Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 12 (1914)
- Issue
- Heft 7 (20.2.1914)
- Date
- 1914-02-20
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Ee te 4 schalk beim HoschMw-Rabbo-Lernen gefehlt, mrd halte die ganze Khillc in Aufreguitg gebracht, weil er auch am folgenden Tage und den darauf folgenden zwei Festtagen, am Schlußfcst und am Simchas-Thora, nicht aufzufinden gewesen war. Am Hoschano-Rabbo-Morgcn war die ganze Khillc wie gelähmt gewesen vor Schrecken. Es konnte nach der allgemeinen Ansicht nicht anders sein, ein Junge aus der Khillc hätte Hand an sein Lüben gelegt. Das war eure Schande für die ganze Khillc. Er war aus dem Hause gegangen mit dem Büchlein in der Hand, das man bciin Hoschaimh-Rabbo- Lerncn brauchte. „Wo ist Dein Simon?" hatte man Aron in der Chcwroh gefragt. „Er ist vor. mir weg zmn Lernen gegangen, er müßte schon hier sein, oder er wird in die andere Chcwroh gegangeir sein." Das war nichts Auffallendes, denn die Unverheirateten, die noch nicht selbständig Mitglied einer der Cheivrohs geworden waren — und das wurden sie nur, wenn eines der Eltern starb, um Kaddisch sagen zu können —, konnten hingehcu, wohin sie wollten, gingelt sogar oft in die Chcwroh', welcher der Bater nicht altgehörte, um dem Mitglied, bei dem die andere Zusanimenkunst war, eine Ehre zu erweisen. Aron hatte sich deshalb durchaus nicht beunruhigt über das Fehlen seines Sohnes. Als er aber bei der Heimkunft das Bett seines Sohnes noch unberührt faild, war er nach dem Hause geeilt, wo „das Lernen" der andern Chcwroh gewesen war, — doch dort waren 'schon , alle Fenster dunkel. Er suchte jede Ecke und jeden Winkel des Hauses ab, er weckte seine Familie, die Familien seiner Nachbarn und engeren Freunde, alles Suchen war vergebens. Eine Frau nach der anderen ging am andern Morgen mit einem Korb Leinen nach dem Feuertcich, als' ob sie Wäsche auswaschen wollten, denn lvo anders sollte man die Leiche suchen? Und alle sagten dabei: „Gott verzech mir meine Sünden, daß ich am heiligen Hoschano-Rabbo tue, als ob ich am Cholhantoed gewaschen hätte." Man schämte sich, den christlichen Mitbürgern bekannt werden zu lassen, daß ein Kind der Khillc ein so schreckliches Verbrechen begehen konnte; man suchte die Felder und Wälder ab. und fand nichts. Ein so trauriger Simchas Thora, an dem mehr geweint wurde als am 9. Ab, war in Lochstadt noch nicht erlebt worden und schwebte dem alten Leib noch nach 75 Jahren vor, als wäre cs eben geschehen. Endlich am Tage nach Simchas Thora wurde es bekannt, daß der verschwundene Chasen und Lehrer in Ganzcbach geworden war, und daß er sich mit Miriam Thüringer verlobt hatte. Er hatte die Khillc Lochstadt verlassen, um sich in dcni kleinen Dorfe Ganzebach, das nur wenige jüdische Familien zählte, als Chasen und Religionslehrer anwerben zu lassen. „Schma Israel!" hatten alle verwundert ausgerufcn, „ein Junge von Lochstadt, der großen Khillc, glht als Chasen und Lehrer nach Ganzebach, einem kleinen Dorf, das, so lang die Wetr steht, noch keinen .Chasen und Lehrer gehabt hat, nach Ganzebach, wo so wenig Juden wohnen, daß sie kaum Miujan haben." Simon machte Hochzeit, seine Eltern und Schwestern kamen uicht zur Feier, die Eltern verzichteten auf die große Mizwoh des Uniersührens. Dem Simon wurde .nach einem Jahre sein Sohn Leser geboren, und Aron - schlug die Gevatterschaft aus, kurz Elterir und Schwestern blieben unversöhnlich chr ganzes Leben lang. 8. Kapitel. Das Amt als Chasen und Lehrer war nur Nebenbeschäftigung, Simon arbeitete im Geschäft seines Schwiegervaters und übernahm cs nach dessen Tod. Malke und Daniel Heilbrunn starben und hatten sich mit Simon und seiirer Frau nicht ausgesöhnt. - Die anderen vier Schwestern blieben unverheiratet, mid als Perle, die jmrgstc, hochbetagt starb, übergab sie ihrem Neffen Josef Heilbrunn, der einige Jahre älter war als sein Vetter Leser in Ganzebach, kurz vor ihrem Tode ein Kästchen, einen Pack Papiere und hundert Dukaten bar. „Die hundert Dukaten gehören Dir," sagte sie, „das - Kästchen schickst Du Deinem Onkel Simon, dem Chasen und Lehrer von Ganzebach. Außerdem findest Du einen Brief,- den Du dem Sohne Deines Onkels, Deinem Vetter Leser,-an dem Tage zustellst, an dem er Hochzeit macht, und das andere Vermögen von uns Schwestern haben wir zu einer Stiftung gemacht. Bon den Zinsen soll anr Jahrzcit der vier Schwestern ein Licht in der Synagoge gebrannt und von -dem Lch- Frauksurter Israelitisches Familieublalk. rer des Ortes und dem Rabbiner des Bezirks jedesmal ein Schiur gelernt werden, wofür jeder der beiden jedesmal 'fünf Täler bekommt. Der Rest der Zinsen soll so verteilt werden, daß die Hälfte an die Armen 'der Khillc, ein Viertel an die Kasse der Wänderbettler und ein Viertel an die Armen des heiligen Landes verteilt wird." Josef schickte das Kästchen uneröffnet seinem Onkel nach Ganzebach und .legte die. Papiere fort. Josef forderte' seinen' Vetter Leser, wenn er von Ganzcbach nach Lochstadt kam, einigemal aus, in sein Haus zu kommen,, aber Leser begnügte sich damit,- Jvsefauf der Straße zu antworten, wenn er ihn anredete, in sein Haus ging er nie, Das ließ sich verstehen nach dem Inhalt des Kästchens, der Lesers Bater erbittert hatte' und der auch Leser erregte, nachdem sein Vater ihn auf dem Sterbebette mit dem Kästchen und seinem Inhalte bekannt gemacht, hatte. , j Lesers Zurückweisung des frcmidlichen Vetters war ebenfalls begreiflich. Er hatte schon. als Kind bemerk, daß sein Vater gegen alle Lochstädter, die zuseiner Verwandtschaft gehörten, erbittert war, mid nachdem er das geheimnisvolle Kästchen erhalten, geöffnet und dessen Inhalt kennen gelernt hätte, gab er seinem Bater - recht, die ihm bezeigte Unvcrsöhrilichkeit war unverzeihlich. Als aber auch an seinem Hochzeitstage Leser nicht den Brief empfing, den er nach dem Inhalt des Kästchens von seinem Vetter Josef Heilbrunn zu erwarten hatte, und der vielleicht geeignet war, das dem Vater zugefügte Unrecht zu mildem, da wurde Leser gegen Josef besonders erbittert, und alle freundlichen Reden dieses. Verwandten schienen ihm Falschheit und Tmg zu sein. Dm Brief hat er unterschlagen, dachte Leser oft, und ich bin zu stolz, Dir «Dein Unrecht ins Gesicht zu schleudern, aber mein Sohn Simon, der mit Dir erst im dritten Geschlecht verwandt ist, dem will ich wenigstens die Möglichkeit offm halten, Dir Deine Schlechtigkeit vor Augen zu führen und Dir Dein Unrecht in die Ohren zu donnern. Leser Ganzcbach konnte es gar nicht 'begreifen, daß Joses Heilbmim, der in der ganzen Gegend den Namen eines besonders ehrlichen,' wahrheitsliebenden und wortgetreuen Mwrncs hätte, dem jedes Wort seines Mundes wie ein unvcrbrcchlicher Eid galt, gerade ihm gegenüber sich eine solche Falschheit und Unehrlichkeit zuschmdcn kommen ließ, das komtte nur der alte, verbissene Familienhaß sein, der ihm von den alten, verbissenen, unversöhnlichen Tanten eingeinipft worden sein mußte. In der Tat hatte Simon Gottschalk der Aelterc nur deshalb die mit ein pclär Talern dotierte Chasen- und Lchrerstellc von Ganzcbach angenommen, da dies bei der danwligen Gebundenheit an die Scholle die einzige Möglichkeit war, seinen Wohnsitz verlegen zu können. (Fortsetzung folgt.) Neu eröffnet! Cafe Corso Ecke Katserstrasse und Moselstrasse. Franz Kr ist. Im Norme der Erinnerung. Novelle von Leopold Zucker. (Schluß Es gab eine Zeit, da ich ganz anders war. Ich - darf sagen: ich ivar einer der Glücklichsten auf dieser Welt. In meiner Heimatstadt in Slvznc in Rußland liebte ich ein Mädchen. Das Mädchen hieß Chaye-Malkc. Wir waren beide verlobt. Sic war schön und gut. Sie mar, — ach, was soll ich Ihnen sagen, wie sie war! Sie ivar mit tausendinal teurer als mein Leben. Ich hätte tausend Höllenstrafen auf mich genommen, wenn ich dadurch das leiseste Ungemach von ihr hätte abwcnden könnm. In vier Wochen sollten wir heiraten. Die Seligkeit wuchs mit unserer Ungeduld, aber wir warteten. Wir Juden haben Uebung im Warten. Wir achten jedes Gesetz, das uns warten heißt. So warten wir auch Jahrtausende schon auf den verheißenen Messias. Aber das gehört ja nicht hierher. Jeden Tag kam ich zu Chäye-Malkcs Eltern. Chaye-Malkc Pflegte stets an ihrer Aussteuer zu arbeiten, der nur iwch wenige Gegenstände zu ihrer Vollständigkeit fehlten. Gegen Abend machten wir oft ausgedehnte Spaziergänge außerhalb der Stadt. Der Nr. Frühling, stand vor der TL.'M waren bereits ui wöhnlich warme Tage für das rauhe und spröde Klj Rußlands. - ■ Auf unseren Spaziergängen begegneten wir christlichen jungen Leuten, die nach echt russischer uns Juden gegenüber herausfordernde Bemerk»! machten oder uns höhnisch angrinsten. In ihrer $ befand sich der Sohn des Pferdehändlers Razni! dessen Eltern in nächster Nähe von Chaye-Malkc l» ten. Jusek Raznikow hätte oft in seiner plumpen versucht,' sich Chaye-Malke zu nähern. Und als einsehen mußte, daß seine Bemühungen an ihrer zugänglichkeit abpralltcn, war er ihr erbitterster Hai geworden. Um diese Zeit wurde die jüdische Bevölkerung 2i nes durch eine Nachricht über Jndenmassakres Bessarabien in große Aufregung persetzt. Gerüchte ü! Ritualmordc tauchten allenthalben auf. Ter in Ke! gelegte, .in.: WnrpfhÄt. -und, .Uchvissenheit, ffchlümitic ''Bauer wurde ^durch lichtscheue Agitation- und' Hi»! kulissenränkc der j.sckjwaMn Hundert" , gegen die I (in Harnisch gebracht. Es hieß, die Inden brau; Christenblut, Die Judm hätten mit. dem Airtichrist ei Bund \ geschlossen, und °' alles - Unheil - -d'cs -rechtgläub .russischen Volkes! stamtn'e vom den Juden. So nahm jene entsetzliche Zeitihren Anfang. Stein kam' ins' Rollen, und' bald lvaren Hunderte jüdischen Besitzungengeplündert -und. ihre Eigentüi ermordet.! Ansi.Äiese Weis» 'konnte .sich? der ReL> der Haß. gewisser Teile' der christlichen'Bevölkerung niedriger Rache?Püfs mächim?" it Adolf blieb einen Augenblick, wie in sich -versu»! stehen. Seine. Brust arbeitete heftig. Eine Flut traur! Erinnerungen ging über ihn hin. Seine Augen wuri trübe, und mit heiserer Stimme fuhr er zu erzähs fort, während er nur mühsam ein aufsteigendes k loses Schluchzen nicdcrkämpftc. „Es waren nur noch wenige Tage bis Pes da ging ich eines Vormittags zu Chaye-Malke. vorangegangenen Abend hatten wir in einer gcdrüäs Stimmung im Kreise ihrer Familie zugcbracht. mand gab sich über die Gefahr, die über uns' schwc! einer Täuschung hin, nitd doch wagte man cs ni> rückhaltlos davon zu sprechen. Es war, als ob sichtbare Mächte uns davon abhielteit Jedes bezögt Wort erstarb auf den Lippen, che man es ausspn Man erschrak vor der eigenen Stimnie. So schiin wir und ließen das schwarze Gewölk, das sich droh über unseren Häuptern zusammcnzog, an uns hm kommen. Als ich zu Chaje-Malkc ins Zimmer trat, eine heftige Unruhe über. mich. Chatie-Malke sah.bk und verstört aus, ebenso ihre Eltern und Geschwisi die müßig und stumni dasaßen, wie vom Schrecken ui stciirert. Es war, wie wenn die vorausgejagtcn Schal des kommenden Uirglücks gleich Gespenstern im Zim nicdcrkauerten und uns niit ihren hohlen Bteichgcs tcrn anglotzten. Eine nnnennbarc, atemraubei Schwüle lag in der Luft. Wir saßen so längere Zeit und warteten auf ij Schreckliche, ,das kommen sollte. Doch waren mir fai auf das vorbereitet, was in Wirklichkeit eintraf. Zuversicht und. der Glaube an eine gute Wendl der Dinge leben zu stark im Innersten des Mens als daß. lyan in einem wirklich ernsten Augenblick die Erfüllung böser. Ahnungen ganz zu glauben möchte. Chaye-Malke saß neben niir und schmiegte sich an mich. Ich hätte sic vielleicht nie zuvor, so geliebt, wie in dieser Stunde. Ich empfand dieses fühl so stark, daß es mir fast wehe tat. Plötzlich spürte ich, daß Chäye-Malkes Körper tig zitterte. Gleich daraus hörte ich ein Rütteln Pochen an der Tür und dann ein Krachen. Schon nn vom Flur her Stimmen vernehmbar, und ehe ich ntj vom ersten Schrecken erholt hätte und zur Tür eil um zu sehen, was draußen, vorging, flog diese auf, herein traten sechs junge Burschen mit Revolvern den' Händen, Ml ihrer Spitze Jusek Raznikow. Mein erster Impuls mar, mich' 'ihnen entgegen^ -stürzen und auf sic cinzuschlägen. Doch begriff ich ] fort, daß dies nutzlos gewesen wäre. Chaye-Malke war an meine Seite gesprungen fragte, was sie hier zu suchen hätten. „Dich sucheir wir," erwiderte ihr Jusek und nur einige Schritte ans sie zu. Sie wich ihm rasch a> Da änderte er plötzlich seine Taktik nitd sprang mich zu. In demselben Augenblick fühlte ich im von mehreren Fäusten von rückwärts gepackt und Boden geschlendert. Ich schnaubte vor Wut und schb Zum ahrze eist s. m Ge' c w i d » Den das unser Mit »den G (ler Wc ott ha! Amtlich äre mit rjchienei ui. Auf iid nie ichts s iedergel!i»e nei »ime.r! lic imil ß die "ehre fr ii des nents tr icher is jitfje Bei «tut. esetztc [ums? fr fort.' M :n bib! fon ein liucnt i liefe a! hristi iftrfrc, ßci'l c reibend IC UllC hichtc lensiver vernicht lälein i iroßer schule kcs Jui abbinis -Mischii »cremig inzu, iber Ei löibel i rscheint snlagte libentei icineind fit heul!md he schöpfte! mch B :chriftk Ichastlicl nascht »aggad jungen, md jch »agegev iber ft lngeseh mnnte sriental früh, ,s cinsluß ischen m d *): llegeerui