Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 12 (1914)
- Issue
- Heft 19 (15.5.1914)
- Date
- 1914-05-15
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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ßfite 4. Neu eröffnet! ■ Cafe Corso I Ecke Kaiserstrasse and Moselstrasse. ■ _Franz Kristm M «in G-lLiSe. FMillMk. W Roman aus dem Mischen Gemeindeleben. Bon S. Luß-Mannheim, (Schluß. Bei Rüben Stern, der seinerzeit gleich nach Josef Heilbrnnn Hochzeit gemacht hatte, fand diesmal das „Lernen" in der Schwuausnacht statt, das dem' Hoschano- Ralbolernen gleicht, :mr daß die Auswahl des zu „Lernendes etwas universeller ist, denn, weil am Tchwuaus die ganze Lehre dem Volke offenbart wurde, wird auch von jedem Teile etwas „gelernt". Da Samuels Mutter nicht nur wie an jedem Rüsttage eines hohen Festes Deiches und Kuchen zu backen hatte und mit Vorbereitungen für die Küche sehr in Anspruch genommen war, mußte sie diesmal wenigstens abends zur Bedienung in der Kaffeepause Helferinnen zuziehen, weil das so allgemeine Sitte war. Zu tun war außer dem Einschenken des Kaffees nicht viel, da Obst und Plätzchen nur hingestellt, nicht herumgereicht wurden, aber es sah feierlicher aus, wenn recht viele Aufwärterinnen beim Einschenken tätig waren. Außer Regine wurde auch Rahel zur Mithilfe gebeten. Für Regiiw war schon nachmittags zu tun, denn sie sollte als zweite Gefälligkeit auch die Krone und die Guirlande flechten, die Rüben Stern für die Synagoge zu liefern hatte. Rüben hatte ein Scfer-Thora in die Synagoge gestiftet, und der Lehrer hatte Rüben schon vor acht Tagen geineldct, daß am Schwuaus sein Sefer „an der Reihe" sei. Aus seinem Sefer wurden also am Schwuaus, dem Gcsetzgcbungstagc, die zehn Gebote vorgelesen, und er nrußte deshalb die Blumcnkrone liefern, womit die am Schwuüus benützte Thorarolle geschmückt wurde, und hatte die Guirlande, zu stellen, die vor der heiligen Lade aufgehängt wurdewährend die Ausschmückung der Synagoge mit Zweigen des Brrkenbaums und sonstigem Grünen dem Synagogendicner auf Kosten der Geineindc oblag. Für das Flechte:: der Krone besaß die Gemeinde aus spanischem Rohr hergcstellte Btodellc, welche Regine mit Laub und Blume:: zu umwinden hatte, und sic entledigte sich der Sache zur vollen Zufriedenheit.- Samuels Mutter beivunderte die niedliche, geschmackvolle Arbeit der Bindekunst und bemerke gegen Samuel, daß Reginc, die ihr auch noch in der Küche zur Hand gegangen, ein sehr flinkes, arbeitsgewandtes Mädchen sei. Das war Samuel genug. Er ftohlockte iin Jnnem, daß seine List gelungen war, ohne Auffälligkeit Reginc in das Haus seiner Eltern einzufuhren und sie unter den scharfen Augen seiner Mutter ihre Tüchtigkeit in häuslichen Arbeften bewähren zu lassen. Nun konnte er direkt auf sein Ziel' losgehen, dem: das wußte er, daß seine Eltern, so sehr sic sich ihres Reichtums freuten, bei ihrem einzigen Kinde nicht darauf sahen, daß er bei der Wahl einer Frau sich von der Höhe der Mitgift leiten lasse. Er benützte denn auch kurz cntschloffen den Spaziergang, den er am zweiten Schwuaus-Tagc mit seinem Freunde Simon durch die Felder machte, um ihm mitzuteilen, daß er die Absicht habe, in den nächsten Tagen .Reginc um ihre Hand zu bftten, er inögc sie vorher ftagen, damit er sich nicht einen Korb hole. „Ich dachte, Du hattest Dein Auge auf Rahel geworfen. Du hast doch sogar am vorletzten Cholhamoedball eine Extratour mit ihr getanzt." „Ich glaubte wirklich, daß Rahel mich gern hat; seitdem ich über beobachtet habe, daß sic an einen ganz andern denkt als an mich, habe ich die Bemühung aufgegeben, und in Regine, die mich erst nur wegen ihrer Aehnlichkeit mit Rahel anzog, habe ich so viele r N. ROSENAU ”” Englische Herren-Schneiderei IO Boetheatnase IO. . Vonuteu Antfährunc. Mittige Tr eise. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Tugenden entdeckt, daß ich zur Ueberzeugung gekommen bin: sie ist es, die für mich paßt und die mich allein glücklich machen kann, und an mir soll cs gewiß nicht fehlen, alles zu tun, was ich ihr an den Augen abseh'en kann." Simon reichte ihm die Hand. „Ich werde Dich gern meinen Schwager nennen, ich habe Dich schätzen gÄernt, und werde Regine ftagen, aber ich muß offen mit Dir sprechen, bannt Du nicht eine größere Mitgift voraussetzt, als Regine hat." „Darüber brauchst Du nicht mit mir zu reden, das kannst Du mit meinem Vater besprechen; aber eines möchte ich Dir sagen: auf bares Geld sehe ich Wenigstens nicht. Reginc kann alles, was ihr zur Verfirgnng steht, in Leinen, Wäsche und Möbel anlegen, wir wollen uns wenigstens zwei Zimmer im elterlichen Hause modern einrichten. Ich denke, Sinion, wir werden mit unseren Frauen gerade so genrütlich zusammen weiter leben wie bisher." „Was redest Du? Meinst Du mich? Ich kann' doch nicht ans Heiraten denken und weiß also nicht, was Du mit dem gemütlichen Zusammenleben wie bisher eigentlich meinst." „Bist Du blind, oder hältst Du mich für blind?" „Ich weiß wirklich nicht, was Du meinen kannst." „Ich habe Dir doch gesagt, warum ich die Bewerbung um Rahel aufgegeben habe." „Wie? Was meinst Du?" „Das meine ich, daß Du Rahel gern siehst, das wirst Du nicht leugnen, oder doch?" Simon sah weg. „Mso," für Samuel fort, „Du kannst es auch nicht leugnen, dazu sehe ich zu scharf, und daß Rahel Dich gern hat, das kann ein Blinder mit dem Stocke greift», mir zulieb ist sic nicht immer zu Deinen Schwestern gekommen." Simon geriet in Unruhe, als er, zu Hause angckommen, allein in seinem Zimmer sitzend, überlegte, was Samuel ihm gesagt hatte. Auch in seinen kühnsten Hoffnungen, in denen er sich ciirmal träumerisch gewiegt hatte, ohne sich selbst klare Rechenschaft über seine Gedanken zu geben, war cs ihm nie in den Sinn gekommen, daß Rahel ihm zuliebe kam. Jetzt aber wurde er sich klar, wie tief Rahels Bild sich in sein Herz eingenistet hatte. Ja, er hätte sie wftklich gern, aber konnte er es wagen, mit dem kleine:: Reste von Mitteln, der ihm nach der Ausstattung der Schwester blieb, an's Heiraten zu denken, und gar mit Josefs Tochter, dessen Haus er nie betreten, gegen den er erst vor kurzen: die von seines Vaters Hand geschriebene schwere. Anschuldigung gelesen hatte? Er grübelte tagelang darüber, und immer kam er wieder zu der Ueberzeugung, die er gleich bei der Eröffnung des Kästchens geäußert hatte, immer wieder fiel ihm dasselbe Wort ein, das er damals im ersten Augenblick gerufen: Wenn dieser Mäim ein Heuchler und Betrüger ist, dann gibt es keinen ehrlichen Menschen mehr. Der Zwiespalt in stüner Seele ließ ihm keine Ruhe. Nachdeni er sich eimnal selbst elngestandcn, daß er Rahel liebte, daß er sic zum Weibe begehrte, nachden: er sich wiederholt gesagt, ohne Rahel könne er nicht glücklich werde::, drängte sich ihm von selbst der Gedanke auf, das wäre ein Fall, wo das Interesse für die eigene Zukunft ihn veranlassen müßte, Josef Heilbrunn offen nach dem nicht ausgelieferten Briefe zu ftagen. Wegen des materiellen Vorteils, wegen der 100 Dukaten, hätte er sich nie u:ü> nmrmer entschließen können, anders zu handeln, als sein Vater getan. Um des Geldes will«: das Geheimnis zu lösen, das sein Vater mehr als 25 Jahre mit sich herumgetragen? Nein, aber um Rahel zu gewinnen,— und müßte er auch noch Jahre arbeiten und sparen, um ihr ein/ würdiges .Heim bieten zu können, das wollte er, das war ein Grund, das komtte sein Vater im Grabe ihm nicht verübeln, wenn er aus diesem Grunde das zwischen ihm und Rähels Vater schwebende Rätsel löste. Die ga:^e Khillc riß voll Berwundernng die Augen auf, als nach einigen Woche:: sich die Kunde verbreitete: Samuel Stern hat sich mit Reginc Gottschälk verlobt. David Reinwäld war wüte:ü>. „So ein Schlemil," rief er aus, „hat ders nötig, eine Tochter von Leser Ganzcbach zu nehMen? Ein Mensch, für dm: die größte» Partien auf 20 Meilen in der Runde nur so auf dem . Präsentierteller gelegen haben? Pfui Teufel, da vergeht einem wftllich alle Lust, Schadchen zu sein." Ht. 19 Christa Wilhelm Leux Telef. Hansa 8567. Hoflieferant. Qoettaestr. 81> Herren-, 2)amanu. Jjvreeschneiderei Spezial-Sportgeschäft. - Anf Wunsch koschere Verarbeitnne. - S. De: ifdicu \ pricht, 21. Kapitel. David kolmtc die Wut. nicht in sich, bergen, c, ging einige Tage später in Josefs Haus, um ih» darüber Vorwürfe zumachen, daß er einen so gut« Schidduch von der Hand gewiesen und ihn ums Qflj gebracht hätte. David hatte die Ausführung seines Entschlusses einen sehr ungünstigen Zeitpunkt verlegt, denn er Josefs Haus betrat, hätte Samuel Stern cs gerad, ^"ösfti wenige Minuten vorher verlassen, nachdem er den imme ruhigen Josef durch seine Meldung in Unruhe niDjne c» Aufregung versetzt hatte. ,Was will der Junge von nrir, daß er sich j, cutschc feierlich vorher anmelden läßt?" rief Josef ungeduldig ür gc Lander als Samuel gekommen war, un: den Besuch feine; „it ei reitenh äincm efen v >cr Zl )uge»d llnfctm zratlosi logcls Zndcnh -artciz 'ininal Schwagers anzukündigcn. „Was will der Junge von mir?" ftagte er jetzt wieder, nachdem Samuel gegan gen war, „Samuel sagt, er wisse von nichts, aber er ginge schon seit Tagen wie tteffinnig umher, uni könne sich nicht entschließen, ob er meine Schwelle betreten soll oder nicht, und er meint noch, ich miifiL. mir denke:: können, was er will. Denken kann id mir schon etwas, cs müssen alte Geschichten sein, tm seinem Vater oder Großvater. Leser, — es soll seinn ms; d Seele eine Schande sein —, hat mich 25 Jahre gequält ilntwo: und geärgert, ich glaube gar, er hat mich gehaßt und ich weiß nicht warum." Josef hätte Samuel mit den Worten eiftlassc» „Sage dem Jungen, er soll gleich kommen, ich kam keine halben Sachen leiden, bei mir muß alles klm sein," u:ck> nun ging er in Erwartung Simons erreg! im Zimmer auf und ab. Er fühlte es, daß die Ganp bacher Familie. irgend ettvas gegen ihn persönlich empfunden, das sich auch auf den Sohn vererbt hatte, abi was? Das konnte er sich nicht erklären, das glaubt er sicher nicht verdient zu haben, da er nach scim, Meinung alles getan hätte, um dem alten Familicustrci ein Ende z:: machen. Simons Vater hatte er Dutzend Male in sein Haus geladen, dessen Sohn war ci freundlich entgcgcngetretcn, und dieser. Junge war soganicht einnml zum Hoschano-Rabbo-Lcrnen zu ihn: int Haus gekommen. Währeich er so in erregter Stimmung grübelte und nachdachte, was man gegen ihn haben könnte, platzti David Reiwväld herein, um ihm gleich mit der bas - - haften Benrcrkllng zu kommen, daß er blind sei uni über einen goldenen Block stolpere, den Man ihm i» den Weg lege, anstatt - ihn aufzuhebcn. „Unverzeihlich ist es," rief David, „tvie Du da- Glnck Deiner Tochter verscherzt hast.. Du hast vcrg.sfen. was Dn Deine::: Kinde schuldig bist. Du hast vcrgcrühw Zchude zion c iu sei: ialt s icu A S >csscn >er ki -ist f> gessen, was Dst Deiner Frau schuldig bist, Du h»s vergessen Weiter kam er nicht, Josef wurde wütend. „Dn willst mir was rede:: von vergessen, :£n, der seine eigenen Worte vergißt, die er eben gesprochen. ist fiel ein E iu sei, seines Du, der absichtlich in dem einen Augenblick vergift erkenn was er im andern sagte? Ich habe, Gott sei Dank, ein gutes Gedächtnis u:ck> habe noch nie etwas vergesse::." In den: Augenblick ging die Tür auf und Simm trat ein. „Du hier?" rief David boshaft, „das Hoscham Rabbo-Lcriien ist vorbei." „Nun - ärgere Du Dich," dachte er, „Du elender Josef, weil Du mich zum Lügner »rächen willst." „Willst Du, daß wir eine:: Zeugen haben bi den:, was Du :nir zu sagen hast?" wendete sich Jost fragend an Simon, ohne auf Davids Bosh.it zu achte» „Ich glaube, cs wäre besser, wenn nur uns nute vier Augen besprechen," antwortete Simon. „Also dann verzeche, David, besuche mich bald wie der einmal, jetzt muß ich Simon zuerst hören, wei ich ihn hcrbcstellt habe." Nach Davids Entfernung ging Josef noch einig! Male im Zinmrer auf und ab, um sich zu beruhige» plötzlich blieb er dicht vor Simon stehen. „Junge, was willst Du von mir?" ftagte er ni>! faßte ihn am Rockknopfe. durch 'ich e Zpott. jirn ch ni nieder I Offenbacher Druckluft-Anlage I Ottenbach a. Telefon 123. (Anschluss mitFrankfnrt). 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