Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 12 (1914)
- Issue
- Heft 17 (1.5.1914)
- Date
- 1914-05-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Hier verschied Auguste Schaps geb. Aiugdau, die Schwester des Gemeindevorstehers David Dkugdan, und in Militsch Frau Johanna Jungmann.geb. Flach. Vorsteherin des Frauenvereins. BreSlau. Kommisstonsrat M. Boden feierte den 70. Geburtstag. Dr. Erich Kuzuitzky wurde zum Oberarzt der Klinik für -Haut- und Geschlechtskrankheiten an Stelle des nach Altona berufenen Dr. Bruck ernannt. Siegen. In Grebenau feierte Matchen Schwab geb. Baumann den 90. Geburtstag und in Frielendorf Witwe Bacharach den 95. Geburtstag. (I,.) Posen. Aron Michel, der bekannte Sachverständige auf dem Gebiete der Altertumskunde, feierte seinen 70. Geburtstag. Der Militärvcrein, dessen Vorstand er angehört, ernannte ihn zmn Ehrenmitgliede. Im vergangenen Jahre besichtigten die Schätze des Michelscheu Antiquitätengeschäfts mehrere söhne des Kaisers. — Die Jüdische Unterkunftsstättc gewährte in der Zeit vom 18. Januar bis 31. Dezbr. 1913 2093 Nachüager. Sic hat sich als eine sehr segensreiche Einrichtung erwiesen. Wien. Der Raimundpreis wurde diesmal den Dichtern Holzer und Schnitzler verliehen. Es ist nun üblich. Laß der Bürgermeister den ausgezeichneten Dsthtern gratuliert; das hat er bei Holzer getan, bei Schnitzler aber, weil er Jude ist, — nicht. Budapest. In ihrem 108. Lebensjahre verschied in Hanimona die Witwe Weiß. Lemberg. Die polnische Presse ist in Verzweiflung darüber, daß der vor zwei Wochen verstorbene galizischc Landesmarschall Goluchowski ein einziges Legat und dieses für den Bau einer neuen Synagoge in seinem Stmnmsitzc Husiatyn in Höhe von 10 000 Kr. ausgeseht hat. Und dies in einer Zeit, da gerade Angehörige des Adels den wüste» Boykott gegen die Juden, in Szene setzten. Es gibt also doch noch polnische Edelleute adeliger Gesinnung, die über gemeine Vorurteile erhaben sind. ' Neiv-Aork. Der Chemikerklub überreichte dem Professor. der Chemie an der Mchiganer Universität Dr. M. Gochberg für seine Forschungen und Entdeckungen auf dem Gebiete der organischen Chemie die große goldene Medaille. Professor Gombcrg ist ein aus Rußland cingewandertcr Jude. ' An die Feier schloß sich eine zweite, und zwar die Enthüllung der Büste des im Vorjahre verstorbenen Gründers uick> Förderers dieser wissenschaftlichen Gesellschaft Prof. M o r i s L o e b. Prof. Loeb war nicht nur der Begründer dieser Gesellschaft, sondern - hat auch ihre Zukunft durch ein reiches Legat für alle Zeiten gesichert. I Offenbaeher Druckluft-Anlage I I OHnnbacll a. H. Telefon 123. (Anschlags mitFrankfart). I (Bewährteste TapplchPalnlSOBA (100,000 qm jährlich)I (sowie unübertroffene Bettenu. Bettfedernrefnl-( jung mittelst Drncklnft and Wasserdampf. Ans der Lehrerwelt. Perlin. Dem Berichte der Religionsschulen der Ad aß Jisroel entnehmen wir folgendes: Rcligionsschulc I (Gipsstr.) wurde von 216 Knaben und 205 Mädchen besucht. Es waren neun Knaben- und sieben Mädchcnklassen, zu denen je eine Selckta hinzukam. Die 8. Knaben- und 6. Mädchenklasse ist in je zwei. (Eötcit mit Jahreskursus geteilt worden. In Wirklichkeit sind also stützt 11 Knaben- und 9 Mädchenklassen vorhanden und die Pensen für Knaben auf 13, für Mädchen auf 11 Schuljahre verteilt. In Religionsschulc II (Charlottenburg, Bleibtreüstr. 43) wurden 60 Kinder in vier Klassen, in denen Knaben und Mädchen vereinigt waren, unterrichtet. Der Jugcndgottesdienst wurde in der gleichen Weise wie bisher, am Schlüsse des Schulunterrichts in den einzelnen Klassen, am Sabbatnachmittag in der Synagoge der Gemeinde mid am Rosch haschanah und JoM kipvur in eigens hierfür eingerichteten Räumen abgehalten. Sämtliche Funktionen wurden von Schülern der Anstalt übernommen. Im April 1913 wurde der 25 Jahre zuvor erfolgte Eurtrltt des jetzigen Schuldirigenten Dr. Meier Hildesheimm in das Lehrerkollegium der Religionsschule von dem Schulvorstand, dem Lehrerkollegium und den Schülern durch eine eindrucksvolle Feier festlich begangen. Einen erfreulichen Fortschritt hat die Schule auch dadurch zu.verzeichnen, daß sic ihrem Ziele, zu einer Mittelschule ausgebaut zu werden, um ein Stück näher gekommen ist. Die Gemeinde hat nämlich aus Aulaß des Regierungsjubiläums Seiner Majestät des Kaisers . einen „Kaiser Wilhelm- und Kaiserin Auguste Diktoria-Fonds" in Höhe von 20000 M. errichtet, der. mit den bereits aufgesammeltcn Fonds vereinigt, die Grundlage zur Errichtung einer jüdischen Schule bilden soll. Die unter Leitung des Schuldirigcnten im Vorjahre unternommenen vier- bis fünftägigen Schülerfahrten wurden fortgesetzt. An ihnen beteiligten sich außer mehreren Lkchrern, Lehrerinnen usw. zirka 30 bis 35 Zöglinge der Schulen.. Ws Zweck dieser Fahrten wird neben der Freude an den Naturschönheiten der engere Anschluß von Schule und Haus erstrebt, vor allem aber sollen die Schüler lernen, daß und, wie sie als fromme Juden leben können, ohne sich den Genuß einer Reise zu versagen. Berlin. Auf die wiederholte Auslobung des DIGB 5etr. „Mcthodik des jüd. Religionsunterrichts" sind drei Bearbeitungen cingelaufen, von denen zwei den Bedingungen nicht genügt haben. Als Verfasser der dritten mit dem halben Preise gekrönten Schrift hat sich B. Gottschjalk, Berlin, Braunsbergerstraße 7, ergebe». Das Urteil lautet wie folgt: Frankfurter Israelitisches Fannlienkikatt. 9tc. 17. . „Die Schrift mit dem Kennworte „Adonai zidkenu" ist die Arbeit eines begeisterten Lehrers von tiefer Religiojität, von umfassender, allgemeiner und religionswissenschasüicher wie pädagogischer Bildung, der die Kindes-- feele kennt und weiß, was' reifere Schäler, in religiöser Hinsicht bewegt. Der Verfasser bekundet eine genaue Kenntnis und sorgsame Erwägung der den Religionsunterricht überhaupt betrefsenden Fragen, eine tiefe Auffassung der Aufgabe und der meisten Zweige des jüdischen Religionsunterrichts und zeigt unter kritischer Berücksichtigung der methodischen — auch minder bekannter — Schriften — und unter nachdrücklicher Betonung der religwnspädagogischen Forderungen — für einige Zweige des Unterrichts — den rechten Weg. Er verfehlt aber diesen auf dem Gebiete des hebräischen Unterrichts und versolgt auf dem der Religionslehre einen solchen, der gui Trennung von Zusammengehörigem führen muß. Sodann geht er auf den Religionsunterricht an den höheren Schulen, deren Berücksichtigung in dem Preisausschreiben ausdrücklich gefordert ist, nicht genügend ein. Aus diesen Gründen ist seiner Arbeit imr der halbe Preis zuerkannt worden. Berlin im März 1914. Holzman, Hochfeld, Galliner, Bogelstein, Tachair." Görlitz. Rabb. Dc. Emil Berger-Berlin ist hier gewählt worden. Offenbnrg. I. Baer, Lehrer und Kantor, erhielt anläßlich seines 50jährigcn Dienstjubiläums das B e r - dien st kreuz vom Zäh ringer Löwe norden. Sarajevo (Bosnien». Dr. Samuel Weßel, Oberrabbincr der österr.-ungar. isr. Kultusgemcindc, Jesch. M. Salom, Rabbiner der sephardischen isr. Kultusgemeinde, erhielten das Ritterkreuz des Franz Josef-Ordens. Wien. Rudolf Fuchs, Verfasser unserer hebr. Lehrbücher, verschied im 89. Lebensjahre. N. ROSENAU Englische Herren - Schneiderei IO floethestraas* IO. Vornehm« Amfüliruni. Mittige Trtlte. Aus der „Agudas Jisroel"-Beweguug. München. Hier ist eine Jugendgruppe mit 40 Mitgliedern gegründet worden. Vorsitzender: Dr. R. Lev i. Fraunhofcrstr. 2, Schriftführer: G. F-lörshcim, Sternstraße 16. Fürth. Hier bat sich eine Jugendgruppe (Vors. Lehrer Louis Adler) und eine Mädchcngruppe (Vors.: Martha F c i l ch c n f e l d) gebildet. Posen. Hier ist eine Müdchengruppe gegründet worden. Kolomea (Galizien). Neben der -Ortsgruppe haben wir nunmehr auch eine Jugendgruppe mit 70 Mitgliedern. Budapest. Die „Allg Jüo.Ztg " schreibt: „Die Ungar. Orthodoxie hat sich bekanntlich der Agudas Jisroel nicht angeschlosscn, da gewisse Bestimmungen der Statuten dem streng orthodoxen Prinzipe (der ungar. Trennungsorthodoxie. D. Redatt.) nicht entsprechen. Nach viele» erfolglosen Unterhandlungen wurde dieser Tage von Frankfurt aus angeregt, den Faden der persönlichen Rücksprache wieder aufzunehmen. Von maßgebender Seite wurde hierzu die Bereitschaft erklärt, jedoch vorerst ein schriftlicher Vorschlag für nötig erachtet, mn fcststcllen zu können, ob für neue Unterhandlungen eine genügende Basis vorhanden ist. Universitäts - Cafe Boekenhelmer Warte Enatklammlaom Famlllon-OafS. —- ■V Bissige Preise. 'WW Besitzer: £mst Dunkmim ImiSßton. Ein Gelübde. Roman aus dem jüdischen Gemeindeleben. Bon S. Luß-Mannheim, ' (Forschung.) Simon war Wer den Ausgang des Prozesses erfreut, war ihm doch der Schwur erspart gcklieben. Erst als er am folgenden Tage mit dem Lehrer zusammcntraf, erkannte er Lar, dass chm dieser Mann moralisch ettte ungeahnte Wohltat erwiesen hatte mit dem Drängen auf einen Vergleich. „Ich wollte Sie in Ihrem Gewissen nicht beunruhigen, Herr Gottschalk," sagte er, „als ich sah, daß Sie der festen Ueberzeugung waren, das, was Sie beschwören sollten, könnte gar nicht anders sein, jetzt aber möchte ich Ihnen eine Lehre fii'r die Zukunft gehen. Ich bin alt geworden und Muß sagen. Man kann nie wissen, was inan in einem Falle tun wird, ehe er eingetreten ist, denn ein Keiner Umstand verändert oft die ganze Lage und auch unfern Entschluß. Was geschehen ist, kann man wissen, aßet „das war meine Ueberzeugung, das wird meine Überzeugung sein, so werde ich handeln," das kann Man nie mit Gewißheit sagen und nie beschwören. Bringen Sie lucker das größte Opfer, ehe Sie einen sogenannten Glaickenseid schivören, das darf ein gewifseichaster Jude nicht tun." SiMon war - überrascht Bon dieser. Seite hätte er die Angelegenheit nie bckacht. Er Machte W bittere Borwürfe, als er in seiner Wohnung über die Worte des Lehrers nachdachte. „Bater, verzeihe mir noch im Grabe! Wie oft hast Du inir den Bibclvers zugerufen: Den Ansspruch Deiner Lippen hüte. Wie oft hast Du mir gesagt, daß das nicht nur heißt, man solle Versprochenes, Angelobtes gewissenhaft halten, sondern auch, man solle mit jedem Wort vorsichtig sein, daß man nichts verspreche und nichts sage, das auszuführen unmöglich ist oder nicht in unserer freien Willensbestunmung liegt. Ach, Bater, verzeihe mir, ich habe in der kurzen Zeft, seitdem Du uns verlassen, zweifach und dreifach gegen das gefehlt, was Du mir gepredigt hast und zur Gewohnheit hast machen wollen. Erst habe ich das Gelübde mit dem Sefer Thora unüberlegt getan, dann war ich bereit, mir einreden zu lassen, es sei kein Gelübde, sondern eine Spende, die nicht an der Person, sondern an der Sache hafte. Ich habe mich zuerst nnt dieser Erklärung beruhigt, weil es mir bequem war, und als ich dann zur Erkenntnis kam uiid mir vornahm, in meinen mir gehörenden Mußestunden durch meiner Hände Arbeft so viel zusämMenzubringen, daß ich das gelobte Sefer Thora schreiben lassen kann, da habe ich mich wieder von meiner Bequemlichkeit blenden lassen und habe von dem Gelde, das Du für die Schwestern abgesondert. Hast, einen Teil genommen, um rascher zehn Taler zu meinem Geheimschatz legen zu können. Ich habe mir eingeredet, ich dürste das, weil ja gär keine Gefahr für das Geld' der Schwestern sei, und beinahe wäre cs verloren gegangen, ganz abgesehen davon, daß ich außer acht ließ, wie sehr ich gegen das andere Gelübde fehlte, nicht Faden noch Schuhriemen für mich zu nehmen, ehe nicht beide Schwestern versorgt sind. Es war schlecht, daß ich für mich einen Worteil aus dein Geld ziehen wollte. Und nun zum drftten habe ich nicht einmal bei einem Eid, den ich leisten wollte, den ganzen Umfang der übernommenen Pflicht zu ermessen verstanden. Bon jetzt ab soll Mein Leichtsinn ein Ende haben. Ich werde Meine Worte besser tvägen als bisher." 18. Kapitel. Es kam der Tag heran, an dem sich das 2lbleben von Leser Gottschalk jäh'rte. Am Vorabend, ehe Simon zum Gottesdienste ging, steckten sie im Haus das Jahrzeitlicht an, wägend sie, seitdem sie nach Lochstadt verzogen waren, das Seelenlicht in der Synagoge hatten, brennen lassen, wie es in der Khille Sitte war. Sinwn betete vor, verrichtete das Käddischgebet und aß mit seinen Schwestern ein kräftiges Nachtmahl, well sie den Jährzeitstag nnt einem strengen, ganzen Fasten halten wollten. Nach dem Essen kam, wie jeden Abend, Samuel zu Besuch, um ihnen mit* zuteilen, daß er am andern Morgen notwendig in Dingshausen zu tun habe, wo der „gute Ort" für den ganzen Amtsbezirk, für Ganzebach ebensowohl als für Lochstadt, war. Sie kömllen also Mit ihm fahren, wenn sie gleich nach dem Frühgvttesdienste gehen wollten. „Selbstverständlich gehen wir früh," antwortete Sinwn, „denn wir wollen ja morgen den Grabstein setzen lassen." Es muß leider gesagt werden, daß Samuel an dem Tage wiederholt log-, als er mehrere Male - von den Geschäften sprach, die er in Dingshäusen hätte. In Wirklichkeit hatte »er da nichts zu tun, er wollte nur Regine, die er im Stillen anbetete, auf seinem Wagen fahren und hoffte nun nach Beendigung des Trauerjahres bald offen von seinen Gefühlen reden zu können. Bei der Rückfahrt sahen sie in Dingshäusen vor der Schmiede den neuen Besitzer steheir, der ihnen freundlich zunickte. Dadurch kam das Gespräch auf den ftüheren Schmied Müller, der nach Amerika ausgewandert sein sollte, und die Unterhaltung über den Prozeß brach nicht ab, bis sie gegen Mütag wieder in Lochstadt ankamen, wo David Reinwald dem Simon, als er vor seiner Tür vom Wagen sprang-, um seinen Schwestern herunterzuhelfen, zurief: „Du hast Dir ja einen . iwbeln Kutscher angeschafft." Beim Oeffnen der Ladentür bemerkte er einen Zettel auf dem Boden, der unter der Tür durchgeschoben worden war, und auf dem Sinwn ersucht wurde, sofort nach seiner Heimkunft im Hause des Lehrers zu erscheinen. ‘ Der Lehrer saß allein in seinem Wohnzimmer, und ncken ihm auf dem Tische stand ein Messingleuchter mit einem Talgllcht- „Setzen Sie sich," sagte der Lehrer nach der üblichen Begrüßung, strich ein Schwefelhvlz an und entzündete die Kerze. Sinwn sah dem. Vorgang verwundert zu.