Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 12 (1914)
- Issue
- Heft 20 (22.5.1914)
- Date
- 1914-05-22
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. > Frankfurter Israelitisches Fmnllienblait. Die feige Schar, die unser Boot verläßt, lind uns . und uns . die.ringend Mr verbluten. Me Bibel.) Dieses Bewußtsein unserer Schmach raubt ihn: die Kraft; Schmerzen zu ertragen ist nicht schlimm, das Leid ist die Vditter der Kraft, ßbet sich schämen müssen, dies ist furchtbar; denn es raubt die Stärke züm Dulden, ertötet die Energien zum Kämpfen und läßt nur — weinen. Und so fleht .der Dichter nur um eins: Inbrünstig send ich nun zu dir mein Flehn, Doch nicht um Kraft und Akut und Siegsirophä'n. Nein! Eines nur erfleh ich» Juda's Hort: Wenn ich erschau' die eigenen Stammesbrüder, Sich treulos freu» am nackten Griechcnsport, Und alle HeimatliÄe ansgedorrt. Den Mund entweiht durch trunlne Bacchuskieder, Wenn schaudernd diese Schmach mein Äug' erblickt, Dann gib mir Kälte, Härte wie dem 'Steine, Daß mir das Weh nicht alle Hoffnung pflückt. Und ich. von Seufzern nicht die Brust zerdrückt, Duffchluchzend sinke in den Staub und . . weine. (Juda Makkabis Gebet.) Er kämpft gegen diese drohende.Gefahr, gegen das Uebermänntwerden Und Erschlaffen. Denn er will leben, will gesunden. Und er weiß: seine Gesundung kastn ihm nur die Lebcnsfteudc bringen: Ihr wollt mit Pillen und Wässern Und sonst'geut. gelehrten Kram Den Judenschmerz uns bcffern: Und wißt nicht, woher er kam! Uns bringen eure cheinischen Sachen Nur immer mehr auf den Hund. Lehr uns erst wieder lachen! Dann sind wir wieder gesund. (Heilmittel.) , Und den Weg zur Freupe, zur Hoffnung, zum Lachen findet er in der Nationalen Bewegung. Das Aionsidral ist es, Pas ihn gegen seine Leiden wappnet, das ihm Trost, Kraft, Mit gibt. Nun, da er dieses Ideal gefunden, will er, kann er- Nicht mehr sterben. Die Hoffnung halt ihn am Leben fest. Wenn meine Hoffnung von nrir zöge Auf Zions Wiederauferstehn, Und meine Sehnsucht sich verflöge Nach meiner Stadt, Jerusalem! Wenn diese Hoffnung mir verschwebte. Die sonnentrunken in mir lag. Ich wäre tot . . auch wenn ich lebte! Es wär mein erster Sterbetag . . . . (Erster Sterbetag.) düur gewinnt sein Leiden für ihn Sinn; denn mm erkennt er, daß dieses beglückende Ideal nur aus diesem Leiden heraus erst geboren werden konnte. Ans unseren Rächten Und allem Leid Erblüht uns Zions Seligsint. (Das Gesetz.) Nun gewinnt er seine Leiden lieb; denn in ihnen findet er die Wurzeln seines Glückes. Nun kümmern ihn nicht mehr Feindesflüche nndHäffensschrcie; spielend vermag er allen Pfeilen des Haffes zu trotzen, und sieghaft lachend überwindet er alle Schmerzen, die ihm die Verfolger bereiten wollen. Ich hab mir in meiner Seele Ein weites, entlegenes Feld, Für all die Fremdlingsschmerzen Als Totenstätte bestellt. Tort werden die giftigsten Blicke, FlnOoorte, so spitzig und hart. Eh ich sie recht empfunden. Mit munterer Laune verscharrt. Bei dieser Gräberstättc Da kehre ich gerne ein. Dort gsiihn meine Luftigsten Rosen In kosendem Sonnenschein. (Rosengelände.) Jetzt wird ihm seine Last zum Schatze, wird ihm sein Jndenschmerz zuM.Juwel, das er um nichts .in der Welt verlieren möchte. Und. würs ich von mir diese'Last'.weithin. Die Last» die mir den Rücken peinigt; Und könnt ich eine^ärchere Straße zieh». Wo nimmer mich der Hause steinigt. Und war ich Judenleid und Haß entrückt. Und zög im Schwarm der Andren nni die Erben: Ich wäre hundertfach beglückt, _ Millionenfach unglücklich werden. ' (Apostata?) Und derselbe Dichter, der vorher an seinem Schmerz zugrunde zu gehen drohte, der ftüher klagte: Ich kann mich letzen nimmermehr an Berg undd Wald, All FÄsenrisi und sonnumgoss'nen Gründen. (In meiner Seele starb das Lachen . .) nun wird er zum Sänger der Freude, des Jubels, und.er dichtet sein dröhnendes, krasterfülltes, hoffnungsdurchglühtes Marschlied, das vielgesungene, populärste all seiner .Gedichte: Wohlan! Laßt das Sinne» und Sorgen, Fegt die Angst aus der Seele heraus! Schon grüßt uns der Freiheitmorgen, Die Freude pocht jubelnd ans Haus. . Der Frühling wird junges Leben bringen Und Leide» und Knechtschaft niederzwingc». Es sproßt und grünt ein neuer Lebensmai: Auf Hedad -Hedad! Unsre Bahn ist frei! Ist sie frei? Wirklich frei? Oder ist nicht diese Freude eine erzwungene, eine" sich vorgelogcne, eine leere Illusion, das Produkt der Selbsttäuschung und der Schwäche, die nicht den Mut besitzt, der leidvollen Realität ins Auge zu sehen und sich darum Luftschlösser baut? Ist nicht am Ende der Auflösungsprozeß unseres Volkes zu weit fortgeschritten, als daß noch Gesundung möglich wäre? "Was ist denn unser Dasein?; doch lmr ein halbes Sterben. Und selbst das, was uns durch die Jahrhunderte erhalten hat, der stärkste Pfeiler unseres Daseins, unser Gesetz, unsere „Lehre", ist auch sie nicht bereits ein Kind des Todes ustd des Untergangs? Freilich, einst da war sie groß und stark: Du warst doch einst so wurzelscst und stolz: Ein Baum des. . Lebens allen, die sich hielten An deines Stammes saftdurchströmtcm Holz, Um das des Frührots goldne Lichter spielten. Doch jetzt: Auf deinem Wipfel liegt jetzt Abendschein, Und liegt die Angst vor dunklen Trauernächten, Tic Wehmut fügt sich in dein Rauschen ein, Wie Seufzer llingts von dulbensmüden Knechten. In deinen Zweigen nistet Rabenbrut, Und deines Stammes Runzelrunen bergen Tie halbe Kunde kaum von Licht und Mit, Und ganz den dninpsen Hauch von Särge».- . . Wars nicht ein Sarg, der dich dem Tod entrang? Den Rabbi schützten einst sechs kahle Bretter. Der Tempel lohte; und dein Volk versank. Und Zions Frührot grüßte Romas Götter. (Die Lehre.) Und den Dichter ergreift wieder der alte Schmerz. Aus der jubelnden, hoffenden Stimmung, in die ihn sein Ideal versetzt hat, reißt er sich heraus, er schaut um sich, und erkennt die alte, kraftlose, leiderfüllte Gegenwart; er blickt in die Geschichte und er sieht nur eine lange Reihe von Leiden und nrühseligem Sichdahi'nschleppen; er schaut in seine Seele und findet den alten Schmerz, das alte Weh, und erstaunt ftagt er sich, wie er nur früher so hat jubeln können: Und ich tanze und lache und juble mit Als hätte ich niemals mich "selber gekannt. (Vergessenheit.) Er.möchte schier verzweifeln. Sein Leid überkommt ihn noch stärker. Er will schier nicht mehr glauben, daß er je noch sein Ziel erreichen wird. Die Barke weiß, zum Ziele kommt sie nie. Sie weiß, ihr Schicksal ist das Ändere Ufer.. . . Lsimm, schwarze Barke, diesen Pilgrim mit, Und laß ihn still an deinem Maste lehnen. Er muß — ein Fremder, den kein Hafen litt, — An jedem Strand sich nach dem anderen sehnen. / (Der Pilger.) Es ist die tiefste menschliche Tragik, die der Dichter hier erlebt. Wer nur Leid und Qual femtt, dessen Schicksal ist noch nicht das grausamste; denn er kennt ja nicht die Freude und das Glück; er kann ja nicht vergleichen, tmd das tiefste Weh wird eben aus dem Vergleichen geboren. Der leidet erst die furchtbarste Tragik, der aus der Qual und Not heraus ein leuchtendes Ziel gefunden hat, aber nicht mehr glauben kann, daß es ihnr je vergönnt sein wird,, es zu erreichen. Wer von uns hat diese Tragik noch nicht gekostet? Wer von uns, denen das Zionsideal ihr Heiligstes und Größtes ist, hat iwch nicht diese furchtbaren Stunden des Zweifels erlebt, da sich angesichts des jänimerlichcn Geschlechtes, in dem wir leben, angesichts der Feigheit und Würdelosigkeit der Waffe, angesichts der Größte und Ferne unseres Ideals unser eine Verzweiflung zu bemächtigen beginnt und man am liebsten die Waffen in eine Ecke schleudern und sich irgendwohin verkriechen wollte, weit, weit weg von unserer Gegenwart; Stünden, in denen man schier das Ideal, dem man .dient, Haffen möchte, weil man es als Ursache .seines Leides erkennt: Und war ich vom Tod als junger Gesell Gepackt einst hinterrücks am Krage», Mein Lebensbündel schnürt ich schnell Und zöge mit ihm ohne Schmerz und Zagen. Ja einst! . . . Jetzt sieht mich wank die bleiche Nacht, Don dannen will mein armes Sein verschweben ... , ... Ach! Hättest du nimnier mir ins Herz gelacht. Du Zionstraum von Kraft und Glück und Leben! . . (Krankheit.) Nr. 20.1 Nr In Ü! m sind das MabänderliAeß SchickM^si -d Kinder einer Uebcrgangszeit sind, die" das HW hassen und ihr ganzes Leben nur in den Dienst bi Morgen stellen. Wenige jedoch habenchieser . mik^c, Wesen unserer nationalen Idee .unzertrennlich vei bundenen Tragik einentieferen,' ergreifender! Ansdruck gegeben wie Z l o c i st i. Niemand abc hat in so tiefer befreiender Weise den" Weg gi wiesen, der zur Ueberwindung dieser Tragik sich wie er. -/ - Denn - der Dichter erliegt ihr nicht. Sein Id«! erweist sich starker als diese Tragik, und in ihi findet er die 'Kraft und das Mittel, sie zu übe winden. Dieses Mittel aber heißt:?R-estg n.at ioi! Nur daß man dieses große Wort, nicht mißversteht darf. Es gibt. eine Resignation, dje rein a aus de» Leiden, ganz aus der BerzweifürNgi tzÄio'ren ist: bi Resignation des Pessimisten; das unwahre Erzen nis seines Lebensinstinktes, das einzige Mittel mit dessen Hilfe er noch existieren kann; eil schwaches Sichabfinden mit dem Leben, ein mi fruchtbarer Fricdensschluß mit der Realität; ein] letzte Konzession an das Leben, eine ' letzte, ’un fruchtbare Lüge, um noch leben zu können. Uni es gibt eine ganz andere Resignation. Jene, di! die Freude und die Hoffnung gezeugt haben; di Resignation des Optimisten; das Produkt seine! Hoffnung, das Kind seines Glaubens, das ihn Kraft gibt, zu warten, sich zu gedulden, die nngc] stüme Sehnsucht seiner Seele zu bezwingen uni den leidenschaftlichen Haß gegen die Gegenwart zi kühlen; etwas, das ihn stärkt und mit Ausdauc wappnet, eine fruchtbare, starke Brücke zur Zu] kunft. Diese Resignation ist diejenige Theodo, Zlocistis. Er weiß, daß sein Ziel nicht bald zu er reichen ist, aber er erkennt, daß . dieses Ziel s groß ist, daß es sich zu warten lohnt; aus bei Erhabenheit seines Ideals schöpft er die KrasI zur Geduld, aus der Tiefe seines Glaubens de Mut zur Resignation. Und so glaubt er wieder! Er vertraut wieder auf sein Ideal,, auf sein Schicksal] auf seinen Gott. Und er singt sein, schlicht erhübe nes, ergreifendes Lied: Was heute unten, ist morgen oben. Wir müssen den Herrn in allem loben. Er gab uns das Leid; und Leiden lehrt Warten. Wir ahnen im Winter den blühenden Gar'.en. Glück und Frühling machen die Runde, Ich weiß: es kommt auch unsere Stunde. (Ergebung. Sein Glaube gibt ihm wieder Mut zum Vor wärtsschreiten. Nur vorwärts» Kind! Dann weicht die Mauerwchr Denn unsre Welt ist hier noch nicht am Ende. Du hast die dumpfe Enge nur gekannt, Drum konnten Tränen deine Augen feuchten. Nur hinter einem grauen Nebelland Kann dir das Lenzland einer Sehnsucht erleuchte». (November.). Nun gewinnt er wieder den .Sinn für all da-; Schöne, was noch in Unserer armen Gegenwart d< ist. Das Wunderland der jüdischen Tradition öffnet sich ihm,' und in den jüdischen Bräuchen] und Sitten, im jüdischen Sabbath und den jüdi scheu Festen findet er eine reiche Quelle dür..-inneren Zufriedenheit und Ruhe. Er empfindet vor allem] den vollen Zauber des Sabbath, des Fried und Ruhe spendenden.Sabbath. Der Mend sinkt . . . Du bist allein. Nun zündest im die Sabbatfeierkerzen . Und flehst den Frieden in Dein stilles Heim . . . . Ich habe den Frieden nicht. — Mutter! . . . Zünde auch mir ein Sabbatlicht! (Sabbatanfang.) Und wieder!: A für' di des fi D u A U U u V D 58 I funder lieber inen i getane da al! heit l unöcri ganzleid f iwch I u 2 c- Leben ist ge er eden t es j( das mähe so gi Du trautes Sabbatlichtelein! ' Leuchte noch einmal in meine Seele hinein. Daß ich die grauen Wandertag Deinen helmklchen Zauber im Herzen trüg. - -'A Du ... Seliger Trost, in aller Qual, .... . . . Ich seh dich' vielleicht das letzte Mal. (Sabbatausgang.) Die unergründliche Gemütstiefe des jüdischen! Familienlbens ergreift ihn. Die Erinnerung an die Ahnen, die Liebe zu den Eltern wird ih zu. einem Born des Trostes und der Starke. Zwei siebe Hände gaben mir den Segen So oft die Sübbatstnnde bräutlich kam Und grauer Tage Schwermut von mir nahm. Zwei siebe Hände gaben mir den, Segen, Die abends, schaffcnsmüd und. rauh vom Plagen^ Auf unsrer Ahnen lichten Büchern tagen. Ans fundi zur i terw, zu Q sagen schiei seele Heiß. Rün v sind, sie stslh -jfa Hand. und Aug und -Lippen. I hgz (