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Neue jüdische Presse · 1914-02-20 · Heft 7 (20.2.1914) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
12 (1914)
Issue
Heft 7 (20.2.1914)
Date
1914-02-20
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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| Nr. 7 _ 'Cafe Kaiser garten am Opernplatz Erstklassiges Eamilien-Cale _ . -' Nachmittags Konzerte. Fr. Hanselmann, Besitzer wild um mich; doch war ich bald überwältigt und an Händen und Füßen gefesselt. Ein gleiches tat man dem Vater, der Mutter und Ehaye-Malkes jüngerem Bruder. Als dies vollbracht war, schritt Jusek auf Eh'aye-Malkc z„, die in cmer Ecke.des Zimmers die ganze Zeit wie betäubt dagestanden und hilflos- und bebend der Schmach zugcsehen hatte. Ich schrie auf vor wildem Weh und Fat Jusek Raznikow, mich zu töten und Chayc-Malke feilt Leid anzutun. Ta wandte er sich mir zu und fragte höhnisch /mit: triumphierendein Lächeln, was er denn davon hätte/ wenn er mich töten tvürdc. Einer der Spießgesellen fiel ihm .ins Wort und meinte: „Na, warte nur, Tu kommst auch schon an die Reihe." .' .. Darauf sagte Jusek: „Nein, den lassen wir so lange noch leben, damit er zusieht, tute wir mit seiner Dirne Hochzeit machen." Während dieser Worte hätte er Chaye-Malke an den Haaren gepackt und zunr Sofa geschleift. Doch das Schreckliche kamt ich nicht erzählen .. . . Als ich einen Tag. später aus einer langen und tiefen Ohnmacht wieder zum Belvußtsein kam, befand ich mich im Spital mit mehreren schweren, aber nicht lebensgefährlichen Wunden. Nach vierzehn Tagen konnte ich .das Krankenhaus wieder verlassen. Nun erfuhr ich Ehaye-Malkes und ihrer Eltern Schicksal, das 'man mir während meiner Krankheit verheimlicht hatte. Die Eltern und zwei Schwestern von 12 und 11 Jahren ivaren ebenfalls tot. Nur der Bruder, ein kräftiger, junger /Mensch, war mit dem Leben davongekommen. \ Bei uns zu Hause fand ich alles in einem wüsten; Haufen zerstört und geplündert vor, während Wcrtgegcn- - stände und Waren aus den Geschäftsräumen vollständig ' ausgeräiiint waren. Den Verlust von Menschenleben hätte; unser Haus nicht zu beklagen,- denn inein Vater befand 'sich seit mehreren Wochen auf einer längeren Geschäftsreise im Ausland, und meine einzige Schwester weilte bei einer Tante in Kieiv zu Besuch. Meine Mutter starb schon früh,. -und so bildeten wir drei die Familie, und da mein Vater die größere Hälfte des Jahres auf Reisen zubrachte, oblag mir die Führung des Geschäftes. Ter Verlust, den tvir durch den Raub an Waren erlitten hatten, berührte mich nicht sonderlich, obwohl mein Vater dadurch empfindlich geschädigt war. Mein Inneres war derart erschüttert, und vän Schmcrz-i und Rachegedanken durchwühlt, daß . ein Bedauern über Verluste an Geld keinen Raum darin fand. Mein Denken bewegte sich nur .noch nach zwei -Richtungen: den Vernichter meines^ Glückeszw töten und dann meine Heimat zu verlassen, Ans eine Gelegenheit, den ersteren Plan auszuführcu, brauchte ich nicht lange zu warten. Es war eine klare, mondhelle'Nacht im Mai. Ich konnte nicht schlafen, und wandcrtc hinaus ins Dorf.- Ter Weg führte einen schmalen Fluß entlang. In der 'Ferne, auf einer llein.n Anhöhe, lag der große Bauernhof, wohin Jusek, wie ich in Erfahrung brachte, ans nächtliche Abentnier auszugehen pflegte. Denn außer der hübschen Kalhinka, die er heimführen sollte, gab es dort noch mehrere Mägde, die er ebenfalls nicht verschmähte. Wie ich so dahinschritt, bemächtigte sich meiner plötzlich eine seltsame/Gewißheit, daß die Stunde der Rache nunmehr gekommen sei. Bald sah ich auch in der Ferne einen dunklen Punkt auftauchcn, der sich, auf mich zu.bewegte und immer größer und deutlicher wurde . Um mich nicht zu verraten, verbarg ich mich im Gebüsch. Ich lag so da und beobachtete scharf, "und als ich^^usck erkannt hätte, streckte ich milch ganz flach auf den Boden und', ließ ihn an mich heran kommen/ Erst alser nur noch wenige Meter .von mir entfernt ivar, erhob ich mich ganz langsanr und schritt ihm entgegen. Er hätte mich sofort erkannt, und'ich merkte, daß er 'heftig zu zittern anfing. Er mochte dunkel empfunden haben, daß sein Todcsengel ihm entgegenschritt. In.mir selbst war eine solch unheimliche Ruhe und ein so gewaltiger Krästedrang, daß ich cs als ein'Leichtes empfand, mit diesem Mordbubcn.fertig , zu werden, Ich blieb erst einen Augenblick vor ihm stehenj um mich an seiner Todesangst zu weiden, doch hielt ich cs nicht länger aus; meine Muskeln spannten sich .zum Zerspringen. Beim ersten Anlauf hackte ich ihn an' her Gnkgel ' und warf, ihn zu Boden. Epraffte.sich jedoch bald Wieder aus, und nun begann ein stummes. Frankfurter Israelitisches FamUienblatt. - erbittertes Ringen, daslänge Zeit unentschieden blieb, bis es . mir ein zweites Mal gelang, ihn mit solcher Wucht zu Fall: zu bringen, daß er ein paar Sekunden - wie gelähmt liegen blieb. Da zvsg ich Meinen Revolver und drückte' eine Kugel gegen ihn ab, die sein verruchtes, entmenschtes Herz traf und den baldigen Tod h'erbeiführte. 'Als die Tat geschehen war, hätte ich so wenig das bedrückende Bewußtsein, einen Menschen getötet zu haben, daß ich nicht einen Augenblick lang an Flucht dachte. Ganz langsam trat ich den Weg nach Hause an. Am folgenden Tage stellte ich mich freiwillig dem Gericht, das meine sofortige Berhäftimg üeranlaßte. Nachdeni ich sechs Monate in Untersuchungshaft verbracht hätte, begann die Verhandlung gegen mich. Die 'Anklage tankctc auf Totschlag. Nach dreitägiger Verhandlung erfolgte meine Freisprechung, die in 'Anbetracht russischer Rechtszustünde höchst überraschend rmd merkwürdig war. Das Gericht nahm als nicht erwiesen an, daß ich den Schuß in der Absicht zu töten abgegeben hätte, sondern um einen nächtlichen llcberfall abzuwehren, und daß der Schuß in deni darauf entstandenen Handgemenge von selbst losgegangen sei und den Angreifer getötet habe. Der Behörde dürfte die Beseitigung Juseks recht willkommen gewesen sein, da sie sonst gezwungen gewesen wäre, zunr Scheine wenigstens eine Untersuchung über die von ihm begangenen Untaten in die Wege zu leiten, die vielleicht manches ans Licht gefördert hätte, - was für die Oesfentlichkeit nicht bestimmt war und sie selbst hätte bloßstcllen können. ' ' ’ ... Einige Tage darauf, nachdem ich aus dem Gefängnis entlassen war, verließ ich. Rußland. Ich wandte niich erst nach Berlin, dann kam ich hierher. Um nnch wieder dem Leben zuznwenden und die schmerzlichen Nachwirkungen der Vergangenheit abzuschwächen, nahm ich vor drei Jahren die,Stelle an, in der Sie mich vor einem Jahre, als Sie zu rms ins Geschäft kamen, antrafen, obwohl eine materielle Notwendigkeit, einen Beruf zu ergreifen, nicht vorlag, da durch die Erbschaft, die mein Vater mir hinterlicß, als er ein halbes Jahr nach meiner Abreise starb, für mein Auskommen in bescheidenem Maße gesorgt war. 'Aber selbst eine regelmäßige und anstrengende Tätigkeit vermochte es nicht, mir die Freude anl Leben zurnckzugcbcn und den dunklen Flor, der über meine Tage düster und trauernd hängt, zu verscheuchen." Adolf Münzer schwieg. Erst jetzt bemerkte er, daß seine Begleiterin still vor sich hinweinte. Er wandte sich ihr zu, da hob sie ihr tränenüberströmtes Gesicht zu ihm. Er sah ihr in die großen, Milden Augen und las etwas in / ihnen, das ihn mit Schrecken ersilllte und bis ins Innerste durchdrang: Es war eine große, reine, aus' Mitleiden geborene Liebe . . . Er fühlte sich weich werden, und eine fremde, längst nicht mehr gefühlte Wärme und Zärtlichkeit kam über ihn. Ihm schien es, als ob die goldenen Tage der ersten Jugend und Liebe neu erstanden und sein wundes, müdes Herz zu neuem Leben riesen. Dieser Zustand währte jedoch nur einen Augenblick lang. Dann besann er sich auf die traurige Wirklichkeit, und daß sein Gelübde die Tote mit ins Grab genommen, daß er sie -immer noch liebte, daß er sie ewig lieben würde, und daß er ohne sie kein Recht ans Glück hatte. Er griff nach Helenens Hand und drückte sie stumm und innig. Dann sah er sie mit einem Blick an, der zugleich so trostlos und' dankerfüllt war, daß sie alles verstand. Sie neigte das Haupt in müdem Verzichten und lächelte schmerzlich. ..' Er -nahm ihren Kopf in seine Hände, sah - ihr lange in die Augen, in denen der letzte Schein-der sinkenden, Sonne-: spielte, drückte einen sanften Kuß aus - ihre Stirn und sagte" leise, kaum hörbar:. „Ich kann nicht —, ich kann nicht . . ." Spezialität; [ (BelnKorRen. Francke & Weber Gr. Frlcdbergerslr. 7—11 Tel. Hansa 4095. 1 J Kunst und Literatur. Die Gezeichnete». Roman von Aage Madeln u g. 4,50 Ji, geb. 5,50 JL Berlin, S. Fischer. Verlag. Der -Schwede Aage Madelung kam als sehr junger Mann nach Rußland. Sein Berns führte ihn durch dieses große Land kreuz und quer: er war Feldhüter in Wolhynien, Landwirt in Jngcrmanland, und dann wurde er Buttcrreisender. Er lernte, die Kreise der Revolution kenne» und ihre ohnmächtigen Anstrengungen, machte mit den Unterdrückern jeden Fortschritts Bekanntschaft, war Zeuge des fürchterliche,k Schauspiels eines Pogroms. Und Aage Madelung, hat das Auge eines Malers und, Seite 5 das Ohr eines Dichters, er erfaßt intuitiv das Bild einer Situation und das Innenleben eines Menschen. Es ist geradezu wunderbar, wie richtig er Sie verschiedene» Typen unter den russischen Juden geschaut hat. Sein neuester Roman ist ein Judenroman; „Die Gezeichneten", daS sind die Inden. Eine kleine Jadentzgdt am Dihepr.^-dildet den Hintergrund des Dramas, das den Leier "mik mächtiger Spannung fesselt. Doch die Szenen führen auch »ach Moskau und nach Petersburg. Wen» der Leser schließlich erschüttert die letzte Seile des Buches uingcblnttcrt hat, dann versteht er die Bestie in diesem Tartarenvolke, versteht die Möglichkeit der Pogrome mit all' ihren Scheußlichkeiten, versteht aber auch das fürchterliche Schicksal der russischen Judenheit. Das Buch ist ein .Kulturroman im besten Sinne des Wortes. kleb er „Die Gezeichneten" schreibt unser Kolew-Mitarbeiter: In diesem Buche führt uns Aage Madelung das jüdisch - russische Leben in Rußland während der Revofntion vor. Wenn wir das Buch lesen, können wir uns ganz und gar in jene kleine Stadt am Dnjepr versetzen, wir können-vollkommen das Leben und Treiben ihrer Einwohner vor uns sehr», so wahrheitsgetreu sind die Schilderungen. Wenn'Jvir uns die Heldin des Stückes Hanne-Liebe vor Augen "führen, so erkennen wir gleich in ihr das jüd. Mädchen, welches schon beim Eintritt ins Gymnasium ihres Glaubens und Stammes wegen verspottet wird. Sie hat viel in der ersten Zeit zu leiden: doch kaum hat sie sich in diesem ihr fremden Milieu etwas heimisch gefunden," fo Mrö'sie beschuldigt, etwas begangen zu haben, was ihre Reinheit und Keuschheit in Zweifel stellt. Obgleich unschuldig, wird sie doch gezwungen, das Gymnasium zu verlassen. Da wird in ihr das Gefühl des Hasses gegen ihre Unterdrücker wach, ihr Stolz bäumt sich gegen das ihr zngesügte Unrecht, und sie beschließt Rache, ewige Rache. Ebenso lcbensgetreu wird ihr Freund Sascha wiedergegeben. Das ist der Gynrnasiast, wie man ihn sand und ijwllejcht^jetzt »och in Rußland findet. Er sieht, wie tief sein Volk steht, wie es von allen Seiten unterdrückt wird, und er beschließt, sein Leben für die allgemeine Freiheit zu opfern. Zu diesem Zwecke schließt er sich den Sozialisten au. Eim sehr geniale Persönlichkeit ist der Advokat . Segel, der Bruder Hanne-Liebes. Getauft, weil er frei skin und zu l-oycn Würden gelangen wollte, welche ihm als''Inden unzugänglich waren, erwacht in ihm das Gefühl der Reue, als er von der -Lchmach seiner Schwester hört. Er sicht ei», daß er zuviel für Gold >md Ehre geopfert hat, und er will es dadurch' gut machen, daß er mit aller Kraft dahinarbeitet, seine Schwester davor: zu behüten. 'Ayn 'Schluß des Buches führt uns noch der Schrift» steiler^, Zilien Pogrom vor, so lebenswahr, daß es tms scheint, daß all die Schrecken und grausamen Szenen eines solchen 'Aktes über uits hergchen. In diesem Ansruhr wird auch Segal ermordet, voll guter Vorsätze, andere Bahnen einzuschlagc». Das Buch, tvclcheS von tiefem Empfinden und klarer Beobachtungskunst zeugt, gibt einen richtigen Einblick in die russischen Verhältnisse und sollte solch ein Buch von jedem gelesen werden. Jüdisches Literatur-Blatt. Herausgeber: Rabb. Dr. L. A. Rosenthal, Berlin N 4, Chausseestr. 108. 2. Heft 1913. -Selbstverlag. "Inhalt: Besprechungen — Die hermeneutische Antinomie in der talmudischen Literatur .— Der Mischnahtraktat Orlah, sein Zusammenhang und seine Oluclken (A. Rvscnthasi — Die alte jüd. Theokratie und das soziale Bestreben des modernen Staates zur Errichtung von Wohlsahrtsiiistirutioncn (A. Remvirth) — Der Traktat Roschhaschanah nsw. D a-s° a u t i s ein i t i s ch e H a n p t d o g m a von Edua r.d K'än i g, ord. Professor und Geheimrat in Bonn. 64 -seiten. JL 1,-10, Bonn. A. Marcus u. E. Webers Verlag. Inhalt: .lieber Geschichte »nd Begriff des Antisemitismus — Dke früheren Bewohner Palästinas und die Israeliten — Israeliten und „Juden" — Jilden >md Galiläer — Beleuchtung neuerer Motive des Antisemitismus. Es gibt einen wissenschaftlichen Antisemitismus und dieser ist der gefährlichste; — trotzdem stehh Man hei uns Juden diesem Antisemitismus verständnislos gegenüber. Daß mau in weiteren jüdischen Kreisen als bisher eine 'Ahnung'' von dem Wesen dieses wissenschaftlichen Antisemitismus bekommen» ist unbedingt nötig.'' Königs Broschüre gewährt einen guten llebcrblick über diese. Materiell. Kaiser Friedrich Quelle - Offenbaeh a. M. ■ Gegen Gicht ui Ehemattmana bewShrU Alleiniger General -Vertreter: Friedrich Stahl» Frankfurt &.M., Güntherabnrg-Allee 37. Tel.259u. 714. Wochev-Kalerrder. "" ' " Zeitangaben nach dem Luacb.I Samstag, den 21. Febiuar (= 25 Schwat.l Savdar-Anfang in Frankfurt a M. 5 Uyr 2V Mm. SabvM-AuSgang in Frankfurt a. M. 6 Uhr 40 Min. in Berlin 6 Uhr 10 Mm. “' 'Wochenabschnitt Misch Poti m. — Rechte und Pflichten des Dicnsttzerrn, des Sklaven, der Magd, Vergehen gegen .Person und Eigentum des Nebenmenfchcn, Berank--

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