, die Gedichte beliebt und populär machen. Sie sind nur für wenige bestimmt. Bon diesen wenigen aber, die ihn lesen und verstehen sollen, fordert Zlocisti viel. Seine Lyrik ist so diskret, so fein, ihre Reize sind so verborgen und versteckt, daß grau schon selbst ein halber Poet sein muß, um ihre volle Schönheit kosten zu können. Man muß eine Seele haben, die auf den leisesten Anhauch in Schwingungen konrmt, für hie Andeutungen genügen, um sie vibrieren zu lassen, will man Zlocistis Gedichte ganz erleben. Und auch dies genügt noch nicht. Man rnuß nicht nur in der Seelenzartheit Zlocisti wahlverwandt sein, man muH auch im Seeleninhalt, im Inhalt des Erlebens, viel mit ihm gemeinsam.haben, will man ihn ganz verstehen. Die psychologische Regel, daß alles wahre Verständnis auf Sympathie, alle Sympathie aber auf Wahlverwandtschaft beruht, gilt bei wenig Dichtern in so starkem, bedingungslosem Grade, wie bei Zlocisti. Dieses Charakteristikum seiner Dichtung, das ihre Reize so verborgen und sie selbst schwer zugänglich macht, hat ihren Grund in jener Eigenart, die mir für das Wesen des Lyrikers Zlocisti als die grundlegende erscheint: in der wundervollen Innigkeit u n d Reinheit seines Erlebens und Empfindens. Dieser Wesenszug ist es, der Zlocisti von den meisten Dichtern der juNgjüdischen Bewegung, wie wir sie in der hebräischen und jiddischen Literatur so zahlreich haben, am tiefsten unterscheidet. Man lese einmal — um nur die zwei bekanntesten zu neNnen — Bialik und Morris Rosenfeld, und vergleiche sie mit Zlocisti. Alle drei dichten ja schließlich über dieselben Themata. Der Inhalt ihres Erlebens ist ja der gleiche. Mer welch ein Unterschied .in der Art des Erlebens! Bei jenen überschäumen die Empfindungen mit elementarer Gewalt,' ist alles wuchtig, mächtig; jeder Zweifel wird zum gellenden BeWveiflungsschrer; jede Hoffnung steigert sich zum weithin schallenden Jubelruf; der Prozeß des Erlebens gestattet sich mehr dramatisch als lyrisch; die Gedichte reißen den Leser mit, treffen ihn wie Keulen--