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Neue jüdische Presse · 1914-04-09 · Heft 14 (9.4.1914) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
12 (1914)
Issue
Heft 14 (9.4.1914)
Date
1914-04-09
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Sette 2. tere, die ewig zweifeln nnd ewig ringen, dies tun; aber höchste Achtung und Sewunderiyrg wird ihm «doch niemand versagen Können. . Diese Qualitäten und Eigenarten Achad-H'aams erklären, glaube ich, mehr «us alles andere seinen Erfolg und seine Wirkung. Ein Mann, der von vornherein mit solcher'Sicherheit und Festig-? keit, mit solcher abgeklärten Ruhe und harmonischer Vornehmheit auftritt, must eine starke Wirkung ausüben, muß eine große Zahl von Jüngern und Anhängern finden, must faszinieren und gefangen nehmen. Und zudem vergesse mvn noch eins nicht: in der hebräischen Literatur mußten diese Eigenschaften noch viel mehr faszinieren, als in jeder anderen. Denn au nichts mangelte es ihr mehr als gerade an diesen Qualitäten. Klarheit, .Sicherheit, Vornehmheit, mit einem!. Worte Ausgereistv heit, fehlte der hebräischen Literatur, und vor allem der hebräischen Publizistik.mehr als alles andere. Die hebräische Publizistik. zur Zeit, da Achad-Häam auftrat, war zum großen Teil ein Gemenge Hohler Phrasen, dröhnender Worte, nichtssagender Pathetik, kindischer Wichtigtuerei, sinnlosen Geplänkels und inhaltlosen Geschreis. Es ist klar, daß Achad-Haam alle Geister sofort faszinieren mußte. Er euchren wie die Offenbarung einer anderen Welt, einer unendlich vornehmen und höheren. So kam es, daß er sofort Auffehen erregte, daß er bald begeisterte Anhänger und Bewunderer fand. Den besten Beweis aber dafür, daß diese begeisterte Anerkennung nur die Folge seiner faszinierenden Qualitäten war, nicht aber das Resultat einer wirklich tiefen Wirkung seiner Ideen, erkennt man darin, daß Achad-Haam wohl begeisterte Bewunderer gefunden hat, aber keine Schüler und Nachfolger; es gibt keine Achad- Häam'sche Schule. Sobald einmal der erste Rausch der Bewunderung vorüber war, sobald viele seiner Junger mit der europäischen Kultur in Berührung kämm und erkannten, daß Achad-Häam in Europa keine Seltenheit wäre, emanzipierten .sie sich von ihm, und so steht er heute, bei allem Einfluß, den er ansgeübt, bei allem Ruhm und gller Anerkennung, eigentlich einsam imb allein da, ohne Schüler, ohne Nachfolger.. Ich sagte schon: Achad-Häam beginnt bereits überwunden zu werden. Das nationale Judentum beginnt zu erkennen, 'wie wenig Achad-Haam bedeutet gegenüber H'erzl,' und in dem Maße als der wahre, gesunde zionistische Gedanke, wie ihn Herzl geschaffen hat, seinen Siegeslauf fortsetzen wird, must der Einfluß Achad-Haams zurückgehen. Ich wünschte, er.wäre bald völlig überwunden. Denn für die volle Nationalisierung des Judentums bedeutet er ein Hindernis, sür die volle Zionisierung des jüdischen Wilkes eine Gefahr. Dies aber nimmt ihm! nichts von seiner wahren und eigentlichen Bedeutung. Ms ein gediegener, klarer, und tiefer Denker, als der größte hebräische. Schriftsteller unserer Tage,/als eine vornehme und leschlossene Persönlichkeit von sellener Harmonie und Reife bewahrt er seinen großen, bleibenden Wert für die Mische Kultur, Hat er ein Anrecht auf höchste Achtung und tiefpte Wertschätzung. N. G. Aus de» Ereignissen des Tages. Zur Grüuvung -er hebräischen Universitätsbibliothek ln Jerusalem. Herr Dr. Heinrich Lo ew e-Berlin schreibt uns: -„Als auf dem Wiener. Zionistenkongreß die Anregung gegeben wurde, in Jerusalem die Gründung einer hebräischen Universität vorzubereiten, da gab es natürlich trotz allem begeisterten Eifer auch Zweifel und Kritik. Wie hätte das auch anders sein sollen, wenn tzMderte berufener Vertreter des Judentums eine Frage, berieten, die dem Leben des jüdischen Volkes gewidmet ist. Es wäre mehr als merfivürdig, wenn sich nicht das Bedenken geäußert hättet ob es nicht besser wäre, solche weitausschauenden Kultursragen j^t noch unberührt zu lassen. Es sei ausreichend, sich mit den Elementarschulen zu begnügen, und man müsse erst die Volksschule haben, um erst viel später an die Gelehrtenschuk Herangehen zu können. Wer während der einzelne Mensch seinen Lebensaltern entsprechend Md seinen eigenen Fortschritten folgend zuerst in der Anfangerschule den erjfin Unterricht.penießt, dann die Jjöljere Schule Frankfurter Israelitisches Familienblatt. und endlich auch die hohe Schule besucht, haben die Völker in ihrer Gesamtheit niemals mit der Volksschule begonnen. Ueberall find'die.Hochschulen und Universitäten die ältesten Unterrichtsanstalten, dann folgen, in. langem Wstande die Mittelschulen, Gymnasien usw., und endlich erst kommen die Schulen, die das ganze Volk in die Anfänge des Wissens cinführen. Die uralten Prophetenschulen waren Hochschulen im besten Sinne des Wortes, in denen Nur die allererleuchtesten Geister des Volkes ihren Unterricht fanden. Gewiß war der allgemeine Volksschulunterricht bei den Hebräern älter als bei jeglichem Volk, und' doch waren die hohen Schulen, die sich in den Jeschiboth fortsetzten, älter. Und ähnlich war es bei jedem Volle. Die deutschen Universitäten sind viel älter als die Gymnasien und diese um JährhMderte frühzeitiger als die Volksschulen. So war stets die zeitliche Folge, und diese entspricht der natürlichen Entwicklung. Und wenn die Juden es versäumt haben, im Orient sich durch die Volksschule den Einfluß zu sichern, der nun ben. angelsächsischen und romanischen Nationen, den evangelischen Missionen und den katholischen Orden zugefallen ist, so ist es immer noch Zeit durch die Gründung der hohen Schulen den verlorenen Einfluß wieder zu gewinnen, wenn, nur rechtzeitig und energisch genug die hohe Schule errichtet und ausgebaut wird. Ehe man aber an die Gründung von Universitäten und Hochschulen jeder Art denken kann, ehe man irgend einen Unterricht nach dieser Richtung hin unternehmen kann', muß Man das Handwerkszeug des Gelehrten beisammen haben, der diesen Unterricht leiten soll. Das ist das Buch, das Lehrbuch jeder Art, und das Buch überhaupt, aus dem die Wissenschaft schöpft, und in dem ihre Resultate niedergelegt sind. Wo es heute Universitäten gibt, hat MM 'stets vorher Gelehrten-Bibliotheken md überhaupt Bibliotheken gehabt. Darum muß es jetzt unsere erste Sorge, sein, an den Stellen, wo wir neue jüdische Bildung Pflanzen und europäische Kultur verbreiten wollen, diese durch Gründung von Bibliotheken vorzubereiten und auszubauen. Und es war nicht blos ein glücklicher Gedanke des Aktionskomitees^ sondern überhaupt eine Notwendigkeit, daß es den Beschluß faßte schon jetzt mit der Sammlung von Bücherspenden für eine Universitäts-Bibliothek zu Jerusalem zu beginnen. Es ist daher in Berlin eine Sammelstelle gegründet worden, die eigentlich schon die Jerusalem-Bibliothek selbst darstellt.*) Denn die dort eingehenden Bücher werden bereits in der Sammeistelle geprüft, geordnet und katalogisiert, überhaupt vollständig bibliotheksfertig gemacht sodaß sie jederzeit fix Md fertig in vollständiger Ordnung nach Jerusalem überführt werden können, wenn wir sie dort gebrauchen. Und der Eifer für die Bibliothek ist nicht hinter den Erwartungen zurückgeblieben, die ihre 'Gründer an sie gestellt haben. Wer dauernd werden die Fragen an uns gerichtet, welche Bücher für uns Interesse haben mrd in welcher Sprache, ob wir jüdische Md vielleicht nur hebräische Bücher, gebrauchen können. Und diese Frage, die kefne müßige ist, erforderteine genaue Antwort: An einer Universität wird Unterricht in jedem Fache erteilt. Der Universitäts-Unterricht mrd die Hochschulforschung umfassen al-le menschlichen Wissensgebiete ohne Unterschied der Nation und Sprache, der Anschauung und des Faches. Darum aber muß die Bibliothek alle Sprachen und alle Fächer umfassen, und das Ideal, dem alle Mbliotheken der Welt stets fern bleiben, wäre das VorhMdensein jedes Buches ohne Unterschied. Da wir aber immer nur eine Auswahl von Büchern haben werden, so werden natürlich solche Fächer im Vordergründe stehen müssen, an denen Uns am meisten gelegen ist. Dabei ist natürlich, daß. in einem Mischen Palästina hebräisch und Misch, Palästina.und der Orient im Vordergründe stehen. Wer damit ist *) Das Aktionskomitee hat mit der vorläufigen Sammlung und Einrichtung einer Universitäts-Bibliothek zu Jerusalem den König!. Bibliothekar Dr. Heinrich Loewe, in Berlin NW 52, Flemingstraße 12, betraut. Dorthin sind Bücherspenden zu senden. Auch Anfragen und Mitteilungen aller Art, die sich auf die Jerusalem-Bibliothek beziehen, sind dorthin.zu richten. Sir. 14 es nicht erschöpft. Wir bedürfen ja eigentlich. in der Universitäts-Bibliothek jedes, aber auch jedes medizinischen, juristischen, historischen, mathematischen, astronomischen, naturwissenschaftlichen, philologischen .und philosophischen Buches in jeder Sprache, und keine einzige Sprache und kein einziges Buch darf-bei uns fehlen oder schwach vertreten sein. Wer daher Bücher besitzt, die er der Bibliothek überlassen kann, soll sie an die Jerusalem- Bibliothek schon heute schicken, und es ihr getrost überlassen, die Bücher auszuscheiden und sie anderweitig zum Nutzen der Mbliothek zu verwenden, die für die Aufstellung einer Jerusalemer Universitäts-Bibliothek etwa nicht in Betracht kommen. Gewiß ist sie keine Rumpelkammer und keine Brockensämmlung, in die Man solche zerrissenen und zerschlissenen Bücher abgibt, die man los sein will, die.man sich aber aus irgendwelchen Gründen scheut, dem wohlverdienten Feuertode zu überliefern, aber jedes saubere und' vollständige Buch kann darauf rechnen, ausgenommen zu werden, und durch ein Exlibris für. dauernde Zeiten den Namen des früheren Besitzers Md Spenders in Jerusalem .festzuhalten, .her auch im Hauptkataloge festgelegt wird. Freilich muß die Bibliotheksverwaltung, wie die Leitung jeder Mbliothek, es sich Vorbehalten, daß sie allein darüber xntscheidet, welche Bücher sie endgültig einreiht oder welche sie ausscheidet. Aber gleichwohl bedarf sie der Unterstützung aller jüdischen Kreise, .besonders der akademischen. Immerhin darf sie auf diese rechnen, ha auch einsichtige Nichtjuden bereit sind, sich für diese ideale Sache zu erwärmen und bereits Bücher für die hebräische Universitäts-Mbliothek Jerusalem an die Berliner Sammelstelle spenden. Da dürfen wir Juden um so weniger Zurückbleiben, und wir dürfen hoffen, daß sich überall Juden finden die den Ernst der Sache erkemren, selbst Bücher spenden und andere veranlassen, Bücher der Universitäts-Bibliothek Jerusalem zu übergeben. Denn das eine wollen wir allen Zweiflern gegenüber festhalten: Ganz gleich, ob die Universität selbst und wann sie zustande kommt, die.Bibliothek wird entstehen imb wachsen und wird die Wurzel sein, aus der neue jüdische und allgemeine Bildung an der Stelle erwächst, wo einst das Herz des jüdischen Volkes geschlagen, und von tvo der Geist der jüdischen Lehre ausgegangen ist." Wir hoffen, daß dieser Appell des verdienten Vorkämpfers der Gründung einer großen hebräischen Bibliothek in Jerusalem seine Wirkung ausüben wird. Tie Frage der Jerusalemer Mbliothek ist gerade in diesen Tagen wieder aktuell geworden. Bekanntlich existiert ja bereits eine solche, die Gründung des Mermüdlichen Joseph Chasanowitsch in Malystok. Daß .diese Bibliothek, die von einem Komitee in Jerusalem verwaltet wird, sich nicht im besten Zustande befindet, wußte man schon lange; dieser Tage hat jedoch ein Mief, den Chasanowitsch an die hebräische Presse gerichtet hat, die jüdische Oeffentlichkeit darüber Mfgellärt, daß die Verwaltung der Bibliothek total desorganisiert ist. Umso notwendiger ist es, nunmehr an die Reorganisation der Mbliothek.mit Eifer und Energie zu schreiten. In Verbindung mit der Vorbereitung der Universität wird diese Reorganisation mit verdoppelter Energie betrieben werden müssen. Hoffen wir, baß sie zu dem erwarteten Erfolge führen wird. Brief aus Rußland. Die schönen Frühlingstage, in denen es wie ein großes Jauchzen durch Gottes schöne Welt geht, die alle Gedanken des Juden zur Vorbereitung M das Befteiungsfest, erinnernd an die große Zeit seiner Vorfahren, hinlenken, — diese schönste Zeit des Jahres wird — grauenhafte Tragik — von dem russischen Juden am meisten „gefürchtet". Denn der Frühling heißt für ihn alljährlich die Hochsaison der Pogrompropaganda und der Ausweisungen. Auch dieses Jahr ist dem so. So hatten diesmal die Verbändler in Odessa die Einberufung einer allgemeinen russischen. Konferenz .zur Zeit des Osterfestes geplant, die sich mit „den die.Juden, die Sektierer und die Presse

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