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Neue jüdische Presse · 1914-05-22 · Heft 20 (22.5.1914) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
12 (1914)
Issue
Heft 20 (22.5.1914)
Date
1914-05-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ein Fürst ist gcfntteh, ein Geistesfürst von fast ^artiger Größe! Rabbi E i s e k H a l e v i ist der ist, der da gefallen, der seltene Meister des ^oroth Horischonim", und weinen muß diesen - Großen, diesen Gcistesheroen ganz racl, die ganze Jpdenheit, und mit ihr auch Judentum, denn Halevis Heimgang bedeutet m unermeßlichen, ja schier unersetzlichen Verlust alle beide. Noch in seiner Heimatstadt Wilna, als er cischau- Ri Kaufmaimstandc angehörte und Geschäfte im *"Üs* lkcu trieb, galt Halevi als einer der Großen PraH »ßlauds, als großer „boki" (Vielwisser) und inntagff^r ,>ch"ris" (Scharfsinniger), und schon da- 8oden,»ls galt er als bedeutender Forscher und Histo- Abfahrti ' Schon seine erste Arbeit: ob die letzten heimer. »oroim bei ihrem' ordnenden Abschlüsse des Tal- Bawli den Talmud Jeruschalmi vor 9 Uhr »gcn hatten, die Dr. Kantor, gegenwärtig Rabbi- Riga, in seiner Monatsschrift „Ben-Llmi" hweW.rösscntlichte, ebenso seine Randbemerkungen zum mm «teu Bande der Grätzschen Geschichte Israels in > ^^^'»räischer .Uebersetzung. von Saul Rabinowitz »ischau 11 B.: Owans Ifeit großes Aufsehen hervor. Jedoch in seiner Owansl^bu Größe offenbarte er sich> als er dem Handel lr.:Hebr.»let sagte und mit seiner Uebersiedclung nach rche^lll Frankfurt sich ganz seinen Studien zuzuienStag,Inden in die Lage versetzt wurde, denn jetzt Vimtoljr1^ cr iein großes, unvergängliches Werk „DolerStag,»h tzorischoniiwJznm Abschluß bringen. In ,kurzer le Zeit folgte Teil auf Teil, so im Jahre »97 der erste Band über die Zeit der „Rabonon lburroi" und der der „Gaonim"; der zweite über Zeitabschnitt der Amoroim im Jahre 1001 b endlich der dritte Band.von den Häsmonäern der Zerstörung des zweiten Tempels. Nicht im Rahmen eines kurzen Artikels kann Bedeutung dieses epochalen Werkes fcstgehal- » werden, wir beschränken uns nur darauf, zu lnstatieren, daß das „Doroth Hbrischonim" eine mWälzung in der jüdischen Geschichtswisseu- >ast — besonders in den Anschauungen über die buruer — hcrvorgerufen hat. Halevi .gehörte auch zu den wenigen Gelehrdie bei all ihrer Vergeistigung und Versunaheit in abstrakten Sphären auch weltklug und aktisch-sind, und da Halevi dies in außcrordenthwr Maße gewesen ist, so ivar sein .Einfluß auf e russische Orthodoxie enorm; er war cs, der e russische Gaonim für die Sache der „Agu- >th Israel" gewann, und sein Heimgang bedeutet r die Agudoh eilten herben Verlust. Hamburg ist die Stadt, der der Scchus zull wurde, den großen Meister zu Lebzeiten, sonach seinem Heimgang in ihremBet-Hakewo-!h, zu bewahren; ein Scchus Halevi gegenüber t auch unser Frankfurt, in dem.er zuerst wohnte, >d das reichlichen Anteil an seiner .Entfaltung ihm, doch die gesamte jüdische Welt Hat .den iw iten zi uilgewöhnlichcn großen Scchus, das. große Erbe des großen Halevi für immerdar anzntreten und zn bewahren! Theodor Zlocifti?) (Eine literarische Studie.) Von Nachnm Goldmann. I. Es ist doch eigentlich seltsam, wie wenig Dichter die nationaljudische Bewegung in Westeuropa noch gefunden hat. Wenn man die volle historische Bedeutung dieser Bewegung erkennt und sie in Vergleich setzt mit ähnlichen Prozessen in der Geschichte anderer Nationen, etwa dem nationalen Erwachen des deutschen Volkes vor 100 Jahren, dann 'wird man staunen müssen, wie wenig Dichter und Sänger ihr bis heute noch erstanden sind. Was bisher an nationaljndischer Poesie in Westeuropa geschaffen wurde, besteht größtenteils aus gutgemeinten.pathetischen'Deklamationen und in Stil und Inhalt den deutschen Studenten- und Marschliedern sklavisch nachgeahniten jüdischen Gedichten dieser Art. An echter, tiefempfundener, künstlerisch hochwertiger jüdischnationaler Dichtung hingegen sind wir Nur sehr arm. Und wenn.man schon hie und da auf ein literarisch vollwertiges jüdischnationales Gedicht stößt, so wird nmn meist erkennen, daß es das Werk eines Poeten ist, der sonst ganz andere Themen besingt und nur durch Zufall oder nebenbei auch einmal ein jüdischnationales Lied gedichtet hat. Einen Dichter, .dem das nationale Judentum Inhalt und Häuptthema seines Dichtens wäre, der in ihm den Sinn seines Lebens und Schaffens gefunden hat, wo wäre er zu finden! Der Grund für diese zum Nachdenken stimmende Erscheinung scheint, mir darin zu liegen, daß die nationaljüdische Bewegung in Westeuropa noch Lu jung und noch zu wenig tief in den Seelen ihrer Anhänger verwurzelt, ist. Die durch all unsere Lebensbedingungen bedingte Assimilation ist auch in den sich jüdischnational nennenden westeuropäischen Juden noch zu stark, als daß die nationale Bewegung bereits den vollen,. ihr gebührenden dichterischen Ausdruck gefunden Haben könnte. Zu sehr pst das Nationaljudentum nur noch Wille statt Tatsache, zu sehr Sehnsucht statt Wirtlichkeit, als daß sein poetischer Mederschlag sich bereits gebildet haben könnte. Das nationale Judentum ist in Westeuropa noch nicht über seine Anfänge hinweggekommen, daher in den Meisten natiönaljüdischen Gedichten, die bereits geschaffen sind, jener schülerhafte Pathos, jenes Beketmtnismäßige, jene große Geste, jenes llnausgerciftc, das sie kennzeichnet. Einen einzigen Dichter nur hat die.nationale Bewegung in Westeuropa bis heute gefunden, dessen Muse ganz von ihr ausgefüllt wird, der auch darum als einziger in seiner Poesie 'über die Anfänge des nationalen Judentums weit hinaus, bereits eine reiche und tiefe innere Entwicklung der natiönaljüdischen Idee offenbart und zu dichterischem Ausdruck gebracht hat: Theodor Zlocisti. Zlocistis Dichtung ist ganz erfüllt vom nationaljüdischen Gedanken. In ihm hat Zlocisti seinen .*■) Theodor Z l oc isti: Vom Heimweg, Verse eines Juden. 1903. Am Tor des. Llbends,- Lieder vom Heimweg. Berlin 1813. Jiid. Verlag. tiefsten Lebensinhalt gefnüden. 'Alle Motive nnd psychologischen Ursachen, die die nationale Bewegung geboren haben, alle Gefühle nnd Stimmungen, die diese dann ihrerseits in ihren tiefsten Vertretern ausgelöst hat, finden sich in seinen Gedichten. Damit aber gestaltet sich die Betrachtung Zlocistis nnd seiner Dichtung zu einer für die Erfassung der nationalen Bewegung interessanten und bedeutsamen Aufgabe: an der Hpnd seiner Gedichte läßt sich schier so etwas wie eine Psychologie des nationalen Judentums schreiben. * Das große Ausgangsmotiv von Zlocistis Lyrik ist das alte, ewige Grundmotiv aller nationalen Strömungen im ntodernen Judentum, ist die Grundtatsache aller Judenfragen: der Iirdenschmerz. Ueker unserer Kindheit Da lag eine drohende Faust, Ach! unsere stillen Freuden Haben sic zerzaust. DaS gcw so tiefe Wunden Wie nie ein XoTd) sie sticht, Mau kann sie vergessen . . . verträumen . . Heilen kann man sie nicht. Heilen kann man sie nicht. (Pas Judenknid.) Dieser Jüdenschmerz, das Erbteil unseres Schicksals, niemals war es furchtbarer als in unseren Tagen. Denn früher, ha kannten wir lwch einen Trost: wir trugen unser Leid mit Mut rmd Würde. Wie Kronen trugen wir unser Leid Mit stillem Glanz durch die nächtige Zeit. Und war wie stetes Siegen. Wir waren Fürsten im Bettlergewand, Und herrschten in einem Zuknnstskand, Wo goldene Träume sich wiegen. Jetzt hingegen sind wir mutlos geworden, Sklaven, die ihrem Schicksal feig entrinnen wollen: Da kam das Mitkeid und riß uns vom Haupt Die Krone, die es zu schwer uns geglaubt. Und ließ uns Leid nnd Lasten. Nun sind wir Bettler im Fürstengewand, Tie jeder Tag noch ärmer fand Und müder! . . . Vom Schlummern und Rasten. (Wandet.) Diese Schmach aber kann der Dichter nicht ertragen. Schmerzen, ja, die vermag er zn überwinden, aber.Feigheit, Mitleid, Erbarmen, das nicht! _ Und sauste Fluch auf mich nnd Schiinpf und «chand. Und spie der Haß nrich an aus tausend Schlünden, Ich preßte die Zähne fester auseinand' — Und häb's verwunde». - Und warf man Stern und Stein nach mir Und hetzte mich nrit wilden Hunden — Es hat mein Herz zerrissen schier . . Ich hab's verwunden. Doch' als ich senes tote Mitleid sah. Das die geballte Faust erschlaffen machte: Das ging mir nah! . . Das ging mir nah! Ein irre empfundner Schmerz erwachte. » I h n Hab ich rricht verwindeir kömrerr . . (Mitleid.) Ulld dieser Schmerz, dieses Bewußtsein unserer Schmach, tritt ihm überall entgegen. Er will sich von der kläglichen Gegenwart in die große Vergangenheit unseres Volkes flüchten, er greift das größte Denkninl rinseres Glanzes und unserer Größe in die Hand: die Bibel, aber gerade dieser gewaltigste Zeuge unserer einstigerr Stärke erürnert ihn nur doppelt grausam an die schmachvolle Gegenwart: Als ich dir unser eroges Buch wollt reichen. Das Buch der Bücher, bebte meine Hand, Weil ich's wie eine . . Sünde fast empfand. Denn dieses Buch wird dein«: Jugend — bleichen. Verlöschen.wird dies Buch die Jugendgluten, Du siehst das Einst —und siehst den armen ~

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