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Neue jüdische Presse · 1914-04-09 · Heft 14 (9.4.1914) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
12 (1914)
Issue
Heft 14 (9.4.1914)
Date
1914-04-09
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Veite 4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. unter seine Frau und Kind, mit unbedeutenden Hautabschürftmgen davon kamen. Ein Automobil des Kaisers. AutomobMubs war recht bald au der Unfallstellc. Die Insassen, mehrere Offiziere, leisteten die erste Hilfe. Der herbeigeholte Arzt aus Langenselbold konnte nur den inzwischen eingetretcnen Tod feststellcn. Warschau. Hier gibt es ca. 70 Mazzoth-Bäckereien, die zusammen mehr als 2500 Person.c» beschäftigen. Krakau. Josef Fischer, Ler in der jüdischen Gelehrten- und Literaturwelt betamitc Buchdrucker, ist im Alter von 73 Jahren verschieden. Fischer war ein ausgezeichneter Kenner des hebräischen Schrifttums und hat der Förderung der hebräischen und jüdischen Literatur unvergängliche Dienste geleistet. Zahlrciche hebräische Schriftwerke hätten ohne sein Entgegenkommen nicht erscheinen können. Budapest. Albert Sternberg in Hatvan erhielt das Ritterkreuz des Franz Joscfordens. Jaffa. .Henry Morgenthau, der amerikanische Botschafter in Konstautinopel, ist hier zu einer mehrwöchentlichen Studienreise eingetroffen. In Begleitung Dr. Ruppin's, des Leiters des zionistischen Palästinaamtes, hat er bereits Tel Awiiv und Pethach Tikwah besucht und sich sehr befriedigt über das jüdische Kvlonisationswerk ausgesprochen. f N. ROSENAU > [ Englische Herren - Schneiderei 1 IO (NMllustniM to. Tomebme Ausführung. Mmssige Preise. j □ Jkülßfon. Roman aus dem jüdischen Gemeindeleben. Bon S. Lutz-Mannheim, (Fortsetzung.) Das Urteil entsprach ganz den Wünschen des Dr. Hase. Müller wurde. verurteilt, den Betrag an Siinon zu bezahlen, ober 'soviel setzte der gegnerische Anwalt doch noch durch, daß dem Kläger ien Eid auferlegt wurde. Sinwn sollte eidlich erMrten, daß er seinen Schwestern den Wechsel nur übergeben habe in der ausdrücklichen jWbsicht, daß sie ihn nur in der Wohnung auslieferten, wo sie in größerer Sicherheit waren. „Warum haben Sie nur, als' der Richter schon Zweifel an der Bchäuptnng des Schmiedes hatte, erklärt, daß Sie die Zahlung nicht anzweifeln wollten" fragte Saumäl den Dr. Hase. „Well der Richter ihn trotz aller Zweifel nicht zur Zahlung verurteilt haben würde, sondern chm den Eid auferlegt hätte, daß er die Zahlung geleistet habe, und ich fürchtete, der Mann wäre imstande gewesen, den Meineid zu leisten. Sv aber mußte ich das Urtell schallen, wie es gÄourmen ist." Ach, was gab das für ein Gerede in der Stadt über das Urtell und noch mehr über dessen Begründung! Die einen freuten sich, daß Simon zu seinem Gelbe kam, tadelleu aber, daß nicht ausdrücklich erllärt war, der Schmied habe einen strafbaren Gewaltstreich begangen; die andern triumphierten, daß der Schmied eigentlich gerechtfertigt dastehe und nur einen Formfchler begangen hübe, wofür er durch doppelte Zahlung des Bettages büßen müsse. Das Urtell ließ also auch denen, die ausgesprochene Feinde der Juden oder Feinde der Ordnung waren, Handhaben genug, um den Ausgang des Prozesses für sich zu verwerten. Der Pvozeß gab' einigen Radaubrüdern den Vorwand, Sinwn bei -Tag böse Reden nachzurufen und abends mit Steinen nach seinen Fensterläden zu werfen. Die Stadt beschloß infolgedessen, die geschaffene Bürger-Wache' zu vermehren, und der in der Stadt allgemein Hochgeachtete Parnes Josef Hellbrunn wurde zum Rottmeister ernannt, dem sechs Mann der Bürgerwache untergeordnet waren. 14. Kapllel. Die Frauen der Wille sprachen weniger oder eigentlich gar nicht über den Prozeß, well sic für solche geschäftliche Dinge kein Interesse hatten, und weil jetzt auch mchr zu tun war alssonst, beim der Pessach rückte immer näher, und die Arbell häufte sich und drängte zu unermüdlicher Tätigkeü von früh' morgens bis sM abends. Es war Chomez-Battel. Josef ging mit einem Wachslichtchcn durchs Haus, um das Chomcz zusammenzufegen. In der Wohnstube sah er schon die mit goldschiurmerndar Brokatübcrzügen bleckten Sederkissen Christ. Wilhelm Leux Telex, lj 8667. Hoflieferant. Goethestr. 21. Herren-, Samenu- Livreeschneiderei. Spezial-Sportgeschäft. . Auf Wunsch koschere Verarbeitung. 1 ■ ■ auf dem Sofa liegen, das seidengestickte Sederhandtuch, ein uraltes Familienerbstück, hing schon an der Wand neben dem Sitze, den er beim Seder als Hausherr einnehmen' würde, auf dem Tische stand schon die glanzende Sederschüssel und daneben die hellblinkenden silbernen Becher und Näpfchen und Tellerchen zum Sedergebrauch. Josef, der in den letzten Tagen sich in einem .Hinterstübchen, in dem allein noch Gesäuertes gegessen und aufbewahrt wurde, hätte behelfen und heriundrücken müssen, empfand die festliche Zurichtung des Wohnzinrmers mll besonderem Behagen und stieß mll einem Seufzer der Erleichterung hervor: „Gottlob, jetzt ist der Jonllof so gut wie da." Schon jetzt empfand er mit wonnigen: Vorgefühl die Feier, wem: er morgen abend im glücklichen Heim an dein gemütlichen Scdertisch die alten, herzllchen, halb religiösen, halb kindlich-einfachen Lieder singen würde. Diese stille Vvrfteude wurde durch das Schrillen der Glocke an der Haustür unterbrochen. Ein schlürfender Tritt über den langen Hausflur, und David Reinwald kam nnt seinem vorgebeugten, geduckten, hageren Leibe herein in die schon festlich hergerichtete Stube. - „Was führt Dich heute und iinl diese Zeit zu inir?" ftagtc Josef erstaunt. „Eine wichtige Sache," flüsterte David geheimnisvoll. „Nun?" David blickte ängstlich nach allen Seiten, ging ans Fenster und sah nach, ob auch, die Läden gcschlossen seien, dcmn schlürfte er. ganz nahe an Josef heran und flüsterte: „Ich glaube, wir bekommen einen schlimmen Pesach." „Warum?" „Ich war in: goldenen Stern, da sitzt der Christoph und ist ganz betrunkeir." „Das ist nicht merkwürdig, das ist er immer." „Aber er schwätzt so eigentümliches Zeug, daß nwrgen abend den Juden das 'Osterfest so eingetränkt werden sollte, daß sic iwch lange daran denken." „Dummes Zeug," sagte Josef, verächtlich mit den Achseln zuckend. „Das habe ich auch zuerst geglaubt. Aber dann ist der Peter, gerade so ein Kerl wie der Christoph, mll -einem blutigen Striemen auf der Stirn hereingekommen und hat erzählt, daß er versucht habe, schon im voraus beim Simon nach den 300 Talern zu suchen, der habe ihm aber mll seinem langen hölzernen Löffel, womit man im Waschkesfel rührt, auf den Kopf geschlagen, es sei noch ein Glück gewesen, daß der Kochlöffel mll Lumpen oder Papier umwickelt gewesen sei, sonst hätte er ihm den Kopf gespalten." „Ha, ha, hü," lachte Josef, „dann hat dem Simon sein Chomezlöffel doch noch zu etwas rechtem gedient." „Bist Du denn gar nicht ängstlich, Josef?" „Ich? Warum?" „Wenn Sie nun morgen abend wirklich Krawall machen, was dann?" „Warum? Well dann mein Chomezlöffel schon verbrannt ist? Dann nehme ich einen Besenstiel, und wenn es schlimM wlld, bin ich ja Rottmeister, der seinen Säbel umschnallen und sechs mll Spießen bewaffnete Bürger anführen kann." „Du vergißt, Josef ... ." „Ich vergaß gar nichts, gehe heim und räume Dein Chomez weg, es ist schon eine halbe Stunde Nacht." Josef ward immer ärgelich, wenn rnan gegen ihn das Wort „vergessen" erwähille, da er sich fest einrcdetc, daß man nichts vegessen könne, daß cs immer ein Borwand für absichtliches Nichtwollen sei, wenn jemand etwas mll Vergeßlichkeit entschuldigte. Josef ließ aus Aerger über das Wort „vergessen" die Pflicht der Gastfteundlichkell außer acht, indem er seinen Besuch fast geradezu auffordertc, fortzugehen. „Ist es nicht doch gefährlich, Josef, daß Simon so zugeschlagen hat?" fragte Frau Sara ängstlich, nachdem David Reinwald sich entfernt hatte. „Stuß! Warum gefährlich? Wahrscheinlich hat er recht gehabt. Jedenfalls hat der Peter sein-Häusrecht verletzt. Uebrigens ist der Sinwn kein Hitzkopf und kein Schläger, und sich vor Lumpen ducken, hilft überhaupt nichts." . „Wenn es aber auf Pesach wirklich Zusammenrottungen gibt?" ■ Josef lachte. „Das brauchst Du nicht zu fürchten, wir sind nicht mehr im Mittelalter, hier in Lochstadt gibt es 10—20 unruhige Köpfe, alles andere sind ruhige Bürger." 14 2)ecorationsb (unten Brautkränze, Brautschleier Arrangements für Festlichkeiten geschmackvollst und billigst. Krankfurter Kunstblumenu. Kranzfabrik Wolseltendovff & Meissner 88 Töngesgaase 88. ' lonta m fi 0 „Aber wenn nun doch, — Gott behüte —," § wagte ihre Gedanken nicht in Worte zu kleiden', „würdest Du dann nnt dem Säbel . . ." „Selbstverständlich würde ich meine Rotte führ» Ivenn ein paar Lruirpen es wagen sollten, zu fra«,ll§ftctö' wallen. Korioani „Wäre cs nicht doch besser, nwrgcir den uinhcr zu schicken, er Hort und lveiß immer alles. „Das lväre ein Kundschafter, wie die, tvelchc nach Kanaan geschickt hat. Lügen! — UeberttcibuiiM — Nein, seitdem er die Geschichte mit naserein zwi», fachen Jom-Kippur zusainmengclogen hat, >vill ich uich»^^,. m mehr von ihm loissen." I u j. Am folgenden Tage blieb Lochstadt so ruhig, mif^ cs immer war. Auch nicht das geringste AnzeichkG^-^' ( eines ausbrechenden Rcvolutionsbrandcs zeigte sich. , 40—50 kleinen Brände, in denen die Khillemitgliedk«^^ ihre Chonlezlöffcl verbrannten, waren die cinzigE,^ianei Feuerchen, die kleine Wölkchen gegen den Lochstädt» Himmel aufwirbelten. Die Khille blieb deshalb cindjl'^ «jj so ruhig und unbekümmert wie alle andern trotzdem David wie zu Josef auch zu den aitbeti* a gelaufen war, um zu erzählen,. tvas er im jjolbcn« Stern gehört zu haben vorgab. Auf Davids 'Wort gab man rüchts. Wie ein richtiger König, wie ein Pharao in Ä gypten auf goldstrotzcirdcn: Polster. ruhte, lehnte st Josef an seine Polster, an seine mit Goldbrokat überzogenen Kissen; wie ein König ließ er sich kbienen, ließ sich das Wasser zimr Wäschen reichen, ohne von seinem Sitze zu erheben, ließ von einem anbei sich das Tuch reichen, um die 'Hände damit wieder al zutrocknen. Man las in der Hagadah alles, was darum steht, von der Bedeutung der ungesäuerten Kuchen » der Bitterkräuter, man las von den vielen GelegcnWlugcn i Hellen, wo der Allgütige Israel gerettet, beglückt miManzendc seine Liebe bezeigt hatte, wo jede einzelne schon hinRuldigtei gereicht hätte, ihm das ganze Volk für ewige Zeit»nistr zur Dankbarkeit zu verpflichten, man las die aus bei» Der Psalmen übernommenen Loblieder und verteilte uiigiMlauncii säuertes Brot, Bitterkräuter und andere Kräuter mit in ohne Tunke, man saß schon in Ertoartung der Suppe, die von Rahel gleich mit den obligaten Mazzellößch hereingebracht werden mußte, — da wurde die SM des Festzimmers durch laute Faustschläge gegen die FeiMclegt. sterläden unterbrochen, daß die Scheiben erzitterten miMcn sich die meisten der Tischgenvssen erschreckt zusammenfuhrei»uisgcspr „Heraus!" schrie der Nachbar Bundschuh, „herauW ~$a Josef, heraus, Rottmeister!" «hu zu Während Sara sich vor Schreck nicht vom StuhMjchcs I erheben konnte, stand Josef ohne eine Miene zu ziehen auf, ging ans Fenster und stieß den Ladw»^„ft „ auf. Da rannten schon die Menschen vorbei, als eine Feuersbrunst ausgcbrochen wäre, und ferne.höi man das Johlen und Schreien nicht von 10 oder sondern von einer Volksmenge, die nach Hundert« zählte. „Schnell heraus, Rottmeister!" rief Nachbar Bun schuh, der zu Josefs Rotte gehörte und schon Ein NccrcsU rcmdes »mit — im köi crrschc ichcnke, nid Hei cmcr u üblich m eine lücklich ircundli äutend: rwarte. einem Spieß bewaffnet war, „wir haben die richtig!» Revolution, sie stürmen Simon Gottschalks Haus." Josef nahm aus der Kommode seine weiße 33iitbi’,l_cmcj!tt das Abzeichen seiner Würde, streifte sie über den gürtete seinen langen, krummen Säbel um imd sagte, ätt|jCfgen seiner Frau gewendet: „Ihr bleibt ruhig zu S»au§!■ cntgeljft Lasse von Alordche die Haustür' schließen, ich Iticrkl^ bald wieder da sein." »herrscht Frau Sara saß träncnlos mll bleichem Gesicht,!- am ganzen Leibe zitternd da, die Angst um ihrci«^ cgJ j, Mann schnürte ihr bic Kehle zu. Rahel aber wcintel^ ru und schluchzte laut heraus: „Der arme Simon! Jt( mich hin, Mutter! Marianne und Reginc werden; Hilfe brauchen." |beK '&i „Du bleibst," sagte Frau Sara, und däs gciiügb',1^^ um die Tochter zurückzuhalten. |matt |?lls Josef mit seiner Rotte vor Simons Haus* ankam, waren schon einige andere Rotten da, welche sich!. bemühten, die johlende Menschenmasse zurückzudrängcn.^^?^ Josef rückte mit seiner auf Kommando die Spieße scii-I^ kenden Abteilung gerade durch die Menge auf die Haus-I " ttrr zu, gegen welche der Schmied von Dingshauscii^ ss Ifnf St

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