Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1914-04-09 · Heft 14 (9.4.1914) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
12 (1914)
Issue
Heft 14 (9.4.1914)
Date
1914-04-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2692297-2692872-2692886--08372-2703510
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

0.! G : 4 Erscheint wöchentlich am Freitag. -rkNSSprei» pro Vierteljahr: Zn Franlsurt a. M. M. 1.— fr« rnS Haus. Bei der Post abonniert 90 Pfg., frei ins Haus 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn Mk. 1.50, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— Einzel - Nummern kosten 10 Pfg. Redaktion und GLpedition: Frankfurt a. M. rr Eangeftr. 7 Fernsprecher Amt I. 1050?. Herausgeber: Kalg Hets. f Jnfertionsvrei» für die fünfgespaltme Petitzeile 25 Pfg., für die Reklamezeile Mk. 1.—. Bei Wiederholungen entsprechend« Rabatt. Stellen-Lngebote und -Gesuche, WohnungSinserate; Heirats-Annoncen 15 Pfg. die sechSgespaltene Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz- und Datum-Borschrist ohne Berbiudstchkeit. Annoncen-Annahme bei der Exped. und ina.Annoncen-BureauL Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. «nt« Nr. 4884. 12. Jahrgang. Donnerstag» den 18. Mssan 8674 (S. April 1914) Rr. 14. Achad-Haam. (Zu seinem 25jährigcn Schriftstellerjubiläum.) Achad-Haam feiert gegenwärtig sein 25jähges Schriftstellerjubiläum, oder richtiger gesagt: mit feiert sein Jubiläum. Er selbst, dem! nichts »sympathischer ist, als der Lärm der Volksvermimlung und die plebejische Begeisterung der Soffen, geht ' allen Feiern und festlichen Bernstaltungen aus dem Wege. In der hebräischen iteratur aber und darüber hinaus in der jüdischationalen Oeffeutlichkeit benutzt man den Moment, m die Bedeutung und die Wirkung Achad-Haams och einmal zu wägen und zu bestimmen. Und man it dies umso lieber, als es wirklich einem Beillfiris entspricht. Die Zeit ist bereits gekommen, i sich die Hebräische Welt, die jüdisch-nationale Zelt mit dem Phänomen Achad-Haam auseinandertzen muß. Denn wie immer Man sich auch zu >m und seinem Werke stellen Möge, begeistert anckeirueud, erbittert ablehnend oder kühl wertend, ies läßt sich doch heute nicht bestreiten,' daß Achadaam eine der stärksten und wirksamsten Kräfte nstellt, die das innerjüdische geistige Leben in Len tztcn zwei Jahrzehnten beeinflußt und geformt iben. Heute — dies wird wohl allgemein zugeben werden — ist der Höhepunkt seiner Wirksamit und seines Einflusses bereits überschritten. chad-Haam hat aufgehört, eine Parole und ein rogramm zu bedeuten. -In gewissem 'Sinne ist er :reits überwunden; so ist der Moment gekommen, i man beginnen kann, leidenschaftslos und nüchrn, objektiv Achad-Häam zu betrachten und zu rrten. Jede Betrachtung und Wertung Achad-Haams ird zwischen zwei Seiten seiner Wirksamkeit und' incr Bedeutung scheiden müssen: seiner .öffenti ch - p u b l i z i st i s ch e n Bedeutungeinerseits, iner literarisch-schriftstellerischen anderseits. Ueberblickt man die öffentliche Wirksamc i t Achad-Haams in den 25 Jahren feiner schriftellerischen Tätigkeit, so wird man zunächst festcllen Müssen, k)äß,. er erschreckend wenig, man kann hier sagen, nichts Positives, Konkretes zustande bracht. Es gibt keine Institution, keine Organiition, kein großes Werk im heutigen jüdischen eben, das seine Schöpfung wäre. Es fehlt ihm gliche Fähigkeit zu konkreter, schöpferischer cistnng, zur Zusammenfassung und 'Organisierung on vielen Einzelkräften; es ist ihm nicht gegeben, ie Ideen, die er Vertritt, zu realisieren; zum ieiche der Tat ist ihm zeitlebens der Zutritt ver- >gt gewesen. So beschränkt sich seine öffentliche Wirksamkeit auf die ideellen Wirkungen, die er usgeübt hat. 'Diese allerdings waren die denkbar ärksten und nachhaltigsten. Die gesamte nationale icneration des osteuropäischen Judentums in den tzten zwei Jahrzehnten ist -durch seine Schule egangen und ist unter dem Einfluß /einer Geankengänge ausgewachsen. Wie kein anderer hebräiher Schriftsteller .hat er die jüdische Intelligenz Osteuropas beeinflußt, und dem gesamten geistigen merjüdischcn Leben Osteuropas in den letzten 20 ähren hat er seinen Stempel aufgedrückt. _ Worin ruhen die Gründe dieses großen Einusses? Worin die Ursachen seiner außerordentchen Wirkung?Äie Frage ist keineswegs so ohne leiteres zu beantworten. Denn, wenn man heute ie vier Bände seiner Essays durchlieft, so wundert lan sich darob, daß er solche Wirkung auszuüben vermocht hat. Diese EssM)s stellen kein gedankliches System dar. Es ist eine der vielen Uebertreibungen, die man über Achad-Häam in Umlauf gesetzt hat, daß er ein ganzes, geschlossenes System geschaffen habe. Seine jüdische Geschichtsphilosvphie ist lückenhaft und nur in wenigen Punkten ausgebildet, seine Anschauungen über das Judentum .mehr angedeutet als ausgeführt, -mehr apodiktisch behauptet als bewiesen, seine Auffassung Vom Wesen der Assimilation iM "Grunde genommen oberflächlich und keineswegs originell, seine Kritik des Zionismus endlich und seine Idee Vom „geistigen Zentrum" ist auch nur in ihren Keimen entwickelt und so wenig gründlich und erschöpfend dargestellt, daß noch heute Anhänger wie Gegner Achad-Haams über den wahren Sinn dieser Idee streiten. Also, von einem Systeme, das er geschaffen hätte und das durch seine Einheitlichkeit und imposante Geschlossenheit so mächtig ge- ' wirkt hätte, kann keine Rede sein. Nun seine einzelnen Ideen selbst. Auch diese sind an sich nicht so groß und überwältigend, daß die tiefe Wirkung, die sie ausgeübt, ohne weiteres verständlich wäre. Wer, geschult und gebildet an der euro- Päischeir Kultur, die Essays Achad-Haams durchliest, wird finden, daß sie in ihren allgemein philosophischen Grundlagen nichts Originelles und'Neues enthalten, vielmehr ein eklektisches Gemenge von Ideen darstellen, die Achad-Häam aus der englischen und ftanzösischen Philosophie und Soziologie des 19. Jahrhunderts übernommen hat, wird außerdem finden, daß es ihm nicht einmäl gelungen ist, diese Ideen zu einem einheitlichen, geschlossenen Gänzen zu verschmelzen, seine.Philosophie vielmehr reich an Unklarheiten und Widersprüchen ist. Seine jüdischen Ideen sind gewiß.viel origineller und bedeutender. Aber auch bei ihnen wird der nüchterne Beurteiler und Kritiker feststellen, daß sie in ihrem Werte doch stark überschätzt worden sind. Es sind gewiß viele treffliche und tiefe Gedanken über das Judentum bei. Achad-Haam zu finden: aber zu einer großen, umfassenden Auffassung über das Wesen des Judentums und seine Entwicklung hat es doch Achad-Häam nicht gebracht. Seine Ideen über das Judentum sind recht anfechtbar und schwankend^ seine Anwendung des Evolutionsprinzips auf die Entwicklung des Judentums ist unvollständig und unsystematisch, und vollends derjenige seiner Gedankengänge, der die weiteste Verbreitung geftmden und den nachhaltigsten Einfluß ausgeübt hat, die Idee des „geistigen Zentrums", ist total nnhistorisch und' unorganisch in ihrem Wesen. Je mehr Man sich in ,Achad- Haams Schriften Versenkt, umso gefestigter wird die lleberzeugung, daß der Denker und Philosoph Achad-Häam keinesfalls von solch überragender Bedeutung ist, wie es seine Bewunderer Vermeinen!; man begegnet in vielen der kleinen, anspruchslosen Bemerkungen, die man beispielsweise in Berdytschewskys Werken findet, oft viel tieferen und bedeutsameren Ideen, als in so manchen der großangelegten, prätentiösen Aussätze Achad-Haams. Also: Der Denker Achad-Häam erklärt nicht seine bedeutsame öffentliche 'Wirksamkeit, in der Qualität und Tiefe seines Geistes findet man nicht den Grund seines Erfolges und seines Ruhmes. Man findet ihn Vielmehr im Schriftsteller und in der Persönlichkeit Achad-Häams. Die Größe und Natur seiner schriftstellerischen Begabung und die Eigenart seiner Persönlichkeit geben die. eigentlichen .Ursachen seiner tiefen Wirkung und' großen Bedeutung. Achad-Häam ist sicherlich der bedeutendste publizistische Schriftsteller der neuhebräd scheu Literatur. Er ist als Schriftsteller so gryß, - daß er gewiß auch in jeder europäischen Literatur zu Ruhm und Ansehen gelangt wäre. WM plan das Geheimnis seiner Begabung und seiner Kunst in einem zusanmrenfassen, so wird Man als ihren Grundzng die R ei f e bezeichnen müssen. Bom ersten Tage an, da Achad-Häam in die hebräische Literatur getreten ist, bis heute, tragt jri>e Zelle, die er schrieb, den Stempel der Ausgereiftheit. . Da war nichts unfertig, nichts halb, nichts unausgeglichen, alles war harmonisch, ganz, ausgereift. Und diese Reife, die die bedeutsamste Eigenart seiner Schriften ausmacht, bedingt zweierlei: Klarheit und Sicherheit. Seine Artikel sind von einer Lristallnen Klarheit, seine Darstellung fliegt dahin mit der Natürlichkeit und Reinheit eines lauteren Baches; da sind keine Stammgen, keine Sprünge, keine Abschweifungen und Entgleisungen; von dem ersten Wirte an wird auf die leitende Idee hin, die der Aussatz znm Ausdruck.bringen will, mit zwingender Gradheit und Konsequenz hingeschritten, keine Zeile ist zuviel, kein Wort wäre überflüssig; es ist ein seltener ästhetischer Genuß, sich an der Klarheit und Helle eines Achad-Haam- , scheu Essays zu sonnen. Und hinzu kommt die Sicherheit. Nur wer von Anbeginn so ausgereift war wie Achad-Häam, konnte von vornherein mit solcher Sicherheit und Festigkeit austreten, . wie er es getan hat. Sein Ton ist stets der der unerschütterlichen Gewißheit, alles, was er vor, bringt, sagt er stets mit der.Miene der Selbstverständlichkeit, und aus allem, was er schreibt, llingt es heraus: So ist es, und so nur kann es sein. Weil er so sicher und fest in all seinen Ueberzeugungen ist, konnte er auch so vornehm und ruhig sein. Achad-Häam hat nie geschimpft, nie geschrien und getobt, und selbst in.den Tagen bittersten Kampfes gegen Herzl, in denen sx sich manchmal sogar bis zur Kleinlichkeit und Niedrigkeit degradiert hat, "blieb er im 'Tone doch stets Vornehm. Und so ist auch seine Persönlichkeit. Der Schriftsteller Achad-Häam ist das getreue Abblld des Menschen Achad-Haam. Es ist mir iMmer ein Rätsel geblieben, woher dieser Mann Vom ersten Tage seines Auftretens an diese unerschütterliche Festigkeit und dieses Bewußtsein unfehlbarer Gewißheit hergenommen hat. Nirgends in seinen Schriften wird man finden, daß er sich geirrt hat oder richtiger gesagt, einen Irrtum eingesteht. Nirgends wird man eine Spur inneren Zweifelns, seelischen Ringens verspüren. Man findet in seinen Märken kaum.die Werk, male einer inneren Entwicklung; selten ist sich ein Mensch so treu geblieben wie Achad-Häam. Ich muß gestehen, ich kann den Menschen Achad-Haam nicht lieben. Zu einem Manne, der nie irrt, nie schwankt, nie zweifell, kann ich keine Sympathie empfinden. Umso mehr achte und respektiere ich ihn. "Vielleicht ist diese Sicherheit und Festigkeit das Prodrckt innerer Beschränktheit; mag sein, aber auch diese Beschränktheit ist ein großer Zug. Vielleicht wird man sagen: jemand, der von Anbeginn an abgeschlossen. und fertig ist, muß . doch innerlich arm sein; nur weil seine Welt so eng ist, kann er .so geschlossen und harmonisch sein; aber diese Armut und diese Enge verdienen Respekt. Man mag gegen Achad-Haam eine gewisse Antipathie empfinden, und ich kann mir lebhaft hm*. feit, daß reiche Künstlernaturen, tragische WwÄi .

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.