Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 12 (1914)
- Issue
- Heft 7 (20.2.1914)
- Date
- 1914-02-20
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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BR» Jä. Aus des Ereignisse« des Tages. 3«r Lage fect galizischen Jüdenheit. Das Schicksal der galizischen Judcnheit Wirt» von Jahr zn Fahr nnzünstiger. Trotz der Politischen Gleichberechtigung, trotz der vielen jüdischen Klüfte, die sie in sich birgt, verschlechtert sich sowohl ihre politische wie ihre wirtschaftliche Lage in erschreckendem Grade. Das politische Leben Galiziens wird heute beherrscht von dem Verhältnis zwischen den Mei Nationen, die um die Herrschaft ringen: den.Polen und Ruthe- Jteit. Bis vor einigere Jahren waren die Polen die allmächtigen Herren im Lande. Sowohl die Ruthenen wie die Süden wurden von ihnen rnit der ganzen Rüchichtslosigkeit und Brutalität der pohrischen Schlachzizen unterdrückt, und diejenigen Mischm Oberschuhten, die sich assimiliert hatten, hickten treu zu den polnischen Gewalthabern. In der letzten Zeit jrÄoch begann das ruthenische Element, sich gegen diese VMkürherrschaft der Polen auWbäumen, und es entbrannte ein heftiger Kampf zwischen beiden Nationen. Die Süden, die ja politisch gleichberechtigt sindj, bildeten dawk ihrer numerischer Stärke — sie bilden 11 Prozent der Bevölkerung Galiziens — das Zünglein an der Wage, eine Positioä, die sür sie vorteilhaft und gidchig war. Die Polen waren so gezwungen, in ihrem Antisemitismus sich zu.mäßigen, und Len jüdffchen Forderungen einiges Gehör zu geben, da ein geschloffenes Eintreten der Süden, für die Mrthenen sehr leicht diesen hätte das Ueberge- Mcht geben können. Diese einigermaßen günstige Position droht den galizischen Juden nunmehr verloren zu gcheit; "fett einiger Zeit nämlich sind bereits Apsgleichsverhandlungen zwischen Polen und Ruthenen im Gange, und nachdem die zahlreichen SchwierigDerten, die einem positiven Resultate im Wege standen, beseitigt worden sind, ist jetzt der polnisch-ruthenische Mrsgleich so gut wie sicher. Nun hätte ein solcher Msgleich, der auf der Basis einer gerechten Verteilung der, Landtagsmandate beruhen soll, den galizischen Süden nicht, schaden Muffen, wenn diese Verteilung auch in d'er Tat in gerechter Weise vorgenommen worden wäre und man den Süden entsprechend .ihrer numerischen Stärke die ihnen gebührende Zahl von -Mandaten gegeben hatte. Dies ist aber — wie zn erwarten firmd — nicht geschehen. Nun, da weder die Polen noch die Ruthenen die Juden mehr brauchen, denkt niemand daran, ihnen gegenüber auch nur eine Spur von.Gerechtigkeit zu üben. Die Polen betätigen ihre -antisemitischen Jnsttnkte in der unverhülltesten Weise, und die Ruthenen haben alle Hilfe, die ihnen Oie Juden bisher int Kampfe gegen die polnische ^Gewaltherrschaft geleistet haben, vergessen unb hcmdeln ganz nach dem Satze, daß die PvlitÄ keine Dankbmckeit kenne. So haben sich denn beide Parteien dahin geeinigt, den Juden keme ihnen gebührende Vertretung zu gewähren, . und in der neu zu treffenden Wahllreiseinteilung und .im Wahlmodus werden die raffiniertesten Mittel angewandt, um die Wahl einer Anzahl jüdischer -Abgeordneten -zn verhindern. Dm Städten, in denen die Majorität der Bevölkerung jüdffch ist, werden Bailerngemeinden angeschlossen, um so die jüdischm Wähler zu majorisierm; außerdem wird .in diesen Städten das Proportionalwahlrecht emgxführt, um der jüdischm Majorftät, wo sie sich nicht verhindern läßt, wenigstens einen Dell der Mandate zn nehmen. So kann mau es schon jetzt als festsfehend erachten, daß bei dem polmsch-ruthentschen Mlsglerch die Judm leer ausgehen werden, imd' der schmachvolle Zustand von heute, daß - Ke Südens trotzdem sie 11 Prozent der Bevölkerung bilden, nur 4 Abgeordnete haben, wird sich auch mrch dem Ausgleich nicht ändern. Hand in Handmit dieser Verschlechterung der politischen Position der galizischen JiLenheit geht eine gefährliche Bedrohung. ihrer wirtschaftlichen Lage. Die PolenGaliziens haben vom russischen Mchbar und'Verwandten das Rezept der langsamen wtttschastlichen Erstickung , der Mischen Massen übernommen und verwenden es mit höchstem Raffinement. Heute haben sie cs bereits so weit gebracht, daß die Landjuden in Galizim. wirtschaftlich so gut Wie jeglicher Position und WbensbMngung beraubt sind, und nunmehr setzt ihre wirtschaftliche > Aushungerungspolitik auch Segen die gÄWcheu StMjichen ein. Und hierbei Frankfurter Jsraelittsches FamilieiMatt. .bedimen sie sich des Mittels der Polen in Rußland: des wirtschästlichen Boykotts. Im ganzen Lande werden Vereine begründet, die beit Boykott gegen die jüdischen Geschäfte durchführen sollen, und all dies geschieht. unter der wohlwollenden Patronage, des polnischen Statthalters. Und sieht man sich in dieser traurigen Lage nach Helfern um, nach iinieren Kräften, die sie. bessern könnten, so erblickt man keine. Die assimilatorischen Kreise der galizischen Jüdenheit haben für Mische Interessen nichts übrig und vcrraten die Mischen Massen an die polnischen Machthaber. Und dje nationale Partei, ist noch zu wenig fest organisiert, zu ungenügend ausgebaut, als daß sie diesen brutalen Angriffen von außen her für die Dauer erfolgreichen Widerstand entgegcnzusetzen vernichte. So stellen sich die Z nkunftsperspektiven der galizischen Jüdenheit in recht ungünstigem Lichte dar. Bon allen Seiten her Feinde und Hetzer, die brutalste politische Entrechtung und die rücksichtslosesten Angriffe -gegen ihre wirtschaftliche Lage, und nirgends Helfer und rettende Kräfte. Vielleicht, daß die großen _ drohenden Gefahren, in dmen. die galizischen Juden schweben, viele aus ihrer Lethargie aufrütteln und die Bedingungen schaffm für eine starke undmächtige Entwikllung der nationalen Partei. Denn diese Lehre darf die galizische Jüdenheit, heute aus der Entwilllung der letzten Jahre ziehen: Unter den politischcn Parteim und Faktoren des Landes darf sie feine Freunde suchen, von ihnen hat sie nichts zu erhoffen. Helfen kann sie nur sich selbst. Von ihrer inneren Kraft hängt es ab, - ob ihr Schicksal für die Zukunft noch trostloser weiden oder sich ein wmig-bessern und aufhellen.wird. Erklärung zum Mische« Parteikampf: Die Verbitterung im jüdischen' Parteikampf hat eine Höhe erreicht, die als gefahrdrohend bezeichnet werden muß, der Kampf wird in einer Form geführt, die ein gemeinsames Arbeiten auch auf denjmigm Gebieten erschwert, wv Einhelligfeit möglich ist. Die allgemeine Oeffentlichkeit — nicht die jüdische bloß, —' sieht mit Beftemdung diese gegenseitige Zerfleischung. Eine Minorität, die von allen Sefien von Feinden umgeben ist, ist nicht in der Lage, sich, eine derartige Bekämpfung zu leisten. Ein Wort der Mahnung ist darum geboten. Diese Mahnung wird im gegenwärtigen Augenblick nicht die WirÄurg haben fömten, daß Friede und Versöhnung auf den heiß umstrittensten Punkten des jüdischen Parteikampfes urplötzlich sich einstellt, ocker eines wird und darf sie vielleicht erzielen: daß der Kampf in ruhigerer, mehr unpersönlicher Form geführt wird, daß für gewisse Streitpunkte der Pressekampf eine Zeit lang eingestellt wird, ohne daß .die Gegner ihre fachlichen Positionen aufUlgeben brauchen. Dieses Wort des Friedens möge bei allen bienen Gehör finden, die es angeht. Es ertönt aus dem Rahmen des Ordens, der als einzige .jüdische Organisation die verschiedensten Parteiungen und Richtungen im Judentum auf eine gemeinsame Basis zu einigen.verstanden hat, es kommt aus derjenigen Organisation, die durch drei Jahrzehnte hindurch eine wahre Friedensorganisation gewesen ist. Der geschäftsführende Ausschuß der Großloge für Deutschland VIII. U. O. B. B. (gez^, Tiemendorfer. Zu dev badische« Syuodalwahleu. Aus dem Taubergrund, 16. Februar. Auf Anregung von liberaler Seite fand gestern in Eubigheim eine sehr gut besuchte Versammlung statt, um den Kandidaten für die bevorstehenden Synodalwahlen aufzustellen. Die Herren Liberalen dachten wohl, daß sie wieder einmal den Versuch machen könnten, einen von ihrer 'Seite in die Synode zu schicken. Die konservativen Elemente Waren vollkommen damit einverstmrden, der Einladung der Liberalen Folge zn leisten, und sie erschienen daher in stattlicher Anzahl. Nachdem einer der Führer der Liberalen eine einstündige SK. 7 9tt Rede gehalten hatte, platzten die Geister ba^ heftig aufeinander, und es könnte kein Zwei»^, alle mehr darüber herrschen, daß in. unserem Wahlrhiclteu, kreis ein - liberaler Kandidat vollkommen auSgAÜtobristi schlossen ist. Die meisten Vertreter der GeineiniE°^"" setzten sich für die Kandidatur des bisherigen SynRj^ oftoi dalabgeordneten, Herrn Dr. Simon in H eide»obristen berg, mit Energie ein, sodaß bei den Besuchel»E der der Versammlung kein Zweifel darüber besfei,U^!^H daß er bei uns wieder gewählt werden wirM^tei c Als die Herren Liberalen sahen, daß sie mit eiiicMö recht« Kandidaten von ihrer Seite nicht dnrchdringcn koni»" »erbt teu, versuchten sie es mit Wählmanövern unV'"""^ * Gal Big nannten Namen von rnchtlrbcraler Leite. Kui»a > Nachdem in unserem benachbarten WahlbEcr »na zirk Sinsheim-Mosbach ein extremer Liberal»^ seine Kandidatur aufgestellt hat — wie dies auiHuc Pol anderwärts im Lande der Fall sein soll brauchen wir in der Synode auch unsererseit- Männer, die nicht nur mitstimmen, sondern an als Redner austreten und unsere Interessen veri leidigen können. Wir werden .deshalb an der Kandidatur des Herrn Dr. Simon unbedingt festhalteu, und .wenn es nötig sein soll, werden wieder wie im Zähre 1908 kämpfen und liege! Wir. sind aber überzeugt, daß niemand im BD^ zirk die Verantwortung auf sich nehmen irrirbf durch Aufstellung einer anderen Kandidatur Mitglieder unserer Gemeinden gegeneinander ii einen ganz aussichtslosen und deshalb zwecklose! Kampf zu Hetzen. Wir hoffen vielmehr, daß, jui mit unserem Kandidaten Herrn .Dr. Simon iil Ber Heidelberg wie im vorigen Wahlgange 1911 u t f auch diesmal, wieder auf ruhigem und fiiedlicheM^^ Wege durchdringen werden. »chaft ^erusale InctenTjat Brief aus Rußland. §™&«gc§ liefet die Lage der russischen Juden läfit sich scltci« e r u f etwas Neues berichten. Hier Masseiiansweisungen, ein zweijähriges Kind ausgewiese», dort den jüdischciL-^j^^n Lehrernder Unterricht verboten . . . Es bleibt imineU,,,^ £ dasselbe,. und den gröftten Dank dafür tocrden der gierung wohl die geuillctonisten und Karrikaturistri«^^ zollen. I Es Ja, all dies wäre lächerlich und komisch, wenn cGu e k ä n nicht so tragisch wäre. Jede neue Beschränkung verseh»?,^„ Tausenden von Menschen einen neuen.Schlag. NehmciR-^-s^ „ wir ein Beispiel: Eines der Gebiete, die sür die JudkiUm.e"^. offen waren, war die Advokatur. Da küm nach den Re» volutionsjahren der Justkzminister Schteglowitow unU^,,o^js machte der Aufnqhme der Inden in die Mrporatiou beiU, - - ^' Rechtsanwälte ein Ende. Seitdem durften die Juden mil® h fhfl Rechtsanwaltsgeihilsen sein. Im Jahre 1911 wurde aud,mß dies verboten. Da' blieb den jüdischen Juristen noc» die Praxis im Handelsgericht. — Und jetzt ist and. / . diese verboten. ' Der Boykott in Polen dauert ebenfalls fort, ireud,,, man auch schon Stimmen des Protestes gegen ihn mül“ j", dem polnischen Lager vernimmt. Uebrigens hatten diiV Polen die Möglichkeit, eine Lehre ans ihrer Politik zu». ziehen. Seinerzeit hatten die Polen mit der rnssischkvM'^ -Uc Regierung einen Vertrag geschkossen, als die Rede öomIJolan3£ Projekt der polnischen Selbstverwaltung ging. Sie wünschMi"t- - ten nämlich die Beschränkung der Inden in derselbenW^ Die russische Regierung tat dies mit dem größten Ver>W^Eoi gnügen, und zum Lohn, für den Antisemitismus w sie den Polen das Recht, die Verhandlungen - in Selbstverwaltung in polnischer Sprache zu führen. der. Duma ging alles glatt durch, aber der ReichsratMb°"det lehnte die polnische Sprache trotz des' energischen Aus-M^ tretens des Ministerpräsidenten Kokowzow ab. Die wollen nun die Selbstverwaltung nicht haben, denn ditU"wr m russische Sprache ist für sie unannehmbar. Und früherK^ünahi oder später werden sie zu dem Schluß, kommen müsseiiW'-""" ä' daß sie nur von einem Bund mit den progressiven rnssi-Wi"" scheu Schichten, nicht aber von einenr Handel mit bct|“ic ■6C1 Regierung und ber Knechtung der Juden etwas warten köniien. - Die russische öffentliche Meinung drückt bel jedeiW?^"3 Gelegenheit ihren Protest gegen die RegÄrungsPolitiV^hung aus. Sie tat es bei der -Feier des' Süjährigvn Jubiläum-U^ue^ E des Semstwo (der russischen Selbstverwaltlmgj, sie zeigt»... sich in Massenstreiben. Ein Kongreß.' der VolksschullehrcrW.'v^'W. an dem 7000 Menschen teilnahmen, verlangte einstim-«"^ ~ mig die jüdische Gleichberechtigung. Wieder schreien dttMs^nde reaktionären Blätter von einer drohenden Revolution, wieder verlangcu sie ihre rechtzeitige Unterdrückung. L. Die negative Stellung zur Regierungspolitik madjff!6 “tc sich auch in der Duma bemerkbar. So -wurden die (Sr'Rlc kkäruilgen der Regierung Wer die Repressalien her drnW" Wahlen in die vierte Duma für unbefriedigend erklärt«" * ii Ber der Behandlung eines kleinen Projektes des Justiz-«"?' ministerimns veranstaltete die Opposition eine Demo»-«"" stration gegen die Inszenierung des Beilis-Prozesses.»-, Eines der interessantesten Ereignisse des russischc»«"^ Lelens ist die Auflösimg der Okiobristciipartei. Die:■£!> vollend tobristen waren bekanntlich ihrem Programme nach eincl dem bl, gemäßigt liberale Partei, die z. B. die Glcichberech-«^" tigung der Juden ansgenommen hatte. Aber in der drit-I ^7“ ten Duma, wo sie die größte Partei bildete, unterstützte«-^ J sie fortwährend die Regierring. Diese Wendung 'erkläri«^ .' sich dadrirch, daß die Oktobristen damals den Kanipl«^.^>'